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 Joachim Fuchsberger: "Wenn man dann der Leidtragende dieser Situation wird, wo alles entstellt und aufgebauscht wird..."

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BeitragThema: Joachim Fuchsberger: "Wenn man dann der Leidtragende dieser Situation wird, wo alles entstellt und aufgebauscht wird..."   Do 18 Sep 2014 - 14:27

18.09.2014

Was bei der Berichterstattung über den Tod von Joachim Fuchsberger vergessen wurde
"Wenn man dann der Leidtragende dieser Situation wird, wo alles entstellt und aufgebauscht wird..."

In der vergangenen Woche starb Joachim "Blacky" Fuchsberger im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Grünwald bei München. In den Nachrufen wurde vor allem der großartige Moderator und Entertainer gewürdigt. Kaum zu lesen oder zu hören war, dass Fuchsberger vor allem in seinen letzten Jahren mit immer schärferen Worten zu einem Kritiker der Medien geworden war. Und dass er ganz am Anfang seiner Karriere sogar ein einst relevantes Boulevardmedium miterfunden hat - die Münchner Abendzeitung.

Stefan Niggemeier schrieb in der FAZ-Sonntagszeitung  vom 14.9.2014 über "Blacky": "Fuchsberger beherrschte zwar all die Höflichkeitsgesten und -rituale. Aber gleichzeitig war er auf eine Art ungehobelt, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Er war nicht perfekt und nicht glatt, und das war auch gut so. Es machte ihn nahbar und greifbar und echt." Diese Zeilen sind eine wunderbare Vorrede zu folgendem Text.

Das Interview wurde 2008 von Michael Grill und Lotte Holetz mit Joachim "Blacky" Fuchsberger im Grünwalder Forsthaus Wörnbrunn geführt und erschien im selben Jahr in gekürzter Fassung in der Jubiläums-Beilage "60 Jahre Abendzeitung".  Hier ist erstmals die vollständige Fassung zu lesen.



Herr Fuchsberger, nicht viele wissen, dass Sie ja quasi auch einer der Erfinder der Abendzeitung…

Da kommt immer gleich ein großer Einspruch von meiner Frau, die hebt jetzt schon wieder den Zeigefinger! Nicht der Erfinder, aber…

Jedenfalls reagiert auch heute noch jeder, der davon hört, mit der Frage: Der Blacky und die AZ, wie kommt denn das?


Also: Deutsche Presseausstellung 1948 in München, auf der Theresienhöhe. Der Generaldirektor, dessen Assistent ich war, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, junge Leute im Betrieb zu fragen, ob sie noch irgendeine Idee hätten, die man noch bei einer Ausstellung verwerten könnte. Und ich habe damals gesagt, ja, ich habe eine Idee: Wir machen eine Presseausstellung, die zwar gewaltig ist, aber wir zeigen bislang nicht, wie eine Zeitung gemacht wird. Er fragte: „Ja wieso denn?“ Und ich sagte, da ich ja vom Vater her belastet bin, der war Vertreter für Linotype-Setzmaschinen: „Wir zeigen weder eine Rotation, noch eine Setzmaschine, noch den redaktionellen Ablauf – und nennen uns Deutsche Presseausstellung.“ Da meinte er: „Das ist eine gute Idee, machen sie was.“ Ich habe dann meinen Vater angerufen, der sagte: „Das ist eine gute Idee, ich kenne da jemanden in der Nähe von Augsburg. Bei dem liegt eine Rotation für 38 Seiten brach. Die könnte man unter Umständen modernisieren, aufbereiten  - ich nehme mal Kontakt auf." Er rief dort an, die Maschine stand zur Verfügung, also wurde beschlossen, dass diese 38-seitige Rotation nach München geholt wird. Und dort wurde sie unter der Anleitung  meines Vater und eines Freundes von ihm entrostet, wieder aufgebaut und betriebsfähig gemacht.

Sie hatten ja selbst auch Erfahrung mit Druckmaschinen…


Ja, während ich mit meinem Vater zusammengearbeitet habe, hatten wir einen Modernisierungs- und Wiederaufbereitungsbetrieb für Linotype-Setzmaschinen. Wir haben also  zerbombte Maschinen im Ruhrgebiet aufgekauft bei den Druckereien, haben sie nach Düsseldorf geholt und dort aufbereitet und modernisiert.  Und dann haben wir sie verkauft. Bis ich eines Tages auf die glückliche-unglückliche Idee kam, eine dieser Maschinen meinem Vater - quasi - in nächtlicher Arbeit zu entwenden, damit ins Ruhrgebiet zu fahren und sie dort auf dem Schwarzmarkt zu verkloppen… Und zwar nicht gegen, wie mein Vater befohlen hatte, nix mehr wert seiende Deutschmark, sondern gegen Naturalien. Und ich kam nach Hause mit einem Lastwagen voller Kartoffeln und Koks, einer halben Sau und tausenden von Zigaretten. Mein Vater hat sich begeistert am Konsum dieser Ware beteiligt, hat mich aber aufgefordert, den väterlichen Betrieb zu verlassen, denn mit einem Schwarzhändler wollte er nix zu tun haben.

Die Geschichte mit der Augsburger Maschine, war das schon 1947?

Nein, das war gar nicht so weit vor der Ausstellung. Sie war schon im Bau, und auf der Theresienhöhe hatten wir eine Halle mit einer bemerkenswert genau passenden Versenkung im Hallenboden für die große Druckmaschine. Da hab ich gesagt: „Da passt die genau rein.“ Dann wurde sie geholt und aufgebaut, und dann im Laufe der Ausstellung wurde sie in Betrieb genommen. So entstand die Frage: Jetzt haben wir die Rotationsmaschine, was drucken wir denn jetzt? Was kommt denn auf die Walzen drauf? Also wurde auch eine alte Linotype-Setzmaschine angeschafft, ich glaube es war ein sogenannter Doppeldecker, auch wieder über meinen Vater. So dass wir da auf einer Zwei-Magazin-Setzmaschine setzen konnten. Und die Leute sahen, wie die Matrizen fallen, wie das mit Blei ausgegossen wird, etcetera. Und dann haben wir natürlich gesagt: Jetzt brauchen wir natürlich noch Papier – und überhaupt eine Zeitung! Und so wurde gegründet die „Ausstellungszeitung“. Und die grafische Abteilung, der meine damalige Braut, Antje Carstens, als Schriftzeichnerin angehörte, wurde beauftragt einen Schriftzug für die Ausstellungszeitung zu entwerfen. Dann wurde die Sache ein Rie-sen-er-folg! Die Leute standen in Scharen um die Maschine herum, holten sich diese Zeitung und nahmen sie mit; es war eine Gratiszeitung. Und die Menschen waren begeistert.

War es die Maschine, die begeisterte, oder das, was gedruckt wurde?

Zunächst einmal war es die Faszination der Technik. Auch die meisten Menschen, die damals schon eine Zeitung gelesen haben, hatten ja keine Ahnung was eine Rotationsmaschine ist: Die Maschine, in der die Walzen rotieren, um die Farbe aufzutragen und das Papier zu bedrucken.

Und dann kam Werner Friedmann und sah dieses Wunder?


Ja, er musste wohl davon gehört haben, dass da eine Zeitung gemacht wird.

Wer hat die ersten Texte geschrieben?

Die Ausstellungsgesellschaft, wir alle.

Dann sind sie ja sozusagen auch AZ-Autor.

Natürlich, ja klar. Es gehörte ja damals zu meinen Aufgaben, eine Art Ausstellungsrundfunk zu betreiben, das war auch ein Vorschlag von mir, den mein Chef unterstützte. Am Anfang habe ich mit meinen Rundfunk, bei dem ich in einer Zelle mit Mikro auf dem Messegelände saß, nur verlorene Kinder gesucht oder Veranstaltungen in den Hallen angekündigt. Aber dann weitete sich das aus zu regelrechten Vorträgen über die ausgestellten Erzeugnisse. Und später bei der Bauausstellung in Nürnberg 1949 kam der Bayerische Rundfunk zu einem Interview. Mein Chef, der Generaldirektor, hatte keine Zeit und bat mich, den Reporter zu empfangen und ihm alles zu zeigen. Daraus wurde dann die Einladung für mich zum Probesprechen beim BR. Ich verließ dann die Arbeitsgemeinschaft für Ausstellungen und nahm das Engagement an. Mein Chef war wütend und zürnte: „Sie werden schon sehen wo Sie landen.“ Nun ja.

Und wie kam nun Werner Friedmann zu der Zeitung?

Der war einfach an der Ausstellung interessiert. Ich hörte später, dass er ein Gespräch mit unserem Boss gesucht hat, Professor Könnicke, und dem erklärte, dass ihn der Gedanke dieser Ausstellungszeitung inspiriert hat. Er hatte wohl schon eine Lizenz für eine Zeitung und schlug dann vor, dass man dieses Blatt doch weitermachen könnte. Dass man am Ende der Ausstellung, das war sein Vorschlag, der dann auch akzeptiert wurde, die Ausstellungszeitung übernehmen und nahtlos in eine Abendzeitung überführen könnte. Denn es deckt sich ja auch mit dem ersten Erscheinungstag der Abendzeitung im Juni 1948. Denn die Münchner Presseausstellung war die letzte, die erste war in Düsseldorf, die zweite in Hannover, die dritte in München. Und ich weiß von meinem Chef, der mir das erzählte, dass da die Idee bei Werner Friedmann schon im Kopf gewesen sein musste. Er hat meinem Chef wohl auch schon die Idee einer Journalistenschule vorgetragen, die kam aber später.

Wie hat Friedmann dann die weiteren technischen Schritte realisiert?

Das weiß ich nicht, das ging mich dann nichts mehr an. Aber ich weiß, und darauf bin ich schon sehr stolz, dass die Idee zur Ausstellungszeitung eigentlich die Idee zur Abendzeitung war. Auch der Schriftzug wurde direkt übernommen, er stammte von einem Herrn Schulz, Heinz oder so, und von meiner Braut, die übrigens die Nichte der Schauspielerin Lina Carstens war.

Urheberrechtsfragen waren damals ja noch unbekannt?

Nein, sowas gab’s noch überhaupt gar nicht.

Herr Fuchsberger, auch wenn Sie Zeit in Australien verbracht haben, ist  München und Grünwald doch Ihre Heimat geworden. War die AZ in dieser Heimat für Sie so etwas wie ein ständiger Begleiter?

Es gibt ja den Begriff der Hassliebe. Eine Zeitlang war die AZ meine Lektüre für bestimmte Dinge. Ich bin ja eigentlich kein großer Zeitungsleser, ich bin Rundfunkmann, habe wahnsinnig viel Radio gehört, Tag und Nacht. Bis dann das Fernsehen kam, und seitdem weiß man ja, welchem Medium ich angehöre (lacht). Ich habe nie eine Zeitung abonniert. Oder doch – eine Zeitlang mal den Spiegel… Und dann waren wir ja auch immer sehr oft weg,  seit 1982 vor allem in Australien. Aber ich habe immer den Kontakt gehalten, vor allem über das Internet. Ich lese seit 25 Jahren in Australien die Abendzeitung, Focus, Spiegel – alles übers Internet.

Wenn Sie von Hassliebe sprechen, bedeutet das, dass die Berichterstattung über Sie mal so und mal so gewesen ist?


Ja, doch, aber das beruhte ja auch auf Gegenseitigkeit. Ich hatte eine Weile lang das Gefühl, dass ich Persona non grata bin bei der AZ, weil ich in vielen Bereichen falsch zitiert oder gar nicht erwähnt wurde.

Was war der Auslöser?

Das weiß ich nicht, das weiß man ja nie. Es gibt ja keinen Herrn oder  Frau Abendzeitung. Oft heißt es, wenn man sich mal beschwert, ja das war ich nicht, das war die Redaktion.

Sie haben sich ja auch teilweise sehr kritisch über die Entwicklung der Medien generell geäußert, auch in Bezug auf TV und Film.

Ja! Und meine Kritik nimmt zu.

Keine späte Versöhnung mit den Medien?

Nein, nein. Was Sie vorhin geschildert haben, diese Verunsicherung auf vielen Gebieten, über die Frage, wie man heute eine  Zeitung macht, führt dazu, dass alle Wege und alle Mittel recht sind. Auch solche, die den Zweck nicht heiligen. Und wenn man da dann automatisch hier und da der Leidtragende dieser Situation wird, wo alles entstellt und aufgebauscht wird… Also ich kann mich kaum noch erinnern, dass ich irgendwann mal ein Interview gegeben hätte, dass nicht in irgendeiner Form – sagen wir mal – verändert wurde. Aber ich habe es längst aufgegeben, den einzelnen Journalisten dafür zur Rede zu stellen, weil ich weiß, dass das meiste gar nicht von denen kommt. Dann heißt es wieder: Das war die Redaktion. Es gibt natürlich auch Missverständnisse: Manchmal drückt man sich unverständlich aus oder man verleitet den Interviewpartner etwas zu implizieren, was man gar nicht gemeint hat. Natürlich kann man das missverstehen, wenn ich sage: Den Tod meiner Frau würde ich vermutlich nicht überleben. Und nimmt man den Konjunktiv weg und legt mir in den Mund: Den Tod meiner Frau überlebe ich nicht.

Aber wo ist denn da die Richtschnur? Sie als Rundfunkmann wissen doch nur zu gut, dass man ohne Zuspitzung und Verknappung meist gar nicht auskommt als Journalist.


Das Problem beginnt dort, wenn ich merke, dass eine bestimmte Absicht verfolgt wird. Etwa wenn man einen eigentlich normalen oder unbedeutenden Vorgang künstlich aufpumpen will. Blow up! Du hast ein normales Bild und dann machst du ein Blow up davon und schon hast du ein Monument. Und mit Worten kann man genau das gleiche tun. Du hast einen ganz normalen Vorgang von einem Gespräch, das weiß Gott nicht weltbewegend ist, aber pick dir verschiedene Sachen raus – und schon hast du eine Sensation! Auch im Fernsehen kann man das machen. Ich erinnere an das, was mir bei „Kerner“ passiert ist, auf ein völlig normales Gespräch über Doping – das war das Thema der Sendung – kam von Moderator Kerner an mich die Frage, ob ich denn für die Freigabe von Doping wäre. Ich habe ja gesagt – und dann ging‘s los. Dabei war der Vorgang verkürzt, wir hatten gerade die gewaltige Gefahr des Dopings besprochen, und nur deshalb hatte ich ja gesagt. Und alle fielen über mich her…

Heißt das, dass der Boulevardjournalismus, der ja immer zuspitzen muss, unbedingt ein moralisches Fundament braucht, um nicht in diese Falle der bösen Absicht hineinzulaufen?

Mit Moral und Ethik habe ich’s nicht so, wenn wir über diese Berufe sprechen. Wissen Sie, das ist wie beim Kochen, es gibt Ingredienzien, die passen zu einem Gericht, und andere gehören einfach nicht hinein. Moral und Ethik im Bereich des Boulevard-Journalismus sind eine wahnsinnig schwierige Sache. Aber das gilt auch für die sogenannte seriöse Seite, SZ oder FAZ. Wenn du 60 Jahre in diesem Beruf bist, dann traust du am Ende keinem mehr. Niemandem mehr! Vor allem nicht den schönen Worten, den Versicherungen, „jetzt machen wir da was Schönes draus“. Nein, also Moral und Ethik, da kommt man nicht weiter. Ich sehe noch am ehesten ein, die ökonomischen Zwänge. Eine Zeitung muss Geld verdienen. Und deshalb muss sie um jeden Preis beim Publikum ankommen. Ich glaube aber, dass wir hier an einem Wendepunkt angekommen sind. Die Menschen glauben den Medien und den Politikern fast gar nichts mehr. Das ist sehr gefährlich. Sie wenden sich ab. Die Medien stehen unter einem riesigen Druck, und jeder will dem andern was wegnehmen. Das führt natürlich zu solchen Auswüchsen. Das führt auch dazu, dass teilweise völlig unqualifizierte Menschen sich Journalisten schimpfen. Was da bei mir manchmal ankommt, das ist erschreckend. Da kommen Leute und beginnen das Interview mit der Frage: "Wann haben Sie Ihren ersten Film gemacht?" Da ist das Interview für mich bereits beendet.

Spielen Sie nicht auch damit? Sie wissen doch nur zu gut, mit welchen Aussagen Sie die Öffentlichkeit reizen können.


Ja natürlich. Deswegen freue ich mich ja so über mein hohes Alter. Wir Alten sind gefährlich, denn wir haben keine Angst mehr vor der Zukunft. Wir können sagen was wir wollen. Wer will uns denn bestrafen? Aber ich will nie etwas provozieren. Ich nehme kein Blatt mehr vor den Mund, ich sage was ich denke. Ich beginne gerade mit einem Buch, wo es auch darum gehen wird.

Erinnern Sie sich an den ersten Text, der in der AZ über Sie erschien?

Ich denke, das war bei Regina Karo-Dame 1950. Da wurde ich ja über Nacht erster Nachrichtensprecher.  Oder bei meinem Film 08/15 von 1954. Der legendäre AZ-Reporter Hannes Obermeier war übrigens ein guter Freund von uns, und der hat auch in dem Film mitgespielt. Das kam so: Er sagte, er wolle mitspielen, dann würde er eine große Geschichte drüber schreiben. Und seine Bedingung war, dass er in seiner Rolle einmal "Arschloch" und einmal "Scheiße" sagt. Und das haben wir ihm dann reingeschrieben in die Rolle.

Sie haben von der Rotationsmaschine von 1948 erzählt, und dass sie heute viel im Internet surfen. Was wäre denn heute ihr Vorschlag, wie man ein neues Medium in die Welt bringen müsste?

Da müsste ich ja erstmal den Markt studieren und tief in die Materie einsteigen. Ich weiß ja nicht, was heute notwendig ist. Dem Fernsehen könnte ich ziemlich deutlich sagen, was sie machen sollten.

Wenn Sie einfach bei Null wieder anfangen müssten!

Es gibt heute keinen Nullpunkt mehr. Damals waren wir an einem Nullpunkt. Heute haben wir das genaue Gegenteil: eine totale Übersättigung. Und wir haben von allem zu viel, damals war es von allem zu wenig. Das ist das große Problem. Und was wir damals vor 50 oder 60 Jahren begonnen haben, entsprang der damaligen Situation – damit kann man heute keinem weiterhelfen. Und man sollte bloß nicht zu diesen beknackten Alten gehören, die sagen: Bei uns war alles besser. Ich lasse mich nur dazu hinreißen zu sagen: Bei uns war alles anders.

Alles ändert sich…


Wir sehen es vor allem auch an unserem Sohn, der wird jetzt 51. Der Wandel, den der durchgemacht hat im Laufe seines Lebens, ist gigantisch. Auch die Menschen haben sich völlig verändert. Und wenn ich mir ansehe, wie hilflos die Welt noch immer mit Unterdrückung und Ungerechtigkeit umgeht, bin ich oft ganz froh, dass ich mit vielen Diskussionen darüber nichts mehr zu tun haben muss in meinem Alter.

Vielleicht rührt Ihre ja immer noch ungebrochene Popularität auch daher, dass Sie so reden wie Sie reden…

Ich verstehe es einfach nicht, wenn die ganze Welt nur fassungslos zuschaut bei Katastrophen wie etwa vor kurzem bei der in Birma. Leider sind die Menschen bis obenhin überladen mit Reizen und Infos, so dass sie oft gar nicht mehr reagieren, sondern nur noch abstumpfen.  Die Menschen sind einfach nicht unbegrenzt belastbar, auch durch Nachrichten. Das beginnt ja schon bei uns: Wenn meine Frau mich zweimal rügt in der Stunde, nehme ich das noch mit, wenn sie’s aber zehnmal tut, werd i narrisch! (lacht)

Wie würden Sie heute so eine Ausstellungzeitung wie damals machen? Wie würden Sie die Menschen erreichen wollen?

Es geht nur über Kommunikation mit den Rezipienten. Nicht in der Redaktion sitzen und sich fragen: Was können wir denn tun, um die Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss fragen, was die Menschen wirklich wollen. Ich glaube, dass die Menschen das sehr viel präziser wissen als man ihnen das gemeinhin zugesteht. Ich frage oft die heutigen TV-Produzenten: Woher nehmt ihr eigentlich den Mut zu behaupten, dass das Publikum wirklich den Scheiß will, den ihr produziert? Aber wie auch immer: Auf jeden Fall muss man kommunizieren mit dem Publikum. Aber nicht nur mit Leserbriefen!

Manchmal weiß das Publikum aber auch gar nicht, was es will. Letztlich geht es immer um Ehrlichkeit, Authentizität, Glaubwürdigkeit.

Das ist richtig. Ich denke, dass mein Publikum das auch an mir schätzt, dass ich glaubwürdig sein möchte und danach handle. Bei mir gibt es ja nicht einmal Skandale im Privatleben. Wie langweilig! Da werde ich dann gerne mal in Interviews gefragt: Ja, ist denn bei Ihnen nicht mal was ganz Furchtbares passiert, da muss doch was danebengegangen sein?! Gut, ich weiß, dass ich eine Zeitlang übersensibel auf dieses ganze Thema reagiert habe. Ich wurde ja oft gefragt, warum ich denn ausgewandert wäre – auch so eine Unterstellung: Auswandern! Ich habe jetzt 25 Jahre Australien hinter mir, aber ich habe in den 25 Jahren immer meine Steuern hier gezahlt und auch hier gewohnt. Bis vor zwei Jahren hatte ich nur den deutschen Pass, jetzt hab ich auch einen australischen.  Jedenfalls habe ich eine Zeitlang so reagiert, dass ich gesagt habe, in diesem Land kann ich keine Unterhaltung mehr machen. Etwa als ich die die Idee hatte, mit meinen Gewinnern aus einer TV-Show eine besonders schöne Reise zu machen. Dann kam dazu eine Einladung von Alfred Hitchcock nach L.A., und das haben wir dann gemacht. Sofort wurde ich angefeindet: Was kassiert er dabei, was bekommt er da? Das war damals die Bunte. Da bin ich narrisch geworden. Oder was man mir sonst alles an verbalen Entgleisungen unterstellt hat. Irgendwann habe ich gesagt: Ihr könnt mich doch alle mal…

Sehen Sie heute noch etwas gern im Fernsehen?

Bei den Unterhaltungssendungen sehe ich sehr gern „Genial daneben“. Ansonsten sehe ich eigentlich nur noch Dokumentarfilme. Und natürlich Nachrichten und Sport.

Was wäre Blacky Fuchsbergers Schlagzeile zum AZ-Jubiläum?


Gute Ware hält sich… Gute Zeitung hält sich. Mich gibt’s immer noch. Alte Liebe rostet nicht.

Und über welche Schlagzeile würden Sie sich selbst besonders freuen?

Mei. Der Friede ist ausgebrochen... Oder, dafür würde ich wirklich weit gehen: Es gibt endlich Mittel gegen Krebs und Diabetes. Also mich beschäftigt ja momentan vor allem das Thema Alter und Toleranz.

Sie habe ja mal gesagt, man würde im Alter intoleranter.

Ja, das sage ich immer noch. Aber auf der anderen Seite sage ich, man darf Toleranz nicht verwechseln mit Gleichgültigkeit und Wurstigkeit.  Es kommt vor, dass jemand zu mir sagt: So tolerant sind Sie! Und ich antworte: Nein, es ist mir Wurst. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Peter Gauweiler hat mal über die Bayern gesagt: Tolerant sind wir schon, aber ned bläd.


Das ist ein schönes Zitat. Aber zurück zur Schlagzeile...? Es gibt sehr viele Dinge, für die ich mich einfach nicht mehr interessiere. Eigentlich gilt das sogar für die Politik. Bis dann wieder etwas kommt wie neulich, wo ich mich dann vergesse, wie neulich bei Maischberger. Da wurde ein Video zugespielt von einem leitenden Redakteur der Zeit: „Die alten Leute sind selbst schuld, wenn sie zusammengeschlagen werden, sie sollen halt aufhören, die jungen Leute ständig zu bevormunden.“ Da habe ich gesagt: Der Mann ist ein Arschloch. Hans-Jochen Vogel drehte sich entrüstet weg, Maischberger fing an zu lachen. Oder als da vor einiger Zeit so ein politischer Versager forderte, alte Menschen sollten keinen Anspruch mehr auf aufwändige Hüftoperationen haben. Dem Mann würde ich auch gerne mal den Hals umdrehen. Diese ganzen Politiker, die ihre Diäten um zehn Prozent erhöhen und dann sagen: Die Alten bekommen nichts mehr. Was mich heute noch in Rage bringt, ist Ungerechtigkeit. Und – ich sage, es wie‘s ist - Dummheit. In vielen politischen Reden herrscht soviel unbeschreibliche Dummheit, dass man an Gottes Gnade und Barmherzigkeit verzweifeln möchte. Ich glaube übrigens auch, dass ein guter Teil meines Erfolges darauf zurückgeht, dass ich mich nicht geniere, dass ich ein Romantiker bin. Alte Liebe rostet nicht! Also, die AZ gehört für mich schon zu meinem Leben. Die Frage wäre natürlich, wo das Leben beginnt… Die AZ ist jedenfalls eine ganz alte Liebe.

Artikel vom 16.09.14
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