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 Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)

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Lilly

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BeitragThema: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:04


Wie einige von euch wissen, übersetze ich – mit Unterstützung durch biba und maja5809 - den Blog Dancing With The Elephant. In diesem Blog setzen sich die Literaturdozentin Dr. Willa Stillwater und die Vorsitzende des Michael Jackson Fan Club (MJFC) Joie Collins auf intelligente, unterhaltsame und liebevolle Weise mit Michael Jackson, seiner Kunst und dem durch ihn hervorgerufenen sozialen Wandel auseinander - ab und zu auch mit Gästen wie zum Beispiel Joe Vogel, Charles Thomson oder der Musikwissenschaftlerin Lisha McDuff. Der Blog erscheint seit August 2011, seit kurzem im 2-Wochen-Rhythmus.


Ich werde nach und nach die bisher erschienenen Beiträge hier einstellen. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, auch für diejenigen, die es schon gelesen haben, es einfach nochmal zu lesen. Manchmal entdeckt man wieder etwas Neues, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist …

Titel der Blogposts:


Warum mit dem Elefanten tanzen?11.08.2011
Gedanken zu My Baby14.08.2011
Willkommen im Heartbreak Hotel20.08.2011
Eine Berührung, ein Kuss, ein Liebesflüstern27.08.2011
War Michael Jackson schwarz genug?01.09.2011
Ich habe nicht mein Leben als "Farbe" zu verbringen08.09.2011
Ein weiterer Blick auf One More Chance15.09.2011
Ehrfurcht und Staunen: Michael und Zirkus22.09.2011
Chat mit Joe Vogel über Earth Song29.09.2011
Der Monat, in dem Invincible gefeiert wird, Teil I, Unbreakable
(Übersetzung von maja5809)06.10.2011
Celebrating Invincible, Teil II13.10.2011
Celebrating Invincible, Teil III, Diese erstaunliche Stimme20.10.2011
Celebrating Invincible, Teil iV, Threatened27.10.2011
Ich werde genau das sein, was du sehen willst03.11.2011
Der kulturelle und verbale Missbrauch des Michael Jackson10.11.2011
Spot auf You Rock My World17.11.2011
Man in the Music: Joe Vogels Meisterwerk24.11.2011
MJ's Kunst der Rassengleichheit (Übersetzung von biba)01.12.2011
Manche Dinge im Leben wollen sie einfach nicht sehen07.12.2011
Hast du meine Kindheit gesehen?14.12.2011
Bitte höre auf meine Botschaft22.12.2011
Die Wahrheit der Lust, von Frau zu Mann05.01.2012
Diese Leidenschaft brennt in mir11.01.2012
Sie dachten, sie hätten wirklich die Kontrolle über mich, Teil I18.01.2012
Sie dachten, sie hätten wirklich die Kontrolle über mich, Teil II25.01.2012
Schieb' das "Neun bis Fünf" noch etwas zur Seite02.02.2012
Die Macht, sie hat eine Menge Kraft09.02.2012
Was macht einen Songschreiber aus?15.02.2012
Tanz mit Michaels Traum23.02.2012
Wer ist es, wirklich?01.03.2012
Round Table: Das MJ Academia Project08.03.2012
Ich fühle mich immer, als würde mich jemand beobachten, Teil I15.03.2012
Ich fühle mich immer, als würde mich jemand beobachten, Teil II21.03.2012
Klang vorstellbar machen28.03.2012
MJ's Kunst: Uns höher bringen04.04.2012
Hast du immer noch Angst?12.04.2012
Er ist eine Tanzmaschine18.04.2012
Ich höre lieber beide Seiten der Geschichte25.04.2012
Posthume Veröffentlichungen: Was würde Michael tun?02.05.2012
Weil deine Worte einfach nicht ausreichen10.05.2012
Die Trilogie: Sie sehen dich nicht so, wie ich dich sehe17.05.2012
Die Trilogie: Nein, ich meine, ich bin anders24.05.2012
Die Trilogie: Wir brauchen keine Freaks wie dich31.05.2012
Hold Me, Like the River Jordan07.06.2012
Es scheint, dass die Welt eine Rolle für mich hat 13.06.2012
(Übersetzung von biba)
Wer ist böse? (Übersetzung von biba)21.06.2012
In der Hauptrolle Michael mit Joe Vogel24.08.2012
Herzlichen Glückwunsch, Michael: Du hast sie dazu gebracht,
es wichtig zu nehmen29.08.2012
Wir feiern Bad: Du willst ein Mann sein05.09.2012
Celebrating Bad: Die Musik visuell präsentieren12.09.2012
Celebrating Bad: Speed Demon19.09.2012
Celebrating Bad: Leave Me Alone (Übersetzung von biba)28.09.2012
In den Jackson FBI Akten mit Charles Thomson11.10.2012
Lass mich dein Herz mit Freude und Lachen (er-) füllen17.10.2012
Alles für Geld31.10.2012
Eine Unterhaltung über Queerness mit Susan Fast14.11.2012
Der Mond wandert / The Moon is Walking (biba/Lilly)29.11.2012



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Zuletzt von Lilly am Di 4 Dez 2012 - 22:59 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:15

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Warum mit dem Elefanten tanzen?
11/08/2011

Joie: Also, “Dancing with the Elephant”. Ziemlich merkwürdiger Titel für einen Blog über Michael Jackson, oder? Okay, nicht wirklich. Nicht, wenn ihr einmal verstanden habt, wo meine Freundin und ich herkommen und wie es zu diesem Blog kam.

Mein Name ist Joie Collins und ich bin eine der Personen, die sich der MJFC (Michael Jackson Fan Club) Website widmen und sie mit aus der Taufe gehoben haben. Unnötig zu sagen, dass ich ein riesiger Michael Fan bin und dies auch schon bin seit ich ein kleines Kind war und die Jackson 5 bei einem Auftritt in Soul Train gesehen habe. Was ich für MJFC tue, mache ich schon eine sehr lange Zeit, und ich liebe es! Es macht mich sehr zufrieden, wenn ich in die New Page der Website schaue und die Business Mails der Seite beantworte. Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, Dr. Willa Stillwater kennenzulernen, als ich zustimmte, ihr neues Buch lesen „M Poetica“ , um ihr mein ehrliches Urteil aus der Sicht eines Fans abzugeben.

Ich bin nicht sicher, was genau sie mich gefragt hat. Wie ihr wisst, nehmen wir MJ Fans unsere Meinung sehr genau! Und wie ihr euch denken könnt, rief meine „ehrliche Reaktion aus dem Bauch heraus“ eine sofortige hitzige Debatte hervor. Willa und ich gingen zurück und vor und zurück und vor über verschiedene Themen, die in ihrem Buch angesprochen werden. Ich erzählte ihr über all die Dinge, die ich darin liebe, aber ich konnte mich auch nicht zurückhalten zu den Dingen, die ich hasse. Und sie konterte mit all den Gründen, warum sie es geschrieben hat auf die Art, wie sie es geschrieben hat, und ich erklärte ihr, warum ich auf meine Art fühlte und warum die meisten Fans mit mir einer Meinung sein würden. Dies ging so einige Wochen, und schließlich begannen sie und ich zu verstehen, dass wir auf etwas ganz Spezielles gestoßen waren.

Was wir realisierten, ist, dass wir während unserer Debatten tatsächlich einige ziemlich interessante Diskussionen über Michael Jackson, über seine Kunst und seine Musik hatten. Wir sprachen offen und ehrlich, hatten reale, tiefgehende Gespräche über die Arbeit des größten Entertainers aller Zeiten. Und sogar wenn wir nicht einer Meinung waren, was ausreichend passierte, kamen wir beide wieder an einen erleuchtenden Punkt der Unterhaltung, der uns wieder eine neue Sichtweise auf den King of Pop bot, als wir bis dahin hatten. Also dachten wir uns, warum führen wir diese Diskussion nicht in einem größeren Maßstab fort? Und warum laden wir nicht euch alle ein, Zeugen dieser Unterhaltung zu sein und auch teilzunehmen?

Aber ich habe immer noch nicht den Namen erklärt, richtig? Okay, wir wollten beide einen Namen, mit dem wir etwas anfangen können und der auch eine relevante Bedeutung für Michael selbst hat. Wir wissen alle, welches Gefühl Michael für die majestätischen Elefanten hatte. Er liebte sie! Gypsy und Babar waren unter seinen Lieblingstieren im Zoo auf Neverland. Er schrieb sogar einen wundervollen Essay über Elefanten in seinem Buch Dancing The Dream, der heißt „So the Elephants March“. Darin spricht er über die Lehren, die die Elefanten den Menschen über die Jahrhunderte versucht haben nahezubringen. Er schreibt „Aber die wichtigste Botschaft der Elefanten liegt in ihrer Bewegung. Weil sie wissen, zu leben heißt sich bewegen. Mit jeder Morgendämmerung, Generation für Generation marschiert die Herde weiter, eine große Menge Leben, die niemals fällt, eine nicht aufzuhaltende Kraft des Friedens.“ Ich denke, dieser letzte Teil beschreibt Michael ziemlich gut. „Eine nicht aufzuhaltende Kraft des Friedens.“ In vielerlei Hinsicht war es das, was er selbst war.

Für mich sind die Elefanten nicht nur faszinierende Tiere, sondern sie symbolisieren auch ein „sensibles Thema“. Eine schwierige Unterhaltung, die die Leute lieber vermeiden würden. Ein Beispiel: Ich bin eine farbige Amerikanerin (ich mag nicht den Begriff Afro-Amerikaner, denn niemand, weder ich, noch meine Eltern, noch meine Groß- und Urgroßeltern waren jemals in Afrika) und mein Ehemann ist Weißer. Er und ich sprechen oft über verschiedene Rassenthemen, und es ist wundervoll, denn wir können das in einer so offenen und ehrlichen Art und Weise tun ohne die Angst , jemanden zu beleidigen oder die Gefühle des anderen zu verletzen. Wir sind jetzt 10 ½ Jahre verheiratet und wir beeinflussen uns jeweils in der Familie, seiner und meiner, alle haben unsere Beziehung immer sehr unterstützt. Während unserer Gespräche über die Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Familien, ist eines der Dinge, die ich oft zu meinem Mann sage, dass meiner Meinung nach weiße Familien dazu tendieren „den Elefanten im Zimmer“ zu ignorieren, es also vorziehen den unbequemen Themen auszuweichen, während schwarze Familien so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf das heikle Thema lenken. Oft wickeln sie Weihnachtslichter um den Elefanten und setzen dann große blinkende Pfeile, um darauf zu zeigen. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung, aber so wisst ihr, was ich meine. Der Punkt ist, manchmal wissen die Leute (aller Rassen) nicht genau, wie sie mit einem unangenehmen Thema umgehen sollen, stattdessen „meiden sie den Elefanten im Zimmer“.

Gut, ich denke, wir werden alle zustimmen, wenn man auf Michael Jackson kommt, können eine Menge unangenehmer Themen zur Sprache kommen. Sogar in einem Blog, der sich auf seine Kunst konzentriert. Und Willa und ich werden diese Elefanten nicht meiden. Stattdessen haben wir beschlossen, mit ihnen zu tanzen!



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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:19

Willa: Joie, ich liebe deine Beschreibung des Elefanten im Zimmer. Ich liebe es einfach! Es erzeugt da diesen kleinen Film in meinem Kopf von einem Haufen Leute, die in einem Zimmer sitzen mit einem Elefanten, den niemand eingeladen hat, und jeder fühlt sich unwohl und peinlich berührt und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Schließlich geht irgend jemand einfach zu dem Elefanten, begrüßt ihn und lädt ihn zum Tanz ein – und sie finden nun alle heraus, dass er im Grunde gar nicht so unheimlich ist. Plötzlich wird aus der peinlichen Situation etwas Angenehmes, und vielleicht wird daraus sogar eine Party. Ich liebe einfach dieses Bild von dem Tanz mit dem Elefanten!

Ich denke auch, dass es von entscheidender Wichtigkeit ist, offen auszusprechen, dass der Elefant im Raum ist, wenn man versucht, Michael Jackson mit seinen schmerzbehafteten Themen zu interpretieren, speziell die Rassenvorurteile betreffend, was so wesentlich für seine Arbeit war – angefangen bei relativ geradlinigen Hymnen wie Black or White bis hin zu komplizierteren Dingen wie die sich verändernde Farbe seiner Haut. Ich denke, du kannst ihn nicht verstehen und das was er tat und wie wichtig es ist, wenn du das Thema Rasse aus dem Bild herausnimmst oder es an die Seite schiebst. Die Konfrontation mit Vorurteilen war in der einen oder anderen Form das Herzstück jeder Sache, die er tat, sowohl als Künstler als auch als kulturelle Person.

Weil wir uns nicht ehrlich den Elefanten im Zimmer eingestehen, denke ich nicht, dass wir überhaupt begonnen haben, zu erkennen, welche bahnbrechenden Ereignisse er herbeigeführt hat. Ich bin weiß, und ich wuchs im Süden (der USA) auf, in einem sehr rassistischen Ort. Dennoch, als Teenager, war meine Definition von ultimativer Sexyness Michael Jackson, ein junger farbiger Mann. Das ist ziemlich erstaunlich, wenn du darüber nachdenkst. Und da waren Millionen von Mädchen in der ganzen Welt, die genauso fühlten wie ich. Es gibt da eine ganze Generation von uns, deren Vorstellungen über Rasse und Sexualität – darüber was sexy ist und was nicht – durch ihn geprägt wurde. Das ist gewaltig. Er war ein Teen Idol, unser erstes schwarzes Teen Idol, und die Auswirkungen dadurch sind tiefgehend und machtvoll und umfassend, aber niemand spricht wirklich darüber oder was das kulturell bedeutet.

Du weißt, jedes Mal, wenn er sein Shirt auf der Bühne zerriss, wie in Dirty Diana oder Come Together, und er uns seine dunkle Brust zeigte und wie schön und sexy das war, forderte er heraus, wie - speziell das weiße - Amerika seinen Körper „lesen“ sollte. Aber er tat das auf eine solch interessante Art. Er war schön und sexy, aber er immer auch ein aufrichtiger Mensch – teilweise denke ich, weil er den Mut hatte, sich selbst verletzlich sein zu lassen und uns diese Seite von sich auch sehen ließ. Er war nicht einfach ein Kerl von den Chippendales. Er war sexy, aber er wurde niemals zu einem Hochglanz-Sexobjekt, weil wir immer die Menschlichkeit in ihm sehen konnten. Ich sehe ihn an in Dirty Diana oben auf der Bühne mit seiner nackten Brust und den Schultern, und er ist so sexy, dass ich es kaum aushalte, aber er sieht auch so verletzlich aus. Ich weiß nicht, ob ich in Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen soll.

Joie: In Ohnmacht fallen oder ihm eine Suppe machen! Ich liebe die Art, wie du die Dinge manchmal siehst!

Willa: Siehst du, du weißt, was ich meine! Du fühlst einfach manchmal den Drang, für ihn sorgen zu müssen, und ich glaube, diese Verletzlichkeit war auch sehr bedeutsam. Dies war während der 1980er Jahre, als in den Innenstädten die Gewalt der Gangs ausbrach und die vorherrschenden Berichte in den Medien waren, dass junge farbige Männer furchterregend und fremd und gefährlich seien. Das wurde uns erzählt – in Nachrichten und Spielfilmen und sogar Werbespots – aber dann war da Michael Jackson, und er hat diese dominanten Berichte fast im Alleingang zurückgedrängt und eine ganz andere Sicht geboten. Er war ein junger farbiger Mann, aber er war süß und lustig und klug und sexy und verletzlich. Er gab uns ein anderes Bild von dem, was es bedeutet ein junger Schwarzer in Amerika zu sein, und für mich schien seine Sichtweise die ehrlichere, menschlichere und glaubwürdigere als die Stereotype des Unheimlichen zu sein.

Joie: Ich stimme dir vollkommen zu. Er bot uns ein anderes Bild davon, was es hieß ein junger farbiger Mann in Amerika zu sein und bis heute sind die farbigen Amerikaner stolz darauf. Und ich könnte jetzt das Thema wechseln, aber bevor ich das tue, warum erklärst du nicht, was der Titel für dich bedeutet.

Willa: Also „Dancing With the Elephant“ sagt mir etwas über Kunst und ihre Deutung. Für mich bedeutet Interpretation nicht, passiv zu betrachten sondern mich aktiv damit zu beschäftigen, damit zu „tanzen“, mich selbst dafür zu öffnen und mich emotional einzubringen.

Dies erinnert mich an ein Volksmärchen, das ich sehr mag, über sechs blinde Männer, die versuchen, einen Elefanten zu beschreiben und zu verstehen. Der erste kommt zu dem Elefanten und er berührt zufällig den Rüssel. Er fühlt den Rüssel des Elefanten, bemerkt wie stark und doch flexibel dieser ist und erklärt, dass der Elefant wie eine riesige Schlange sei, wie eine Python oder Boa Constrictor. Der zweite blinde Mann macht einen Schritt vorwärts und berührt eines der Beine des Elefanten. Er fühlt rundherum, bemerkt die runde Form und wie robust es ist und sagt, nein ein Elefant sei mehr wie eine Säule oder ein Pfeiler. Der Dritte kommt nach vorn und stößt an die Seite des Elefanten. Er streicht mit der Hand die gewaltige Körperseite entlang und sagt, die anderen beiden würden falsch liegen: Ein Elefant ist wie eine Wand. Dann kommt der Vierte, greift den Schwanz des Elefanten und sagt, nein, ein Elefant ist wie ein Seil. Der Fünfte fühlt, wie das Ohr vor- und zurückflattert und sagt, ein Elefant ist wie ein Fächer. Der Sechste greift nach dem Stoßzahn und meint, ein Elefant ist wie ein Spieß.

Jeder der blinden Männer gibt eine genaue Beschreibung des Erscheinungsbildes des Elefanten ab, den er gerade für sich erfährt, aber keiner von ihnen begreift das ganze Tier. Sie nehmen lediglich Stücke und Teile wahr. Nur wenn sie ihre Erfahrungen teilen und ihre Meinungen austauschen werden sie jemals fähig sein, eine Vorstellung von dem Elefanten zu entwickeln und beginnen abschätzen zu können, was für ein wahrhaft prachtvolles Tier das ist.

Ich liebe diese Geschichte von den sechs blinden Männern und denke, dass es speziell bedeutend ist, Meinungen auszutauschen, Sichtweisen und Erfahrungen zu teilen, wenn man versucht so etwas Kompliziertes und Subjektives wie ein Kunstwerk zu verstehen, speziell bei einem Künstler, der so experimentell ist wie Michael Jackson, der so viele Grenzen verschoben und so viele vorgefaßte Meinungen und allgemein anerkannte Sichtweisen herausgefordert hat.

Beispielsweise haben Joie und ich hin- und herdiskutiert, wie wir die sich verändernde Farbe von Michaels Haut interpretieren sollen. Sie machte keine Scherze, als sie darüber sprach, wie erhitzt unsere Debatten waren. Ich sah es als eine brillante künstlerische Entscheidung, die tiefgreifend beeinflusst hat, wie speziell das Weiße Amerika Rassenunterschiede erlebt. Joie sah es als qualvolle emotionale Entscheidung, mit der er jahrelang gekämpft hat. Meine Diskussionen mit Joie haben meine Interpretation nicht grundlegend geändert, aber sie haben mich ungeheuer beeinflusst. Ihre Gedanken haben mein Verständnis für diesen Aspekt seiner Arbeit vertieft und verkompliziert und es tatsächlich gewaltiger und bedeutungsschwerer für mich gemacht beim Verstehen dessen, wie schwierig diese Entscheidung für ihn gewesen sein muss, und wie schmerzhaft es wohl war, so missverstanden zu werden.

Joie: Also, Willa und ich hoffen mit diesem Blog einige wirklich in die Tiefe gehende Gespräche über Michael Jackson und seinen kulturellen Einfluss zu führen. Wir haben die Absicht, dies wöchentlich zu tun, schließt euch uns an.

Willa: Unser Ziel ist, eine stichhaltige Diskussion entstehen zu lassen, in der wir alle Gedanken teilen können und nicht immer einer Meinung sein werden, aber in einer respektvollen Art und Weise, die zu einem tieferen Verständnis seiner Arbeit führt. Wenn ihr uns gern kontaktieren wollt mit Fragen oder zukünftigen Themenwünschen für den Blog, hier ist unsere E-Mail-Adresse:Dancing.with.the.elephant@gmail.com

Joie: Sagt uns was ihr denkt. Wir wollen es hören!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:33

Gedanken zu My Baby
14/08/2011

Willa: Wie Joie letzte Woche erwähnt hat, ist dieser Blog aus einer langen Serie von E-Mails entstanden, die zwischen uns hin- und hergingen. Wir hatten eine wunderbare Zeit, in der wir Gedanken austauschten und Notizen verglichen über Michael Jacksons Arbeit, und wir haben es sehr genossen, mit jemandem zu reden, der seine Arbeiten kennt und sich genauso für ihn interessiert wie wir. Eine Sache, die wir im Verlauf unserer E-Mails entdeckt haben ist, dass wir beide fasziniert sind von My Baby, und das schon seit einer langen Zeit.

Joie: Ihr wisst alle, wer sie ist; ihr habt gehört, wie Michael über sie seit Jahren singt. Sie ist vermutlich das Mädchen seiner Träume, die Frau, die ihn kennt und liebt und sich wirklich um ihn sorgt. Sie ist auch die Frau, die ständig von anderen wieder und wieder verletzt wird, von „bösen Mädchen“, die sich selbst in Michaels Umlaufbahn werfen wie in Billie Jean, Dirty Diana und Dangerous.

Willa: Sie ist eine sehr wichtige Figur in Michael Jacksons Werken, taucht auf jedem Album auf von Triumph und Thriller in den frühen 1980ern bis zu Invincible in 2001. Und, wie Joie sagt, sie wird fast immer verletzt oder bedroht in irgendeiner Art. Tatsächlich ist es so, dass wir sie oft in Tränen aufgelöst weggehen sehen.

Joie: Was meine Aufmerksamkeit an ihr fesselt, vermute ich, ist die Tatsache, dass Michael über sie singt, als wäre sie jemand, den es schon sehr lange in seinem Leben gibt. Sogar obwohl ihr Erscheinen in den Songs, die ich bereits erwähnte – und auch in anderen – für gewöhnlich kurz ist, bekommen wir das Gefühl, dass sie unglaublich wichtig für ihn ist. Er liebt sie und er möchte sie eindeutig beschützen vor den ‚gemeinen Frauen‘ (wicked women), über die er in Heartbreak Hotel (a.k.a. This Place Hotel) singt. Wir sehen ihn ständig, wie er sich darüber ärgert, dass sie irgendwie verletzt würde von den „bösen Mädchen“ und dass sie sie von ihm vertreiben.

Jemand versucht immer
My Baby zum Weinen zu bringen
Redend, kreischend, lügend,
sagend, du willst irgendwie etwas anfangen.

Someone’s always tryin‘
To start My Baby cryin‘
Talking, sqealing, lying,
Saying you just want to be startin’ somethin’

Es ist fast, als ob er eine Beziehung beschreibt, die bereits ihren Anteil an Hochs und Tiefs hatte. Sie sind durch solche Situationen bereits vorher gegangen und jedes Mal endet es damit, dass My Baby verletzt wird. Wenigstens in den frühen Jahren ihrer Beziehung – in den 1980ern und 90ern. Aber ab 2001 in Heaven Can Wait ist es ganz klar eine andere Beziehung. Hier sehen wir, dass My Baby ihn nicht nur liebt und für ihn sorgt, sondern ihm auch vertraut; sie glaubt an ihn. Ihre Beziehung ist fest und niemand kann sich mehr zwischen sie stellen. Zusammen sind sie eine Kraft, mit der man rechnen muss, und es ist die größte Liebesaffäre, die jeder von beiden jemals erlebt hat. Er liebt sie so tief, dass er sie nicht für einen Moment verlassen will – nicht mal für den Himmel!

Oh nein, ich kann nicht ohne My Baby sein.
Ich will nicht gehen, ohne sie werde ich verrückt.
Oh nein, ich schätze, der Himmel wird warten.

Oh no, can’t be without My Baby.
Won’t go, without her I’ll go crazy.
Oh no, guess Heaven will be waiting.

Es ist wirklich interessant für mich, dass ihre Verbindung sich über die Zeit verändert. Die Art, wie er über sie schreibt, wächst und reift über die Jahre, als ob es eine reale Beziehung wäre. Wir sehen die anfängliche Verliebtheit in Songs wie The Way You Make Me Feel und Streetwalker, und wir beobachten, wie sie wächst und erblüht in Songs wie Black or White und Fly Away. Und dann sehen wir den Höhepunkt ihrer Liebe in dem wunderschönen Heaven Can Wait.

Willa: Wie Joie sagt, in den frühen Alben wird sie von anderen Frauen bedroht. My Baby scheint eine private Person zu sein, die den Protagonist kennt und sich um ihn sorgt, obwohl sie das Rampenlicht scheut und sich irgendwie nicht wohlfühlt mit seinem Ruhm. Er liebt sie und versucht sie, zu beschützen, aber sie wird wiederholt verletzt von einer anderen Frau, die sie vertreiben und ihren Platz einnehmen will. Diese zweite Frau kennt ihn aber nicht wirklich oder kümmert sich nicht wirklich um ihn, sondern sie ist viel frecher als My Baby und fühlt sich genau genommen angezogen vom Ruhm, dem Ruhm des Protagonisten – tatsächlich ist sie eine Art Abenteurerin. Der Protagonist erkennt all das und misstraut ihr. Aber zur gleichen Zeit fühlt er sich seltsam angezogen von dieser anderen, kühnen Frau.

Joie: Und diese Beziehung zu dieser anderen Frau ist genauso interessant wie seine Beziehung mit My Baby. Es ist fast so, als ob er die eine nicht ohne die andere haben kann. Als wären sie sozusagen zwei Seiten derselben Münze.

Willa: Ich stimme dir zu. Der immer wiederkehrende Konflikt zwischen diesen Frauen ist sehr interessant. Da geht offensichtlich etwas sehr Wichtiges vor sich – etwas, das Michael Jackson über Jahre erkundet und womit er gerungen hat. Ich denke, das ist ein Grund dafür, dass ich anfing, zu sehen, dass My Baby mehr repräsentiert als nur eine romantische Beziehung. Für mich repräsentieren My Baby und die andere Frau seine schüchterne Seite gegenüber seiner öffentlichen Seite oder sein Privatleben gegenüber seinem Leben in der Öffentlichkeit mit dem Eindringen der Medien und dem intensiven öffentlichen Interesse, den Drohungen, sein Privatleben zu zerstören, genauso wie die dreiste andere Frau damit droht, My Baby zu vertreiben. Oder diese zwei Frau könnten einerseits seine Muse repräsentieren – die mythische Frau, die ganz leise über Jahrhunderte Künstler zur Kreativität inspiriert hat – und andererseits das Publikum und die Kritiker, die forderten, dass er ein weiteres Thriller erschafft oder dass er wieder und wieder für den Rest seines Lebens Billie Jean singen sollte. Aber es ist keine entweder/oder-Situation. Während ich diese anderen Interpretationen sehe, sehe ich immer noch My Baby als eine Frau, die ihn kennt, für ihn sorgt und ihn emotional unterstützt.

Joie: My Baby ist faszinierend auf so vielen Ebenen, und als Willa und ich entdeckten, dass wir uns beide für sie – und ihr Verderben – interessierten, waren wir wirklich überrascht. Ich denke, es war zu dem Zeitpunkt, dass wir wirklich ernsthaft darüber redeten, einen Blog miteinander zu starten, weil wir neugierig waren, ob wir die zwei einzigen Leute da draußen sind, die sich Fragen zu diesem speziellen Thema stellen. So beabsichtigen wir, uns My Baby in den kommenden Wochen genauer anzusehen. Wir planen, uns bei verschiedenen Songs in die Tiefe zu gehen, um zu sehen, wie sie dargestellt wird und darüber zu sprechen, was/wer sie ist und was Michael uns durch sie sagen wollte.

Willa: Und nochmal, unser Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, wo eine Gemeinschaft von Leuten zusammenkommen und ihre Interpretationen von Michael Jacksons Arbeit und was sie für sie zu verschiedenen Zeiten bedeutet hat, teilen kann – denn Interpretationen entwickeln sich über die Zeit. Und es ist okay, wenn wir nicht übereinstimmen – sogar leidenschaftlich nicht übereinstimmen – solange wir es mit Respekt tun. Um ehrlich zu sein, zeitweise stimme ich nicht mal mit mir selbst überein! Manchmal sehe ich My Baby als eine Person, manchmal sehe ich sie symbolisch für etwas, und ganz oft sehe ich beides in ihr. Und ich mag diese Zweideutigkeit. Für mich ist das eins der Dinge, die Michael Jacksons Arbeiten so reichhaltig machen – dass es so viele verschiedenen Dinge zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Leute bedeuten kann.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:41

Willkommen im Heartbreak Hotel
20/08/2011

Willa: Zum ersten Mal treffen wir My Baby im Heartbreak Hotel (oder This Place Hotel), das Michael Jackson geschrieben und für das The Jacksons’ 1980 Triumph Album aufgenommen hat. Und es scheint ein sehr wichtiger Song für ihn gewesen zu sein: Er sang ihn mit seinen Brüdern auf der Triumph und der Victory Tour, und es war der einzige Song der Jacksons, den er auf seiner Bad Tour sang.

Heartbreak Hotel beginnt mit einer Referenz an einen traumatischen Verlust, der sich „vor zehn Jahren an diesem Tag“ ereignete:

(Ich) lebe in Sünde
An diesem Tag vor zehn Jahren sehnte sich mein Herz danach
Ich versprach, ich würde niemals wieder zurückkehren
Wo My Baby mir das Herz brach und mich sehnsüchtig zurückließ


Live in sin
Ten years ago on this day my heart was yearning
I promised I would never ever be returning
Where My Baby broke my heart and left me yearning

Es ist wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass es vor zehn Jahren war, als Michael Jackson das erste Mal zu einer öffentlichen Person auf der nationalen Bühne wurde: I Want You Back wurde 1970 der erste Nummer Eins Hit der Jackson 5.

Der Protagonist und My Baby betreten das Heartbreak Hotel zusammen. Es ist ein öffentlicher Ort, wo sie sich einer Menge starrender Gesichter gegenübersehen. Und während die starrenden Menschen Fremde sind, scheinen sie ihn zu kennen: „Sie lächelten mit Augen, die mich ansahen, als würden sie mich kennen.“ (They smiled with eyes that looked as if they knew me.) Aber sie kennen ihn nicht wirklich, und er kennt sie nicht. Es ist eine ziemlich genaue Beschreibung des Lebens eines Prominenten. Diese Strophe endet damit, dass Jackson singt „Das macht mir Angst.“ (This is scaring me.)

Er und My Baby gehen zusammen nach oben und betreten das Hotelzimmer, aber dort sind schon zwei Frauen. Eine von ihnen kommt näher und sagt „Dies ist der Ort / Du sagtest man würde dich mittags hier treffen.“ Es ist nicht wahr, aber My Baby glaubt ihr – glaubt, diese Fremde ist seine Geliebte – und Jackson singt „Die Hoffnung ist tot.“ (Hope is dead.) Er macht weiter mit der Beschreibung, wie My Baby verletzt wird, denn sie versteht die Situation nicht, aber es endet mit „Jemand ist so böse meine Seele zu verletzen.“ (Someone’s evil to hurt my soul.) Also verletzt diese Lüge nicht nur My Baby; sie verletzt auch „meine Seele“. Die zwei sind so eng verbunden, es ist, als ob My Baby seine Seele ist. Die Strophe endet mit diesen Zeilen:

Das macht mir Angst
Dann hat mir der Mann von nebenan erzählt
Er war hier unter Tränen fünfzehn Jahre lang
Das macht mir Angst

This is scaring me
Then the man next door had told
He’s been here in tears for fifteen years
This is scaring me

Wer ist dieser Mann? Könnte es vielleicht Elvis sein? Immerhin beginnt Elvis seinen Song Heartbreak Hotel (welcher sein erster Nummer Eins Hit war) mit diesen Zeilen:

Seit My Baby mich verlassen hat
Fand ich einen neuen Ort zum Wohnen
Es ist da unten am Ende der „Lonely Street“
Im Heartbreak Hotel

Offensichtlich lebt also Elvis dort. Nun hat Michael Jackson im Zimmer nebenan eingecheckt, und er ist in derselben Situation, in der Elvis vor Jahren war.

Dieser „Mann von nebenan“ sagt „Er war hier unter Tränen fünfzehn Jahre lang“, also seit 1965 – gerade als Elvis’ Karriere begann bergab zu gehen und seine Berühmtheit eine hässliche Wendung nahm. Elvis war der King in den 1950ern und frühen 60ern, aber dann kam die britische Invasion von 1964 bis 1966. Plötzlich kletterten die Beatles und Rolling Stones in die Pop Charts und Elvis wurde immer mehr als überholt und irrelevant gesehen, wurde sogar zu einem Objekt des Spottes.

Also beschreiben in diesen zwei Songs mit demselben Namen Elvis und Michael Jackson eine Situation, die emotional niederschmetternd für beide ist. Wie dem auch sei, während Elvis ganz klar über einen romantischen Verlust singt, ist Jacksons Song sehr viel komplizierter, und mehrdeutig. Ist es nur eine zerbrochene Romanze oder mehr als das? Jacksons Heartbreak Hotel endet mit diesen Zeilen:

Jemand hat mein Herz erdolcht
Dies ist das Heartbreak Hotel
Heute vor zehn Jahren
Wurde mein Geist verletzt
Du hast My Baby’s Herz gebrochen
Dies ist das Heartbreak Hotel
Herzlich Willkommen am Schauplatz

Someone’s stabbing my heart
This is Heartbreak Hotel
Ten years ago today
Hurting my mind
You break My Baby’s heart
This is Heartbreak Hotel
Just welcome to the scene

„Herzlich Willkommen am Schauplatz“ ist ein ziemlich merkwürdiges Ende für einen Song über eine verlorene Liebe. Also noch mal, da scheint mehr vor sich zu gehen, als dass eine Romanze zerbrochen ist. Und wieder noch mal, er und My Baby sind verbunden: Sein Herz ist verletzt, ihr Herz ist verletzt, seine Seele ist verletzt. Sie teilen denselben Schmerz. Er fühlt, was sie fühlt, als wäre sie ein Teil von ihm.

Joie: Wow! Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese offensichtliche Verbindung zu Elvis gesehen hätte, aber ich muss sagen, es macht auf eine verrückte Art Sinn.

Willa: Ich weiß. Es hört sich verrückt an, oder? Ich hatte auch nicht erwartet, an einen Berührungspunkt mit Elvis zu kommen und offensichtlich könnte „der Mann von nebenan“ eine Menge anderer Dinge bedeuten, aber plötzlich sprang der Gedanke in meinen Kopf und ich nahm ihn mit, um zu sehen, wohin er mich bringt. Ich denke jede Interpretation – sogar eine sich verrückt anhörende Interpretation – ist gültig, solange sie durch Belege aus dem Text unterstützt werden kann, und es gibt da ziemlich viele Hinweise, die dies unterstützen. Und es macht eine Menge Sinn, wenn du diesen Song als etwas siehst, das über Berühmtheit spricht, welches ein sehr wichtiges Thema für Michael Jackson war.

Joie: Gut, ich stimme dir zu für eine Minute und sage, dass wenn dies für Michaels Teil beabsichtigt war, dann ist es tatsächlich brillant. Jedoch, als die Jacksons sich entschieden, den Namen des Songs in This Place Hotel zu ändern, sagte Michael, dass er mit Elvis’ Song nicht vertraut sei. Während ich zustimmen muss, dass die Symbolik in beiden Songs gut zusammen funktioniert, bin ich skeptisch, dass es eine reale Verbindung zwischen den beiden gibt.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 20:53

Aber ich mag, was du über My Baby zu sagen hast, dass sie möglicherweise seine eigene Seele repräsentiert. Und diese Zeile am Ende, wo er sagt „Wurde mein Geist verletzt“ (Hurting my mind). Es ist, als ob My Baby ihn selbst repräsentiert: seine Psyche. Sein Geist, sein Herz, seine Seele – sein inneres Selbst, das er vor dem Blick der Öffentlichkeit schützen will. Wie ich letzte Woche schon sagte, Michael singt über My Baby, als ob sie jemand sehr Wichtiges für ihn ist und in seinem Leben seit einer langen Zeit ist, und ich denke, dieser Gedanke, dass sie ein Symbol für sein inneres Selbst ist, hat eine Menge Gewicht. In Wanna Be Startin’ Something sagt Michael

Jemand versucht immer
My Baby zum Weinen zu bringen
Redend, kreischend, lügend,
Sagend, du willst irgendwie etwas anfangen.

Someone’s always trying‘
To start My Baby cryin‘.
Talking, sqealing, lying,
Saying you just want to be startin’ somethin’.

Wenn wir diese Strophe unter diesen Bedingungen ansehen, dann ist sehr leicht zu sehen, dass My Baby eine Umschreibung für sein inneres Selbst sein kann. Jemand versucht immer ihn zu verletzen. Er singt auch

Billie Jean redet ständig
Wenn niemand anderes spricht
Erzählt Lügen und sucht die Gesellschaft,
So nannten sie ihren Mund einen Motor

Billie Jean is always talkin’
When nobody else is talkin’
Telling lies and rubbing shoulders
So they called her mouth a motor

Wenn wir bei dieser Theorie bleiben, dann können wir folgern, dass Billie Jean - und all die anderen “bösen Mädchen”, die ihm auf seinem Weg begegnen – sein öffentliches Leben mit seinem gesamten Gepäck (den Lügen, den Medien, den Paparazzi etc.), das dazugehört, repräsentieren.

Willa: Das sehe ich auch so, und ich mag die Textstelle, auf die du Bezug genommen hast „Billie Jean is always talkin’“ - genauso wie die Medien immer reden. Von einem sehr jungen Alter an wurde Michael Jackson mit ständigen Kommentaren und Spekulationen über sein Privatleben konfrontiert. Und der Mund der Medien ist nicht nur „ein Motor“. Er ist eine Industrie.

Joie: Eine Industrie, mit der er kämpfte für den Rest seiner Karriere. Aber darüber reden wir mehr das nächste Mal, wenn wir die „bösen Mädchen“ in dieser Dreiecksgeschichte etwas näher unter die Lupe nehmen.

Willa: Genau. Und in diesem Dreier-Konflikt zwischen My Baby, den aufdringlichen Frauen, die sie verletzen und dem Protagonisten, der sich selbst gefangen sieht zwischen den beiden, die sich entwickeln – entwickelt sich auch Michael Jacksons Beziehung zu den Medien. Wir sehen dieses Szenario, dass My Baby ständig verletzt wird von aggressiven, unehrlichen Frauen wieder- und wiederkehren: z.B. in Billie Jean und Wanna Be Startin’ Something auf Thriller, in Dirty Diana auf Bad, und im Titelsong auf Dangerous. Und dann verschwindet sie. My Baby wird nicht ein einziges Mal auf dem HIStoryAlbum erwähnt, welches das erste Album nach den Belästigungsvorwürfen 1993 war. Es ist, als ob sein öffentliches Leben so vergiftet war, dass sie komplett vor Blicken versteckt wurde. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht erschien sie doch, aber auf eine unerwartete Art und an einem unerwarteten Ort – in einem Video zu einem Song, den er nicht selbst schrieb, You Are Not Alone. Der Song beginnt mit einer Geschichte über verlorene Liebe:

Ein weiterer Tag ging vorbei
Ich bin immer noch ganz allein
Wie kann das sein
Du bist nicht hier bei mir
Du hast niemals Goodbye gesagt
Jemand soll mir sagen Warum
Du gehen musstest
Und meine Welt so kalt hinterlassen hast

Another day has gone
I’m still all alone
How could this be
You’re not here with me
You never said goodbye
Someone tell me why
Did you have to go
And leave my world so cold

Jedoch beginnt das Video mit einer Menge von Reportern und Fotografen, die ihn bedrängen, als er mit gesenktem Kopf vorbeigeht. Es ist exakt dieselbe Situation, über die er wiederholt auf früheren Alben sang: Diese aufdringlichen Leute behaupten, sie würden ihn kennen und erzählen Lügen über ihn, und My Baby hat ihn verlassen. Nur dieses Mal erzählt er die Geschichte mit sichtbaren Hinweisen.

Er ist am Boden zerstört, untröstlich, fühlt sich traurig und allein. Dann hört er eine Stimme. Wir wissen nicht, wessen Stimme das ist, aber sie flüstert zu ihm und dies ist, was sie ihm erzählt:

Du bist nicht allein
Ich bin hier bei dir
Obwohl du weit weg bist
Bin ich da, um bei dir zu bleiben
Du bist nicht allein
Ich bin hier bei dir
Obwohl wir weit voneinder entfernt sind
Wirst du immer in meinem Herzen sein
Aber du bist nicht allein

You are not alone
I am here with you
Though you’re far away
I am here to stay
You are not alone
I am here with you
Though we’re far apart
You’re always in my heart
But you are not alone

Wessen Stimme ist das? Der Text sagt das nicht, aber noch einmal, es gibt sichtbare Hinweise. Die Szene, in der er vor einem Meer aggressiver Reporter entlang geht wechselt sich ab mit einer anderen Szene, weit weg von den Medien: Es ist die Kulisse von Maxfield Parrish’s Daybreak, einem wundervollen Gemälde über Ruhe und Wiedergeburt.





Er ist glücklich und teilt einen intimen Augenblick mit einer Frau. Und es ist nicht irgendeine Frau. Es ist seine Frau, Lisa Marie Presley, die Tochter von Elvis Presley. Als Elvis’ öffentliches Leben auseinanderfiel und er zur Zielscheibe der Kritiker und sogar von der Presse lächerlich gemacht wurde, war an seiner Seite ein kleines Mädchen und brachte etwas Freude in sein Leben. Nun ist Michael Jackson in derselben Situation, in der Elvis vorher war. Und das kleine Mädchen wurde erwachsen und hat ihn geheiratet, und sie steht ihm bei während einer der schlimmsten Zeiten seines Lebens und bringt etwas Freude in sein Leben. Ich fühle mich ziemlich unwohl darüber zu reden, denn dies sind reale Menschen und versuche sehr, mich weitestgehend aus dem Privatleben eines Künstlers herauszuhalten. Aber diese realen Menschen symbolisieren auch bestimmte Dinge. Und das Symbol des Bildes mit Lisa Marie Presley ist so eindrucksvoll für mich.

Joie: Gut, ich stimme dir absolut darin zu, dass die zarte kleine Stimme in You are not alone definitiv die von My Baby ist. Aber ich kann dir nicht darin zustimmen, dass es irgendetwas mit Lisa Marie Presley im buchstäblichen Sinn zu tun haben soll. Im Abstrakten als visueller Hinweis, definitiv ja. Die Nachstellung von Daybreak für dieses Video war meiner Meinung nach eine geniale Wahl, denn es fängt meisterhaft den intimen, privaten Ort ein, an den Michael uns versucht mitzunehmen, und dass er uns durch seine Frau ein visuelles Abbild von My Baby zeigen will macht auf perfekte Art Sinn für mich. Nach alldem, wenn My Baby eine reale Person wäre, dann würde sie sicherlich die Person sein, die ihm am nächsten war und ihn auf sehr intime Art kannte – wie es eine Ehefrau tut.

Wie dem auch sei, er sagt wiederholt, dass „etwas in sein Ohr flüstert“. Nicht jemand, sondern etwas. Diese zarte kleine Stimme. Seine eigentliche Seele. Sein inneres Selbst. Der Teil von ihm, den er gehegt und versucht hat, über die Jahre zu schützen und rein zu halten. Fern von all den „bösen Mädchen“ und den bösen Medien, die My Baby so lange bedroht haben. Und was sagt diese Stimme zu ihm? „Du bist nicht allein.“ Sogar obwohl er sich wie die einsamste Person auf der Erdoberfläche fühlen dürfte – welches das bei ihm hervorgerufene Gefühl sein dürfte, das er hat, als er allein vor diesen Fotografen steht, vor den wunderschönen Naturszenarien und auf der Bühne in dem verlassenen Theater – ist er nicht allein. Er hat immer noch seine Seele und sie ist in Ordnung und stark. Sie ist vielleicht ein wenig zerschrammt und angeschlagen, aber sie ist noch da. Und er kann sie noch fühlen, sie ruft ihn, erzählt ihm, dass das was er durchgemacht hat zwar ein Albtraum war, aber er ist da durchgegangen und auf der anderen Seite herausgekommen, und da ist immer noch Hoffnung für eine strahlende Zukunft.

Sogar obwohl Michael diesen speziellen Song nicht selbst geschrieben hat, glaube ich, dass der Text ihn auf einem gewissen Level angesprochen und etwas Bestimmtes für ihn zum Ausdruck gebracht haben muss – ein Gefühl oder einen Gedanken, den er nachempfinden und mit dem er sich identifizieren kann. Und ich denke, dass dieses Etwas My Baby war.

Willa: Joie, das ist wundervoll. Ich tappte im Dunkeln, versuchte zu erfassen, was diese immer wiederkehrende Szene symbolisiert und warum sie so bewegend für mich ist, aber ich kam nicht drauf. Und du hast das Gefühl, das ich beim Ansehen dieses Videos habe, wunderschön in Worten eingefangen. Ich denke, es ist maßgeblich, dass die Frau in dieser Szene Lisa Marie Presley ist. Es würde nicht dieselbe Bedeutungstiefe haben, wenn es irgendeine gecastete Schauspielerin gewesen wäre, die nicht ihre Geschichte hat. Aber ich liebe die Art, wie du die Diskussion zurück zum Gedanken von My Baby als Teil von ihm selbst gebracht hast – als etwas, das immer für ihn da sein wird, ob es seine Seele oder sein Herz oder seine Muse ist. Wie du so schön beschreibst ist dieses Video eine Bestätigung dafür, dass da etwas in ihm ist, das ihn unterstützen wird, ganz egal was ihn bedroht in der Außenwelt. Wir werden diese Serie von My Baby nächste Woche abschließen, wenn wir uns näher mit einigen der Bedrohungen befassen.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 21:13

Eine Berührung, ein Kuss, ein Liebesflüstern
27/08/2011

Du wirst mich niemals zum Bleiben bewegen
Also nimm dein Gewicht von mir
Ich kenne jede deiner Bewegungen
Also willst du mich nicht einfach sein lassen
Ich bin hier schon oft gewesen
Aber ich zu verblendet, um zu sehen
Dass du jeden Mann verführst
Dieses Mal wirst du mich nicht verführen

You’ll never make me stay
So take your weight off of me
I know your every move
So won’t you just let me be
I’ve been here times before
But I was too blind to see
That you seduce every man
This time you won’t seduce me

Joie: Mit diesen Worten beginnt das Spiel der Verführung, das Dirty Diana heißt. Und es ist offensichtlich eins, das sie schon seit einiger Zeit spielen. Er kennt „jede ihrer Bewegungen“, er „ist hier schon oft gewesen“. Aber dieses Mal ist es anders. Dieses Mal hat er endlich seine Augen geöffnet und sieht sie als das, was sie wirklich ist, und er will da nicht nochmal durchgehen.

Sie sagt, das ist ok
Hey Baby, mach‘ was dir gefällt
Ich hab die Sachen, die du willst
Ich bin das, was du brauchst
Sie sah mir tief in die Augen
Sie berührt mich um anzufangen
Sie sagt es gibt kein Zurück
Sie hat mich in ihrem Herzen gefangen

She‘ saying that’s ok
Hey Baby do what you please
I have the stuff that you want
I am the thing that you need
She looked me deep in the eyes
She’s touchin’ me so to start
She says there’s no turnin’ back
She trapped me in her heart

Sie will ihn, und sie ist nicht gewillt ein “Nein” als Antwort gelten zu lassen. Sie neckt ihn, erzählt ihm, dass sie genau weiß, was er will und was er braucht. Dann berührt sie ihn anzüglich und sagt „Es gibt kein Zurück“. Er ist gefangen von dieser wunderschönen, rücksichtslosen Verführerin, und er ist zerrissen. Auf der einen Seite ist da My Baby, die Frau die er liebt und die zu Hause auf ihn wartet. Aber direkt vor ihm steht diese böse Versuchung und erzählt ihm, dass sie bereit ist. Er möchte treu sein. Aber er fühlt sich so seltsam angezogen von dieser anderen Frau. Sie ist wild und aufregend und unberechenbar, und er mag das. Aber er mag auch die Tatsache, dass My Baby in seinem Leben ist, jemand der ihn kennt und liebt und sich um ihn kümmert. Er fühlt dieses gleiche Dilemma in Dangerous:

Sie kam schrittweise auf mich zu
Mit den Augen des Begehrens
Ich fühlte mich gefangen in ihrem
Netz der Sünde
Eine Berührung, ein Kuss
in Liebesflüstern
Ich war am Punkt
Ohne Wiederkehr

She came at me in sections
With the eyes of desire
I fell trapped into her
Web of sin
A touch, a kis
A whisper of love
I was at the point
Of no return

Also noch mal, er fühlt sich gefangen. Aber dieses Mal ist es ein bisschen dunkler. Das erste Mal singt er „Sie hat mich in ihrem Herzen gefangen“. Das zweite Mal ist er „gefangen in ihrem Netz der Sünde“. Das Bad Album wurde 1988 veröffentlich, als Michael noch ein ziemlich junger, unerfahrener Mann war, Dangerous wurde einige Jahre später 1991 veröffentlicht, und ein paar Jahre können einen großen Unterschied ausmachen. So, im Jahr 1988 war er ein wenig naiv und dann völlig überrascht, als Diana ihm den Telefonhörer aus der Hand nimmt und My Baby erzählt, er würde nicht nach Hause kommen „weil er mit mir schläft“. Aber 1991 ist er nicht mehr so naiv und er weiß genau, wo er hinein gerät.

Ihr Mund war
Weicher als Öl
Aber ihr innerer Geist
Ist scharf wie
Ein zweischneidiges Schwert
Aber ich liebte es
Denn es ist gefährlich

Her mouth was
Smoother than oil
But her inner spirit
Is as sharp as
A two-edged sword
But I loved it
‘Cause it’s dangerous

Er weiß, dass es falsch ist. Er weiß, dass er es nicht tun sollte. Aber er kann sich nicht helfen; er fühlt sich auf unerklärliche Weise von ihr angezogen. Aber wer ist sie wirklich? Und wenn wir My Baby als jemanden sehen, der einen Part seiner Psyche oder sein inneres Selbst repräsentiert, wer sind dann diese anderen Frauen, die sie ständig bedrohen und versuchen, sich zwischen sie zu stellen? Könnten diese Frauen möglicherweise einen anderen Teil seiner Psyche darstellen? Vielleicht den Teil von ihm, der um den Ruhm wirbt, die Seite von ihm, die sich zur Unterhaltung, zum Kreieren, zur Bühne hingezogen fühlt. Jener Teil von ihm, der es liebt, vor einer Kamera zu stehen oder auf der Bühne vor 80.000 Menschen aufzutreten. Ist es möglich, dass diese „gefährlichen“ Frauen den Ruhm selbst repräsentieren und dass Michael Jackson sich of von ihm verführt fühlte? Gezwungen mit ihr loszugehen anstatt nach Hause zu My Baby. Gezwungen seine Karriere zu verfolgen, statt diesen geheimen Teil von sich selbst, den er versuchte sicher vor dem Rampenlicht zu verstecken, zu hegen.

Ruhm ist der Traum von vielen, die Hoffnung von Millionen. Aber alles hat seinen Preis und oft wünschen sich diejenigen, die ihn gefunden haben, es wäre anders. Ruhm ist wild und aufregend und unvorhersehbar – genauso wie die Versuchung in Dirty Diana und Dangerous. Aber Ruhm kann auch brutal und unfreundlich und schmerzhaft sein für jene, die ihn erlangen. Frag’ einfach My Baby.

Willa: Wow, Joie. Du hast mich offiziell umgehauen. Ich habe nie die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass diese verführerischen, bedrohlichen Frauen der Ruhm selbst sein könnten, oder der Teil von ihm, der sich zum Ruhm hingezogen fühlt. Aber jetzt wo du es sagst, macht es perfekten Sinn. Es machte niemals Sinn für mich, dass er sich zu einer grausamen Person hingezogen fühlt, zu jemandem dessen „innerer Geist so scharf wie ein zweischneidiges Schwert“ ist. Aber Ruhm ist grausam, und er weiß das, aber er fühlt sich trotzdem zu ihm hingezogen. Das macht auf perfekte Art Sinn. Es erklärt auch, warum er dem nicht entkommen kann – warum diese verführerischen Frauen immer und wieder zurückkehren, Album für Album, und My Baby bedrohen. Er kann dem nicht entfliehen, weil es ebenso ein Teil von ihm ist, genauso wie My Baby der Teil von ihm ist, der immer wieder vom Ruhm angezogen wird.Es erklärt auch, warum diese komplizierte Dreiecksgeschichte, in die er jahrelang verwickelt ist, nach den falschen Anschuldigungen im Jahr 1993 plötzlich verschwindet und er entdeckte, wie grausam Ruhm wirklich sein kann. Dies war eine so einschneidende Erfahrung für ihn, dass ihn der Ruhm nicht länger anzog. Der Bann war gebrochen, und nun konnte er den Ruhm als das sehen, was er wirklich ist. Er erkennt ihn noch an und respektiert seine Macht – vielleicht mehr als vorher – aber er fühlt sich nicht mehr auf diese naive Art von ihm angezogen, und er lässt nicht mehr zu, dass My Baby bedroht wird.

Joie: Nein, er lässt ihn My Baby nicht mehr bedrohen. Es ist, als ob er von diesem Punkt (1993) an viel größere Anstrengungen auf sich nimmt, die zwei getrennt zu halten, und er trifft die bewusste Entscheidung, sich auf My Baby zu fokussieren, sich mehr um sein Privatleben zu kümmern. Er heiratet und versucht, eine Familie zu gründen. Es funktioniert nicht beim ersten Mal, aber er versucht es weiter. Er wird Vater. Er unternimmt aktive Schritte, ein glückliches Privatleben aufzubauen, My Baby ein wenig zu verwöhnen.

Und ich habe niemals vorher darüber nachgedacht! Jahrelang habe ich gedacht, dass die bedrohlichen Frauen sich auf die Medien, die Regenbogenpresse, die Paparazzi usw. beziehen. Es war so, bis ich mit diesem Blog begann und mit der genauen Analyse von Dirty Diana und Dangerous, dass es mich wie ein Blitzschlag traf. Der Ruhm ist die dreiste, bedrohliche Präsenz in dieser Dreiergruppe. Ich denke, das macht so alles sehr viel Sinn.

Willa: Ich stimme dir zu, und ich bin so fasziniert von diesem Gedanken. Ich möchte gern noch einmal zurückgehen und jenen frühen Songs noch einmal zuhören mit dieser Interpretation im Kopf, und sehen, ob es neues Licht auf diesen permanenten Konflikt zwischen dem Protagonisten, My Baby und die Frauen, die sie bedrohen, wirft. Aber dieser Konflikt verschwindet nach 1993. Nach dem Horror dieser Erfahrung lässt er nicht länger die Anziehungskraft des Ruhmes My Baby bedrohen. Sie ist immer noch irgendwie zerbrechlich und muss beschützt werden, aber die Bedrohungen sind nun andere.

Wir werden mit einer dieser Bedrohungen in Ghosts vertraut gemacht, dem ersten Song, der Bezug auf My Baby nimmt, nachdem der Skandal 1993 ausbrach. Wie das Video klarmacht, spricht er eine bedrohliche Person an – eine Person, die viele Kritiker als einen Repräsentanten für den Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon sahen, den Mann, der die Ermittlungen gegen Jackson führte. Der Protagonist steht dieser Person gegenüber und fordert Antworten, fragt ihn wiederholt

Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
Sie braucht mic
Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?

And who gave you the right to shake my family?
And who gave you the right to shake My Baby?
She needs me
And who gave you the right to shake my family tree?

So, noch einmal, My Baby ist in Gefahr, aber dieses Mal ist es keine Verführung, die sie verletzt. Es ist die Polizei. Und dieses Mal wird der Protagonist nicht zerrissen von widerstreitenden Impulsen. Er weiß, auf welcher Seite er ist, und er tut alles, was in seiner Macht steht, um sie zu verteidigen und zu beschützen. Er spricht ganz klar eine Autoritätsperson an in dieser Szene, und ganz wichtig, er stellt den Urgrund dieser Autorität in Frage. Wiederholt fragt er diesen Mann „Wer gab dir das Recht …?“ Warum hast du die Berechtigung, diese Macht das Leben einer anderen Person zu erschüttern? Woher kommt diese Macht? Was gibt dir das Recht, einen anderen Menschen auf diese Art zu behandeln?Diese Abfolge von Fragen wird drei Mal im Ablauf von Ghosts wiederholt, aber beim dritten Mal wird es erweitert und eine neue Frage wird fast unmerklich inmitten der übrigen Fragen platziert:

Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?
Und wer gab dir das Recht bei mir einzudringen,
mich zu sehen?
Und wer gab die das Recht, meine Familie zu erschüttern?
Und wer gab dir das Recht, My Baby zu erschüttern?
Sie braucht mich
Und wer gab dir das Recht meinen Stammbaum zu schütteln?

And who gave you the right to shake my family?
And who gave you the right to shake My Baby?
She needs me
And who gave you the right to shake my family tree?
And who gave you the right to take intrusion,
To see me?
And who gave you the right to shake my family?
And who gave you the right to shake My Baby?
She needs me
And who gave you the right to shake my family tree?

Diese neue Frage lautet „Und wer gab dir das Recht bei mir einzudringen, mich zu sehen?“ Ich denke, dies ist eine ganz eindeutige Referenz an die Leibesvisitation, die am 20. Dezember 1993 durchgeführt wurde – eine Prozedur, die von Tom Sneddon angeordnet war – bei der die intimsten Körperteile Michael Jacksons von der Polizei fotografiert und auf Video aufgenommen wurden.

Mein Empfinden sagt mir, dass er die Leibesvisitation wie eine – von der Polizei erlaubte - Vergewaltigung erlebte, und ich gebrauche dieses Wort nicht leichtfertig. Zum Beispiel sagt er in They don’t care about us

Ich bin das Opfer der Brutalität der Polizei

Du nimmst mir meinen Stolz

I am the victim of police brutality

You’re raping me of my pride

Und in Privacy bezieht er sich auf “diese kalte Winternacht, als mir mein Stolz entrissen wurde.“ Der unmittelbare Kontext suggeriert, dass er über den Tod von Prinzessin Diana sprechen würde, während sie von den Paparazzi gejagt wurde, aber sie starb im August. Die Leibesvisitation fand im Dezember statt. Und wenn wir den weiteren Kontext dieser Lyrics betrachten, dann erkennen wir, dass er wiederholt seine und ihre Erfahrungen gegenüberstellt.

Ich bin nicht sicher, vielleicht ist es übertrieben, wie tiefgreifend die Vorgänge von 1993 Michael Jackson beeinflusst haben. Seine Weltsicht hat sich nach dieser Zeit schwerwiegend verschoben, und eine dieser Verschiebungen betrifft die Art und Weise, in der er die Institutionen der Macht sah, wie die Polizei oder die Presse. Er war immer sehr besorgt um Ungerechtigkeit und Diskriminierung, aber vor 1993 lag sein Fokus auf gelegentlichen Ungerechtigkeiten, die innerhalb dieser Institutionen vorkamen. Nach 1993 sind die Institutionen selbst im Blickpunkt und was ihnen das Recht gibt, in den intimsten Winkel des Lebens einer Person einzudringen – dem Ort, an dem My Baby weilt.


Joie: Willa, ich denke genauso wie du, dass er die Leibesvisitation als Vergewaltigung sah und tief von ihr getroffen war. Es ist, als ob er nach den Vorkommnissen von 1993 und dem ganzen Kampf darum eine andere Person in Beziehung zu seinem Ruhm geworden ist. Und ich denke du hast recht, wenn du sagst, dass My Baby noch zerbrechlich ist und Schutz bracht, aber dass die Bedrohungen nun ganz andere sind. Tatsächlich scheinen sich die Bedrohungen ihr gegenüber nach den Anschuldigungen in etwas Bedrohliches verwandelt zu haben. Wenn man einfach auf den Text von Ghosts achtet, wird das klar. Und die Lyrics von Heaven Can Wait sind ebenso finster und auch etwas traurig.

Du bist schön
Jeder Moment mit dir ist einfach wundervoll
Diese Liebe, die ich für dich empfinde, Mädchen, es ist unglaublich
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht bei dir sein könnte
Die Welt könnte nicht so weitermachen jede Nacht, Ich bete
Wenn Gott zu mir kommen würde, bevor ich aufwache
Würde ich nicht gehen wollen, wenn ich dein Gesicht nicht sehen kann
Dich nicht fest halten kann
Welchen Sinn hätte der Himmel
Wenn die Engel mich holen wollten,
Ich würde Nein zu ihnen sagen


You’re beautiful
Each moment spent with you is simply wonderful
This love I have for you girl, it’s incredible
I don’t know what I’d do, if I can’t be with you
The world could not go on so every night I pray
If the Lord should come for me before I wake
I wouldn’t wanna go if I can’t see your face
Can’t hold you close
What good would Heaven be
If the angels came for me
I’d tell them no

Oberflächlich gesehen ist es ein schöner Song darüber, wie er diese Frau liebt – My Baby – so sehr, dass er sie für nichts verlassen möchte. Nicht mal für den Himmel. Aber wenn My Baby sein privates Leben darstellt, für das er so hart gearbeitet hat, um es aufzubauen und zu erhalten – ein Leben, das nun seine wertvollen Kinder, die er anbetet, beinhaltet – dann bekommt dieser Song plötzlich eine neue Bedeutung. Und wenn wir unsere Theorie fortsetzen, dass die Bedrohung für My Baby der Ruhm selbst ist, dann sind diese Lyrics wie eine Vorahnung. Fast als ob er sich darin ergeben hätte, dass letztendlich sein Ruhm der Grund für seinen Untergang sein würde und er sich demgegenüber machtlos fühlt. Am Ende des Songs bittet er „Lasst uns einfach allein. Bitte lasst uns allein.“ Es ist ein vergeblicher Versuch und er weiß das, aber er muss es irgendwie versuchen. Seine Babies – My Baby – stehen auf dem Spiel.

Willa: Joie, meistenteils bin ich deiner Meinung, außer dass ich ihn nicht so machtlos sehe wie du. Er ist nun schwer erprobt. Wirklich, er ging zur Hölle und zurück. Und er hat überlebt, mit seiner Seele, seiner Psyche, seinem intakten Inneren, Es war schrecklich – niemand sollte da durch müssen, durch die elenden Jahre, die er ertrug. Er weiß, niemand kann My Baby von ihm trennen ohne seine Erlaubnis. Und nun fordert er den Tod selbst heraus, um ihn von diesem innersten Teil von sich selbst zu trennen. Wie er in der letzten Strophe singt, weigert er sich ohne sie zu gehen:

Oh nein, ich kann nicht ohne My Baby sein.
Ich will nicht gehen, ohne sie werde ich verrückt.
Oh nein, ich schätze, der Himmel wird warten.

Oh no, can’t be without My Baby.
Won’t go, without her I’ll go crazy.
Oh no, guess Heaven will be waiting.

Er kennt jetzt seine eigene Stärke. Er mag alles andere verlieren – er kann das Schicksal nicht kontrollieren – aber er würde nicht My Baby verlieren: seine Seele, seine Psyche, seine Selbsterkenntnis, seine Kreativität.

Joie: Nein, versteh‘ mich nicht falsch. Was ich sage ist, dass sein Appell „Lasst uns einfach allein,“ ins Leere geht. Er weiß das, ganz egal wie viel er darum bettelt, der Ruhm (oder Tod, oder die Medien, oder Sneddon) wird ihn niemals allein lassen. All diese Bedrohungen gegenüber My Baby werden niemals wirklich vorbei sein. Aber ich stimme dir zu, dass er „vollmächtig“ ist. Wie ich schon sagte, ist er nach den Geschehnissen 1993 eine völlig andere Person geworden, aber in gewisser Weise ist er auch viel stärker und viel weiser, als er es jemals zuvor war. Und er ist auch viel mehr im Reinen mit sich. Es ist, als wäre My Baby sein Anker, und endlich realisiert und respektiert er das und wird alles tun, um sie zu schützen.

Willa: Gut, hiermit beenden wir unsere Ausführungen zu My Baby und Joie und ich können es nicht erwarten, was eure Gedanken zu diesem Abschnitt der Serie sind. So lasst uns wissen, was ihr denkt und nächste Woche haben wir ein neues Thema. Wir laden einen dieser lästigen Elefanten ein herauszukommen und zu spielen, die Diskussion sollte … ziemlich interessant werden!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 21:20

War Michael Jackson schwarz genug?
01/09/2011

Willa:Diese Woche wollen Joie und ich mit einem jener Elefanten im Raum tanzen und die immer wiederkehrende Kritik ansprechen, Michael Jackson wäre nicht „schwarz genug“ gewesen. Wir sprechen nicht über seine Hautfarbe. Wir reden über die Kritik, die vor langer Zeit begann in den 1970er und 80er Jahren, als Kritiker auf seine Penny Loafer und sein Image in der Öffentlichkeit schauten und sagten, er tue nicht genug, um seine schwarze Herkunft anzunehmen.

Joie:Ok, das ist ein schwieriges Thema für mich. Nicht, weil ich nicht weiß, wo ich bei diesem Punkt stehe, sondern weil die Frage mich aus einigen Gründen ein bisschen wütend macht. Einer davon ist, dass es eine Frage ist, die bei mehr als einer Gelegenheit auch an mich gerichtet wurde. Ich bin in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen und die Schulen, in die ich in den 1970er und 80er Jahren ging waren ein guter Mix aus Schwarz und Weiß. Aber weil ich nicht grundsätzlich nur mit den anderen farbigen Kindern rumhing und stattdessen auch viele weiße Freunde hatte, war ich plötzlich das Mädchen, das versuchte, Weiß zu sein. Und diese Kritik kam nicht nur von den anderen Schwarzen Kindern, sondern genauso von einem meiner Geschwister. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich mehr gemeinsam hatte mit den Kindern, die ich mir ausgesucht hatte zum Spielen als mit den Kindern, die aussahen wie ich. Das war offensichtlich nicht der Punkt. Aber dies ist die Sache … ich bin wirklich immer noch nicht sicher, was der entscheidende Punkt ist und ich glaube nicht, dass es irgend jemand anderer weiß.

Mein Neffe, den ich anbete, schloss kürzlich das Morehouse College ab. Es ist ein Campus nur für farbige, männliche Studenten (der weibliche Gegenpart, Spelman, liegt genau gegenüber). Ich fragte ihn, was er denkt über diese „schwarz genug“-Frage, und ich muss zugeben, dass ich ein wenig betrübt bin über seine Antwort. Betrübt deshalb, weil er sagte, dass sogar auf diesem Campus mit nur farbigen Mitgliedern, Jungs sind, die diese selbe Kritik ertragen müssen – entweder wegen der Art, wie sie sich kleiden (wie angepasste / figurbetonte statt weitsitzender Kleidungsstücke, glatte Haare statt natürlich gelockte) oder wen sie daten (weiße Freundinnen statt farbige). Okay, nach dem Standard gibt es dann einige von Farbigen Menschen da draußen – beides, männlich und weiblich (mich selbst eingeschlossen), die nicht mehr schwarz genug sind! Warum, oh warum hat mir niemand gesagt, dass ich durch das Tragen von glatten Haaren und das Eingehen einer Mischehe meine Rasse ausverkaufe? Oh welche Schande! Ich schätze, es ist eine gute Sache, dass ich fest daran glaube, dass wir alle von derselben Rasse abstammen – der menschlichen Rasse!

Willa: Joie, dieser Satz „… ich bin wirklich immer noch nicht sicher, was der entscheidende Punkt ist und ich glaube nicht, dass es irgend jemand anderer weiß,“ hat wirklich meine Aufmerksamkeit gefesselt. Denn was ist genau der zugrunde liegende Aspekt hierbei? Ich verstehe die Befürchtung, dass das kulturelle Erbe einer Gruppe verloren gehen kann. Ich habe das auch erlebt. Die Großmutter meines Großvaters war Potawatomi (Anm.: ein Indianerstamm), aber außer ein paar Quilt-Decken, die sie zusammen angefertigt hatten, als er ein Kind war und einer alten sepiafarbenen Fotografie, habe ich keinen Zugang zu meiner Ur- Ur-Großmutter oder zu ihrer Kultur. Das ist alles komplett verloren für mich. Wenn ich ein Formular ausfüllen und meine Identifikation ankreuzen muss, kreuze ich Weiß an. Sogar, wenn ich mehr als eines ankreuzen kann, mache ich das Kreuz nur bei Weiß. Genetisch gesehen bin ich ein bisschen Potawatomi, aber kulturell bin ich es nicht, und es würde sich für mich vermessen anhören, wenn ich meine Verbindung zu einer Herkunft behaupten würde, über die ich nichts weiß. Ich bedauere wirklich, dass die Herkunft für mich verloren ist, aber an diesem Punkt ist es einfach so.

Gleichzeitig finde ich es sehr verwirrend, wenn Kommentatoren, speziell weiße, Michael Jackson oder Präsident Obama oder irgendeine öffentliche Person dafür kritisieren, angeblich ihre traditionelle schwarze Identität nicht zu würdigen. Es unterstellt, dass es eine Definition dafür gibt, was schwarz bedeutet und dass jeder, der schwarz ist, sich daran zu halten hat. Ich weiß noch, als ich einmal in einem Supermarkt in Jeans und T-Shirt einkaufte, kam ein Mann auf mich zu und sagte zu mir, ich sollte doch meine Weiblichkeit mehr schätzen. Ich war ziemlich sprachlos deswegen – und ehrlich gesagt, ein wenig beleidigt. Welches Recht hat er, mir seine Gedanken darüber aufzuzwingen, was an mir feminin ist? Ich entscheide für mich selbst, was feminin ist und was nicht, oder ob ich überhaupt feminin sein will oder nicht, was immer das heißt, und ich denke, die meisten Leute würden mir zustimmen.

Trotzdem ist es irgendwie okay für weiße Kommentatoren, ihre Definition dessen, was schwarz für sie heißt, Michael Jackson aufzuzwingen. Und generell auch, wenn sie sagen, dass sie nicht das Gefühl haben, ihn würde seine schwarze Herkunft interessieren. Es hört sich an wie eine Herabsetzung, auf eine wirklich manipulative und hinterlistige Art.

Joie: Das ist eine Herabsetzung. Aber hier ist das, was mich besonders an diesem Thema ärgert, Willa, und es ist etwas, das du gerade schon angesprochen hast. Und ich möchte alle diejenigen, die diese Kritik üben, bitten diesem Punkt wirklich Beachtung zu schenken und dies zu verstehen: Was ist eine „traditionelle schwarze Identität“? Denn die Wahrheit ist, was immer du auf diese Frage antwortest, es wird zweifellos ein Klischee sein. Es gibt KEINE SOLCHE SACHE wie die „traditionelle schwarze Identität“. Es gibt so viele verschiedene Arten von schwarzen Menschen wie es Schattierungen von schwarz gibt. Wir kommen aus allen sozialen Schichten, mit jeglichem sozialen und wirtschaftlichem Hintergrund – im Gegensatz zu dem, was die Medien euch glauben machen wollen! Wenn ich Rap höre und Slang rede, dann ist es Ok, und wenn ich Heavy Metal höre und artikuliert rede, dann habe ich die Bindung zu meiner Herkunft verloren? Mit den Worten meines Neffen … warum erlauben wir der Popkultur, die Messlatte dafür zu sein, an der wir entscheiden, wer „Schwarz genug“ ist? Das Gebot, wirklich Schwarz zu sein würde bedeuten, du hast ganz bestimmte Kleidung zu tragen und ganz bestimmte Musik zu hören und zu singen, ganz bestimmte Leute zu treffen und auf eine ganz bestimmte Art zu sprechen. Das ist einfach absurd. Und dieses Denkmuster, das darauf besteht, dass alle farbigen Menschen konform mit dieser gewissen Stereotype gehen müssen, ist auf eine bestimmte Art eine eigene sonderbare Form des internen, selbst auferlegten Rassismus. Ich verstehe dieses Denken überhaupt nicht. Ich meine, wenn alle Schwarzen diese Ansichten beherzigen würden, wie viel Schönheit und Staunen würde uns dadurch vorenthalten werden? Würde es dann überhaupt einen Michael Jackson geben, über den wir diskutieren könnten?

Also, ich vermute, das was ich zu sagen versuche ist JA! Michael Jackson ist reichlich schwarz. Und so sind es übrigens auch Darius Rucker und Charlie Pride! Wer hat jemals gesagt, dass Musik farblich gekennzeichnet sein muss? Wer hat gesagt, dass unsere schwarzen öffentlichen Personen in eine imaginäre stereotype Schublade passen müssen, damit sie als etwas gelten können? Warum können wir nicht ganz einfach stolz sein auf die Tatsache, dass Michael Jackson – ein stolzer schwarzer Mann – der größte, am meisten gefeierte Entertainer aller Zeiten wurde, geliebt von Millionen auf der ganzen Welt? Warum können wir nicht ganz einfach stolz sein auf das Wissen, dass Michael Jackson – ein stolzer schwarzer Mann – der einflussreichste musikalische Innovator der Welt wurde? Er folgte niemals den Trends, er setzte sie! Warum können wir nicht einfach die Tatsache feiern, dass Michael Jackson – ein stolzer schwarzer Mann – verantwortlich ist für das bestverkaufte Musikalbum der Geschichte? Er wird für immer bekannt sein als der einzig wahre King of Pop. Ein schwarzer Mann hat das getan! Ein stolzer, schöner, starker, hart arbeitender schwarzer Mann hat das alles und noch viel mehr getan! Warum können wir ihn nicht ganz einfach feiern, anstatt anzuklagen, er sei nicht „schwarz genug“?

Ich vermute, der wahre Grund dafür, dass diese Frage mich so aufregt ist, dass ich es wirklich beleidigend finde, dass diese Frage niemand anderem gestellt wird. Niemand hat jemals gefragt, ob Jackie Chan chinesisch genug sei oder ob Robin Thicke Weiß genug sei. Wirklich, lass uns das doch mal näher betrachten: Robin Thicke ist ein sehr talentierter Sänger mit einer wunderbaren Stimme. Aber er singt R & B, und er redet gewissermaßen „schwarz“, er ist verheiratet mit einer wunderschönen farbigen Frau, ich weiß nicht …Vielleicht hat er seine Weiße Herkunft verkauft? Hat sich darüber schon mal jemand Gedanken gemacht?

Willa:Das ist ein sehr interessanter Punkt, und dazu einer, über den ich vorher nie nachgedacht habe. Ich habe mich niemals in meinem Leben gefragt, ob ich weiß genug bin, und ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich zurückhalten, mich selbst anzweifeln oder in irgendeiner Form begrenzen muss, um mit der Identifikation meiner Rasse überein zu stimmen. Ich kann mein Haar glatt tragen oder dauergewellt oder mit Dreadlocks, ich kann French Toast zum Frühstück essen oder Sushi zum Lunch oder Fish Tacos zum Abendessen, ich kann dem Zauber eines Buches von Toni Morrison oder Leslie Marmon Silko oder Maxine Hong Kingston verfallen, und es ist ganz einfach kein Thema. Weil ich Weiß bin und zur „vorherrschenden“ Kultur gehöre, kann ich andere Kulturen erforschen so viel ich will, und es bedroht meine Identität in keiner Weise. Und niemand fragt danach. Ich könnte beschuldigt werden, die Kultur von anderen in Beschlag genommen zu haben, aber das ist ein anderes Thema. Aber ich musste mich nie mit dieser Kritik von außen auseinandersetzen oder mit den inneren Selbstzweifeln, über die du gesprochen hast.

Vielleicht ist es das, was Michael Jackson in dem Rap-Abschnitt von Black or White rüberbringen wollte, als er schrieb „Ich werde nicht mein Leben damit verbringen eine Farbe zu sein“ (I’m not going to spend my life being a color). Ich denke, Michael Jackson leistete allem Widerstand, was uns dazu bringt, unser Leben zu begrenzen, einschließlich unserem Alter, Geschlecht, Nationalität, Sexualität, Rassenidentifikation. Wie du gesagt hast „Er war reichlich schwarz“ – er war der direkte Nachfahre von James Brown und Jackie Wilson und Sammy Davis, Jr., und er war sehr stolz darauf – aber er bewahrte für sich selbst das Recht zu definieren, was es heißt schwarz zu sein.

Idealerweise sollte jeder das Recht haben zur Selbstbestimmung, wir sollten selbst definieren können, wer wir sind und wer wir sein wollen. Künstler experimentieren mit diesem Recht der Selbstdefinition mehr als die meisten anderen Leute - und niemand verschob das Recht auf Selbstdefinition weiter, als es Michael Jackson tat. Er verweigerte absolut, von den Erwartungen anderer Leute in eine Schublade gesteckt zu werden. Wenn er roten Lippenstift tragen wollte, dann tat er es. Allerdings hat dieser Widerstand gegen kulturelle Erwartungen eine ebenso lange Geschichte. Josephine Baker und James Baldwin forderten die kulturellen Rollen auf massive Weise für sich heraus, aber das wies keinesfalls darauf hin, sie würden ihre schwarze Herkunft nicht respektieren. Stattdessen weiteten sie sie aus und erschufen ein neues Kapitel in der Geschichte ihres schwarzen Erbes. Und wie du es schon so schön beschrieben hast, Michael Jackson erschuf sehr verwegen ein neues Kapitel ganz für sich allein.

Ich denke, Michael Jackson war eine umgestaltende kulturelle Person, die tiefgreifend beeinflusst hat, wie wir als Volk die Unterschiede, die uns teilen und trennen, wahrnehmen und erfahren – Unterschiede der Rassen, Geschlecht, Alter, Religion, Nationalität, Sexualität – und ich glaube, er war der bedeutendste Künstler unserer Zeit. Nicht der bedeutendste schwarze Künstler. Der bedeutendste Künstler, Punkt. Kein Künstler seit Warhol hat uns herausgefordert und verändert auf die Art, wie Michael Jackson es getan hat. Und ironischerweise erreichte er das teilweise, indem er den Beschränkungen trotzte, deren Überschreitung er angeklagt war.

Joie:Wow. Ich liebe die Art, wie du das sagst:“… indem er den Beschränkungen trotzte, deren Überschreitung er angeklagt war.“ Du hast so recht. Und ich glaube wirklich, es war sein Ziel, die Welt zu vereinen – alle Rassen, alle Farben, alle Nationalitäten – durch das Geschenk seiner Musik. Er sagte einst der Reporterin Sylvia Chase:

„Wenn sie sich alle an den Händen halten und jeder rockt und da sind alle Farben von Menschen, alle Rassen … Es ist die wundervollste Sache. Sogar Politiker können so etwas nicht!“

Die Ehrfurcht in seiner Stimme, als er diese Worte zu ihr sagte, ist so echt und andächtig, du weißt einfach, dass er ehrlich bewegt ist, wenn er das sieht. Du kannst es in seiner Stimme spüren und ich glaube, dass er wirklich fühlte, was er in Black or White sang: „Wenn du denkst mein Bruder zu sein / Spielt es keine Rolle, ob du schwarz oder weiß bist“ (If you’re thinkin‘ of being my brother / it don’t matter if you’re Black or White). Ich glaube, diese Worte sprachen wirklich zu ihm und waren wichtig für ihn. Ich denke, oberflächlich gesehen wurde der Song von den meisten Leuten als ein süßer „Können wir nicht einfach alle gut miteinander auskommen-Yeah“-Einigkeits-Song gesehen, in Wirklichkeit war es eine sehr ernste Botschaft, die er versuchte uns allen rüberzubringen. Es spielt keine Rolle, ob du schwarz oder weiß bist, und das ganze Beurteilen und Etikettieren dient nur dazu, uns alle klein zu halten und unter Kontrolle zu haben. Ist jemand schwarz genug? Weiß genug? Chinesisch genug? Puerto-ricanisch genug? Das ist nicht gerade eine berechtigte Frage. Sicherlich keine, die jeder – jeder Rasse – jemals jemand anderen fragen sollte, weil nur der Einzelne selbst auf diese Frage antworten kann. Nur ich allein habe das Recht zu fragen, ob ich schwarz genug bin, genau wie nur du, Willa, das Recht hast zu fragen, ob du weiß genug bist. Und nur Michael Jackson hatte das Recht zu fragen, ob oder ob er nicht schwarz genug war. Und ich denke, er beantwortete diese Frage für uns wieder und wieder in seiner Kunst und in der Wahl dessen, was er unterstützte wie den United Negro College Fund und die Equality For Blacks in the Music World.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 21:37

Ich habe nicht vor, mein Leben als „Farbe“ zu verbringen
08/09/2011

Willa: Letzte Woche haben Joie und ich mit einem dieser Elefanten in Raum getanzt und die Frage diskutiert „War Michael Jackson schwarz genug?“ Und wir haben angefangen und gesagt, wir reden nicht über seine Hautfarbe. Heute tun wir das. Wir werden mit einem wirklich großen Elefanten tanzen und die Frage stellen, warum sich die offensichtliche Farbe seiner Haut von dunkel nach hell veränderte.

Joie: Wie Willa in unserem ersten Blog erwähnt hat, haben wir uns über dieses spezielle Thema wirklich heftig gestritten. Über Monate hinweg hatten wir erhitzte Diskussionen zu diesem Punkt, hin und her, vor und zurück, und schließlich haben wir uns irgendwie in der Mitte getroffen. Aber ich denke, es ist wichtig festzustellen, dass wir nicht immer auf derselben Seite standen. Tatsächlich war es so, dass wir eine sehr lange Zeit genau auf gegensätzlichen Seiten waren, und wir waren jeder für sich sehr überzeugt von unserem eigenen Standpunkt. Aber die folgende Unterhaltung ist das, was uns schließlich zusammenbracht hat und uns hat verstehen lassen, wo der andere herkommt …

* * *
Joie: Ich kann etwas aus erster Hand erzählen über die Art der Turbulenzen, durch die Michael wohl durchgegangen sein muss. Also, meine Mutter war vor kurzem außerhalb der Stadt auf der Beerdigung eines Verwandten und, wie es oft so ist bei dieser Art von Zusammenkünften, es wurde eine Art Familientreffen. Jedenfalls war sie erschrocken darüber, eine entfernte Cousine, die an Vitiligo leidet, wiederzutreffen. Erschrocken nicht deshalb, weil sie nicht wusste, dass die Cousine diese Krankheit hat, sondern weil sie nicht wusste, wie diese neuerdings damit umgeht. Es sah aus, als ob sich ihr Zustand in den letzten Jahren verschlechtert hätte und ihre Flecken großflächiger geworden wären. Das was sie sonst mithilfe von dunklem Make up kaschiert hatte, war nun zu übermächtig geworden. Also stattdessen hat sie sich nun mit der Depigmentierung abgefunden und die verbliebenen dunklen Pigmente der Haut entfernen lassen, damit die Hautfarbe gleichmäßiger aussieht. Meine Mutter sagt, ihre Haut sähe der von Michael Jackson ziemlich ähnlich.

So, das hat mich nachdenklich gemacht darüber, was eine Person mit dieser Krankheit wohl fühlt, und ich habe versucht, mich in ihre Lage zu versetzen. Stell dir Folgendes vor: Du bist ein Superstar in der Musikszene. Seit du ein kleines Kind warst, warst du höchst berühmt. Du hattest vier Nummer-Eins-Hits zu der Zeit, als elf Jahre alt warst, und die Welt liebt dich. Oh, ich vergaß zu erwähnen, dass du Afro-Amerikaner bist UND dass deine Karriere in den 1960er Jahren in Amerika begann. Das ist richtig, sag’ es laut „Du bist schwarz und du bist stolz!“ (Say it loud, you’re Black and you’re Proud!). Nicht nur, dass dich die Welt liebt, nein, das schwarze Amerika LIEBT dich wirklich!

Kannst du mir folgen? Ok, gut. Nun stell dir vor, je älter du wirst, umso erfolgreicher und berühmter wirst du. Du wächst von einem Teenager Superstar zu einer Musikikone der Erwachsenen heran. Du bist ein Rockstar! Du bist größer als dieser Typ Elvis (oh ja, ich hab’s gesagt)! Nun stell dir vor, dass auf der Höhe deines Ruhmes und Erfolges dein Arzt dir erzählt, du hättest eine zerstörerische Autoimmunkrankheit, Vitiligo genannt.

Vitiligo ist eine Erkrankung, die einen Verlust der Hautpigmentierung verursacht. Patienten mit Vitiligo entwickeln weiße Stellen auf der Haut, die in Größe und Lage variieren. Die Krankheit betrifft beide Geschlechter und jede Rasse, aber die charakteristischen entfärbten Flecken sind bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe sichtbarer. Da Vitiligo solch eine dramatisch ungleiche Hautfarbe verursacht, bedeutet dies für die meisten Betroffenen eine emotionale und psychische Peinigung – besonders wenn die Flecken sich auf sichtbaren Bereichen des Körpers ausbreiten wie dem Gesicht, Händen, Armen oder sogar an den Genitalien. Die meisten Patienten sind oft peinlich berührt, niedergeschlagen und schämen sich und quälen sich mit der Sorge darum, wie andere darauf reagieren. Also, für eine afroamerikanische Person, die die meiste Zeit ihres Lebens vor der Kamera gestanden hat – und die von ihrem Spiegelbild bereits als Teenager sehr enttäuscht wurde wegen schwerer Akne und von einer Nase, mit der er nie glücklich war – würde diese Diagnose traumatisch sein, gelinde gesagt. Besonders, da er sich ständig mit gemeiner und unfairer Berichterstattung der voreingenommenen Medien konfrontiert sah, die ihn grundsätzlich einen Lügner nannten und dieselbe Öffentlichkeit, die ihn liebte, dahin brachte, zu glauben, dass er seine Hautfarbe, mit der geboren wurde, ablehnte.

Das klingt wirklich furchtbar, oder? Das war Michael Jacksons Leben. Über Jahre hinweg, nachdem die Vitiligo begann, glaubten Tausende oder vielleicht sogar Millionen Menschen in der Welt, dass sich Michael Jackson seiner Rasse schämte und das alles nur, weil die Medien sich weiterten, ihm zu glauben, wenn er sagte, dass er keine Kontrolle über den Verlust der Pigmentierung seiner Haut habe. Es war eine Tatsache, dass direkt nach seinem Tod der Obduktionsbericht bestätigte, dass er tatsächlich an dieser Funktionsstörung litt, so dass die Welt ihm schließlich glaubte. Und jede neue Nachricht , die man nun lesen konnte, sagte dasselbe:“Huh, ich glaube nun, er hat doch die Wahrheit gesagt.“ oder „Gut, endlich haben wir das Geheimnis geklärt.“

Ok, geht das nur mir so? Bin ich die einzige, die das erschreckend findet? Jahrelang hat dieser talentierte, herzensgute Mann uns wieder und wieder erzählt, dass er an dieser Störung leidet und dass es ihn sehr verletzt, denn er liebt seine Rasse und ist stolz auf seine Herkunft und die Medien (beide, Tabloid und Mainstream) nennen ihn einen Lügner, der einfach nur weiß sein will. Die Late-Night-Comedians lachten ihr dröhnendes Lachen, als sie ihn angriffen mit Witzen über seine Hautfarbe und ihn mit allen möglichen verletzenden und gemeinen Ausdrücken bedachten. Im Grunde genommen quälten sie ihn mit seiner Krankheit für den Rest seines Lebens, und nun, wo er gegangen ist, können sie nichts anderes sagen als „Huh, ich glaube nun, er hat doch die Wahrheit gesagt.“ Es tut mir leid, aber ich finde das erschreckend. Und wirklich, wirklich traurig.

Ich erinnere mich, als ich einmal vor vielen Jahren die Oprah Winfrey Show gesehen habe – noch bevor sie jemals Michael interviewt hatte – als ihre Freundin Maya Angelou zu Gast war. Und ich weiß nicht genau, warum mir dies so im Gedächtnis geblieben ist, aber es ist so. Ms. Angelou sagte, dass wenn dir jemand erzählt, wer er ist, du ihm glauben solltest. Sie begründete das so, dass derjenige sich sehr viel besser kennt als du ihn, also wenn dir jemand sagt, wer er ist, dann glaub’ ihm! Es klingt so einfach. Trotzdem, Michael hat uns immer wieder erzählt, wer er wirklich ist, aber niemand hat ihm jemals geglaubt. Das muss sehr frustrierend für ihn gewesen sein!


Willa: Joie, das ist wirklich beeindruckend, und ich stimme dir absolut zu bei allem, was du gerade gesagt hast. Aber ich denke, die Geschichte hört hier nicht auf. Wenn wir weiter versuchen, uns selbst in seinen Schuhen vorzustellen, dann stell dir vor, du wärst Michael Jackson, eine zutiefst spirituelle Person, der unzählige Male gesagt hat, er fühlt, dass ihm sein Talent aus einem bestimmten Grund gegeben wurde – dass er auf die Erde kam und sein enormes Talent erhalten hat, um einem höherem Zweck zu dienen. Und er wurde ein Superstar, aber er ist viel mehr als das. Er ist nicht einfach nur ein berühmter Sänger und Tänzer. Er ist ebenso eine umgestaltende, kulturelle Persönlichkeit, der die Leute dazu bringt, anders über Rassenbewusstsein zu denken, und er nimmt das sehr ernst. Can You Feel It, das erste Video, das er produzierte und entwickelte, vom anfänglichen Konzept bis zur finalen Produktion, drückt sehr schön den Gedanken aus, dass wir alle ein Volk sind, ungeachtet der Rassenunterschiede, und er kehrt in seinem Gesamtwerk immer wieder zu diesem Gedanken zurück. Dies ist ein Gedanke, über den er ausgiebig nachdachte und um den er sich zutiefst sorgte.

Und dann, auf Höhe seines Erfolges, entdeckt er, dass er Vitiligo hat. Und es ist niederschmetternd und traumatisch, wie du sagst, und er beginnt, einen Handschuh zu tragen und dunkles Make up. Aber die Krankheit schreitet voran. Mehr und mehr Teile seiner Haut verlieren ihre Pigmentierung – im Gesicht, am Hals, an seinen Armen, seinem ganzen Körper. Und es ist erschreckend für ihn. Aber er ist eine starke Person mit zutiefst verinnerlichten Überzeugungen, und er ist ein erstaunlicher Künstler, mit der Sensibilität eines Künstlers. Und vielleicht beginnt er sich zu fragen, ob ihm Vitiligo genauso mit einem bestimmten Zweck gegeben wurde, ob es einen Grund gibt, warum er in diese unglaublich schwierige Situation gebracht wurde. Er ist der berühmteste schwarze Mann, den es jemals gegeben hat, gefeiert dafür, dass er den Stolz ein Schwarzer zu sein fördert, und nun wird seine Haut buchstäblich weiß. Wie ironisch ist das? Aber es zeigt genauso einen wesentlichen Aspekt auf. Er hat uns jahrelang erzählt, dass Rassendifferenzen unwichtig sind – dass wir ein Volk sind ungeachtet der Hautfarbe. Und nun ändert sich die Farbe seiner Haut buchstäblich von dunkel nach hell.

Rassismus gegenüber Schwarzen in Amerika ist nichts als ein Netz von Lügen, die über Jahrhunderte erzählt und wieder erzählt wurden, und die wir als Individuen mehr oder weniger bis zu einem gewissen Grad verinnerlicht haben. Aber im Herzen dieses Lügengespinstes da liegt eine zentrale Lüge, die Lüge, von der alle anderen abstammen: nämlich dass schwarze und weiße Menschen im Wesentlichen unterschiedlich sind. Das ist die Lüge, die im Zentrum des Rassismus liegt in Amerika. Und als ich in den 1960er Jahren im Süden aufgewachsen bin, erhielt ich eine Menge sich widersprechender Botschaften, aber trotzdem wurde mir diese Lüge immer und immer wieder erzählt: Du sollst nicht in einem „integrierten“ Swimmingpool schwimmen, du sollst nicht Wasser aus einem Brunnen trinken, aus dem vorher ein farbiges Kind getrunken hat, du sollst einem schwarzen Mädchen deinen Kamm nicht ausleihen (was ich einmal tat, als ich alt genug war, um es besser zu wissen). Der unausgesprochene Grund ist, dass schwarze und weiße Körper grundsätzlich unterschiedlich seien und getrennt bleiben sollten. Das war die Botschaft, die mir immer wieder und wieder erzählt wurde, während ich aufwuchs vor 40 Jahren im Süden.

Aber als Michael Jacksons Haut sich von dunkel nach hell veränderte, bewies er, dass das eine Lüge ist – er bewies, dass schwarze Körper und weiße Körper grundsätzlich gleich sind – und das verpasste dem Rassismus im Kern einen treffenden Schlag.

Ich habe eine weiße Freundin aus dem College, die mit einer schwarzen Haushälterin auswuchs. Eines Tages arbeitete die Haushälterin in der Küche und schnitt sich in die Hand, und meine Freundin, die zu der Zeit noch ein Kind war, war schockiert zu sehen, dass ihr Blut rot war. Vorher hatte sie angenommen, dass ihr Blut dunkel sei – so dunkel wie ihre Haut. Meine Freundin hat mir diese Geschichte mehrere Male erzählt, immer mit einem Lachen, wie dumm sie doch gewesen sei. Aber trotz ihres Lachens kann ich sagen, dass diese Geschichte sehr wichtig für sie war. Es war einer dieser seltenen Aha-Momente, wenn deine Vorstellungen durcheinander gebracht werden und du plötzlich gezwungen bist, Dinge zu hinterfragen, von denen du dachtest, sie wären wahr.

Ich denke, als Michael Jacksons Haut sich von dunkel nach hell änderte, hatte er solch einen Aha-Moment in diesem Weltmaßstab. Er hat uns wiederholt durch seine Musik und seine Videos erzählt, dass wir ein Volk sind, ungeachtet unserer Hautfarbe, und nun hat er die Gelegenheit, dies auf künstlerische Art und Weise zu zeigen. Er konnte es beweisen in einer Art, die nicht widerlegt werden kann, dass unsere Körper grundsätzlich gleich sind, und er konnte das so tun, dass es sogar ein Kind verstehen kann. Das ist eine unglaubliche machtvolle Botschaft, und er ergriff die Gelegenheit, diese Botschaft zu veranschaulichen und zu verbreiten auf eine Art und Weise, wie es noch niemals vorher geschehen ist. Und er erweiterte die Definition von Kunst auf eine Weise, die ebenfalls niemals vorher so passiert ist. Das ist es, warum er so missverstanden war.

Joie: Willa, du hast ein sehr überzeugendes Argument gebracht. Und ich bin sicher, dass er, als die unglaublich künstlerische Person, die er war, vielleicht dazu tendierte, Dinge oder schwierige Situationen von einem künstlerischen Standpunkt aus zu sehen. Du kannst absolut Recht haben, wenn du sagst, dass er eine bewusste Entscheidung traf, seine Krankheit in eine künstlerische Äußerung zum Rassismus umzuwandeln. Und du weißt, als wir begannen darüber zu diskutieren, hätte ich mir niemals vorstellen können, dass ich das sagen, aber jetzt ist es so.

Willa: Also, wie ich in unserem ersten Blog erwähnt habe, hast du auch verändert, wie ich die Sache sehe. Dies ist nicht neu für mich. Ich kämpfe diesen Kampf schon seit Jahren. Ich kann mich erinnern, als ich auf die Grade School ging im Süden Mitte bis späte 1980er Jahre, und fast in jedem Semester brachte jemand das Thema wieder auf Michael Jackson und seine sich ändernde Hautfarbe. Und sie sagten fast immer irgend etwas wie, dass es ein unglaubliches kulturelles Phänomen sei, aber natürlich wäre es einfach ein Ergebnis seiner eigenen Unsicherheiten. Er erschuf diesen unglaublich kraftvollen kulturellen Moment, der speziell das weiße Amerika zwang, einige unserer tiefsitzendsten Rassenvorurteile zu hinterfragen, aber er hätte es zufällig getan.

Und ich habe das immer bezweifelt. Warum die Annahme, es sei zufällig? Er ist ein brillanter Künstler, er hat jahrelang aktiv gegen Rassenvorurteile gekämpft, er hat offenbar über dieses Thema tiefgreifend nachgedacht – also warum annehmen, dass er nicht weiß, was er tut? Ich habe immer gedacht, dass er genau weiß, was er tut, und ich denke, die Anzeichen rechtfertigen das. Sein Dermatologe hat gesagt, dass er sein Gesicht regelmäßig als „Kunstwerk“ bezeichnete. Und wie ich in meinen Büchern M Poetica und Rereading Michael Jacksonversucht habe zu zeigen, bin ich der Meinung, dass er versuchte mit Hilfe seiner Werke - speziell seiner Kurzfilme – zu erklären, dass sein sich änderndes Äußeres als medizinische Entscheidung begann, aber dann zu einer absichtlichen künstlerischen Entscheidung wurde.

Aber bis ich anfing mit dir zu reden, habe ich nicht gemerkt, wie schwierig und schmerzhaft diese Entscheidung für ihn gewesen sein muss. Ich wusste, er war das Objekt einer Menge von abfälligen Kommentaren Weißer Kommentatoren, die mich einfach tief betrübt haben. Und ich weiß, es gab Leute in der Black Community, die sich von ihm und seiner sich ändernden Hautfarbe betrogen fühlten. Aber ich erkannte nicht, wie tief diese Gefühle gingen oder wie schmerzhaft die Anklagen des Betrugs an seiner Rasse für ihn gewesen sein müssen.

Joie: Oh, es muss schrecklich gewesen sein. Ich denke immer an dieses Interview mit Oprah, als er zu ihr sagt „Ich bin ein schwarzer Amerikaner, ich bin stolz darauf, ein schwarzer Amerikaner zu sein, ich bin stolz auf meine Rasse. Ich bin stolz, der zu sein, der ich bin. Ich habe eine Menge Stolz und Würde … Es ist etwas, woran ich nichts ändern kann, ok? Aber wenn Menschen Geschichten erzählen, ich würde nicht der sein wollen, der ich bin, das verletzt mich … Ich meine, es macht mich sehr traurig.“

Das sind seine Worte. Und die Emotionen in seiner Stimme und der Schmerz in seinem Gesicht, als er diese Worte sagt, sind offensichtlich. Aber nun, wenn ich zurückschaue auf das Interview, bemerke ich, dass er auch in derselben Unterhaltung sagt: „Aber weißt du, was lustig ist, warum ist das so wichtig? Das ist nicht wichtig für mich. Ich bin ein großer Bewunderer von Kunst. Ich liebe Michelangelo. Wenn ich die Gelegenheit hätte, mit ihm zu reden oder über ihn zu lesen, würde ich wissen wollen, was ihn inspiriert hat, zu werden, was er ist … Ich meine, das ist es, was wichtig für mich ist.“

Also, vielleicht hat er es uns damals erzählt, und wir haben einfach nicht zugehört. Vielleicht hat er gesagt ‚Ja, ich habe diese Krankheit, und es ist schrecklich, und niemand glaubt mir, aber ich kümmere mich nicht darum, ich werde es so oder so dazu benutzen, dich zu erziehen!‘



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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 21:52

Ein weiterer Blick auf One More Chance
15/09/2011

Joie: Also, du weißt ja, manchmal hast du bestimmte Gedanken über etwas im Kopf und dein Geist hat sich darauf eingestellt. Aber dann stolperst du über eine neue Information und plötzlich bekommt die Sache, über die du dir so sicher warst, eine ganz neue Bedeutung? Gut, das ist mir mit Michael Jacksons Video One More Chance passiert.

Dieses Mal
Werde ich mein Bestes tun, um es richtig zu machen
Ich kann nicht weitermachen ohne dich an meiner Seite

Obdach
Komm und rette mich aus diesem Sturm
Ich möchte heraus aus dieser Kälte, ich brauche jemanden

(Wenn du sie siehst)
Sag ihr dies von mir:
Alles was ich brauche ist
Eine weitere Chance für die Liebe...

This time
Gonna do my best to make it right.
Can’t go on without you by my side.

Shelter
Come and rescue me out of this storm
Get out of this cold, I need someone.

(If you see her)
Tell her this for me:
All I need is
One more chance at love …

Diese R. Kelly Ballade ist ein wirklich schöner Song, der von Michael perfekt gesungen wird, und als er 2003 auf den Number Ones veröffentlicht wurde, habe ich ihn sofort geliebt. Und als der Estate nach Michaels Tod bekannt gab, dass das lang vermisste Video auf dem ersehnten Vision Box Set enthalten sein würde, war ich hellauf begeistert, dass wir endlich doch Michaels letzten Short Film zu sehen bekommen würden.

Aber als dann die Video Collection herauskam und ich dann da saß, um sie voller Spannung zu verschlingen, war meine Aufregung nur von kurzer Dauer. Ich muss zugeben, ich liebte das Video überhaupt nicht. Ich mochte es nicht einmal. Nicht mal ein wenig. Wo war Michael? Die Kulisse war großartig und romantisch, die Räumlichkeit – mit dem Publikum auf der Bühne – war ungewöhnlich und faszinierend, der Song war wunderschön und ist einer meiner liebsten. Aber wo war Michael in dem Video? Es war anscheinend entweder alles von seiner Rückseite aus aufgenommen oder aus wirklich verrückten Winkeln, sein Gesicht – und besonders seine bezaubernden Augen, die ich so liebe – waren komplett verdeckt. Und tatsächlich entzündeten sich zu dem Video einige Debatten im MJFC, ob das überhaupt Michael sei. Vielleicht war es bloß ein Body Double, ein wirklich guter MJ Impersonator! Ich war so enttäuscht. Nur unter uns beiden … Ich schlüpfe oft in mein bequemes Sweatshirt, stelle den DVD Player an und kuschele mit meinem Video Box Set, wenn ich einen freien Nachmittag habe. Aber ganz ehrlich, das One More Chance Video ist eines, das ich regelmäßig überspringen würde.

Und dann kürzlich stolperte ich über einen Artikel, der kurz nach Veröffentlichung des Video Box Set im November 2010 herauskam. Der Artikel war geschrieben von dem Journalisten Charles Thomson und trug den Titel „One More Chance: Der Traum, der zum Alptraum wurde“ (One More Chance: The Dream That Turned into a Nightmare) www.sawfnews.com/Entertainment/65832.aspx Nun muss ich hier ein Geständnis machen: Dieser Artikel landete tatsächlich in meiner Inbox kurz nach seiner Veröffentlichung, ich war aber sehr beschäftigt zu der Zeit mit dem MJFC und meinem eigenen Alltag (und nun tanze ich auch noch mit Elefanten!), so schob ich es erstmal zur Seite, um es später irgendwann zu lesen. Okay, aus „später“ wurde „viel später“ und, ich schäme mich es zuzugeben, ich fand es schließlich in meinem To-Do-Ordner. Also nahm ich mir nun die Zeit und las es. Und Boy … es änderte ALLES!

Um diesen Artikel zu schreiben, untersuchte Charles Thomson das Video gründlich und sprach mit Michaels damaligem Publizist und Manager genauso wie mit mehreren Crewmitgliedern und anderen, die bei dem Video mitwirkten, und indem er das tat, gibt er uns einen Einblick darin, wo Michael Jackson stand zu der Zeit, als das Video gedreht wurde. Und es ist dieser Kontext, dieses Wissen, das mich das ganze Video in einem völlig neuen Licht sehen lässt. Ich sehe das Video nun mit anderen Augen, und wo ich vorher überhaupt keine Verbindung dazu hatte, habe ich nun so eine emotionale Verbindung dazu, und es hat eine große Bedeutung für mich.

Willa: Das ist so interessant, Joie. Meine erste Reaktion auf das Video war viel positiver als deine, obwohl ich genau weiß, was du meinst mit „Wo ist Michael?“ Und meine Reaktion auf Thomsons Artikel war weniger positiv. Ich schätze all die Hintergrundinformationen, die Thomson liefert, und der Artikel ist definitiv wert, gelesen zu werden, aber ich stimme nicht mit seiner Interpretation und Beurteilung des Videos überein.

Genau wie du dachte ich One More Chance ist ein wunderschönes Liebeslied und war begierig darauf, das Video zu sehen, und genau wie du, sah ich es mir direkt an, nachdem die Vision DVD’s herausgekommen waren. Und ich war überrascht – es war nicht das, was ich erwartet hatte – aber ich liebte es. Wie es so oft mit Michaels Videos passiert, ließ es mich meine Gedanken zu dem Song komplett neu überdenken und eröffnete mir einen ganz neuen Weg der Interpretation. Nun sehe ich in One More Chance viel mehr als nur ein Liebeslied. Ich reagiere noch immer darauf, als wäre es eine wunderschöne Liebesballade und das gilt für mich noch, aber andere Interpretationen kommen mir auch in den Sinn. Und offen gesagt, ich denke Thomsons Interpretation verpasst komplett den Anschluss.

In seinem Artikel schreibt Thomson ziemlich kritisch über das Konzept des Videos:

Der Song ist eine sehnsuchtsvolle Ballade über verlorene Liebe, in der Jackson eine Ex-Freundin anfleht, ihm „noch eine weitere Chance für die Liebe“ zu geben. Das Video zeigt eine eigentümliche Rollenverteilung, in der das Publikum auf der Bühne steht und zusieht, wie Jackson in einem leeren, edlen Nachtclub auftritt, über Geländer federt und auf Tische springt. Das Arrangement scheint nur wenig mit dem Song zu tun zu haben und scheint eher ein Kommentar auf die Presse und das ständige Eindringen der Öffentlichkeit in Jacksons Privatleben – ein Hauptthema in seinen Videos – zu sein, im Grunde zeigt es eine Menge Schaulustiger, die Jackson off-stage in einem intimen Moment an gebrochenem Herzen leidend wie erstarrt beobachten.

Thomson hat ansatzweise Recht: Wenn wir One More Chance einfach als Liebeslied sehen, dann macht das Video nicht viel Sinn und „das räumliche Arrangement scheint wenig mit dem Song zu tun zu haben“. Aber ich kann Thomsons Interpretation nicht zustimmen. Ich bin nicht der Meinung, der entscheidende Punkt dieses Videos wäre „eine Menge Schaulustiger … wie erstarrt durch sein gebrochenes Herz“. Jackson behandelt das Publikum auf der Bühne in diesem Video nicht wie aufdringliche Voyeure, das ist nicht die Stimmung, die er hier erzeugt – die Stimmung ist viel feierlicher als das – und das ist nicht, was das Video mir sagt. Du kennst mich, Joie, ich bin offen für vielfältige Interpretationen, und ich denke, jede Interpretation ist gültig, solange sie durch das Werk belegt werden kann, aber ich sehe hier wenig Hinweise, die Thomsons Interpretation stützen.

Aber wenn wir uns diesem Video annähern wie in den My Baby Songs und es mehr metaphorisch sehen? In seinen Videos zieht Michael Jackson regelmäßig Parallelen zwischen der Beziehung eines Mannes und seiner Geliebten und der eines Künstlers mit seinem Publikum. Was ist, wenn wir One More Chance auf diese Art sehen? Was ist, wenn er nicht zu einer Ex-Freundin spricht, sondern zu uns, seinem Publikum? Was ist, wenn er uns, seinem Publikum, erzählt, dass die falschen Anschuldigungen und Missverständnisse und die Jahre mit schlechter Presse für ihn schrecklich waren – es „tut so weh, manchmal ist es schwer zu atmen“ (Hurts so bad sometimes it’s hard to breathe) – aber er ist bereit, es noch einmal zu versuchen, allem zum Trotz, und er bittet uns, ihm „eine weitere Chance“ zu geben?

Wie Thomson in seinem Artikel schreibt, machte Michael Jackson dieses Video an einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Er plante einen neuen Start beim Film und sah dies als einen Neubeginn in seiner Karriere. Vielleicht erzählt er also uns, seinem Publikum, dass er „dieses Mal / sein Bestes tun wird, um es richtig zu machen“ (This time / Gonna do my best to make it right). Vielleicht ist das der Grund, wenn er das Video so anlegt mit dem Publikum auf der Bühne, weil er direkt zu uns, seinem Publikum, spricht , wenn er sagt „Alles was ich brauche ist eine weitere Chance“ (All I need is / One more chance). Wenn wir es auf die Art sehen, macht das Video auf perfekte Art Sinn. Und die Tatsache, dass die Polizei genau am nächsten Tag sein Haus durchsucht, ist herzzerreißend.

Joie: Ja, es ist herzzerreißend. Thomson erklärt, dass Michael mit der Single und dem Video von One More Chance seine vertraglichen Verpflichtungen für Sony und CBS erfüllt hat. Er befreite sich von seinem Vertrag mit Sony und bereitete sich vor, weiterzugehen zu größeren und besseren Dingen. Er war müde vom Touren und er wollte sich in den Bereich des Films wagen. Ironischerweise ist dies etwas, was er 1993 bereits tun wollte, aber nicht konnte, da sich die ersten Anschuldigungen ereigneten. In dem Video ist die letzte Einstellung von ihm, wie er seinen Rücken zum Publikum dreht und aus dem Bild geht mit einem Lächeln auf dem Gesicht, sehr symbolisch für den Übergang, den er vor sich hatte. Er bewegte sich weg von der Musikindustrie und ging seinem lang gehegten Traum Filme zu machen entgegen. Alles was er brauchte war „eine weitere Chance“.

Und als Antwort zu meiner Frage „Wo ist Michael“, erzählt uns Thomson, dass das Video von Michael Rückseite aufgenommen wurde, um seine Bewegungen fließender aufzunehmen. Am folgenden Tag sollten alle frontalen und Nahaufnahmen von Michael gemacht werden. Aber dazu kam es nicht mehr, denn am nächsten Morgen gab es schlechte Nachrichten, nämlich dass die Polizei ein zweites Mal die Neverland Ranch durchsuchte. Und ich kann mir nicht helfen, aber ich muss an die Zeilen des Songs selbst denken:

Erleichterung
Im Begriff zu schlagen und mir alles zu verderben.
Es schmerzt so sehr, manchmal ist es schwer zu atmen.

Lightening
´bout to strike and rain only on me.
Hurts so bad sometime it’s hard to breathe.

Ich stelle mir vor, diese Textzeilen spiegeln, was Michael gefühlt haben muss, als er die schlechte Nachricht bekam und realisieren musste, dass ihm seine Träume ein zweites Mal weggeschnappt wurden.

Willa: Das sind gute Punkte, und ich schätze wirklich all die Hintergrundinformationen, mit denen Thomson uns versorgt. Es vertieft mein Verständnis für dieses Video. Vielleicht bin ich ein bisschen hart Thomson gegenüber, einfach weil One More Chance für mich so etwas Besonderes geworden ist. Der Gedanke, dass Michael Jackson Schmerzen leidet, aber bereit ist, es noch einmal zu versuchen und uns um noch eine Chance bittet, ist unbeschreiblich ergreifend. Und dann ist der Schluss des Videos so bewegend, und für mich persönlich sehr anregend. Am Schluss hat er den Raum verlassen, aber das Publikum ist noch auf der Bühne. Nun ist es an uns. Er ist nicht länger hier, aber wir sind es – wir sind die, die auf der Bühne zurückgelassen wurden – und wir sind die, die handeln und sein Erbe bewahren und „helfen müssen, die Geheimnisse offenzulegen“ („help these mysteries unfold“).

Joie: Ich denke, du bist zu hart zu Thomson. Ich bin nicht der Meinung, dass er überhaupt eine Art der Interpretation des Videos angeboten hat. Sondern er hat lediglich den Aufbau erklärt, die Voraussetzungen, wenn du so willst. Aber ich glaube nicht, dass seine aus einem Satz bestehende Einschätzung des Aufbaus als Interpretation beabsichtigt war.

Aber ich verstehe deine Bereitschaft, etwas zu verteidigen, das du liebst. Wie du sagtest, ist dieses eine Video für dich zu etwas ganz Besonderem geworden, also ist es ganz natürlich, dass du es erklären und anderen nahebringen möchtest, so dass sie es vielleicht genauso lieben werden, wie du es tust. Ich habe das gleiche Gefühl für eine bestimmte Ballade vom Michael Album, über die wir uns schon heftig gestritten haben, aber das bewahren wir uns für eine andere Diskussion auf!

Willa: Joie! Das ist einfach gemein. Du willst wirklich nicht, dass ich das vergessen kann, stimmt’s? Na gut, ich schätze, ich hab’s verdient. Du bist manchmal wirklich zu komisch …

Joie: Sorry, ich konnte nicht widerstehen. Aber dieses Video ist so besonders für dich, wie es dieser Song für mich ist, also verstehe ich deine Gefühle dazu.

Willa: Gut, hier sind einige aufregende Neuigkeiten. Joie fliegt heute Morgen nach Montreal, um die inoffizielle Vorpremiere des Cirque du Soleil Tribute für die Michael Jackson-The Immortal World Tour anzusehen, und nächste Woche wird sie uns alles darüber erzählen!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 22:04

Ehrfurcht und Staunen: Michael und Zirkus
22/09/2011

Willa: Joie, ich bin so neugierig etwas über deinen Trip nach Montreal zu den Cirque du Soleil Proben zu hören! Also, erste Eindrücke – was dachtest du?

Joie: Okay, mein Freund und MJFC Kollege Jonathan schrieb mir, gerade als ich nach der Show wieder in mein Hotelzimmer zurückkehrte, genau die gleiche Frage und ich glaube, meine einzige Antwort war OMG!!! Ganz ehrlich, das einzige, was diese Show noch besser machen könnte, wäre nur Michael selbst auf der Bühne.

Willa: Du weißt, das ist genau das, was ich mich am meisten frage. Nach dem zu urteilen, was ich gelesen habe klingt The Immortal World Tourwie eine Art Michael Jackson Konzert ohne Michael Jackson. Hat es sich für dich so angefühlt?

Joie:Das ist eine Art knifflíge Frage, und ich sage dir, warum. Das ist das erste Mal, dass der Cirque du Soleil eine Show mit einer Live Band gemacht hat. Ihre Elvis Show hatte keine Live Band; ihre Beatles Show hatte keine Live Band. Sie haben so etwas nie zuvor gemacht. Und die Art, wie sie es ausgearbeitet haben, ist wirklich ziemlich cool. Kevin Antunes, der musikalische Direktor der Show, hatte exklusiven Zugang zu Michaels sämtlichen Original Masteraufnahmen, und er hat diese Tracks genommen, die Musik erstmal grundsätzlich entfernt und Michaels Stimme hervorgehoben, so dass sie „knuspriger“ ist, als du es jemals zuvor gehört hast. So hörst du Michaels Stimme(n) während der Show „über eine Live Band gelegt“ und das Ergebnis ist atemberaubend. Und natürlich sind in der Band Greg Phillinganes und Jonathan „Sugarfoot“ Moffett, die beide so viele, viele Jahre mit Michael auf Tour waren, die Band selbst ist phänomenal. Ich denke, so betrachtet ist es wie eine Konzerterfahrung, aber da geht visuell so viel vor sich, dass es definitiv mehr ist als ein Konzert. Es ist eher wie eine Reise durch Michaels Leben und seine Karriere.

Willa: Also fühlt es sich nicht an, als wäre da ein großes Loch auf der Bühne, wo er sein sollte? Ist es für sich genommen eine überzeugende Erfahrung?

Joie: Ja, definitiv. Und es ist ein Spektakel, verstehst du? Ich war dort mit 14 anderen Vertretern der MJ Community und nachdem es vorbei war, kamen ein halbes Dutzend oder mehr Leute – Leute vom Cirque, Leute vom Estate, sogar John Branca und Greg Phillinganes, zu uns, als wir noch auf der Tribüne saßen und sie alle tobten, waren sehr erwartungsvoll zu erfahren, was wir darüber denken. Und wir reagierten alle gleich. Wir mussten erstmal einige Sekunden einfach da sitzen und es auf uns wirken lassen, bevor wir überhaupt antworten konnten, und ich kann mir vorstellen, dass das die Reaktion aller sein wird, die die Show sehen, Fans und Nicht-Fans gleichermaßen. Sie werden die Arena mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Staunen verlassen. Du weißt ja, der Cirque du Soleil ist bekannt als Spezialist für Ehrfurcht und Staunen, und dieselbe Magie haben sie in dieser Show erzeugt.

Willa: Erzähl uns einige Details! Was hast du alles gesehen?

Joie: Oh Boy, wo soll ich anfangen? Okay, ich will kein Spielverderber sein. Und ich möchte klarstellen, dass einige von den Nummern, die ich gesehen habe, es nicht in die finale Fassung der Show, die im Oktober eröffnet wird, da noch an ihr gearbeitet wird, schaffen werden. Aber nach der Probe, die ich sah, wirst du direkt von der Eröffnungsnummer, die Childhood war, verblüfft sein. Es ist, als ob sie dich mit hinter die Tore von Neverland nehmen und, wie du weißt, Michael hatte die schönsten Bronzestatuen von spielenden Kindern, sie verteilten diese über die Landschaft von Neverland. Nun, diese Statuen spielen eine wirklich magische Rolle in dieser Nummer, und das ist unglaublich. Und dann gibt es da diesen wirklich süßen Moment ein wenig später während Ben, wo Michaels Elefanten herauskommen und tanzen, es war einfach so eine Freude, das anzusehen. Wirklich süß. Und ich hab’ an dich gedacht, Willa, weil ich weiß, wie sehr du diesen Song liebst!

Dann war dieses ganze Gangster-Segment mit Heartbreak Hotel, Smooth Criminal und Dangerous. Dieser Teil begann mit dieser äußerst spärlich bekleideten Cellistin, die ihr Herz herausspielte auf ihrem elektrischen Cello, und sie war fantastisch! Dann ging ganz plötzlich ihr rasendes Solo über in den spannungsgeladenen Anfang von Heartbreak Hotel, und die Band setzte ein, und die Musik fing an zu rocken. Das ganze Segment endete mit diesen fünf oder sechs Typen, die um einen Pole Dancer zu Dangerous tanzten – wobei, nebenbei gesagt, wir uns vorstellen müssen, dass sich die weibliche Tänzerin bei früheren Proben verletzt hatte. Aber sogar ohne sie war die Nummer unglaublich, also ich werde es lieben, es noch mal zu sehen, wenn alles auf seinem Platz ist.

Dann gab es ein Segment, die Michaels „gruselige“ Songs beleuchteten mit Is It Scary, Monster und Thriller und das Ganze war einfach nur riesiger visueller Spaß mit einem tanzenden Monster, das sich seinen Weg aus den Seiten eines Märchenbuches heraus bahnt und gigantischen Fledermäusen mit leuchtenden Augen, die über die Bühne tanzen. Und das Ganze gipfelte in einer Bühne voll mit Mumien, die den Thriller Dance auf einem Friedhof tanzten. Einfach wirklich phantasievolle Ideen, von denen du weißt, dass Michael sie wirklich geliebt hätte!

In einem anderen Segment – meinem Lieblingsteil der ganzen Show – spielte die Band Another Part of Me und der Tänzer tanzte und wir alle saßen da und gingen mit, und plötzlich wechselte der Song zu Speechless. Und gerade als du dich darauf eingestellt hattest, passierte etwas Verblüffendes! Der Song wechselte wieder, diesmal zu Human Nature und die Arena verwandelte sich in einen Nachthimmel. Ich möchte dir wirklich mehr Einzelheiten darüber erzählen, aber ich kann nicht, denn ich möchte niemandem den Spaß verderben, bitte glaub’ mir, wenn ich dir erzähle, dass es einfach atemberaubend war und ich nicht die einzige war, die zu Tränen gerührt war. Und später, als wir mit den Leuten vom Cirque und Estate sprachen, die wissen wollten, welches unserer Lieblingspart der Show war, sagten wir alle einstimmig Human Nature.

Du weißt ja, eines der Dinge, die ich am Cirque du Soleil so liebe, sind die Luftakrobaten; sie sind wirklich schön anzusehen. In der Probe, die ich sah, wurden sie bei I Just Can’t Stop Loving Youpräsentiert, welches Kevin Antunes wunderschön gemixt hat und beide Versionen des Songs, die englische und die spanische kombiniert. Und die Luftakrobaten boten ein sehr romantisches, sehr gefühlvolles Ballett hoch über unseren Köpfen dar. Es war einfach so schön.

Willa: Das klingt so wunderbar. Also wo sind sie im Produktionsprozess? Habt ihr eine fast fertige Show gesehen mit Kostümen und Musik und allem, oder war es noch nicht fertig – so etwa wie wir es bei This Is It gesehen haben? Es hört sich an, als ob sie noch einige Entscheidungen treffen.

Joie: Ja, die Arbeit ist noch in vollem Gange. Sie haben das schon uns gegenüber betont, aber was wir gesehen haben, war etwa 75-80 % der kompletten Show mit Kostümen und Musik von Beginn an quer durch, so wie eine Kostümprobe. Und es gab ein paar technische Patzer und Pannen, die man erwartet, wenn alles noch in Arbeit ist. Sie sind noch dabei, den Schlussteil zu perfektionieren, so dass wir etwa die letzten 30 Minuten der Show nicht gesehen haben, und uns wurde gesagt, sie würden Songs enthalten wie Billie Jean, Man In The Mirror, Dirty Diana und Can You Feel It. Aber im Ganzen gesehen war es schon eine sehr ausgefeilte Show.

Willa: Weißt du, ich weiß nicht, wie ich das fragen soll, aber was Michael Jackson für mich so besonders macht und ihn von jedem anderen unterscheidet, sind seine Ideen und wie er diese Ideen ausdrückt und seine Hingabe für seine Botschaft. Er hatte eine wunderschöne Stimme, und es hört sich so an, als hätte der Cirque du Soleil dies durch die Masteraufnahmen eingefangen, und er war ein unglaublicher Tänzer, und es hört sich so an, als würde die Show auch dies wachrufen durch die Akrobaten, Luftakrobaten und Tanznummern. Aber was ist mit seinen Ideen? Fühlt es sich an wie Michael Jackson?

Joie: Oh, das ist eine gute Frage; ich bin so froh, dass du das fragst! Willa, sie haben sehr, sehr hart daran gearbeitet, das Wesen und das Herz von Michael Jackson einzufangen, und das sieht man. Ich habe ein News Item auf der MJFC Website über meine Erfahrungen gepostet, wo ich die Show das „ultimative Tribute für Michael“ genannt habe, und das fühle ich ganz ehrlich und ich sage dir auch, warum. Du musst bedenken, dass diese Show geleitet wird von Menschen, die Michael kannten. Menschen, die mit ihm gearbeitet haben und ihn geliebt haben. Während dieser zwei Tage in Montreal sah ich wie Greg Phillinganes, Jonathan Moffett, Zaldy und drei Führungskräfte vom Estate sehr emotional wurden, wenn sie mit mir über ihre Zeit mit Michael sprachen und wie wichtig diese Show für sie ist. Sie haben alle so viel Leidenschaft dafür, etwas zu tun, was er lieben würde und es richtig zu machen. Für ihn. Und vom Eröffnungsteil den ganzen Weg hin zum Schlussteil kannst du Michaels Präsenz fühlen; du kannst seinen Geist spüren. Und seine Botschaft von L.O.V.E. steht ganz vorne und im Zentrum. Wirklich, in einem anderen Segment der Show, ich glaube es war bei Will You Be There, tauchten plötzlich diese großen, roten, glühenden Herzen von überall aus der Arena auf und bewegten sich auf die Bühne zu. Es war wirklich bewegend, und es erinnerte dich einfach daran, dass Michaels Botschaft Liebe war. Es ist das, worüber er immer gesprochen hat, und es war das, was er predigte. Und sie haben das nicht vergessen, und es ist klar, dass sie auch nicht wollen, dass andere es vergessen.

Willa: Ich bin so froh, das zu hören, dass die Leute, die an der Show arbeiten, sich so stark darum kümmern und leidenschaftlich mit beidem umgehen, seiner Musik und seinen Ideen. Du hast auch in dem MJFC Artikel geschrieben, dass sie um Feedback gebeten haben und tatsächlich Vorschläge übernommen haben. Hier ist das, was du geschrieben hast: „Sie hörten dem zu, was wir zu sagen hatten und sie berücksichtigten unsere Gefühle und unsere Vorschläge. Und es war nicht nur ein Lippenbekenntnis. Die Show wurde sofort entsprechend unserem Feedback geändert.“ Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Joie: Gut, es war wirklich eine Überraschung. Am Ende der Show, als alle herumschwirrten und wissen wollten, was wir denken, sprach ich mit Navi, dem Vertreter des MJFC U.K. über bestimmte Nummern und wie man sie noch verbessern könnte. Als sie uns fragten, erzählte er ihnen, was wir dachten und schlug Wege vor, wie man die Nummer stärker machen könnte. Und sie hörten ihm zu und fingen an, die Änderungen sofort vorzunehmen. Dann am nächsten Tag machten wir eine Führung über das Gelände des Cirque du Soleil und trafen uns mit dem Creative Director der Show, neben anderen. Und wieder wollten sie in diesem Meeting wissen, was wir denken – was unsere Lieblingsteile waren und auch, was wir nicht so mochten. Mit was wir, wenn überhaupt, Probleme hätten. Und so sagten wir es ihnen. Wir (die Vertreter der Fan Community) waren ehrlich zu ihnen mit unseren Gefühlen und wir waren uns alle einig über einen bestimmten Punkt in der Show, bei dem wir das Gefühl hatten, er wäre ein bisschen fraglich und könnte ein wenig geändert werden. Und wieder hörten sie uns genau zu und machten sich Notizen zu dem, was wir zu sagen hatten und begannen über Wege für Änderungen nachzudenken.

Aber, ich denke einfach, es ist so vielsagend, dass diese Menschen, die die Show zusammengestellt haben so bemüht sind, mit den Fans zu reden, und ich glaube wirklich, dass sie sehr stark versuchen, es richtig zu machen. Nicht nur für Michael, sondern genauso für die Fans. Ich glaube, sie wollen damit wirklich Michaels Fans erfreuen. Ich denke, es ist wichtig für sie. Mir wurde bei dem Meeting von einem der Leute vom Estate erzählt, dass dies Punkt Eins war. Der Cirque tat so etwas nicht für die Elvis Show, auch nicht für die Beatles Show. Sie haben die Fans nicht zu einer Probe eingeladen, damit diese ihren Input geben können, bevor die Show anfängt. Und ich denke, das sagt etwas darüber, wie wichtig Michaels Vermächtnis wirklich ist. Darüber, wie bedeutend er war und immer noch ist, als beides, Künstler und kulturelle Persönlichkeit.

Willa: Gut, nach allem, was du erzählt hast, klingt es so, als ob da eine sehr engagierte Gruppe von Menschen hinter den Kulissen arbeitet, und die Show selbst hört sich unglaublich an. Ich liebe deine Beschreibungen, Joie. Danke, dass du sie mit uns geteilt hast.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 12 Nov 2012 - 22:43

Chat mit Joe Vogel über Earth Song
29/09/2011

Joie: Willa und ich sind sehr glücklich, dass sich Joe Vogel uns in dieser Woche anschließt. Wie ihr alle wisst, wird am 1. November sein lang erwartetes Buch Man in the Musicerscheinen, und nun geht es um die gedruckte Version seines eBook Earth Song. Danke Joe, dass du dich uns anschließt!

Also, hier ist das, was ich gern wissen möchte. Warum hast du Earth Song ausgewählt, um separat darüber zu schreiben? Hast du für dich selbst eine spezielle Vorliebe für den Song oder bist du einfach fasziniert von Michaels Vorgehensweise oder wurde es zur Besessenheit, als du für Man in the Music recherchiert hast?

Joe: Ich habe Earth Song immer geliebt. Die Kraft und Erhabenheit und Leidenschaft des Songs hat mich tief ergriffen. Obwohl, als ich an Man in the Musicarbeitete, war ich Michaels Werken so nah, dass viele Songs ganz neue Eindrücke bei mir hinterließen. Earth Song war einer von ihnen. Je mehr ich darüber erfuhr und je mehr ich zuhörte, umso überzeugter wurde ich davon, dass dies Michaels bedeutendster Song war. Er umfasst so viel. Das Rufen und Antworten mit dem Chor ist für mich einer der kraftvollsten Momente in der Musikgeschichte. Jedoch gab es so wenig Anerkennung für diesen Song in den Kritiken. Sehr wenig wurde nur geschrieben, das nicht herablassend und abschätzig war. So wollte ich irgendwie in einer Art darüber schreiben, die seine Power herüberbringt – und ich war aufgeregt über die Aussicht, wirklich ganz nah an einen Song „heranzuzoomen“ und all die Interviews zu machen und mit dieser Konzentration und Tiefe zu recherchieren.

Willa: Ich hab‘ das geliebt! Der Grad an Detailliertheit, den du bietest, ist wundervoll, und ich liebe die Art, wie dein Buch Einblick in beides gibt, in Earth Song und genauso in Michael Jacksons kreativen Prozess. Du beginnst dein Buch damit, wie sehr unsere Welt in Gefahr ist und mit der Beschreibung von ihm, wie er diese Gefahr als einen fast körperlichen, wortlosen Schmerz empfindet – und dann zeigst du, wie er beginnt, diese grundlegenden Gefühle in seine Musik zu lenken und zu formen. Kannst du uns mehr über diesen Prozess und einige der Schlüsselmomente erzählen, darüber wie Earth Song zu dem wurde, wie wir ihn heute erleben?

Joe: Sicher. Ich denke, zuerst einmal, bietet der Prozess des Earth Song ein großes Spektrum dazu an, wie Michael als Künstler funktioniert hat. Das ist es, was mir so viel Spaß beim Schreiben bereitet hat. Du beginnst, Verbindungen herzustellen, fügst Teile zusammen. Zum Beispiel sprach ich mit Matt Forger über dieses ursprüngliche Konzept von Earth Song als Trilogie (mit einem Orchesterteil, dem Song selbst und einem gesprochenen Poem); nachdem ich das wusste, kam ich zurück zu Bill Bottrell, um herauszufinden, wer der Komponist war, mit dem Michael zusammengearbeitet hat und wie es klang; Bill führte mich zu Jorge del Barrio, der wie ich daraufhin erfuhr, mit Michael genauso an Songs wie Who Is It und Morphine gearbeitet hat. Durch del Barrio bekam ich einige wunderbare Einblicke in das Konzept und Gefühl, das Michael erreichen wollte und wie es entstand, Du sprichst also verschiedenartige Menschen an, und alle möglichen neuen Verbindungen entstehen: Neue Details, neue Blickwinkel. Und du erfährst, wie gewissenhaft und gedankenvoll Michael mit seinen Werken umgeht. In Interviews neigte Michael dazu, nur sehr vage über seinen kreativen Prozess zu reden, aber was Earth Song enthüllt, ist, wie besessen er mit jedem Detail seiner Arbeit umging, vom Beginn den ganzen Weg bis zum finalen Mix. Er umgab sich mit großen Talenten, aber es war seine schöpferische Vision und sein Perfektionismus, der seine Projekte antrieb.

Willa: Du hast etwas beleuchtet, das mich wirklich umgehauen hat, als ich dein Buch las. Du zeigst, dass er technisch sehr versiert war und involviert in den tatsächlichen technischen Prozess, den Earth Song zu erschaffen – dass er in jede Stufe des Prozesses eingebunden war. Aber in Interviews blieb er vage in seinen Aussagen darüber, wie du sagst, und distanzierte sich auf eine Art selbst von diesem Aspekt, lenkte den Blick mehr auf Inspiration und wie empfänglich er dem Song gegenüber war. Er sagte in zahlreichen Interviews, dass die Musik einfach zu ihm komme und „in seinen Schoß falle“. Du schreibst in deinem Buch, dass er oft erzählte, er würde „die Musik sich selbst erschaffen lassen“, und du hast dies zurückgeführt auf eine Aussage von John Lennon, die er für sich selbst als Erinnerung mitführte, während er an Earth Song arbeitete:

„Wenn die wirkliche Musik zu mir kommt, die Musik der Sphären, die Musik, die den Verstand übertrifft – das hat mit mir nichts zu tun, denn ich bin nur der Kanal. Die einzige Freude für mich ist, dass es mir gegeben wurde und es wie ein Medium umzusetzen … Das sind die Momente, für die ich lebe.“

Wenn ich diesen Abschnitt deines Buches lese, denke ich sofort an die Romantiker. Wenn wir uns Auszüge ihrer Gedichte ansehen, bearbeiteten sie sie und waren tatsächlich sehr wissend und in das Handwerk des Erschaffens der Poesie eingebunden, Sie waren sachkundige Wortschöpfer. Aber wie Michael Jackson waren sie sehr zurückhaltend, darüber zu reden. Sie zogen es vor, über das Erschaffen von Poesie als einem Akt von Inspiration zu sprechen eher als von Handwerk und tendierten dazu zu sagen, sie wären bloß Schreiber – nur die Worte niederschreibend, die einige schöpferische Impulse, größer als sie selbst, durch sie ausdrücken würden – eher als Schöpfer, welches ein Gedanke ist, den Michael Jackson wiederholt ausdrückte. In der Tat kämpfte er irgendwie darum, dies auszudrücken während der Aussage für den Plagiatsfall für Dangerous 1994, als er sagte, er schreibe alle seine Songs selbst, aber in einer Art täte er es auch nicht – sie kämen einfach zu ihm.

Ich weiß, Du hast die Romantiker studiert, also weißt du viel mehr darüber als ich. Ich fragte mich, ob du ein bisschen was über dieses Ideal des Künstlers der Romantik sagen kannst, der bloß empfangende Kanal zu sein, durch den die Kreativität durchfließt, eher als ein Schöpfer, und wie dies zwei Jahrhunderte später von John Lennon und Michael Jackson reflektiert wird.

Joe: Eine hauptsächliche Metapher in der Romantischen Dichtung ist die Windharfe: Wenn der Wind bläst, kommt die Musik. Du kannst es nicht erzwingen. Du musst darauf warten.

Willa: Das ist wunderschön.

Joe: Michael glaubte ganz stark an dieses Prinzip. Es muss gesagt werden, Michael war ohne Frage ein technischer Meister. Er veröffentlichte kaum Werke in Rohfassung. Eine andere Metapher, die er gern heranzog, um seinen Schaffensprozess zu verdeutlichen ist Michelangelos Philosophie, dass in jedem Stück Marmor oder Stein „eine schlafende Form“ verborgen ist. Sein Job als Künstler ist es dann, ihn zu behauen, zu formen und zu polieren, bis er das Verborgene befreit hat. Also erfordert es viel ausführende Arbeit. Du kannst vielleicht eine Vorstellung darüber haben, wie es aussehen sollte, aber um während des ganzen Prozesses im Einklang damit zu sein, musst du hart arbeiten, um es zu realisieren.

Willa: Was für ein wundervolles Bild! Ich mag den Gedanken der „schlafenden Form“, und es macht wirklich deutlich, wie sehr der Erschaffensprozess beides benötigt, Inspiration und technisches Know How. Die Idee des Songs offenbart sich ihm und erschafft sich selbst, wie Michael zu sagen pflegte, jedoch erfordert es die Fähigkeit und Hingabe eines Handwerkers, um ihn zu „befreien“.

Joie: Joe, in deinem Buch sprichst du über die Absurdität der Tatsache, dass Earth Song niemals als Single in den USA veröffentlicht wurde, sogar obwohl Michaels vorangegangene Single You Are Not Alone als Nummer Eins debütierte. Und trotzdem wurde Earth Song in anderen Teilen der Welt nicht nur als Single veröffentlicht, sondern direkt Nummer Eins in 15 Ländern. Ich stimme dir zu, wenn du sagst, es sei aufschlussreich, dass die Entscheider nicht das Gefühl hatten, das „Land des Überflusses“ würde einen Song tolerieren können mit solch einem „Blick in dein Gesicht“ gegenüber dem menschlichen Befinden. Aber, ich glaube, diese Entscheidung war ein Riesenfehler. Ich denke, wäre es hier veröffentlicht worden, es wäre sehr gut gelaufen. Trotz der verächtlichen Beurteilungen, die es bekam, ist es ein Song, der schwerlich ignoriert werden kann, und ich denke, es hätte bedeutende Radiospielzeiten bekommen, wenn es den Stationen angeboten worden wäre.

Joe: Du könntest recht haben. Es ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite hatte Michaels Popularität in den USA wegen der Anschuldigungen 1993 abgenommen. Aber seine ersten zwei Singles erreichten die Top 5. Es ist seltsam, wie schnell Sony sich für das Album verbürgte nach dem Start der Singles. Es wäre schön gewesen, wenn dem Song wenigstens eine Chance mit den amerikanischen Hörern gegeben worden wäre.

Joie: Ich liebe die Art, wie du Earth Song mit John Lennons Imagine vergleichst, indem du sagst, beide bitten den Zuhörer, sich mehr um die Welt zu sorgen, die wir haben, als von einem Leben nach dem Tod zu träumen. Aber kannst du ein bisschen was über deine Feststellung sagen, dass Imagine für den Durchschnittshörer eher „genießbar“ ist als Earth Song?

Joe: Gut, Imagineist ein absolut schöner Song, der ebenso umtriebig ist. Weil er so angenehm ist und eine solche Nostalgie heraufbeschwört, realisieren viele Leute dagegen einfach nicht, was er tatsächlich sagen will. Er ruft zur Revolution auf, aber er wird einvernehmlich in Zahnarztpraxen und Kaufhäusern gespielt. Also wird der Eindruck von ihm auf gewisse Weise abgestumpft. Wenn er am Neujahrsabend auf dem Times Square in New York gespielt wird, wirkt er wie eine Art Wohlfühlhymne. Daran ist nichts Falsches. Tatsächlich denke ich, dass Man In The Mirror sehr ähnlich ist in der Art des Tons und des psychologischen Effektes. Aber Earth Song ist anders. Er hat eine andere Dringlichkeit und Intensität. Stell dir vor, Earth Song würde am Neujahrsabend mit voller Lautstärke aus den Lautsprechern schmettern. Noch besser, stell dir Michael vor, wie er damit auftritt. Die Zuhörer würden wahrscheinlich in Erstaunen versetzt werden. Der Song wurde nicht gemacht, damit die Leute sich wohlfühlen; er wurde gemacht, das Bewusstsein der Menschen anzupieksen, die Leute aufzuwecken.

Joie: Was mich einmal mehr fragen lässt, wie es aufgenommen worden wäre, wenn es eine ordentliche Promotion und das Abspielen über Radiostationen in den USA erfahren hätte.

Willa: Und dass das hier nicht funktioniert hat, sagt auch etwas Wichtiges aus, denn es hat in vielen anderen Ländern funktioniert.

Joe: Große, prophetische Kunst wird oft abgelehnt oder in seiner Zeit missverstanden. Dafür gibt es so viele Beispiele, von Blake über Van Gogh zu Tchaikovsky und Picasso. Michael war ein Studierender der Geschichte und Kunst, und er hat das verstanden. Er war selbstsicher darin, dass die Werke, die er erschuf, die Zeit überdauern würden. Earth Song ist ein Song, der in der ganzen Welt extrem populär war und weiter sein wird. Aber letztlich war es ein Song, der gegen den Strom ging – also macht der Widerstand der Firmenmachthaber, Kritiker und anderer Gatekeeper Sinn.

Joie: Also gut, ich danke dir, dass du uns begleitet hast und mit uns über Earth Song gesprochen hast.

Joe: Ich danke euch, mich eingeladen zu haben. Es war mir eine Freude, und mir gefällt die ganze Idee des Dancing with the Elephantals einem Ort für gedankenvolle Diskussionen über Michael Jackson wirklich sehr.

Joie: Danke. Willa und ich haben eine großartige Zeit damit! Ich bin neugierig darauf, was wir als nächstes von Joe Vogel erwarten dürfen, nun, da dass Erscheinungsdatum für Man in the Musicgerade um die Ecke kommt und Earth Song ebenfalls auf dem Weg ist, in Buchform zu erscheinen. Hast du irgendwelche Pläne für Büchersignierungen oder auf andere Art, in Erscheinung zu treten?

Joe: Ich arbeite mit meinem Agenten und Publizisten an all den Plänen bezüglich der Promotion für Man in the Musicund ich werde in den kommenden Wochen klarere Gedanken dazu haben. Es wird geschäftig werden, aber ich bin aufgeregt, dass die Leute endlich das lesen werden, an dem ich all diese Jahre gearbeitet habe.

Joie: Gut, ich habe die Vorab-Kopie, die du dem MJFC überlassen hast, regelrecht verschlungen, ich weiß, die Fans werden es lieben. Es ist ein wirklich wundervolles Buch! Gibt es irgendwelche Schreibprojekte, an denen du zur Zeit arbeitest?

Joe: Ummmm… Ich habe immer einen Haufen Projekte in Arbeit. Ich kann aber noch nicht sagen, welche ich verwirklichen werde. Man in the Musicund Earth Song könnte es für mich in Sachen Michael Jackson Bücher gewesen sein. Aber wir werden sehen. Es gibt viele praktische Berücksichtigungen, die es schwierig machen, aber es ist schwer zu widerstehen „wenn der Wind bläst“.

Willa: Also, wir haben es wirklich genossen, mit dir zu reden. Und wenn irgend jemand sich uns bei dieser Unterhaltung anschließen will, Joe wird diese Woche auf unserer Kommentarseite vorbeischauen, so dass ihr Fragen oder Kommentare für ihn posten könnt.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 14:48



Der Monat, in dem Invincible gefeiert wird - Teil I, UNBREAKABLE



Willa: Diese Woche starten Joie und ich mit einer einmonatigen Serie über das Invincible Album, mit einem genauen Blick auf Unbreakable, ein herausfordernder Kampfschrei, den wir beide lieben und mit wirklich faszinierendem Text.

Joie: Ich liebe Unbreakable. Es ist ein faszinierender Song, mit Lyrics, die dich geradezu anspringen, einfach weil sie wie ein Fenster zu dem sind, wie das Leben für ihn wirklich war.

Now I’m just wondering, why you think

That you can get to me, with anything

Seems like you’d know by now
When and how, I get down
and with all that I’ve been through, I’m still around

Nun, ich wundere mich nur, dass du denkst,
dass du mich erreichen kannst, mit irgendetwas
Scheint als wüsstest du
wann und wie man mich fertig macht
und trotz allem, was ich durchgemacht habe, bin ich immer noch da.

Es scheint, als würde er all die Sneddons, Dimonds, Chandlers - die gesamte Klatschpresse der Welt - ansprechen, und sagen: "Ihr habt alles versucht, aber ich bin immer noch hier, und es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt."

Willa: Ich stimme dir zu, und mag, wie du es gesagt hast. Viele der Lieder auf Invincible scheinen wirklich Fenster zu sein, zu dem, wie das Leben für ihn wirklich war, und ich erkenne das in Unbreakable. Es ist eine wirklich trotzige Antwort auf alles, was er durchgemacht hat, und besonders fasziniert bin ich von den Zeilen: “You can’t touch me ’cause I’m untouchable.”"Ihr könnt mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar."

In den Kasten Systemen von Indien, Pakistan und anderen Teilen der Welt waren die Unberührbaren (und sind es mancherorts immer noch) die Menschen der untersten Schicht, die am weitesten unten waren von allen. Sie werden als unrein wahrgenommen, so unrein, dass wenn sie dich berühren, sogar wenn sie es nur aus Versehen tun, du selbst auch unrein würdest. Deshalb sind sie "unberührbar" - denn du darfst sie niemals berühren, oder dich von ihnen berühren lassen.

Als ich in der 6. Klasse war, freundete ich mich mit einer älteren Frau aus unserer Nachbarschaft an, die zu einer Zeit Ärztin wurde, wo nur wenige Frauen das wurden. Sie verbrachte fast 30 Jahre als Ärztin in Pakistan und Indien, und war eine wirklich unbeschreibliche Person. Ich liebte es, sie zu besuchen, und ihr zuzuhören, und von den Unberührbaren zu hören war für mich das Beeindruckendste. Ich wunderte mich darüber, wie es sein würde, wenn alles was du liebst oder um was du dich sorgst von deiner Berührung verdorben würde. - wie bei König Midas, aber schlimmer. Deine Berührung würde alles unrein machen und nicht in Metall verwandeln.

So war Michael Jacksons Leben nach den Vorwürfen von 1993. Sein Öffentliches Image wurde so "vergiftet" und so unrein, dass jeder, der ihn unterstütze und jeder Ort, der ihm Unterschlupf gewährte, jedes Projekt, an dem er arbeitete auch davon betroffen waren. Seine Freunde und Familie, sogar seine Fans, wurden von der Presse verlacht, und Lisa Marie wurde fürchterlich behandelt - beinahe so schlecht, wie er selbst behandelt wurde. What More Can I Give, ein Lied zur Unterstützung der Opfer von 9/11, wurde dargestellt als ein zynischer Versuch, sein Image anhand einer nationalen Katastrophe aufzubessern. Und seine Bemühungen, Kindern in Not zu helfen, wurden bestenfalls als unangebracht kritisiert und im schlimmsten Fall als zusätzlicher Beweis seiner korrupten Moral gesehen. In anderen Worten, zu der Zeit als Invincible herauskam, war er zu einem Unberührbaren geworden. Keiner in den Medien glaubte, seine Motive seien aufrichtig und rein, und alles, was er berührte war symbolisch verunreinigt nur durch die Verbindung zu ihm.

Im Refrain von Unbreakable, scheint er das zu erkennen. (You can’t touch me ’cause I’m untouchable”- Du kannst mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar), doch dann macht er etwas bemerkenswertes, wie er es in seiner ganzen Karriere immer machte, er nimmt diese Kultur Geschichte und wendet sie von innen nach außen, schreibt sie komplett neu. "You can’t touch me ’cause I’m untouchable” hört sich nicht nach einem Eingeständnis an. Es hört sich nach einem Statement der Stärke an. Er ist "unberührbar" weil er zu mächtig ist, um berührt zu werden, zu unbesiegbar, um verletzt zu werden. Diese Neudefinition vermittelt er sowohl durch die reine Kraft seiner Stimme, wenn er diese Zeile singt, als auch durch eine zweite, hinzugefügte Zeile, die wie ein Echo der ersten ist, und diese frech betont, in dem sie sagt:

You can’t touch me ’cause I’m untouchable …

You’ll never break me ’cause I’m unbreakable


Du kannst mich nicht berühren, denn ich bin unberührbar …
Du kannst mich nicht zerbrechen, denn ich bin unzerbrechlich

Diese Zeilen singt er 6x im Verlauf von Unbreakable, inklusive dreimal in Folge am Ende der Aufnahme. Diese Worte sind wichtig, und fassen im Kleinen zusammen, was Jackson in seiner Arbeit immer wieder tat. Er setzt sich selbst mit den Besitzlosen gleich und gibt ihnen eine Stimme - in diesem Fall sind es diejenigen, die als unrein gelten, ausgestoßen, unberührbar (incl. ihm selbst) - indem er die Geschichte, die sie machtlos macht, grundlegend ändert. In diesem Zusammenhang wird sein Schrei "Ich bin unberührbar" zu einer trotzigen Herausforderung für diejenigen, die versuchen, seine Absichten zu verdrehen und ihre übelsten Interpretationen auf ihn zu projizieren.

Joie: Wow..das haut mich wirklich aus den Socken! Ich habe nie im Zusammenhang mit dem Kastensystem über Unbreakable nachgedacht. Ich las über das Kastensystem in vielen Teilen der Welt, und du hast Recht, es ist zugleich faszinierend und traurig. Aber ich habe nie diesen Song unter dem Gesichtspunkt betrachtet.

An der Stelle muss ich etwas gestehen. Ich verehre das Invincible Album, ich liebe es sehr, und die meiste Zeit konkurriert es mit Dangerous um den Titel meines Lieblings MJ-Albums. Ich habe beide mehrmals. Es sind die einzigen Michael CDs, von denen ich mindestens 3 Kopien haben muss, eine fürs Auto, eine für den Truck von meinem Mann, eine für den CD Spieler in der Küche, (damit ich beim kochen auch Musik hören kann) Und da sind nicht mal die digitalen Kopien mitgezählt auf meinem PC und iPod.

Unnötig zu sagen, dass ich dieses Album sicher eine Million mal angehört habe, und wenn ich Unbreakable höre, hat mich diese Zeile über das "unberührbar sein" zuvor nie so berührt. Ich bin wirklich fasziniert von der Idee, dass er sich mit dieser Zeile mit den Menschen aus der niedrigsten Klasse der Erde identifiziere, und jetzt, wo du es so herausgearbeitet hast, macht es auch Sinn für mich. Eine wirklich gute Beobachtung! Und du hast Recht, wenn du sagst, dass jeder, er ihn unterstützte auch davon betroffen war. Und ich denke als Fans können wir alle bestätigen, dass wir es immer noch zu einem gewissen Grad so empfinden. Dieses Stigma hörte nie wirklich auf. Nicht für uns und bestimmt nicht für ihn und seine Familie.

Willa: Das ist interessant, weil mich diese Zeile immer in der Art angesprochen hat. Mag sein, wegen diesen Geschichten, die meine Freundin mir damals erzählte, als ich in der 6. Klasse war, und wegen den starken Parallelen zu seinem Leben in dieser Zeit. Das ist ein Grund, weshalb ich denke, dass es so wertvoll ist Interpretationen seines Werks zu teilen - denn wir alle haben verschiedene Sichtweisen, und wir können soviel gewinnen, wenn wir diese verschiedenen Sichtweisen teilen. Durch meine Konversation mit dir habe ich schon soviel erkannt. Und diese Zeile von Unbreakable, hat in mir immer ein starkes Bild hervorgerufen - von Michael Jackson, der sich für etwas, was er nicht getan hat, schämen musste und als "unberührbar" erklärt wurde, und der es dann als eine Proklamation von Stärke neu geschrieben hat.

Aber du hast Recht, dieses Stigma hörte nie auf, und die Konsequenzen sind furchtbar, persönlich, beruflich und künstlerisch. Wir sehen Hinweise zu dem Schmerz dieses Stigmas auf Invincible. Es ist, als könne er ihm nie entkommen, und ich weiß wirklich nicht, wie er es so lange aushielt. Es lähmte auch seine Bemühungen, anderen zu helfen, was sehr frustrierend für ihn sein musste. Er war dem Erreichen eines sozialen Wandels leidenschaftlich ergeben, und dem Versuch, denen zu helfen die als Außenseiter deklariert wurden - eine Verpflichtung, die wir seine ganze Karriere hindurch erkennen können, von Ben seinem ersten Solohit mit 13, bis zum Earth Song, an dem er noch an dem Tag als er starb, arbeitete. Auch wenn er nach 1993 sehr daran gehindert wurde, weil alles was er tat durch eine Linse von Korruption und Unaufrichtigkeit gesehen wurde. 2001 war er zu einem wirklich erstaunlichen Künstler herangereift, und hätte am Gipfel seiner Kreativität sein sollen, aber er wurde eingeschränkt durch diese Vorwürfe. Nicht nur, dass er in der Presse beschimpft wurde, er wurde auch von anderen Künstlern gemieden - sogar seine eigene Record Company zögerte, ihn zu unterstützen.

Joie: Ich gebe dir Recht und empfinde es so, dass er sich nie ganz von den Vorwürfen von 1993 erholen konnte. Ich frage mich oft, wie seine Karriere ausgesehen hätte, wenn das nie geschehen wäre. Ich meine, er war so ein außergewöhnliches Talent mit so viel Leidenschaft und Vorstellungskraft, und ich frage mich, welchen erstaunlichen Dinge er in seiner Karriere noch vollbracht hätte - und auch in seinem Leben - wenn die Vorwürfe von 1993 nie stattgefunden hätten. Wie hätte sich seine Kariere entwickelt, wenn er nie fälschlich für diese kriminellen Handlungen beschuldigt worden wäre? Aber ich weiß, diese Gedanken sind sinnlos, denn es ist so passiert, und so ist es jetzt. Aber für Invincible frage ich mich auch, welche Höhen dieses unbeschreibliche Album hätte erreichen können, wenn Sony hinter ihm gestanden hätte und es richtig vermarktet hätte.

Diesen Monat gibt es eine Aktion von Michaels Fans in der ganzen Welt, das Invincible Album im Oktober auf Platz 1 der Chats zu bekommen. Es nennt sich die"
Invincible Kampagne" und ist eine zweigleisige Aktion. Das erste Ziel ist es, das Album auf Platz 1 zu bekommen, zu seinem zehnten Geburtstag, seit seiner Veröffentlichung im Oktober 2001. Und sie zweite Absicht der Kampagne ist es, die Musik dieses Albums wie als Zeichen eines friedlichen Banners während des CM Trials wirken zu lassen, um die Welt daran zu erinnern, dass Michaels Kunst "unbreakable" und "invincible" ist.

Willa: Es bringt auch Fans und die Öffentlichkeit dazu, von dem Album noch einmal Notiz zu nehmen, weil es bei seiner Veröffentlichung nie die Beachtung fand die ihm zugestanden hätte. Es gibt hierfür eine lange Geschichte, aber das Ergebnis war, dass Sony es nicht richtig vermarktete. Noch schlimmer ist, nach meiner Meinung, dass Sony ihn davon abhielt, die Videos zu schaffen, die er für dieses Album geplant hatte. Ich denke, seine visuelle Kunst war genauso wichtig, wie seine Musik - denn er war in der Lage seine Ideen im Film noch besser auszudrücken, als mit der Musik. Und es ist für ihn und für uns tragisch, dass man diese künstlerische Ausdrucksmöglichkeit beschnitten hat. Kannst du dir das Thriller Album ohne die Billie Jean, Beat It oder Thriller Videos vorstellen? Er machte 10 Videos für das Bad Album, und 9 für Dangerous, und Sony stoppte ihn nach nur 2 Videos für Invincible, sie lehnten es ab, ihn das geplante Video für Unbreakable produzieren zu lassen, und auch alle anderen - eine Entscheidung die ihn wütend machte. (Es war nach dieser Entscheidung, dass er seinen Protest in Harlem öffentlich machte.)

Joie: Michael erschuf wirklich nur ein Video für das Invincible Album, denn er regte sich so über Sony auf, dass er nicht in dem Video für Cry mitspielt. Aber du hast Recht, es war wirklich eine Schande, dass sie ihn nicht unterstützten.

Willa: Für mich ist diese Entscheidung fast kriminell. Welche große Kunst wurde der Welt vorenthalten, wegen der kurzsichtigen Entscheidung von Sony? Wirklich, Michelangelo hatte eine Vorstellung von einer Skulptur und wollte dafür einen 20 ft. Marmorblock - und dann gibt man ihm diesen Marmorblock. Man sagt nicht zu ihm, dass Marmor zu teuer ist. Man gibt ihm alles, was er braucht, um seine künstlerische Vision zu vollenden. Und wenn Michael Jackson ein Video erschaffen wollte, dann tust du alles, was in deiner Macht liegt, das zu unterstützen. Kannst du dir vorstellen, dass der Welt Michelangelos Pieta und David vorenthalten worden wären, weil man ihm den Marmor verweigert hätte, diese zu erschaffen?

So sehe ich die Entscheidung von Sony. Ich bin einfach fassungslos, dass sie sich so verhielten - besonders deshalb, weil es ohne Michel Jackson die Sony Musik Abteilung wie wir sie kennen, gar nicht gäbe - und ich frage mich wirklich, was er für Unbreakable geplant hatte. Es ist interessant, darüber nachzudenken, besonders weil es ein so faszinierender Song ist..
Was z.B. ist mit diesen Textzeilen: "You can't believe it / You can't conceive it." (Du kannst es nicht glauben/ du kannst es nicht begreifen/verstehen) Was bedeutet das? Was denkt er? Und hätte er im geplanten Video Hinweise dazu gegeben? Ein Video, dass ihn seine eigene Plattenfirma hinderte, zu machen.

Joie: Ich stimme völlig mit dir überein. Was für ein großer Fehler von Sony, ihren größten Künstler gewissermaßen im Stich zu lassen, und es ist gut zu verstehen, warum Michael dachte, die Firma hätte sich gegen ihn verschworen. Ich meine, sogar der Name des Albums frustrierte ihn. Der Titelsong sollte natürlich Unbreakable werden, aber Sony lies das Cover versehentlich mit dem falschen Titelsong Invincible drucken, und es war zu spät, das zu korrigieren.

Aber ich möchte auch sagen, dass es zu der Zeit bei Sony anders war als jetzt. Tommy Mottola, der Chef von Sony zu der Zeit war, und der Michael das Leben so schwer machte, ist sein 2003 nicht mehr dort. Seitdem Mottola ging, hatte Sony 3 verschiedene Vorsitzende/CEO’s. Es herrschen da jetzt wirklich andere Zustände als damals.

Die ganze Auseinandersetzung zwischen Michael und Sony wurde eine ziemlich öffentliche Sache, mit Aufrufen zur Verschwörung gegen Sony/ATV, und ich glaube, Michael hatte sehr gute Gründe so zu handeln, wie er es tat. Aber das Ergebnis davon war, dass eine wirklich wundervolle Arbeit von Michael Jackson, in die er viel Zeit investiert hatte, in die er monatelang sein Herz und seine Seele gesteckt hat, nicht beachtet wurde und bei all dieser Verwirrung auf der Strecke blieb. Das Invincible Album ist außerhalb der Fan-Welt fast unbekannt, und es ist eine Schande, dass der Rest der Welt es verpasste, denn auf dieser Platte gibt es einige wirkliche musikalische Juwelen. Deshalb machen Willa und ich es uns im Oktober zur Aufgabe unseren Teil dazu zutun, den 10. Geburtstag von Invincible zu feiern, in dem wir einen Monat lang eine Serie über das Album machen.

Und ich muss gestehen, dass ich and der Kaufkampagne gestern teilnahm. Ich kaufte noch eine Invincible CD. Aber das mache ich sowieso von Zeit zu Zeit, es ist wie eine Krankheit, ich bin wie besessen von diesem Album.

Willa: Wie du weißt bin ich nicht die technik-versierteste Person der Welt, aber ich habe diesen iPod, mit dem ich mich gerade anfreunde. Ich kann jetzt E-mails abrufen und im Net surfen. Aber mein Sohn lacht immer noch über mich, weil ich so zögerlich darin bin, ihn zu benutzen. Er sagte, ich hätte ihn sogar nach dem Kauf erst noch monatelang in der Schachtel liegen lassen, bevor ich ihn überhaupt mal auspackte. Er beobachtete die Sache und fragte sich, wie lange ich wohl dafür brauchen werde, und schließlich entschied er, ihn für mich auszupacken und in Betrieb zu nehmen, bevor noch die Garantie erloschen wäre. Und das erste, was ich damit bewerkstelligte, war ein Foto von meinem eigenen Auge zu machen. Er findet das alles sehr lustig - diese Situation mit seiner 50-jährigen Mutter, die versucht herauszufinden, wie ein iPod funktioniert. Er lacht sich tot.

Aber ich habe dieses Teil jetzt seit 10 Monaten, und habe immer noch keine Musik darauf. Deshalb dachte ich mir Invincible runter zu laden - mein erster Download! Und damit möchte ich gleichzeitig diese Kampagne unterstützen. Wünsch mir Glück! Und nächste Woche führen wir unser Gespräch über dieses bemerkenswerte, aber häufig übersehene Album fort.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 14:59

Celebrating Invincible – Part 2
13/10/2011

Willa: Vor einigen Wochen besuchte Pamela unseren Blog und postete diesen Kommentar:

Ich glaube, immer wenn Michael einen Song über eine Frau schrieb, dann meinte er mit der Frau uns, die Fans. Ich denke, er verstand die Liebesbeziehung, die wir füreinander hatten (die Fans und Michael) … Ich fühlte, er sah uns, die Fans, als einzelne Beziehung, und das war seine Inspiration. Wenn du seine Songs verfolgst kannst du begleitend zu den wichtigen Vorkommnissen in seinem Leben die Gefühle, über die er schreibt, dahingehend verfolgen, wie er in jener Zeit über die Gefühle der Fans ihm gegenüber dachte.

Ich finde, dies drückt sehr schön das aus, was Joie und ich genauso gefühlt haben: dass Michael Jacksons Liebeslieder als Romanze mit einer Frau interpretiert werden können, aber auch metaphorisch die fortlaufende „Liebesaffäre“ zwischen ihm und seinem Publikum beschreiben.Wenn man es auf diese Art sieht, dann fällt es auf, dass Invincible so viele Songs über unerwiderte und nachlassende Liebe enthält. Von Heartbreaker und Invincible in der donnernden Eröffnungstrilogie mit ihren Geschichten über kaltherzige Frauen, die sich nicht um ihn kümmern oder die ihm keine Chance geben bis hin zu dem lyrischen Don’t Walk Away und Whatever Happens und ihrer schmerzlichen Darstellung einer schwierigen, nachlassenden Liebesbeziehung, Invincible ist voll von Songs unerfüllter Liebe.

Joie: Willa, du weißt, bevor ich M Poetica gelesen habe, habe ich niemals wirklich viel Zeit damit verbracht, über Michaels Liebeslieder in Bezug auf seine Beziehung zu seinen Fans nachzudenken. Ich meine, es war immer irgendwie einfach da, unter der Oberfläche. Aber ich habe niemals vorher in dieser Tiefe darüber nachgedacht, bevor du und ich seine Arbeiten in dieser ernsthaften Art diskutiert haben. Und nun, da ich mich immer mehr darauf konzentriere, ist es erstaunlich, wie es dich geradezu anspringt.

Zum Beispiel, wenn du Don’t Walk Away zuhörst, dieser Text trifft mich teilweise als dermaßen bedeutungsvoll, wenn man ihn durch diese Linse von Michael und seinem Publikum betrachtet:

Geh nicht weg
Sieh, ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll
Ich hab es versucht, aber mein Schmerz steht mir immer im Weg
Sag mir, was muss ich tun, damit du bleibst,
Soll ich auf die Knie gehen und beten
Wie kann ich es stoppen, dich zu verlieren
Und wie kann ich anfangen, zu bleiben
Wenn nichts mehr bleibt, als zu gehen
Ich schließe meine Augen
Es einfach zu versuchen und dich noch ein weiteres Mal lächeln zu sehen
Aber es ist so lange her, nun kann ich nur noch weinen
Können wir nicht ein wenig Liebe finden, um dies wegzunehmen
Denn der Schmerz wird jeden Tag stärker

Es ist, als würde er uns – das Publikum – bitten, ihm zu erzählen, wie er es in Ordnung bringen soll. Er fragt uns nicht, was schiefgelaufen ist; er ist sich der Probleme bewusst, die diese Beziehung über die Jahre austragen musste. Aber er möchte es nicht zu Ende gehen lassen. Diese Beziehung ist sehr wichtig für ihn, und er will daran arbeiten: „Kannst du nicht sehen, ich will nicht weggehen“, singt er. Er muss nur wissen, wie er es machen soll. Er findet es so nicht heraus, er fragt uns. „Wie kann ich es stoppen, dich zu verlieren?“

Willa: Oh Himmel, Joie, diese Zeilen sind so herzzerreißend für mich, besonders jene letzte „Denn der Schmerz wird jeden Tag stärker“. Und für mich ist es keine Entweder-Oder-Entscheidung von ‚Er spricht über eine Romanze‘ oder ‚Er spricht über sein Publikum‘ – es ist beides, gleichzeitig. Es funktioniert als Geschichte über eine nachlassende Liebesbeziehung mit einer Frau und als die schwierige „Liebesbeziehung“, die er mit uns, seinem Publikum hat, wie Pamela es beschreibt.

Und als er singt „Wie soll ich das verstehen … warum sind alle meine Träume zerbrochen?“ Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke an die Nachwirkungen der Anschuldigungen 1993 und wie zerstörerisch das war, für beide, für ihn persönlich und für seine Beziehung zu seinem Publikum. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Zeiten gab, in denen er das Gefühl hatte, dass die Dinge so schlimm geworden sind, dass ihm wirklich „nichts mehr übrig blieb, als zu gehen“. Aber er tat es nicht. Er hat weiter versucht, dass es funktioniert.

Joie: Es zerbricht mir einfach das Herz! Und was es in meinen Gedanken so schmerzlich macht sind diese Zeilen: „Ich schließe meine Augen / Es einfach zu versuchen und dich noch ein weiteres Mal lächeln zu sehen / Aber es ist so lange her, nun kann ich nur noch weinen“. Das zerreißt mich einfach. Wie viele Male haben wir ihn sagen hören, dass er die Menschen einfach zu glücklich machen will? Dass er es liebt, mit seiner Musik ein Lächeln in das Gesicht der Menschen zu zaubern? Das war es, was für ihn zählte – uns glücklich zu machen. Aber irgendwo auf dem Weg hat er uns verloren; und er hat das erkannt, und er wollte das in Ordnung bringen. Aber er wusste nicht, wie. Es ist so, als ob er nicht verstand, was es ist, das wir von ihm wollen. Was sollte er tun, damit das Publikum ihn wieder liebt?

Herzzerreißend. Teilweise, weil das Publikum, zu dem er singt – oder wenigstens die, die ihm noch zuhören – schon fest an seiner Seite sind. Wir haben ihn nie verlassen; wir haben nie aufgehört, ihn zu lieben. Aber dieser Song ist wirklich an uns gerichtet – die Fans. Mit dem Publikum sind andere gemeint – jene, die weggefallen sind, als die Dinge unbequem wurden (sie wissen, wer gemeint ist), jene die begierig teilgenommen haben am MJ-Bashing (die Medien), und jene, die auf den Zug aufgesprungen sind, weil sie dafür einen Lacher oder zwei bekommen haben (Late Night Comedians, Talk Show Gastgeber, u.a.). Das sind die Leute, zu denen er diesen Song wirklich singt. Und, wie immer bei der allgemeinen Öffentlichkeit, traf seine Bitte auf taube Ohren. Niemand hörte seine Schreie außer uns – den Fans.

Willa: Es ist wirklich herzzerreißend, und Joie, ich finde, was du gesagt hast, ist so wichtig. Wirklich, ich denke, du legst deinen Finger auf ein entscheidendes Thema auf diesem Album. Ich habe heute Nachmittag all diese Songs über verlorene Liebe auf Invincible gehört und plötzlich fiel mir das immer wiederkehrende Thema auf, dass er unfähig ist, sich auszudrücken – oder auch unfähig überhaupt zu sprechen, oder in einer Art zu sprechen, die etwas bewirken würde. In jedem dieser Songs ist die Rede von einem Missverständnis oder einer anderen Barriere, die das Paar auseinanderbringt oder sie davon abhält, zusammenzukommen. Er will verzweifelt „diese Mauern niederreißen“ (tear down these walls), so dass sie die Wahrheit sehen wird und sie wieder vereint sein werden, aber entweder kann er nicht sprechen oder er findet nicht die richtigen Worte, damit sie ihm zuhört. Der Titelsong Invincible beginnt mit diesen Zeilen:

Wenn ich diese Mauern niederreißen könnte, die dich und mich trennen
Ich weiß, ich könnte dein Herz wiedererlangen und unsere vollkommene Liebe würde beginnen

Aber entweder er kann sich nicht in einer Art ausdrücken, die sie versteht oder sie hört ganz einfach nicht zu:

Nun habe ich dir schon viele Male von all den Dingen erzählt, die ich tun würde,
Aber wie es aussieht, kann ich dich nicht erreichen, so sehr ich es auch versuche

Er erzählt uns dies wiederholt im Refrain „Sogar wenn ich bitte und bettele, sie ist unbesiegbar (unerbittlich?)“, was genau das bestätigt, was du gesagt hast: „Wie immer bei der allgemeinen Öffentlichkeit, traf seine Bitte auf taube Ohren“.

Wir sehen eine ähnliche Situation in Butterflies. Er versucht, eine Frau für sich zu gewinnen, aber er kann nicht sprechen, und sie hört auch gar nicht zu. Es beginnt mit diesen Zeilen:

Alles was du tust ist wegzugehen und mich zurückzulassen
Mein Lächeln nicht anzuerkennen, wenn ich versuche, Hallo zu dir zu sagen
Und alles was du tust, ist meine Anrufe nicht zu beantworten
Wenn ich versuche dich zu erreichen
Das lässt mich weiter fragen warum, und alles was ich tun kann ist seufzen

Also noch mal, er kann seine Gedanken und Gefühle ihr gegenüber nicht ausdrücken – „alles was ich tun kann ist seufzen“. Wie du vorher schon bemerkt hast, beginnt Don’t Walk Away mit diesen Zeilen:

Geh nicht weg
Sieh, ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll
Ich hab es versucht, aber mein Schmerz steht mir immer im Weg
Sag mir, was muss ich tun, damit du bleibst,
Soll ich auf die Knie gehen und beten

Dieses Mal kann er sprechen, aber nicht auf eine Art, die sie versteht – „Ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll“ – also betet er stattdessen leise.

Er wiederholt diesen Gedanken in Whatever Happens, ein wahrhaft schöner Song, den ich einfach liebe. (Ich spielte diesen Song immer wieder und wieder, während ich M Poetica schrieb. Dieses Buch zu schreiben brachte mich wirklich an einige dunkle und unbequeme Orte, und dieser Song half mir dadurch. Ich spielte einfach immer wieder diesen wunderbaren Refrain – „Was immer auch passiert, lass meine Hand nicht los“ – und er singt es so schön.) Whatever Happens erzählt die Geschichte eines Paares, das durch schwierige Umstände in seinem Leben auseinandergerissen wurde, und wieder einmal sind seine gesprochenen Worte wirkungslos. Alles was er tun kann, ist beten – mit anderen Worten zu einer höheren Macht zu sprechen, da er nicht mit ihr reden kann – und hoffen, dass seine Botschaft sie auf diesem Weg erreicht.

Alles wird in Ordnung sein, versichert er ihr
Aber sie hört nicht ein Wort, das er sagt
Geistesabwesend, sie fürchtet sich …
Er weiß nicht was er sagen soll, also betet er
Was immer auch passiert, lass meine Hand nicht los

Immer und immer wieder in diesen Songs sehen wir dieselbe Situation des Protagonisten, der unfähig ist, Verbindung zu der Frau, die er liebt, zu erlangen, weil er nicht sprechen kann und sie ihn nicht hören kann – was genau seine Beziehung zur Öffentlichkeit zu jener Zeit beschreibt. Er „weiß nicht die richtigen Worte zu sagen“ und „sie hört kein Wort von dem, was er sagt“. Das ist ziemlich ironisch, denn er ist ein erstaunlicher Songschreiber, und es ist überhaupt nicht so, dass er sich nicht ausdrücken kann. In der Tat ist es so, dass er sehr wortgewandt dabei ist, seine Sprachlosigkeit zu beschreiben. Allerdings spielt es auch gar keine Rolle, wie eloquent er ist, wenn sein Publikum ihm nicht zuhört oder alles, was er sagt, falsch interpretiert.

Und dann, mitten zwischen all diesen Songs des stummen Leidens, ist da Speechless ein wunderschöner Ausdruck von Liebe und Freude. Der gesamte Song handelt von seiner Unfähigkeit zu sprechen – wie der Titel schon sagt, er ist „sprachlos“ – aber dieses Mal ist es etwas komplett Anderes. Er ist sprachlos vor Freude. Und obwohl er sprachlos ist, versteht sie ihn und liebt ihn sowieso.

Joie: Willa, ich bin sprachlos! Bis zu dieser Unterhaltung hab’ ich dem gar keine Beachtung geschenkt, dass das so viele Songs auf diesem erstaunlichen Album sind, die in das Schema der parallelen Geschichten passen – ein Mann und seine Geliebte / Michael und sein Publikum. Oder die dieses wiederkehrende Thema haben, nicht fähig zu sein, mit der Person, die man liebt, kommunizieren zu können (oder sich mit seinem Publikum zu verbinden). Nun muss ich noch mal von vorne anfangen und all diese Songs mit ganz neuen Ohren hören!

Aber, ich liebe, was du über Speechless sagst und ich glaube, hier gibt es einen anderen Grund für seine Sprachlosigkeit, denn, wieder einmal ist hier sein Zielpublikum ein anderes. Zuerst einmal, ich glaube ganz sicher, dass dieser Song nicht von einer romantischen Beziehung handelt, sondern über das Wertvollste in Michaels Leben – seine Kinder. Also, das ist die erste Geschichte hier. Aber parallel dazu, die metaphorische Geschichte ist, dass er zu einem ganz speziellen Publikum spricht. Jene spezielle Gruppe von Menschen, die mit ihm durch Dick und Dünn gegangen sind; die Millionen von Menschen, deren Unterstützung und Liebe ihn auch umgeben haben, wenn die Dinge hässlich wurden. Er spricht hier zu seinen Fans, und er ist dermaßen bewegt von ihrer tiefen Liebe, dass er nicht sprechen kann. Das ist der Grund dafür, dass sie ihn sowieso versteht – weil sie (die Fans) ihn wirklich bedingungslos liebt / lieben, und dies immer getan haben. Sie versteht, was er fühlt, obwohl er das nicht in Worte fassen kann.

Willa: Weißt du, wenn du das Gefühl hast, Speechless sei ein Song über seine Kinder, das erinnert mich an etwas, was Randy Taraborrelli in seiner Biographie geschrieben hat. Er führte ein Telefoninterview mit Michael, glaube ich, und Michael Jackson erzählte ihm, dass Speechless zu ihm kam, während er mit einer Gruppe von Kindern spielte. Und natürlich, Kinder sind annehmender als Erwachsene. Sie müssen nicht immer alles mit Worten erklärt bekommen – eine Umarmung funktioniert auch. Also thematisch passt das auch.

Joie: Gut, ich liebe diesen ganzen Monat des Invincible Feierns und ich hoffe, die anderen auch. Nächste Woche werden wir über Michael Jacksons stimmliche Bandbreite reden und darüber, dass ihm oft nicht die Würdigung zuteil wurde dafür, was für ein wahrhaft talentierter Sänger er war – etwas, was das Invincible Album perfekt beleuchtet!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 15:10

Celebrating Invincible – Part 3 – Diese erstaunliche Stimme
20/10/2011

Joie: Ich bin Michael Jackson Fan buchstäblich solange ich denken kann. Michael war eine Konstante in meinem Leben seit meinen ersten Erinnerungen im Alter von drei Jahren. Er war einfach immer da. Und ich kann mich erinnern, absolut fasziniert vom Klang seiner Stimme gewesen zu sein. Ich hab’ sehr lebendige Erinnerungen daran, auf dem Fußboden in unserem Haus vor sehr großen Lautsprechern zu sitzen, als ich sieben oder acht Jahre alt war, ein Album Cover in der Hand, während ich konzentriert zuhörte, wie er zu mir sang. Jeden Tag habe ich Stunden dort allein verbracht – nur ich und die Stereoanlage und meine Alben – die Lautstärke so hoch wie es ging, bis mein Vater rufen würde, ich solle sie leiser drehen, bevor die Lautsprecher platzten. Da war einfach irgendetwas in dieser Stimme, das mich gefangen nahm, und ich bin mein ganzes Leben fasziniert geblieben.

Michael wird immer als musikalisches Genie verehrt; seine elektrisierenden Live Auftritte, seine der Schwerkraft trotzenden Tanzbewegungen und seine astronomischen Verkaufsrekorde werden gepriesen. Aber sehr oft schien seine verblüffende Stimme einen der hinteren Plätze dem allen gegenüber einzunehmen, und das habe ich niemals wirklich verstanden, denn er ist wahrlich einer der am meisten talentierten Sänger, die sich immer an die Regeln gehalten haben, und Invincible ist das perfekte Album, darüber zu sprechen, wenn man seine stimmliche Bandbreite beleuchten will.

Michaels langjähriger Vocal Coach Seth Riggs erklärte einmal, dass Michael einen außergewöhnlich weiten Stimmumfang hat. Riggs beschreibt ihn als hohen Tenor oder Countertenor mit einem Umfang von 3,6+ Oktaven. E2 bis B5 oder 44 Noten Mitte der 1980er Jahre. Und in den 1990ern sagte Riggs, dass der Umfang sich auf 4 Oktaven ausgedehnt habe, der es ihm erlaubte, einige zusätzliche tiefere Noten zu erreichen, während die höchsten bestehen blieben. Und das war, bevor er Falsett anwandte – eine Technik, die von männlichen Sängern benutzt wird, um Noten zu erreichen, die außerhalb ihres (normalen) Stimmumfangs liegen. Addiere dazu noch die Tatsache, dass Michael außerdem die Fähigkeit besitzt im Staccato zu singen, komplexe Rhythmen in perfektem Timing.

Nun, ich bin kein Studierender seiner Stimme, keineswegs. Aber was all dieser technische Hokuspokus mir sagt, ist, dass Michael Jackson einen unglaublich vielseitigen Stimmumfang hat und dies mit fortschreitendem Alter immer besser wurde. Und sein umfangreiches Schaffenswerk - Invincible im Besonderen - ist Beweis dafür. In der Tat, das ist die Sache, die ich am meisten an diesem wundervollen, unglaublich unterschätzten Album liebe: die Tatsache, dass es dem Zuhörer die Möglichkeit gibt, Michaels gesamten stimmlichen Umfang zu hören, vom geschmeidigen Falsett in Butterflies bis zum überraschend reichen Bariton in 2000 Watts.

Willa: Ich bin sicherlich auch kein Experte dafür. Tatsächlich weiß ich nur sehr wenig über technische Aspekte des Singens und der Musik, aber es gibt ein interessantes YouTube video , das einem eine Vorstellung seines Stimmumfangs vermittelt. Und offenbar war diese Bandbreite der Stimme kein Zufall. Ich meine, ein Teil davon war reines angeborenes Talent, wie wir bei Songs hören können, die er als Kind gesungen hat. Ain’t no Sunshine haut mich um. Aber es gibt nur wenige Sänger – speziell Popsänger – die so sachkundig und hingebungsvoll ihre Stimme pflegten und verbesserten.

Joie: Nein, das war kein Zufall, da hast du Recht. Er arbeitete unermüdlich daran, dieses gottgegebene Talent zu erhalten und zu perfektionieren.

Willa: Das ist wahr. In den 1980er Jahren gab es die Geschichte in den Medien, er würde in einer Sauerstoffkammer schlafen (dem ersten der vielen Medien-Hoaxes) und jemand befragte seine Schwester Janet darüber. Sie sagte, sie hätte nirgends diese Sauerstoffkammer gesehen, aber wenn er eine benutzen würde, hätte das sicherlich etwas mit seiner Stimme zu tun. Er war einfach fanatisch dabei, seine Stimme zu pflegen. Und Will.i.am erzählt eine Geschichte, wie er mit ihm im Studio gearbeitet hat. Sie hatten gerade einen Song abgeschlossen, entschieden dann aber, dass sie noch ein kleines fünf Sekunden langes Stück seiner Stimme einfügen müssten. Will.i.am sagt, er hätte eine Stunde lang seine Stimme aufgewärmt, damit sie vollkommen „geöffnet“ sei für die Aufnahme der fünf Sekunden. Will.i.am sagt, er konnte es nicht glauben, aber natürlich, während die Aufnahme dieses kleinen Segments weniger als eine Minute Zeit benötigte, würde es doch für ewig Teil dieses Songs sein, und er wollte, dass es einfach bestmöglich wird.

Und er hatte eine erstaunliche Bandbreite seiner Stimme, nicht nur in der Höhe, sondern genauso auch in der Struktur. Da gibt es Momente, wo seine Stimme für mich so wunderschön klingt, einfach so unglaublich schön. Aber dann gibt es auch noch Privacy, wo seine Stimme ganz und gar nicht schön ist. Tatsächlich ist sie rau und kratzig, fast schroff. Mein Sohn macht Geländelauf, und so klingt seine Stimme nach einem richtig schweren Lauf – wirklich rau und zerrissen. Es erinnert mich an diesen Ausdruck einer „vom Laufen zerrissenen“ Stimme, er ist so schwer gelaufen, bis seine Stimme zerrissen ist. Und so klingt Michael Jacksons Stimme in Privacy, als wäre er vom Wegrennen zerrissen vor der Presse und den Paparazzi. Und natürlich unterstützt das die Bedeutung des Songs. Ich bin immer wieder fasziniert von seinen Ideen und den vielen Techniken, die er nutzt, um seine Gedanken zu vermitteln, und in diesem Fall vermittelt er die Bedeutung nicht nur durch die gesungenen Worte, sondern auch durch die Struktur seiner Stimme, wie er jene Worte singt.

Joie: Das ist sehr wahr, Willa. Er war wirklich großartig darin, seine Stimme der Übermittlung einer bestimmten Stimmung und einem Gefühl anzupassen. Seine Stimme war wirklich sein Instrument, und er war ein Meister damit. Sein Stimmumfang war so vielseitig und gleichzeitig doch so unverwechselbar. Bei Butterflies zum Beispiel ist seine Stimmausführung so kristallklar und schön, sie gleitet ohne Anstrengung vom weichen Tenor der ersten Strophe zum süßen Falsett, das wir alle in der zweiten Strophe so lieben. Seine Stimme in diesem Song trieb Butterflies mit Hochgeschwindigkeit auf Platz 13 der Billboard Hot 100 Charts und auf Platz 2 der Hot R&B Hip Hop Singles Charts. Und das war alles nur durch das Radio, da Sony sich weigerte, es als offizielle Single zu veröffentlichen. Er wiederholt diesen Tenor mit dem Übergang zum Falsett im nächsten Song Speechless, in dem seine magische Stimme bis in einen aufgebauten Höhepunkt steigt. Aber der a cappella Abschnitt, der das Stück eröffnet, gibt wirklich den reinen, unschuldigen Ton für den ganzen Song an – noch einmal, er nutzt die Qualität seiner Stimme, um die Stimmung, in der er ist, zu vermitteln.

Willa: Absolut, und das ein ganz tolles Beispiel. Du weißt, man braucht viel Mut, um seine innersten Gefühle so zu offenbaren und ehrlich und verletzlich sein zu lassen, und Michael Jackson hatte diese Art von Mut. Es war eins der Dinge, die mich vor so vielen Jahren zu ihm hingezogen haben, seit ich als kleines Mädchen zum ersten Mal Ben gehört habe, und wir erleben diese Ehrlichkeit und Verletzlichkeit in dem a cappella Intro zu Speechless. Dann beginnen die Geigen und die anderen Instrumente und der Chor und es wird unglaublich opulent und schön. Und dann am Ende nehmen die Instrumente und die Background-Stimmen wieder ab, und er ist allein und wieder emotional schutzlos. Es ist, als nähme er die Maske ab und ließe sich selbst emotional nackt da stehen. Es ist fast zu viel für mich.

Joie: Ein weiteres großartiges Beispiel ist der Song Shout. Nun, ich weiß, er ist nicht tatsächlich auf dem Invincible Album, aber er war dafür vorgesehen und verpasste es um Haaresbreite, als es in letzter Minute durch You Are My Life ersetzt wurde, und es wurde als B-Seite der Cry Single veröffentlicht. Aber ich erwähne es hier, denn es ist ein anderes großartiges Beispiel dafür, wie Michael oftmals die Qualität seiner Stimme benutzt hat, um die Stimmung zu vermitteln und ein Bild zu zeichnen. Bevor er überhaupt damit beginnt, was er sagen will, bekommst du sofort das Gefühl, dass dies ein Song über Empörung und Frustration über die Weltprobleme ist – alles durch die Qualität seiner Stimme. Aber Shout ist auch ein wundervolles Beispiel für seine Fähigkeit, im Staccato zu singen. Etwas, das er besser als die meisten kann und er führt komplexe Rhythmen in perfektem Timing aus. Wir haben ihn dies viele Male tun sehen in der Vergangenheit bei Songs wie Jam und Tabloid Junkie. Es ist fast, als würde er rappen, und er ist wirklich gut darin. Du weißt, ich habe ihn einmal in einem Interview sagen hören, dass er nicht sehr überzeugt sei von seinen Qualitäten als Rapper, aber ich denke, dieser Song zeigt, dass er deswegen nicht so große Bedenken haben sollte. Ich sage nicht, dass er auf irgendeine Weise naturgemäß ein Rapper war, aber ich glaube, er konnte dem wacker standhalten, und dieser Song beweist das.

Trotzdem, für mich ist 2000 Watts die wahre Enthüllung von Invincible. Für mich gibt es keinen Zweifel, wenn dieser Song auf dem posthumen Album Michael anstatt auf Invincible veröffentlicht worden wäre, dann hätte es von den Fans einen wütenden Aufschrei gegeben, die darauf bestanden hätten, er würde den Song nicht singen. Es gab jahrelang wilde Spekulationen darüber, ob seine Stimme digital verändert wurde für diesen Song, aber das ist nicht der Fall. Der reichhaltige und überraschend tiefe Bariton auf diesem Track ist Michael (mit Assistenz von Teddy Riley in den Sprechparts) mit seiner natürlichen Stimme – keine digitale Flickschusterei. Und es ist verblüffend! Dies ist einer meiner Für-alle-Zeiten-Lieblingssongs geworden, denn er demonstriert, wie vielseitig begabt, wandlungsfähig und kunstfertig Michael wirklich war mit seinem Instrument – welches seine erstaunliche Stimme ist.

Willa: OK, also jetzt kommt eine peinliche Geschichte. Ich fuhr im Auto, als ich gerade das erste Mal Invincible hörte – ich hatte die CD gekauft, packte sie aus, während ich zu meinem Van ging, schob sie in die Anlage im Auto und hörte sie an, während ich nach Hause fuhr. So fahre ich und höre zu, 2000 Watts kommt, und da singt dieser Typ ein ziemlich tiefes Intro. Ich warte darauf, dass Michael Jackson mit seinem Tenorpart anfängt, aber das Intro dauert eine wirklich lange Zeit. Und dann ist der Song vorbei. Also dachte ich, oh, ich muss beim Fahren abgelenkt gewesen sein und den Hauptteil des Songs verpasst haben, so drücke ich den Replay-Knopf. Der Song fängt wieder an, da ist das Intro, mehr Intro, mehr Intro, ich warte darauf, dass der Tenorpart beginnt, er kommt nicht, und dann ist der Song wieder vorbei. Was zum Kuckuck soll das bedeuten? Also bin ich tatsächlich auf den nächsten Parkplatz gefahren, holte das Booklet aus der Hülle und lese „Lead Vocals: Michael Jackson, Background Vocals: Michael Jackson.“ Ich war fassungslos. „Dieser Typ“ singt diesen tiefen „Intro“-Part und ich hatte ihn überhaupt nicht erkannt. Ich konnte es nicht glauben. Michael Jacksons Stimme ist seit 40 Jahren in meinem Kopf, seit ich neun Jahre alt bin. Es gibt Zeiten, da ist mir seine Stimme so vertraut wie meine eigenen Hände. Und ich hatte ihn zweimal 2000 Watts singen hören und ihn nicht erkannt.

Wie du weißt liebe ich seine tiefere Stimme. Seine hohe Stimme, wenn sie rasch nach oben geht, wie sie es manchmal tut, ist so unglaublich schön für mich, und es gibt auf Invincible diese herrlichen hohen Triller, die ich einfach liebe, direkt nach der Bridge/Überleitung in Don’t Walk Away. Aber seine tiefe Stimme macht einfach etwas mit mir. Das erste Mal, dass ich es hörte, war auf Don’t Stop ‚til You Get Enough. Ich war ein Teenager, und der Song war eine Offenbarung. Die Zeile „I’m melting like hot candle wax“ (Ich schmelze wie heißer Kerzenwachs) lässt mich nun seit über 30 Jahren erröten, und seine tiefe Stimme in diesem Song trägt definitiv dazu bei. Es ist so sinnlich.

Joie: Willa, du errötest so leicht! Aber ich weiß, was du meinst. Das tiefe Rumpeln im Hintergrund von Don’t Stop gegen Ende, wo er singt „Don’t stop, Baby… Come on, Baby … Don’t stop, Darling“, - wirklich, wirklich HEISS!!

Willa: Himmel, Joie! Du hast gerade meine Brillengläser beschlagen lassen. Meine Güte! Also, worüber haben wir gesprochen? Ach ja richtig, die erstaunliche aber beunruhigende Stimme in 2000 Watts. Für mich fühlt sich diese Stimme komplett anders an als die tiefe Stimme in Don’t Stop – sie vermittelt eine andere Stimmung und drückt einen anderen Gedanken aus. Wie du gezeigt hast, die Stimme in 2000 Watts klingst zuerst gar nicht nach ihm, und ich frage mich, ob dieser fremdartige Beginn absichtlich so ist.

Es gibt einige wiederkehrende Themen auf Invincible. Eines der Themen ist Sprachlosigkeit, über die wir letzte Woche gesprochen haben – dieser wiederholte Gedanke, dass er nicht fähig ist zu sprechen und auf eine bedeutungsvolle Weise zu kommunizieren, so dass andere ihn verstehen. Ein anderes Thema ist die Entfremdung – dass er dieselbe Person ist, die er immer war, aber wir ihn nicht mehr erkennen. Er ist derselbe, jedoch ist er ein Fremder für uns geworden. Wir finden dieses Thema überall auf Invincible, in allem, vom Album Cover über die Lyrics bis zu seiner Stimme in 2000 Watts. Ich spielte diesen Song ständig in den ersten Tagen, in denen ich Invincible hatte, und ich musste mich buchstäblich trainieren, um die tiefe knurrende Stimme als seine Stimme zu erkennen. Ich hatte das Gefühl, dass dies wirklich wichtig für mich war, denn es war verstörend, seine Stimme zu hören und sie nicht zu erkennen.

Joie: Es ist sehr interessant für mich, dass du das sagst, denn für mich war es nicht so, dass ich seine Stimme nicht erkannt hätte. Tatsächlich war es genau das Gegenteil. Es hörte sich für mich sofort nach Michael an – einfach Michael mit einer eindeutig tieferen Stimme, als wir sie von ihm gewohnt waren, zu hören. Und es funktioniert großartig! Und wie du sagst, ich liebe seine tiefere Stimme. Ich wünsche nur, er hätte sie ein wenig mehr eingesetzt, so dass auch die Welt mitbekommen hätte, was die Fans schon wissen … nämlich die Tatsache, dass er wirklich solch eine wundervolle und abwechslungsreiche Stimme hatte.


Also, wir haben diese Serie mit dem ersten Song auf dem Album begonnen, es passt dazu, dass wir sie beenden mit dem letzten Song auf dem Album, so beschließen wir unsere Invincible Feier mit Threatened. Und weil diese Woche Halloween sein wird, passt die gruselige Art des Songs perfekt!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 15:25

Celebrating Invincible – Part 4 – Threatened!!!
27/10/2011

Willa: Diese Woche wollen wir uns Threatened ansehen, eine sehr ungewöhnliche Horrorgeschichte, erzählt aus der Sicht eines Monsters, das versucht herauszufinden, warum sich jeder vor ihm fürchtet.

Threatened beginnt mit einer Einführung von Rod Serling, aber es ist mehr philosophisch und psychologisch als beängstigend. Wie Serling sagt „Die Geschichte dieser Nacht ist irgendwie einzigartig und braucht eine andere Art der Einführung / Introduction“. Er sagt weiter „Ein Monster ist in unserem Ort eingetroffen“, ein typisches Szenario in Horrorfilmen, aber dann erzählt er uns „die Hauptzutat jedes Rezeptes für Angst ist das Unbekannte“. Also anstatt uns zu ermuntern, uns zu fürchten, wie es Horrorfilme normalerweise tun, fordert er uns auf, einen Schritt zurückzutreten und diese Angst zu analysieren. Er schließt das Intro ab mit „Oh ja, ich hab’ etwas vergessen, oder? Ich vergaß, dir das Monster vorzustellen“, und sofort hören wir Jacksons Stimme, die singt „Du fürchtest mich“. Plötzlich merken wir, dass er das Monster ist. Und er versucht, in unseren Kopf zu kriechen und uns zu verstehen.

Joie: Es ist sehr interessant, dass du das Monster so beschreibst, denn das ist überhaupt nicht das Gefühl, das ich bei dem Song habe. Es ist eindeutig aus der Sicht des Monsters erzählt, aber ich glaube nicht, dass er ahnungslos darüber ist, warum sich jeder vor ihm fürchtet. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil. Er weiß, warum sie sich fürchten, und er mag das. Nicht nur, dass das Monster genau weiß, was es tut, es genießt das auch. Er hat offensichtlich großen Spaß dabei, die Leute zu ängstigen.

Du solltest mich beobachten, du sollst dich bedroht fühlen
Während du schläfst, während du kriechst, du sollst bedroht sein
Jedes Mal, wenn deine Frau spricht, spricht sie zu mir, bedroht
Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin,
also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen


Es ist, als ob er feiert, den Effekt feiern will, den er auf alle um sich herum hat. Er ist jemand, der wahrgenommen wird und er weiß das, und er verspottet diejenigen, die auf ihn herabsehen und sich über ihn lustig machen. Sie sind neidisch auf seine Schönheit, sein Talent, seine Macht, und das wirft er ihnen ins Gesicht. „Du hast Angst vor mir, denn du weißt, ich bin ein Ungeheuer“, singt er. Es ist die Art „Quatsch reden“ Quatsch, den Sportfans und andere sagen, wenn sie in einen Kampf gehen oder auf irgendein anderes Spielfeld, in einen Sitzungssaal oder bei einem Brettspiel.

Willa: Ok Joie, ich stimme dir zu, dass er mit Sicherheit „jemand, den man wahrnimmt“ war. Und ich stimme dir auch zu, dass dieser Song etwas Trotziges hat, etwas Provokatives – „Quatsch reden“ ist eine gute Beschreibung. Und es kann sein, dass er die ängstliche Art der Leute in gewisser Weise genossen hat. Aber ich glaube auch, dass er diese Angst als etwas wirklich Gefährliches ansah, und er versucht zu verstehen, wo sie herkommt.

Für mich ist dies ein weiterer Song, der direkt die Begleitumstände seines Lebens anspricht. Die Medien und ein ziemlich hoher Prozentsatz der Öffentlichkeit behandeln ihn wie ein Monster, weil sie sich „bedroht“ fühlen von ihm, aber warum? Was genau ist so bedrohlich für so viele Menschen? Was fürchten sie so?

Dies ist für mich die entscheidende Frage im Zentrum von Threatened und die Antworten, die er vorschlägt, sind faszinierend. Ich tendiere zu der Auffassung, die Leute fühlten sich bedroht durch das Art, wie er die Grenzen verwischte zwischen Rassen, Geschlechtern und Sexualität, aber er deutet auch eine anderen Quelle an – und er hat gute Gründe dafür. Im Grunde genommen begann das Medienspektakel, bevor er wirklich diese Grenzen überschritt. Er veröffentlichte Leave Me Alone , eine lustige, aber trotzige Antwort auf die Medienhysterie, 1989, als seine Haut noch ziemlich dunkel war.

Genauso wie er war einer seiner Helden, Charlie Chaplin, von der Presse verteufelt worden - Charlie Chaplin wurde wie ein Monster behandelt, wie ein „moralisch Aussätziger“, für mehr als 30 Jahre – jedoch forderte Chaplin nicht auf dieselbe Art wie Jackson soziale Begrenzungen heraus. Wir sehen eine ähnliche Dämonisierung bei Elvis, Barry Gibb, Barbra Streisand und Britney Spears. Tatsächlich können wir diese Art der Mafia-Mentalität regelmäßig durch unsere Geschichte hindurch sehen, immer da, wo die Presse und die Öffentlichkeit sich gegen einen populären Künstler auf wirklich grausame Weise wenden, und ich denke, Michael Jackson benutzt Threatened für beides, um die Mafia-Mentalität aufzuzeigen und genauso zu versuchen, sie zu verstehen.

Wie wir in den Lyrics, die du zitiert hast, sehen, deutet er an, dass es tiefe psychologische Gründe für diese hässliche Hexenjagd gibt, einschließlich Gefühle von Unzulänglichkeit und Neid. Und überhaupt, er ist ein Sexsymbol – „Jedes Mal, wenn deine Frau spricht, spricht sie zu mir, bedroht“ – und ein sehr talentierter, sehr attraktiver, sehr erfolgreicher Rockstar –„ Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin, also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen“. Außerdem ist er berühmt, und sein Ruhm hat ihn so überlebensgroß werden lassen, dass niemand an ihn heranreichen kann, also gibt es nun diesen Impuls, ihn von seinem Sockel zu stoßen und auf normales Maß zurechtzustutzen.

Joie: Willa, während ich deiner Meinung bin, dass hier die üblichen Monster in Michaels eigener Umgebung angesprochen werden, denke ich nicht wirklich, dass er versucht, aus ihnen schlau zu werden. Das ist nicht das, was hier passiert. Ich glaube nicht, dass er hier irgendeine Art von Gründen für die Ängste andeutet, und ich glaube nicht mal, dass er fragt „Warum hast du Angst?“ Stattdessen habe ich das Gefühl, er erzählt uns, dass er längst weiß, was vor sich geht. Er weiß, warum sie Angst haben. Und nicht nur, dass er ihnen erzählt, er würde es verstehen, sondern er lässt sie auch wissen, dass sie Recht haben. Sie haben guten Grund, ihn zu fürchten. „Ich habe dich verzaubert“, singt er. Dann sagt er dies:

Dein schlimmster Albtraum, das bin ich, ich bin überall,
Mit einem Blinzeln verschwinde ich,
und dann komme ich zurück, um herumzuspuken


Er lässt sie wissen, dass er nicht verschwindet. Sie sollen sich bedroht fühlen, weil sie ihn nicht beseitigen können. Er ist unaufhaltsam. Sie haben ihr Bestes versucht – Sneddon, Dimond, die Chandlers, die Tabloids – sie haben alle ihr Bestes versucht, ihn zu erledigen und sie haben ihn vielleicht für eine Minute ausgeknockt, aber er ist nicht erledigt. Und nun ist er zurück, besser als je zuvor. Sie können ihn nicht mundtot machen, sie können ihn nicht kontrollieren, sie können ihn nicht erreichen …sie können ihn nicht brechen. Letzten Endes also beendet er dieses Album mit derselben triumphierenden Bemerkung, wie er es begonnen hat: indem er allen, die versucht haben, ihn zu stoppen, erzählt, dass er immer noch da ist, nach all ihren Anstrengungen und nach allem, was er durchgemacht hat. Sie „können es nicht glauben,… können es nicht begreifen“ (can’t believe it, …can’t conceive it“). Aber es ist genau der Grund, warum sie sich bedroht fühlen sollten.

Die Strophe, die ich vorher zitiert habe, ist genau dieselbe Art von aufmüpfigem Kampf, den wir in den Eröffnungszeilen von Unbreakable gesehen haben.

Nun frage ich mich einfach, warum du denkst, du kannst an mich herankommen
Es scheint als wüsstest du inzwischen
Wann und wie ich zu Boden falle
Und nach allem, was ich durchgemacht habe, bin ich immer noch da


Es ist genau dieselbe Botschaft, nur mit anderen Worten. Im Grunde genommen hat er den Zuhörer mit Invincible mit auf eine Reise genommen, deren Kreis hiermit geschlossen wird. Diese Botschaft – dass er immer noch da ist „ständig lachend, während er am Boden ist“ – ist so bedeutend für ihn, dass er das Gefühl hat, er müsste sie am Ende des Album noch einmal wiederholen. Nur um es noch mal klar zu machen, dass wir es verstanden haben, für den Fall, wir hätten es vergessen nach dem ersten Mal:

Du solltest mich beobachten, du solltest dich bedroht fühlen.

Er klingt glorreich in diesem Song, so als hätte er eine gute Zeit bei der Aufnahme gehabt. Wie ich schon vorher gesagt habe, es klingt, als würde er feiern, und der bedrohliche Ton seiner Stimme auf diesem Track ist ein ganz wenig gekoppelt mit reiner Freude. Ganz klar genießt er die Rolle des Monsters in diesem Song und hat Spaß dabei. Und ich glaube, er klingt so freudig, weil er uns so herausfordernd daran erinnert, dass er noch hier ist und seine Kunst und seine Ideen – seine Liebe – werden für immer unzerbrechlich sein. Sie können ihn vom Podest stoßen und ihn zurechtstutzen, aber es wird niemals wirklich funktionieren. Er wird nicht verschwinden und das sollten sie fürchten. „Du wirst nie auch nur die Hälfte von dem sein, was ich bin, also solltest Du Dich von mir bedroht fühlen“.

Willa: Wow Joie, das klingt verblüffend für mich. Als wir zuerst überlegt haben, ob wir einen Post für Threatened machen wollen und jeder von uns sagte, wie sehr er es liebt, habe ich angenommen, wir sehen es auf dieselbe Art und liebten es aus den gleichen Gründen. Ich kann nicht glauben, dass wir es so verschieden sehen. Ich liebe Threatened wirklich – es ist einer meiner liebsten Songs auf Invincible – aber ich hätte nie gesehen, dass es glorreich oder freudig oder feiernd wäre. Aber ich muss sagen, ich habe es in letzter Zeit sehr oft gehört und langsam beginne ich mich deiner Denkweise anzunähern. Vorher war ich so darauf fokussiert, wie schrecklich es sein muss, wenn jeder denkt, du wärst ein Monster, ich konnte mir einfach nichts Schönes darunter vorstellen. Aber du hast Recht, das ist eine ganz schön mächtige Position. Und er scheint sich wohl zu fühlen (zu feiern) mit dieser Macht, wie du schon sagtest. Er lässt definitiv seine Muskeln spielen in diesem Song, und das finde ich so interessant.

Ich sehe Threatened als eine aufschlussreiche psychologische Studie, obgleich es das ist, was mir an diesem Song als Erstes auffiel. Ich denke, er erforscht die Gründe, warum sich dieser hässliche Mob so oft gegen populäre Künstler entlädt, und die Gründe, die er aufdeckt, sind faszinierend und haben mit der Natur des Berühmtseins an sich zu tun und dieses verrückte Doppeltsehen von Prominenten, die uns einerseits vertraut sind und doch grundsätzlich unbekannt. Du weißt ja, die unheimlichsten Horrorfilme sind nicht diejenigen über außerirdische Monster; sie sind über jemanden oder etwas Vertrautes und Bekanntes, das zu etwas Fremdem und Unheimlichem wird. Der Vater in The Shining wird verrückt und greift seine eigene Familie an. Die Eltern in The Omen werden von ihrem Sohn ermordet, der gar nicht wirklich ihr Sohn ist. Die Tochter in The Exorcist ist besessen von Dämonen und wird unberechenbar. Die Mutter in Rosemary’s Baby entdeckt, dass ihr Baby die Ausgeburt des Teufels ist. Die unheimlichsten Monster sind nicht Godzilla und King Kong – es sind die Lieblingspuppe oder der Teddybär oder der Familienhund oder ein Elternteil oder ein Kind oder ein vertrauter Nachbar, wenn sie plötzlich zu Mördern werden und die angreifen, die sie lieben und am meisten vertrauen.

Michael Jackson war uns auf so vielfältige Arten vertraut. Vielleicht war das Bedeutendste an ihm seine unglaubliche Fähigkeit, mit einem Publikum mitzuempfinden. Immer wieder reden die Leute über die tiefe Verbindung, die sie zu ihm gefühlt haben. Wenn er sang, hattest du das Gefühl, als wüsste er, was du denkst und fühlst und drückte deine eigenen Gedanken und Gefühle aus und gab sie so an dich zurück. Wie er in Threatened singt „Ich habe dich verzaubert“, und er hat uns verzaubert. Wir waren verzaubert von allem, was er tat. Und er war nicht einfach eine Berühmtheit; er war eine Berühmtheit, die vor unseren Augen aufwuchs. Wir hatten das Gefühl, als würden wir ihn kennen, seit er ein Junge war. Also schien er uns in diesem Sinne sehr vertraut zu sein.

Zusätzlich war er eine solche Berühmtheit und so unglaublich bekannt, so gab es auch diese Art von Vertrautheit. Er singt es auch in Threatened „Ich bin es, ich bin überall“. Und es ist wahr, er war überall, und er ist es noch. Sein Gesicht, seine Musik, seine Dance Moves, sein Handschuh und Fedora, seine ganze Ikonographie – es ist wahrhaft erstaunlich, sein Einfluss ist überall. Ich sah mir vor kurzem mit meinem Sohn ein Schoolhouse Rock Video an, es hieß Dollars and Sense, und plötzlich ging der Cartooncharakter im Moonwalk an einem Musikgeschäft vorbei. Er ist sogar in Schoolhouse Rock. Du kannst ihm nicht entfliehen, genauso wie du den Zombies in einem Horrorstreifen nicht entkommen kannst.

Joie: Oh, Schoolhouse Rock! Ich habe solche Dinge immer geliebt. Aber genau! Das ist der Punkt, auf den ich hier kommen wollte. Wir können ihm nicht entfliehen, weil er überall ist. Genau wie er uns in diesem Song erzählt „Dein schlimmster Albtraum, das bin ich, ich bin überall / Mit einem Blinzeln verschwinde ich, und dann komme ich zurück, um herumzuspuken“. Er weiß, sein Einfluss ist unausweichlich; er weiß, dass sie ihn niemals ganz los werden können und so verspottet er sie mit den Worten „Du solltest mich beobachten, du solltest doch bedroht fühlen.“

Willa: Genau. Aber dann wurde er erwachsen und veränderte sich, und einige Leute begannen sich zu fragen, ob wir ihn wirklich so gut kannten, wie wir dachten. Es wurde daraus diese tiefe, unaussprechliche Angst des Vertrauten, das plötzlich fremd und „bedrohlich“ wird. Dann klagt ihn ein Mann an, seinen Sohn belästigt zu haben und diese Angst explodierte. Und wie er uns in Threatened erzählt, wir können dieser Angst nicht entkommen, denn sie kommt nicht von ihm, sie kommt von uns selbst – es ist in uns selbst, in unseren Köpfen. Es sind die „dunklen Gedanken“ in unseren Köpfen:

Du fürchtest mich, denn du weißt, ich bin ein Ungeheuer
Das dich beobachtet, wenn du schläfst
Wenn du im Bett liegst, liege ich darunter
Du bist in Hallen gefangen, und mein Gesicht ist die Wand
Ich bin der Boden, wenn du fällst
Und wenn du schreist, ist es wegen mir
Ich bin der lebende Tote, die dunklen Gedanken in deinem Kopf
Ich habe gerade gehört, was du sagst
Deshalb fühlst du dich bedroht von mir


Dieser Song nimmt mir den Atem. Er erscheint mir so brillant auf so vielen Ebenen, mit tiefen psychologischen Erkenntnissen, besonders wie er die komplexe Mischung von Angst und Vertrautheit eingefangen hat, die die Leute über ihn empfinden.

Aber bevor wir angefangen haben zu reden, Joie, habe ich diese Angst niemals als potentielle machtvolle Kraft für ihn gesehen – etwas, das er nutzen konnte, um uns auf tiefe psychologische Weise zu bewegen – und die all dies weiter verkompliziert. Langsam stimme ich dir immer mehr zu, es klingt, als würde er diese Macht feiern, und für mich eröffnet sich dadurch ein ganz neuer Weg, diesen Song zu sehen. Wow.

Joie: Gut Willa, du hast einige großartige Punkte angesprochen über das Vertraute, das unheimlich und bedrohlich wird, und ich finde das alles sehr faszinierend. Aber für mich war Threatened schon immer einer meiner Lieblingssongs auf dem Invincible Album und vom allerersten Mal, als ich es gehört habe, hatte ich immer das Gefühl, dass dies ein Song über Triumph und Sieg ist. Ein Song über eine festliche Orgie und Freude. Es ist eine Art Ausstellung. ‚Sieh mich an, ich bin hier und ich bin großartig!‘ Das ist die Botschaft, die ich von diesem Song erhalte. Das ist es, was ich jedes Mal höre, wenn ich ihm zuhöre. Und nochmal, für mich ist es eine Rückbestätigung derselben Botschaft, die wir in dem ersten Song auf diesem Album hören. Und für einige mag das ein bisschen wie ein Egotrip oder ein kühnes Statement für jemanden sein, aber wir sprechen hier über Michael Jackson. Genau denselben Künstler, der eine 32 ft. hohe Statue von sich selbst auf die Themse hinunter gelassen hat, um ein Album zu promoten. Über diese Nummer haben die Leute sicher geredet und ich kann mir vorstellen, dass Threatened dazu gedacht war, das gleiche zu bewirken.

In seinem heiß ersehnten Buch Man in the Music. The Creative Life and Work of Michael Jackson erzählt uns Joe Vogel, dass Michael die Absicht hatte, einen Kurzfilm mit der Horrorthematik für diesen Song komplett mit Special Effects auf dem neuesten Stand zu drehen, natürlich wurde das verworfen, als Sony die Promotion strich. Also werden wir niemals wissen, was er hiermit für uns auf Lager hatte, aber ich bin sicher, es wäre, wie der Song selbst, etwas Wunderbares geworden.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 16:19

Ich werde genau das sein, was du sehen willst
03/11/2011

Willa: Diese Woche feiern wir Halloween mit einem von Michaels „unheimlichen“ Songs. Und ich muss zugeben, ich war ziemlich aufgeregt, als Joie vorschlug, über Is It Scaryzu reden, denn es ist einer meiner Lieblingssongs.

Joie: Es ist auch einer meiner Lieblingssongs. Als ich Is It Scary zum ersten Mal gehört habe, war ich sofort erschüttert darüber, wie traurig er war, und ich habe tatsächlich geweint. Ich erinnere mich, mehrmals die Wiederholungstaste gedrückt und die Strophen mitgelesen zu haben, um sicher zu sein, dass ich Michaels Worte richtig verstanden habe, denn für mich ist dieser Song so vielsagend und total herzzerreißend. Alles, was du tun musst, ist dem Text zuzuhören, um einen sehr realistischen Eindruck davon zu bekommen, in welcher Art von Schmerz er sich befunden haben musste.

Ich werde genau das sein, was du sehen willst
Du bist es, der mich verspottet
Denn du willst
Dass ich der Fremde in der Nacht bin
Amüsiere ich dich
Oder verwirre ich dich einfach nur
Bin ich das Biest, das du dir vorstellst
Und wenn du
Exzentrische Seltsamkeiten sehen willst
Werde ich grotesk in deinen Augen sein
Lass sie wahr werden

Es lässt dich fragen, welchen Tribut es von einem Menschen fordern muss. Immer als eine Art Freak oder Monster gesehen zu werden. Immer hören zu müssen, dass die ganze Welt denkt, du wärst sonderbar, seltsam und bizarr. Ständig ein sehr gemeines Etikett auf deinem Namen geklebt zu bekommen und als öffentlicher Feind Nummer Eins gesehen zu werden. Wie fühlt sich das an? Wie gehst du damit um? Wie weh tut das? Michael Jackson wusste die Antworten auf diese Fragen. Und als ich das erste Mal Is It Scary hörte, bekam ich das Gefühl, er wollte, dass der Rest der Welt diese Antworten auch wissen soll. Nur für einige Minuten sich selbst an seine Stelle setzen und fühlen, was er gefühlt haben muss.

Aber er wollte uns nicht nur an seine Stelle setzen für eine Weile. Er wollte, dass wir einen Blick auf uns selbst werfen, er wollte, dass wir die Tatsache durchblicken, dass nicht er die Kuriosität in dieser Freak Show ist – wir sind es! Wir sind es, die ihm diese hässlichen Label aufdrücken. Wir sind die, die es aus irgendeinem Grund brauchen, dass er die Rolle des Monsters in unserem eingebildeten Horrorfilm spielt. Wir sind die mit den kranken Gedanken, die darauf bestehen, er habe unangemessene Dinge mit unpassenden Leuten gemacht. Wir – natürlich nicht die Fans, aber der Rest der Welt – haben ihn geprüft und verurteilt für etwas, an das er nicht einmal gedacht hat. Alles nur, weil er seltsam zu sein „schien“.

Willa: Joie, ich fühle genau das gleiche. Ich glaube nicht, dass wir beginnen können uns vorzustellen, wie grauenhaft diese Anschuldigungen von 1993 für ihn waren. Der Schmerz dieser Beschuldigungen begleitete ständig seine spätere Arbeit. Wir haben das letzten Monat bei Invincible gesehen. Der Schmerz der Anschuldigungen ist unter der Oberfläche jedes einzelnen Songs auf dem Album. Er konnte es nicht hinter sich lassen, er konnte dem nicht entfliehen. Es ist einfach ein bleibender Schmerz. Und wir sehen es so deutlich in Is It Scary, das geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht wurde direkt in den Jahren, nachdem die Anschuldigungen aufkamen. Seine Stimme ist so schön und so ausdrucksvoll in diesem Song, und wenn er diese Zeilen singt, möchtest du dich einfach nur verbeugen und weinen:

Also bist du zu mir gekommen
Um deine Fantasien zu sehen
Genau vor deinen Augen dargestellt
Ein quälendes geisterhaftes Vergnügen
Der schaurige Betrug
Und Geister tanzen in der Nacht
Aber wenn du gekommen bist
Um die Wahrheit, die Reinheit zu sehen
Sie ist hier in einem einsamen Herzen
Also lass die Vorstellung beginnen

Aber hier geht auch noch etwas anderes vor sich. Er drückt nicht nur einfach den Schmerz aus, den er wegen der Anschuldigungen fühlt. Er erzählt uns auch, wie er darauf antworten wird. Wie er in den Lyrics sagt, die du zitiert hast, Joie „Ich werde genau das sein, was du sehen willst“. Mit anderen Worten, wenn die Leute darauf bestehen, dass er ein Monster ist, dann wird er eines – er wird ihre Fantasien erfüllen und ihnen geben, was sie wollen. Wie er sagt „Denn du willst / Dass ich der Fremde in der Nacht bin“. Speziell die Boulevardpresse, aber auch ein großer Teil der Öffentlichkeit „wollen“ ihn als Pädophilen (als Fremden in der Nacht / Stranger in the night) sehen, auch wenn die Tatsachen klar dagegen sprechen. Die Fakten zählen nicht, obwohl dies ohnehin nichts mit Begründungen oder Logik zu tun hat. Es geht um Massenhysterie – die gleiche Art von Massenhysterie brachte uns dazu, den Irak anzugreifen, einen unabhängigen Staat, ohne einen Grund. Wir neigen dazu, zu denken, wir hätten uns weiterentwickelt seit den Tagen der Hexenprozesse von Salem, aber ich glaube das nicht. Wir reagieren unsere Ängste nur auf andere Art ab. Und er ist mitten in dieser Hysterie gefangen und ist das Ziel all dieser sinnfreien Ängste, und er versucht, damit zurecht zu kommen. Er und seine Anwälte versuchten, gegen diese Anschuldigungen zu kämpfen, indem sie die Beweise lieferten, und das alles machte keinen Unterschied. Tatsächlich sah es so aus, als würden die Dinge aufgeblasen und schlimmer, wenn das noch möglich war. Also hat er nun eine künstlerische Antwort darauf entwickelt. Wie er uns erzählt „Und wenn du / Exzentrische Seltsamkeiten sehen willst / Werde ich grotesk in deinen Augen sein / Lass sie wahr werden“.

Joie: Ich glaube, du hast vollkommen recht, Willa, und ich finde, die Lyrics sind so selbsterklärend. Alles, was du tun musst, ist, dem was er hier sagt, Beachtung zu schenken, und du wirst alles sehen. Er erzählt uns ganz genau und unmissverständlich, was er als Nächstes tun wird. Weißt du, es ist wie bei einem aufmüpfigen Teenager, der gegen seine Eltern rebelliert: ‚Oh, ihr denkt, dass ich mich aufspiele? Okay, wartet ab.’ Es ist eine sehr seltsame Tendenz, wie wir als Menschen auf persönliche Angriffe in dieser fast selbstzerstörerischen Art reagieren. Es ist, als würde Michael sagen ‚Also, du möchtest mich als Freak Show sehen? Okay, halte dich fest, denn ich zeige dir eine Freak Show!’ Dies ist ein Punkt, den er so gut in Ghosts darstellt, als er mit dem Bürgermeister konfrontiert wird.

Willa: ‚Halte dich fest’ ist richtig! Es war ein ziemlich wilder Ritt danach, besonders der Skandal um die plastischen Operationen oder die Geschichte, die in Vanity Fair gedruckt wurde, dass er einem Hexer aus Mali $ 150.000 gezahlt habe, der 43 Kühe opfern und Steven Spielberg und David Geffen mit einem Fluch belegen sollte. Das ist verrückt. Ich kann nicht glauben, dass sie das tatsächlich gedruckt haben.

Joie: Ich kann es auch nicht glauben, dass sie eine so lächerliche Geschichte gedruckt haben. Weißt du, manchmal denke ich, je verrückter die Presse wird, desto mehr dient es allein dazu, sie selbst dumm aussehen zu lassen, nicht Michael. Und die Tatsache, dass die Öffentlichkeit das geglaubt hat, hat mich einfach umgehauen. Es ist kein Wunder, dass er entschieden hat „genau das zu sein, was du sehen willst“. Er muss das Gefühl gehabt haben, dass er sowieso nicht gewinnen kann.


Willa: Und Joie, ich nehme an, ein Teil davon war Trotz. Er hatte definitiv einen starken Zug von Widerstand in seinem Charakter – ich denke nicht, dass er alles, was er durchmachen musste ohne diese Eigenschaft überstanden hätte – das könnte also ein Grund dafür sein, warum er entschied, zu sein, „was du sehen willst“ und das Monster wurde, das die Presse und die Öffentlichkeit sehen wollte.

Aber ich denke, es geht hier außerdem noch um etwas ganz anderes, etwas entscheidend Wichtiges. Und um das zu verstehen, glaube ich, dass es hilft, für einen Moment einen Schritt zurückzutreten und sich seine anderen „Monster-Werke“ zu betrachten: Thriller, Ghosts, Threatened , Monster. Immer wieder sehen wir, wie er die Rolle des Monsters übernimmt, aber dies sind keine Horrorgeschichten im herkömmlichen Sinn. Zum einen sind sie nicht sehr unheimlich. Eine konventionelle Horrorgeschichte lässt uns in eine unheimliche Situation und in bedrohliche Gefühle eintauchen, aber das tut er nicht. Er berührt das Thema, dann zieht er sich wieder zurück und zeigt uns, dass es eine Täuschung war, dann spricht er es wieder an und zieht sich wieder zurück. Wir sehen dieselbe Struktur in allen seinen Werken. Er will uns nicht wirklich ängstigen. Darum geht es nicht. Er sagt das auch in dem MTV Interview von 1999, als er gefragt wird, ob er Horrorfilme mag.

„Ob du es glaubst oder nicht, ich fürchte mich davor, Gruselfilme anzusehen. Ehrlich, ich mag es eigentlich nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal daran beteiligt sein würde, diese Art Dinge zu tun.“

Aber er machte auch nicht wirklich „diese Art Dinge“, denn dies sind nicht wirklich Horrorgeschichten. Aber was sind sie?

Um das zu verstehen, denke ich, es ist hilfreich, weiter zurück zu gehen – genau genommen mehr als 2000 Jahre – und sich die Theorien von Aristoteles über Kunst anzusehen. In Ars Poetica sagt Aristoteles, dass eine Funktion von Kunst – speziell Tragödien – ist, Katharsis zu bewirken, was die seelische Reinigung durch das Hervorrufen solcher fundamentalen Emotionen wie Angst bedeutet. Ich denke, das ist es, was Michael Jackson in seinen „Monsterwerken“ macht. Er fordert uns nicht auf, diese fundamentalen Emotionen zu fühlen. Fakt ist, er macht genau das Gegenteil – er reinigt uns von diesen Gefühlen. In Thriller versucht er, uns von einer bestimmten Art von Rassenvorurteilen zu befreien – die Angst, die viele Menschen wegen ihm als sehr begehrenswertem farbigen Mann, sogar ein Sexsymbol und unser erstes Schwarzes Teenidol, empfanden. Und in Ghosts, Threatened , Monster und Is It Scary versucht er uns von der grauenhaften Mob-Mentalität, die in der Hysterie nach den Anschuldigungen 1993 ausbrach, zu erlösen.

Joie: Gut Willa, ich habe Aristoteles seit meiner Philosophiestunde im College nicht mehr gelesen, ich kann dazu wirklich nicht viel sagen. Aber ich verstehe den Gedanken der Katharsis und der Reinigung fundamentaler Emotionen und dem Reinigen und Heilen der Psyche. Also ich glaube, das macht sehr viel Sinn.

Willa: Weißt du, ich versuche das immer noch für mich selbst herauszufinden, aber ich sehe etwas wirklich Andersartiges in diesen Werken, und in den „exzentrischen Kuriositäten“, die nach dem Veröffentlichen von Is It Scary die Medien beherrschten. Meine Meinung ist, dass er eine neue Art von Kunst erschaffen hat – tatsächlich denke ich, man kann sagen, dass er ein ganz neues Genre von Kunst erschaffen hat – und das fasziniert mich einfach. Und ich glaube, ich hab‘ es seit einer ganzen Weile nicht erwähnt, lass es mich noch einmal sagen, ich denke, Michael Jackson war brillant – er haut dich aus den Socken, er lässt deine Augen aus dem Kopf fallen, er haut dich um.

Joie: Ich weiß, was du meinst; es ist bisweilen wirklich unglaublich, wenn du darüber nachdenkst, wie brillant er einfach war. Fast erschreckend brillant, tatsächlich, und ich habe niemals diese Leute verstanden, die das nicht verstehen. Ich weiß, ich bin ein Hardcore-Fan, aber es verblüfft mich einfach, zu wissen, dass es Leute da draußen gibt, denen nicht bewusst ist, dass Michael Jackson die allerfaszinierendste kreative Person ist, die jemals auf der Erde wandelte. Ich bin einfach so fassungslos deswegen, wie ist das nur möglich? Warum ist nicht jeder verrückt nach ihm, so wie ich es bin? Ich verstehe das einfach nicht.

Willa: Joie, das ist so lustig, denn ich habe mir genau dieselben Fragen auch gestellt. Warum fühlen sie sich so bedroht von ihm, und warum verachten sie ihn so? Können sie denn nicht sehen, wie erstaunlich und wichtig seine Werke sind? Kapieren sie das nicht? Ich habe tatsächlich sehr viel darüber nachgedacht vor kurzem – darüber, warum Michael Jacksons Fans ihn so anders sehen, als es jeder andere tut – und ich habe entschieden, das die Antwort ganz einfach ist: Es ist, weil wir ihn lieben. Und wenn du mit jemandem empfindest, dann siehst du ihn anders, als wenn du das nicht tust.

Vor einigen Monaten war ich in einem Lebensmittelladen, und da stand eine ältere Frau etwas entfernt von mir in der Schlange. Sie war ziemlich langsam und durcheinander und beantwortete die Fragen des Kassierers auf eine schroffe, fast unhöfliche Art, und man merkte, dass der Kassierer ziemlich gereizt wegen ihr war, und so wurden es auch die anderen Leute in der Schlange. Aber ich hatte mit dieser Frau und ihrem Ehemann schon zusammen in einem Gemeindeprojekt gearbeitet, und obwohl ich sie nicht besonders gut kannte, wusste ich doch, dass ihr Sohn in der Woche vorher nach einem langen Kampf gegen Krebs gestorben war. Als ich den Laden verließ, bemerkte ich, dass sie im Eingang stand und verloren aussah und nach ihrem Schlüssel suchte. So ging ich zu ihr hinüber und sagte Hi, und Joie, ich sage dir, sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Dieser Weg zum Lebensmittelladen ging über ihre Grenzen. Und einfach nur ein wenig über ihre Geschichte und was sie durchgemacht hatte, zu wissen und sie mit Mitgefühl zu sehen, ließ mich ihre Worte und Taten auf eine ganz andere Art sehen, als die anderen Leute in der Schlange.

Ich glaube, dasselbe ist wahr bei Michael Jackson und wie verschiedene Menschen ihn sahen. Jene von uns, die seine Musik und seine Anschauungen kennen – die wussten, wie verpflichtet er sich dem sozialen Wandel fühlte und wie bedeutsam Kinder für ihn waren, persönlich und in Hinsicht auf soziale Veränderungen – verstanden sehr viel besser, durch was er gehen musste, nachdem die Anschuldigungen 1993 aufkamen, und das ließ ihn uns mit Sympathie sehen und ihn in einer sehr viel mitfühlenderen Art interpretieren. Und wenn du ihn und die Situation aus dieser Perspektive betrachtest sieht alles ganz anders aus als in den brutalen, verurteilenden Kritiken, die du in den Zeitungen gelesen hast.

Joie: Es ist wirklich sehr traurig, wenn du über das alles auf diese Art nachdenkst, weißt du? Zu realisieren, dass so viele von unseren täglichen Konflikten gelöst werden, oder sogar verschwinden könnten, wenn wir alle nur ein wenig mehr Mitgefühl gegenüber anderen hätten und uns gegenseitig zuerst mal mit ein wenig Liebe ansehen könnten anstatt immer sofort mit Verärgerung zu reagieren. Und der wirklich traurige Teil ist, dass das eine Lektion ist, die Michael so viele Jahre lang versucht hat, uns beizubringen. Wow. Das hat mich gerade ein bisschen umgehauen. Danke für die Geschichte, Willa.

Aber um auf Is It Scary zurückzukommen, was diesen Song besonders herzzerreißend für mich macht, sind diese Zeilen ganz am Ende:

Ich bin es leid missbraucht zu werden

Du weißt, du machst mir auch Angst

Ich denke, das Böse bist du
Ist das unheimlich für dich, Baby?


Bei diesen wenigen Zeilen möchte ich weinen. Du kannst alle seine Gefühle hören am Ende dieses Songs – Frustration, Zorn, Wut, Traurigkeit. Besonders, als sie gekoppelt sind mit seinen schwermütigen Schreien „Ich will darüber nicht sprechen“ (Don’t wanna talk about it), das dieser letzten Strophe direkt vorangeht. Es ist schwer, dem zuzuhören und ich habe das Gefühl, wenn jede Person auf diesem Planeten diesem Song richtig zuhören und ihn verinnerlichen würde, dann würde die Welt ihn vielleicht endlich doch ein wenig besser verstehen und realisieren, was sie ihm angetan hat.

Ich weiß. Es ist ein Wunschtraum. Aber ein Mädchen darf hoffen.

Willa: Ich stimme dir zu – dieser Song scheint ein reiner Ausdruck aller Emotionen zu sein, die er empfand nach den Anschuldigungen 1993. Und es erstaunt mich, dass er mitten in diesem Schmerz der Anschuldigungen, zu einer Zeit, als ich persönlich nichts mehr wollte, als mich unter meiner Bettdecke zu verkriechen und zu weinen, er noch fähig war, sich ein wenig davon zu distanzieren, und das, was geschehen war, auf einer kulturellen Ebene zu durchdenken und seine künstlerische Antwort zu erschaffen. Das erstaunt mich einfach, auf vielen verschiedenen Ebenen und bringt diesen ganzen Mix von Emotionen bei mir hervor – alles von Bewunderung für das, was er erreicht hat bis hin zu tiefer Trauer für alles, was er durchgemacht hat und für alles, was wir verloren haben.

Joie: Ich weiß. Es ist wirklich verblüffend, wenn man darüber nachdenkt. Wie jemand den Mut haben kann, seinen Kopf Tag für Tag hoch zu halten in dieser Situation… es ist einfach verblüffend für mich und ich denke, er war einer der tapfersten Menschen aller Zeiten. Kannst du dir vorstellen, in seinen Schuhen zu stecken und durch die öffentliche Erniedrigung zu gehen, jeden einzelnen Tag? Und mitten in alldem immer noch fähig zu sein zu arbeiten und zu schreiben und wahrhaft fesselnde Kunst zu erschaffen und es einer Welt zu präsentieren, die sich gegen dich gewandt hat. Er ist so unglaublich für mich.

Willa: Dem können wir beide sicherlich nur zustimmen.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 16:36

Der kulturelle und verbale Missbrauch des Michael Jackson
10/11/2011


Willa:
Joie, in der letzten Woche haben wir uns Is It Scary angesehen und du hast da etwas gesagt, das mir im Gedächtnis geblieben ist: “Aus irgendeinem Grund brauchen wir ihn, damit er die Rolle des Monsters übernimmt in unserem eingebildeten Horrorfilm.“ Ich war so fasziniert von der Art, wie du das erfasst hast, und ich denke schon die ganze Woche daran.

Und interessanterweise hat Joe Vogel kürzlich einen wundervollen Artikel veröffentlicht, der einen tiefen Einblick gibt in dieses Thema. Betitelt mit Am I the Beast You Visualized? The Cultural Abuse of Michael Jackson (Bin ich das Biest, das du dir vorstellst? Der kulturelle Missbrauch des Michael Jackson) untersucht Joes Artikel dieses „Bedürfnis“, Michael Jackson zu entmenschlichen und ihn zu zwingen, „die Rolle des Monsters in dem Horrorfilm unserer Einbildung“ zu übernehmen – und die vielen Arten, auf die er Widerstand leistete. Was in Joes Artikel größte Wirkung auf mich hat ist, dass er nicht nur beschreibt, wie „Jackson eine Art globaler Stellvertreter für die ‚Andersartigen’ ist“, sondern dass er es einrahmt als einen Akt des Mitgefühls und des Mutes. Joe zeigt, dass Michael Jackson sich stark mit jenen identifizierte, die an den Rand gedrängt wurden und Song für Song seine Stimme den Stimmlosen gab – wie Joe sagt „er steht denen bei, denen das Wahlrecht entzogen und die erniedrigt wurden“.

Joie: Und das ist eine so wahre Feststellung. Und wir sehen das Song für Song, seine ganze Karriere hindurch. Weißt du, ich will nicht vom Thema abschweifen, aber ich muss dir dieses erzählen, weil es zu dem passt, was du gerade gesagt hast, und es ist etwas, das mich wirklich wie ein Blitz getroffen hat.

Heute, wo ich dies hier schreibe, ist der Abend des 7. November – dem Tag des Sieges für Michael Jacksons Familie und der Gemeinschaft der Fans. Das Urteil wurde verkündet und der Arzt, der verantwortlich ist für Michaels Tod, wurde verhaftet und sitzt genau jetzt hinter Gittern. Aber heute, früher am Tag, bevor wir wussten, wie es ausgeht, schaltete ich auf einen anderen Fernsehsender um und hörte eine Reporterin sagen – mit einem ziemlich schockierten Ton in der Stimme – dass all die Fans draußen vor dem Gerichtsgebäude nicht da seien wegen eines Popstars. Es ginge um eine sehr reale Verbindung, die sie zu diesem Mann fühlten, den sie als Verteidiger und Kämpfer für jene sahen, die keine Stimme haben und oft vergessen oder übersehen werden. Und als ich ihre Worte hörte, war ich sicher, dass sie wirklich überrascht war darüber, dass so viele Fans so ähnliche Antworten auf ihre Frage „Warum ist Michael Jackson so wichtig für dich?“ gegeben haben. Es war fast so, als würde sie endlich beginnen, ihn mit unseren Augen zu sehen und es zum ersten Mal verstehen. Es begann „Klick“ zu machen; du konntest sehen, wie das Licht in ihren Augen anging! Nun, ob diese Erkenntnis hängenbleibt oder ob nicht, kann man nur vermuten, aber nur für einen Moment … ist es in ihr Bewusstsein vorgedrungen und sie war erleuchtet.

Dieser kleine Beitrag hat mich den ganzen Tag beschäftigt und ich habe mich selbst gefragt, was wäre, wenn alle nur diesen einen kleinen Moment der Erleuchtung hätten? Würde es die Dinge ändern, wenn für einen Moment nur jeder Reporter und Journalist auf dem Planeten Michael endlich mit den Augen und dem Herzen eines Fans sehen könnte?

Willa: Joie, das ist eine so interessante Beobachtung über die Reporterin, denn für mich ist, für jene ohne eine Stimme einzutreten und für diejenigen zu sorgen, die am Rand stehen, ein so essentieller und offensichtlicher Bestandteil von Michael Jacksons Charakter, seinem Auftrag/Lebenszweck und seiner Kunst. Das ist das, was mich vor 40 Jahren so intensiv zu Ben hingezogen hat. Es ist ein zentraler Bestandteil jedes seiner Songs, Video für Video. Tatsächlich ist es eines der ihn definierenden Charakteristika für ihn und seine Kunst, und es ist das, was für mich persönlich so wichtig ist, seit ich ein kleines Mädchen war. Also ich kann genau verstehen, was die Fans vor dem Gerichtsgebäude zu der Reporterin sagen, denn ich fühle genau das gleiche. Ich bin nur erstaunt über die Überraschtheit der Reporterin, aber ich denke, eine Menge Leute hörten seine Musik, ohne wirklich den Worten zuzuhören. Deine Geschichte illustriert perfekt das Getrenntsein zwischen dem, wie er gesehen wurde von jenen von uns, die sich wirklich mit seiner Musik und seiner Kunst befasst haben, wie er von der allgemeinen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und wie er durch die Medien dargestellt wurde.

Und ich glaube nicht, dass dieses Getrenntsein zufällig ist, besonders bei den Medien. Es gibt einen Grund dafür, warum er so schonungslos angegriffen wurde und gezwungen war „die Rolle des Monsters in unserem eingebildeten Horrorfilm zu übernehmen“. Wie Joe in seinem Artikel schreibt „Die Massenmedien … haben Jackson nie besonders für sein Anderssein geschätzt, genauso wenig wie sie die ‚Anderen’, von denen er in seinen Songs sprach, besonders beachteten.“ Dies ist ein wirklich wichtiger Punkt, glaube ich, und er hilft auch bei der Erklärung, warum Michael Jackson so viel Unterstützung in so vielen Ländern der Welt erhielt, während er die Unterstützung zuhause verlor. Die Vereinigten Staaten sind eine sehr wohlhabende Nation, die eine gewisse Art des Erfolgs über alles stellt – inklusive der Werte, zu denen wir nur Lippenbekenntnisse abgeben wie Mitgefühl, Integrität und Respekt für andere und die Umwelt. Und unsere Werte werden durch die Massenmedien widergespiegelt, die diejenigen umgeben, die populär sind, sich aber grausam in der Minute gegen dieselben Leute wendet, in der sie deren Gunst verlieren, und die generell diejenigen ignorieren, die kämpfen müssen oder nicht ins System passen oder sich nicht anpassen wollen.

Und Michael Jackson passte niemals ins System. Sogar auf der Höhe seiner Popularität passte er sich niemals an. Er weigerte sich aktiv, sich anzupassen. Wie Joe weiter schreibt:

„Eine der bemerkenswerten Qualitäten von Jacksons Leben und Werk ist allerdings, dass er sich weigerte, Zugeständnisse an sein ‚Anderssein’ zu machen. Er wurde nie ‚normal’, wie der Begriff dies, sagen wir mal, für den Mayor of Normal Valley definiert. Er passte sich den Erwartungen nicht an. Vielmehr blieb er sich selbst treu und zeigte offen seine einmalige und vielschichtige Identität zur Frustration all derer, die ihn in eine vorhersehbare Schublade stecken wollten.“

Dieses Sträuben gegen die Andersartigkeit, gegen das Verwischen von Grenzen und gegen die Repräsentation der Ausgeschlossenen und Randgruppen ist extrem bedrohlich. Um also diese Bedrohung zu minimieren, wurde er als „Freak“, als „Spinner“ bezeichnet, wie er in Ghosts sagt und öffentlich verhöhnt.

Joie: Und Junge, das wurde er immer! Weißt du, es ist wirklich sehr befremdlich, wenn du hier sitzt und dir das so ansiehst. Warum hat die Welt dieses Bedürfnis, aus ihm diesen Freak zu machen? Den Spinner, die merkwürdige Person mit dem vermeintlich unheimlichen Gesicht und dem angeblich bizarren Lebensstil? Das Level der Lächerlichkeit war einfach unglaublich, wirklich.

Und die Sprache ist ehrlich das, was ich als am verstörendsten empfinde. „gruselig / weird“, „Freak“, „merkwürdig / strange“, „bizarr“, „verrückt / wacko“, Joe nennt diese Worte Beleidigungen, und er hat Recht. Es sind Beleidigungen. Mindestens genauso hässlich und schmerzhaft wie „Wet back“ (Anm.: abfällige Bezeichnung für einen Mexikaner, der durch den Rio Grande schwimmend illegal in die USA eingewandert ist), und „Chink / Schlitzauge“ und „Nigger“. Jedoch war es vollkommen okay, diese hässlichen Beleidigungen Michael Jackson entgegen zu schleudern. Warum? Es ist deswegen, weil er anders ist als der Rest von uns, es war okay, auf ihn zu zeigen und verletzende Dinge über ihn zu sagen. Und als der Erpressungsfall 1993 passierte und die Anschuldigungen laut wurden, sagten die Leute plötzlich „Aha! Ich wusste, dass da etwas Verrücktes an dem Typ ist“ und über Nacht kam es dazu, dass es völlig in Ordnung war, die grausamsten, gemeinsten Dinge, die man sich nur ausdenken kann, über ihn zu sagen. Und es war nicht nur okay, diese Dinge zu sagen, es wurde erwartet, diese Dinge zu sagen. Andernfalls hast du riskiert, als Jackson Fan zu gelten. Und niemand wollte als so jemand gesehen werden! Diese Leute waren genauso freakig wie Jackson selbst! Er wurde zum am meisten verunglimpften Menschen auf dem Planeten und die Leute sahen nichts Falsches darin, ihm diese verletzenden Bezeichnungen entgegen zu schreien und wir – die Fans – wurden dadurch gleich mit zu Freaks.

Weißt du, ich kann mich an keine andere Person der Weltgeschichte erinnern, die so geliebt wurde von Millionen und trotzdem so unglaublich gehasst zur gleichen Zeit. Wie ist das möglich?


Willa: Also, es gab tatsächlich viele Personen der Geschichte, die „geliebt wurden von Millionen und gleichzeitig so gehasst“, aber das waren größtenteils politische Figuren – Leute wie Napoleon oder Fidel Castro oder sogar Barack Obama im gewissen Sinn. Es ist selten bei einem Künstler, besonders bei einem Pop-Künstler, und ich frage mich, ob es deswegen so ist, weil Michael Jacksons Kunst solch ein politisches Statement war. Wenn wir an politische Künstler denken, dann neigen wir nicht gerade dazu, an Michael Jackson zu denken, weil er alles so subtil behandelt hat, aber denk‘ mal drüber nach – er versuchte, die Machtverhältnisse zu verschieben, und das ist ein unglaublich einflussreicher politischer Akt. So wurde er von den Machtlosen geliebt, denen durch ihn eine Stimme gegeben wurde, und ihm wurde misstraut, er wurde sogar gehasst von den Mächtigen. Wie Morinen so schön in ihrem Kommentar in einem Post vor einigen Wochen schrieb:

Er war zu abweichend und zu offen und kühn wegen seiner ‚Andersartigkeit‘ und zur selben Zeit zu stark, um toleriert zu werden. Ein solcher Charakter weckt Bewunderung und Wertschätzung in einigen Menschen, aber in vielen anderen (besonders denen, die selbst auch die Macht anstreben) erweckt es Feindseligkeit und ein Gefühl von Bedrohung.

Wenn wir ihn in diesem Sinn betrachten, gibt es einen Grund, aus dem er so grausam angegriffen und mit derartigen Namen gerufen wurde. Es war ein Versuch, die Bedrohung durch eine Minimierung seiner Anziehungskraft zu neutralisieren. Seine Botschaft war subtil, jedoch gewaltig umtriebig, also gab es da den Impuls, durch einen Angriff auf den Boten die Botschaft zu begraben.

Joie: Eine Taktik, die wir so viele Male während unserer Geschichte erlebt haben – Martin Luther King, Jr., Cesar Chavez, Nelson Mandela, um nur drei Namen zu nennen. Aber sogar mit all dieser Geschichte der politischen Kämpfe und dem Ringen um Macht kann ich mich nicht an eine einzige Figur erinnern, die so grausam und bösartig dämonisiert, diffamiert und geschmäht wurde. Hat es jemals eine andere Person als Michael Jackson gegeben, die derartig leidenschaftliche Gefühle und Empfindungen hervorgerufen hat – sowohl bei denen, die ihn liebten, als auch bei denen, die ihn hassten? Ich meine, der Mann wurde verspottet und belacht wegen seiner Krankheit, um Himmels Willen! Wann ist es jemals okay, sich lustig zu machen über jemanden wegen seiner Krankheit? Das ist die gemeinste, erniedrigendste Sache, die eine Person einer anderen antun kann und trotzdem machte die Welt das mit Michael Jackson jeden einzelnen Tag! In seinem Artikel erzählt uns Joe, dass Michael

"unentwegt verspottet wurde wegen seiner Krankheit, Vitiligo, von der die meisten Leute nicht glaubten, dass sie real war, bis es definitiv durch die Autopsie bestätigt wurde. Er wurde verspottet für seine Liebe zu Tieren, für seine Liebe zu Kindern, für seine Liebe zu unserem Planeten. Er wurde verspottet für seine Ehen, für seine drei Kinder, für sein Zuhause Neverland. Er wurde verspottet für seine Sexualität, seine Stimme, sein kindliches Verhalten … Kann es irgendeinen Zweifel daran geben, dass diese Behandlung durch die Medien und die Kultur insgesamt missbräuchlich war?"

Natürlich fällt mir dazu ein, dass der Grund dafür, warum alles mit Michael so bombastisch erscheint, die Zeiten sind, in denen wir leben. Ich meine, es gab in den 1950er, 60er oder 70 er Jahren kein Internet oder Twitter oder sogar eigentlich keine Tabloids.


Willa: Weißt du, die Technologie verschärft die Dinge wahrscheinlich. Es geht so schnell, so können die Leute Meinungen abfeuern, bevor sie die Gelegenheit hatten, Dinge wirklich zu durchdenken, und es erlaubt diesen Meinungen, sich schnellstens in der ganzen Welt zu verbreiten. Und das Internet kann ein ziemlich anonymer Ort sein, und Leute sagen Dinge anonym, die sie niemals jemandem ins Gesicht sagen würden. Aber das erklärt nicht, warum Michael Jackson im Besonderen zu einer solchen Zielscheibe wurde.

Ich glaube, ein Grund, warum er so viele Jahre so heftig angegriffen wurde ist, dass er den Status Quo als starke Herausforderung dargestellt hat und uns zwang, einige unserer tiefsten Überzeugungen und Vorurteile zu überdenken. Was bedeutet es Schwarz oder Weiß zu sein, und was meinen wir mit ethnischer Identität? Was bedeutet es, maskulin oder feminin zu sein, und wodurch definiert sich sexuelle Identität? Wie definiert sich Familie und Familienidentität – ist es Genetik oder etwas anderes? Wodurch definiert sich nationale Identität oder kulturelle Identität oder religiöse Identität, und können wir Toleranz zeigen gegenüber anderen und trotzdem unsere eigene Identität behalten? Wodurch ist letztendlich unsere ganz persönliche Identität definiert, die eigentliche Essenz dessen, wer wir sind? Und wer entscheidet, welche Menschen oder Gruppe von Menschen Mitgefühl und Respekt verdient oder sogar grundlegende Notwendigkeiten wie Essen, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit und medizinische Pflege?

Michael Jackson hat uns zur Konfrontation mit diesen wirklich schwierigen Fragen gezwungen – Fragen, die wirklich ins Schwarze treffen, einschließlich der, wie wir uns selbst und unsere Beziehungen mit anderen sehen – und wie Morinen in ihrem Kommentar schrieb, einige von uns bewunderten ihn dafür und andere fühlten sich wirklich bedroht davon. Jene, die sich bedroht fühlten, schlugen manchmal auf brutale Art um sich. Aber es scheint für mich so zu sein, dass die große Intensität der Reaktionen gegen ihn für die Kraft seiner Kunst spricht. Er rief solch starke Reaktionen hervor – sowohl Bewunderung als auch Furcht - weil sein Werk kraftvoll und bedeutend ist und uns auf so tiefe psychologische Weise bewegt hat, dass ich glaube, wir stehen erst ganz am Anfang, zu verstehen.

Joie: Ich denke, du hast vermutlich Recht und ich frage mich manchmal, wissen große Künstler, dass sie groß sind? Fühlen sie das, wenn sie etwas hervorbringen oder machen sie einfach ihre Arbeit –lassen ihr Blut, ihren Schweiß und ihre Tränen in ihre Kunst fließen – niemals wirklich wissend, wie sehr sie andere berühren oder welchen Einfluss ihre Kunst auf die Welt um sie herum hat?

Willa: Das ist eine wirklich gute Frage. Du weißt ja, in unserem Interview mit Joe vor ein paar Wochen sagte er, dass sich Michael Jackson der Bedeutung seines Werkes bewusst gewesen sei. Joe sagte:


„Große, prophetische Kunst wird oft vernachlässigt oder missverstanden zu ihrer Zeit. Es gibt so viele Beispiele dafür, von Blake über Van Gogh und Tchaikovsky zu Picasso. Michael war ein Student der Geschichte und der Kunst, und er hat das verstanden. Er war voller Vertrauen, dass sein von ihm geschaffenes Werk die Zeiten überdauern würde.“


Weil er ein so fundierter Kenner der Kunstgeschichte war und sicherlich wusste, dass umgestaltende Künstler oft ziemlich schäbig behandelt wurden während ihrer eigenen Lebenszeit, hoffe ich, dass er fähig war, die Kritik, der er sich gegenübersah, mit einem eher philosophischen Blick zu sehen – und er war sicher niemand, der vor Kontroversen zurückschreckte. Also, ich bin mir sicher, dass die grauenhaften Dinge, die über ihn in der Presse gesagt wurden, ihren Stachel hatten, aber es platzierte ihn auch in die Gesellschaft einer äußerst auserlesenen Gruppe – inklusive zum Beispiel Vincent Van Gogh, wie Joe sagte, der vielleicht der heilige Patron der missverstandenen Künstler ist – und ich hoffe, er konnte sich mit dem Gedanken ein wenig trösten.

Joie: Weißt du, nun wo du Joes Kommentar während des Interviews erwähnst, erinnert mich das an etwas, das ich Michael in einem Interview über seine Musik und wie er hofft, dass sie weiterlebt, sagen hören habe. Er sagte:

„Große Musik und große Melodien sind unsterblich. Mode ändert sich, Kultur ändert sich, Bräuche ändern sich, (aber) große Musik ist unsterblich. Wir können heute immer noch Mozart zuhören – jedem der Großen. Große Musik ist wie eine große Skulptur oder ein großartiges Gemälde … es bleibt für immer! Um Generation für Generation für immer zu erfreuen. Und das ist … ich weiß es, das ist eine Tatsache.“

Also, ich denke du hast Recht. Ich glaube, er war sich der Bedeutung seines Werkes auf unsere Gesellschaft und die Welt sehr bewusst. Und weil ich einfach den Klang seiner Stimme so liebe und wie leidenschaftlich er über seine Kunst spricht, lasse ich Michael dies in seinen eigenen Worten beenden, also folge dem Youtube Link: https://www.youtube.com/watch?v=M4Sg_A0A16c


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 20:25

Lilly, !


Zuletzt von Fleur am Di 11 Dez 2012 - 21:25 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 20:43

Spot auf You Rock My World
17/11/2011

Willa: Joie, im Oktober haben wir den ganzen Monat damit verbracht, einen genauen Blick auf das Invincible Album zu werfen, einschließlich der Kämpfe, die Michael Jackson mit Sony während der Produktion und Promotion hatte. Um ehrlich zu sein, ich wusste niemals etwas über diese Kämpfe oder habe ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt, aber seit ich vor einem Monat durch
Invincible gezwungen wurde, darüber nachzudenken, was er da durchmachen musste, brachte es mich dazu, das Video zu You Rock My World auf eine ganze neue Weise zu sehen.

Ich bin ehrlich, dieses Video hat mir immer ein unbehagliches Gefühl bereitet. Es ist sehr bedrohlich, eins der zornigsten. Aber Black or White ist auch zornig, und ich liebe Black or White. Es ist eines meiner Favoriten. Aber Black or White drückt berechtigten Ärger aus. Ich sehe es und fühle mich danach aufgeladen und inspiriert und bereit, es mit der Welt aufzunehmen. You Rock My World ist völlig anders. Ich sehe es und fühle mich frustriert und kraftlos und wütend und weiß nicht mal, auf wen.

Joie: Ich verstehe total, dass dieses Video dir Unbehagen bereitet. Ich hatte immer eine ähnliche Reaktion darauf. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich mich damit unwohl fühle, aber ich bin danach immer ziemlich an der Grenze. Das ganze Video fühlt sich immer ein wenig grob an für mich. So wie du tatsächlich die Spannung unter der Oberfläche spüren kannst, wenn du es ansiehst. Und ich glaube, die Gründe dafür sind ziemlich klar. Ich bin sicher, Michael fühlte sich an dem Punkt sehr „frustriert und machtlos und wütend“. Du weißt ja, You Rock My World war nicht das Video, das er ursprünglich machen wollte. Wie du letzten Monat erwähnt hast, wollte er eigentlich ein Video zu Unbreakable machen. Das ist ebenfalls der Song, den er als Titelsong für das Album wollte, nicht zu erwähnen als Titel für das Album selbst. Er hatte bereits das Konzept und alles andere ausgearbeitet, als Sony die Entscheidung traf, You Rock My World anstatt Unbreakable als Video zu veröffentlichen, und vermutlich war er extrem wütend und frustriert. Man würde denken, dass ein Künstler vom Kaliber Michael Jacksons die komplette Autonomie und Kontrolle über ein Projekt haben sollte. Und wahrscheinlich war genau dieses Thema der Streitpunkt zwischen ihm und Sony zu der Zeit.

Aber ich erinnere mich daran, wie ich damals 2001, als all dies passierte, einen Telefonanruf von der damaligen Vorsitzenden des MJFC bekam, und sie erzählte mir, dass das Video, das Michael machen wollte, verworfen wurde wegen Reibereien mit Sony und dass Michael nun mit ihnen darum rangelte, ein Video für You Rock My World zu machen, und es musste in einer sehr kurzen Zeit fertig gestellt werden. Er war mehr als unglücklich über die Situation. Ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte „Wow, ich wette, er ist stinksauer!“

Willa: Und du kannst wirklich eine Menge dieser intensiven Emotionen in diesem Video spüren. Er spielt die Hauptrolle in dieser Handlung, in der er versucht, eine junge Frau für sich zu gewinnen, und wie wir bereits einige Male in vorherigen Posts besprochen haben, scheinen diese Angebeteten oft sein Publikum zu repräsentieren. Bedeutsam ist, eine andere Person, gespielt von Chris Tucker – ein populärer Entertainer auf seinem Gebiet – fühlt sich ebenso angezogen von ihr. Also hat diese Frau – die vielleicht das Publikum repräsentiert – mehr als einen Künstler, der um ihre Aufmerksamkeit wirbt, genau wie Künstler meistens im Wettbewerb um Publikum und Marktanteile stehen.

Michael Jackson in seiner Rolle ist sich seiner selbst ziemlich sicher und vertraut darauf, dass er sie für sich gewinnen kann, aber sie gehen zu einem Club, in dem die Manager sie auch wollen und zu denken scheinen, sie hätten ein Recht auf sie, und sie versuchen, ihn von ihr wegzuziehen. Und tatsächlich beginnt er auf Konfrontation mit diesen Managern und letztlich dem Clubbesitzer zu gehen, genau wie Michael Jackson selbst wachsende erhitzte Konfrontationen mit den Managern und schließlich mit der obersten Leitung von Sony darüber hatte, wie er ein Publikum erreichen sollte.

Joie: Wow Willa. Ich habe nie wirklich über diese Verbindung der Club Manager und des Big Boss, perfekt verkörpert von Marlon Brando, nachgedacht, dass sie vielleicht die Entscheider bei Sony repräsentieren, und nun, wo du darauf hingewiesen hast, ergibt es einfach Sinn! Wirklich scharfsinnige Beobachtung.

Willa: Gut, ich habe auch niemals vorher darüber nachgedacht, bis wir an den Invincible Posts gearbeitet haben und du mich in das eingeweiht hast, was damals genau geschah und wie schlimm es war. Und als ich darüber nachdachte, realisierte ich, dass die Gefühle dieser Situation genau analog zu meinen eigenen verwirrten Gefühlen, die immer beim Sehen dieses unbequemen Videos auftauchten, passten.

Also hat Michael Jackson sich in dieser Rolle in der Konfrontation mit den Managern auseinanderzusetzen und er reagiert darauf mit einem Auftritt – durch Singen und Tanzen – was er immer tut in seinen Videos, wenn er gezwungen ist mit konfliktbeladenen Situationen zurecht zu kommen. Und wir es schon in seinen Videos zu


Beat It und Bad gesehen haben, konnten die Differenzen immer durch die Kraft der Kunst überbrückt und auf diese Art irgendwie eine harmonische Lösung erreicht werden.

Aber das passiert dieses Mal nicht. Der Ausgang ist hier komplett anders als in jedem anderen Michael Jackson Video, denn die Leute, mit denen er kämpft, respektieren seine Kunst nicht. Die Manager beobachten, wie er tanzt und dann verhöhnen sie ihn und sagen „Das ist alles? Das ist alles, was du hast? Das ist nichts. Du bist nichts. Komm, großer Mann, zeig mir alles, was du kannst.“

Dann später in dieser bedeutenden Szene mit dem Clubbesitzer trivialisiert dieser seine Kunst genauso, indem er sagt „Das war ganz nett gerade.“ Das ist exakt die gönnerhafte Art, wie ein Geschäftsmann, ein Geldtyp, über einen Künstler denken würde, und das ist so herablassend und respektlos. Kannst du dir Michael Jackson vorstellen, einen brillanten Künstler, der sich selbst jedes Mal, wenn er auf die Bühne geht, in die Schusslinie begibt, wie er von der Bühne kommt, sich sein Herz aus dem Leib getanzt hat und dann hört „Das war ganz nett gerade.“ Das ist eine so verharmlosende Sache, wenn man sie zu einem Tänzer sagt, und es brennt in mir jedes Mal, wenn ich das höre.

Allerdings reagiert Michael Jackson in seiner Rolle auf eine interessante Art. Er schenkt dem Besitzer einen herausfordernden Blick und sagt „Ich weiß, wer du bist.“ – was mich sofort dazu bringt zu fragen: Wer? Wer ist dieser Typ? Die einfache Antwort ist, dass er Tommy Mottola repräsentiert, den Kopf von Sony zu jener Zeit, aber das ist ein wenig zu einfach, denke ich. Stattdessen glaube ich, es ist angebrachter, ihn symbolisch für all jene Geschäftsleute und Buchhalter und mittlere Manager zu setzen, die Geld mit Künstlern machen, sie aber nicht wirklich respektieren oder verstehen, was sie machen oder realisieren, wie wichtig es ist.

Joie: Das ist interessant, was du sagst, Willa, denn ich erinnere mich daran einen Bericht über eine Zusammenkunft einer Gruppe von Sony zu einer Hörprobe für Invincible gelesen zu haben und das schien so intensiv. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wo ich es gelesen habe, im Grunde genommen war es Michael und sein Manager oder sein Publizist oder so jemand, in einem Raum mit einem Haufen Geschäftsleute von Sony und sie saßen da und hörten das ganze Album an von Anfang bis Ende. Und als das Album beendet war, sagte niemand ein Wort. Die Verantwortlichen von Sony standen einfach auf und gingen aus dem Raum, ohne ein Wort zu Michael zu sagen – keine Gratulationen, kein Wort des Lobes, nichts. (Anmerkung: Es handelt sich wohl um den Bericht von Bruce Swedien aus In the Studio with Michael Jackson. The HIStory Playback Session.) Und es erinnert mich an den Teil, den du im Video meintest. „Das ist alles, was du hast? Das ist nichts. Du bist nichts“ Ich bin sicher, das muss das gewesen sein, was Michael gefühlt hat am Ende von dieser Hörprobe, als alle aufstanden und gingen, ohne ein Wort zu sagen.

Willa: Ist das dein Ernst? Wie furchtbar! Und es ist so interessant, dass du diese Passage wieder zitieren kannst, denn „Du bist nichts“ (You ain’t nothin’) ist ebenso eine Zeile aus dem Bad Video, das auf vielerlei Weise eine vergleichbare Situation beschreibt. Dort ist er ein junger Mann aus der Stadt, der ein Stipendium für eine Höhere Schule bekommen hat und dann nach Hause kommt und den Respekt seiner Kumpel wieder erlangen muss, von denen er dachte, es wären seine Freunde. Sie sind es aber nicht. Nun ist er in eine ähnliche Konfrontation mit Sony verwickelt und muss den Respekt von Leuten wieder erlangen, die ihn unterstützen sollten, und es aber nicht wirklich tun.

Das Video zu
You Rock My World gibt Hinweise auf seine früheren Werke: P.Y.T., The Girl Is Mine, Beat It, Bad, Dangerous. Und all diese Songs waren Hits, die Geld besonders für Sony gebracht haben. Er erwähnt keinen seiner Motown Hits. Sie sind auf eine lustige Art einbezogen, so bringen sie etwas Humor in das Video, aber ich glaube, es ist genauso eine verborgene Botschaft damit verbunden. Er erinnert Sony daran, dass er seinen Teil erledigt hat – er hat ein Publikum aufgebaut und bewiesen, dass er Große geldbringende Hits erschaffen kann. Nun ist es an der Zeit, dass sie ihren Teil beitragen und ihn unterstützen, während er einige experimentelle und künstlerisch herausfordernde Dinge kreiert, wie das Invincible
Album.

Joie: Nochmal, das ist so eine scharfsinnige Beobachtung und ich muss sagen, dass ich dir komplett zustimme. Und tatsächlich, diese Eröffnungssequenz in dem Video, wo seine früheren Werke zitiert werden – zuerst in dem chinesischen Restaurant und dann in dem Club – das ist der lustigste, entspannteste, unterhaltsamste Teil des ganzen Videos. Er ist mit seinem Freund zusammen, Chris Tucker, und die zwei haben richtig Spaß, als sie mit Worten spielen und aufeinander reagieren, und es ist, als ob er jedermann an die Hits erinnern will, uns daran erinnern will – Sony und genauso das Publikum – warum wir uns damals sofort in ihn verliebt haben.

Und wirklich, wenn du darüber nachdenkst, es bleibt so, bis er Chris’ Seite verlässt, um das Mädchen zu umwerben, dass die Dinge anfangen ungemütlich zu werden. Das ist, wenn wir beginnen zu spüren, dass die Spannung hochkommt. Das ist, wenn wir das Gefühl bekommen, dass da mehr unter der Oberfläche ist, als uns bewusst ist. Wir können seine Wut und seine Frustration spüren, aber wir wissen nicht wirklich warum.

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Joie. Während es so etwas wie einen Wettbewerb zwischen diesen zwei Personen gibt, werden sie doch als gute Freunde dargestellt, und es fühlt sich an wie Spaß, wie ein neckischer Schlagabtausch – ganz anders als die spannungsgeladenen Konflikte mit den Managern im Club. Weißt du, wenn man zurückgeht und sich dieses Video durch die Linse mit all diesen Konfrontationen, die damals mit Sony passiert sind, ansieht, das hat mir geholfen herauszufinden, warum es mich immer so unbehaglich fühlen lassen hat – es hilft mir zumindest einen möglichen Grund dafür zu haben, warum es immer so zornig ist und wo dieser Zorn herkommt – und zu verstehen, dass es mir einen Weg gezeigt hat, in dieses Video einzusteigen und es viel mehr schätzen zu können. Es ist mir jetzt nicht mehr so unangenehm, weil ich mir besser vorstellen kann, was diese intensiven Emotionen auslöst. Und sie sind intensiv. Um ehrlich zu sein, ich bekomme das Gefühl, dass zu der Zeit, als das Video herauskam, Michael Jackson mit Sony fertig war. Und das zeigt er ziemlich dramatisch am Ende zu
You Rock My World
, dass er fertig mit Verhandlungen ist. Er ist bereit, das Haus niederzubrennen.

Joie: Er war so am Ende; er war fertig. Du musst ziemlich wütend sein, wenn du etwas niederbrennen willst, sogar symbolisch. Ich denke nicht, dass man viel Ahnung von Kunstinterpretation haben muss, um diese Szene zu verstehen. Der Ort geht in Flammen auf und vermutlich geht der Big Boss mit unter, denn wir sehen ihn, wie er sich umdreht und die Stufen hochgeht anstatt aus dem Gebäude heraus wie alle anderen. Und er ist nicht nur wütend genug, den Ort abzufackeln, sondern er ist auch wütend genug, um zu kämpfen. Erinnere dich daran, dies ist das eine und einzige Video, in dem wir Michael sehen, wie er einen Faustschlag austeilt! Als der Club in Flammen aufgeht und er nach Chris ruft, der in das Auto steigen soll, ist er in eine Prügelei im Barraum verwickelt.

Willa: Wow Joie, ich glaube, du hast gerade etwas sehr Bedeutendes herausgefunden. Wir haben ihn nie zuvor so um sich schlagen sehen. Michael Jackson boxt jemandem ins Gesicht? Das ist schockierend! Aber trotzdem, er macht deutlich, dass er den Kampf nicht gesucht hat. Bevor die Prügelei begann, zeigten er und seine Tänzer diese subtile Bewegung, bei der sie die untere Ecke ihrer Jacke hochziehen, genau wie die Gangmitglieder es in Bad tun, um zu zeigen, dass sie eine Waffe haben. Aber hier zeigen sie, dass sie keine Waffen haben. Also ist er unbewaffnet und sucht keinen Streit – aber er ist bereit zu kämpfen, wenn er bedroht wird und es zu weit geht.

Und es ist bezeichnend, dass er in seinem eigenen Leben eine Situation bewältigen musste, in der das Gefühl hatte, kämpfen zu müssen, und er tat das auf eine sehr öffentliche Weise – etwas was viele Leute von ihm nicht gewohnt waren. Dies ist ein Mann, der immer eher dazu tendiert hatte, auch noch „die andere Wange hinzuhalten“ als in einen Kampf zu ziehen, aber er hat seine Meinung klar gemacht und Stellung bezogen.

Und natürlich sehen wir am Ende unseren Helden verbunden mit seiner Angebeteten – dem Publikum – wie sie sich alle ins Auto zwängen und sicher davonfahren.

Willa: Genau, und ich glaube, du hast es schon vorher gesagt, dass man ein sehr freundliches Gefühl zwischen diesen Charakteren spürt. Die intensiven Konflikte in diesem Video kommen fast ausschließlich von der Konfrontation mit den Managern, nicht vom Wettbewerb zwischen den Freunden. Das wird auch durch diesen Schlussteil deutlich gemacht. Sie sind immer noch Freunde und in gewisser Weise haben sie beide das Mädchen – sie ist mit beiden im Auto – genau wie Künstler ein Publikum teilen und sich sogar dabei helfen können, das Publikum zu gewinnen. Wenn man das symbolisch betrachtet scheint das Video auszudrücken, dass Künstler zusammenhalten sollten, denn andere Künstler sind nicht das Problem. Das Problem kommt von all den Leuten, die die Künstler zu kontrollieren versuchen und die, wie sie selbst ganz einfach sagen, den Profit maximieren wollen, ohne wirkliches Verständnis dafür, was sie versuchen auszudrücken oder ihre Arbeit wertzuschätzen.

Und ich muss auch mal sagen, dass Marlon Brando hier die Rolle des Clubbesitzers so gut spielt, besonders im Zusammenspiel mit der Hauptbesetzung (Michael). Er setzt Michael Jackson in seiner Rolle komplett herab, aber schenkt ihm ein wundervolles Lächeln, er ist charmant, du möchtest ihn gernhaben – und trotzdem weißt du, er hat seine Handlanger, die dir ohne zu zögern ein Messer in dein Herz stechen. Sein Lächeln ist offen, gewinnend, herzlich, und trotzdem ist er seelenlos. Brando war so ein erstaunlicher Schauspieler, und was er in dieser kleinen Szene macht, ist so unwiderstehlich. Für mich fängt er komplett das Wesen dieses Charakters ein.

Joie: Das stimmt, Brando ist großartig, wie immer! Aber ich möchte noch einmal für einen Moment zurückgehen zur Mitte des Videos und über zwei kleine Parts sprechen, die sich für mich abheben, und ich weiß schon von einem, dass es auch ein großer herausragender Moment für dich ist, Willa. Der erste ist der Teil, der uns beide fasziniert: Dieses viel zu kurze Zwischenspiel, bevor das Kämpfen beginnt, wo wir plötzlich die Klänge im Club bemerken. Die „Straßenmusik“ wie du es genannt hast. Wir hören den Rhythmus des Besens, der über den Boden fegt und die Gläser klirren, wie der Schuhputzer poliert, das Klicken der High Heels und die Gäste, die auf die Tische klopfen. Für mich ist dieser Rhythmusabschnitt wie eine Pause innerhalb der Spannung. Es fühlt sich fast deplatziert an innerhalb der vorherrschenden negativen Stimmung, die den Rest des Videos bestimmt.

Der zweite Part kommt genau vor dem Rhythmusabschnitt, als wir eine Bühne und einen Scheinwerfer sehen. Vermutlich sind wir in demselben Club, aber das Umfeld ist anders. Niemand anderes ist da. Da sind nur Michael und die Frau, die er umwirbt. Nur dass sie ganz anders gekleidet ist, in einem sexy Anzug und mit einem Fedora, wie er. Und anstatt den Scheinwerfer zu beherrschen, wie es ihm zustehen würde, macht Michael etwas Unerwartetes. Er zieht es vor, in diesem kleinen Solo-Spotlight-Moment nicht zu tanzen und überlässt stattdessen seiner Angebeteten die Mitte der Bühne, um ihre beste MJ-Nachahmung darzubieten, während er einfach nur hinter ihr über den Boden gleitet. Diese Szene hat mich immer irgendwie verwirrt, nochmal, sie scheint einfach ein bisschen deplatziert inmitten all der Spannung im restlichen Video. Jedoch weiß ich, dass sie eine Bedeutung hat, denn sie ist so anders und so „fehl am Platz“.

Willa: Weißt du, Kunstinterpretation ist eine verzwickte Sache. Es macht ungeheuren Spaß, und ich liebe es, besonders bei einem Künstler wie Michael Jackson, dessen Werk so reichhaltig ist, mit so vielem zu entdecken und zu untersuchen. Aber es kann manchmal auch eine Herausforderung sein, all die möglichen Bedeutungen eines Werkes zu untersuchen und dabei trotzdem der Vision des Künstlers gerecht zu werden. In diesem Fall glaube ich nicht, dass Michael Jackson sich hingesetzt und gesagt hat: Ich werde ein Video machen, das eine symbolische Kritik an Sony und seinen Gefolgsleuten ist, und A soll B repräsentieren und Y wird Z repräsentieren. Ich bezweifele das ernsthaft. Sehr wenige Künstler arbeiten auf die Art und von allem, was ich über seinen kreativen Prozess gelesen habe, tendierten seine Werke dazu, sich eher organischer zu entwickeln.

Aber ich denke, dass, zu der Zeit, als er an dem Video arbeitete, er in einige sehr intensive Konflikte mit Sony verwickelt und darüber sehr frustriert und wütend war, und einige dieser Emotionen und Konflikte drückten sich selbst in diesem Werk aus. Und ich denke, wenn man sich das Video durch diese Linse anschaut mit dem Wissen darüber, was er zu der Zeit gerade erlebt hat, erlaubt uns das einige Dinge zu entdecken, die vorher nicht offensichtlich waren.

Zum Beispiel diese ganze „Straßenmusik“-Sequenz ist einfach wundervoll, und ich liebe es einfach, dies zu erfahren und zu genießen als das, was es ist – ein herrlicher Teppich von zufälligen Klängen geschickt ineinander verwoben, um zusammen Musik zu ergeben. Aber wenn ich mir diese Sequenz ansehe auf die Art von allem, was mit Sony vor sich ging, scheint es bedeutsam für mich, dass die Michael Jackson in dieser Rolle total auf der gleichen Wellenlänge mit dieser Straßenmusik ist, dieser Musik der Leute und er verbindet sich so schön mit ihr und zieht ihren Rhythmus hinein in seine Musik – und die Club Manager bleiben außen vor. Sie sind nicht empfänglich für diesen Rhythmus der Leute. Durch Musik teilt Michael Jackson hier in seiner Rolle eine tiefgehende symbiotische Verbindung mit den Menschen, genau wie er es als Michael Jackson selbst auch tat, aber es ist eine Verbindung, an der die Club Manager und die Leute von Sony nicht teilhaben und die sie nicht verstehen. Darum ist es auch so ärgerlich, dass sie diejenigen sind, die die Marketingentscheidungen fällen – Entscheidungen, die nicht nur seine Kunst berühren (wie das Canceln des Unbreakable Videos), sondern ihm tatsächlich Barrieren zwischen sich und seinem Publikum aufzwingen.

Joie: Das ist ein großartiger Gedanke, Willa, und ich glaube, du hast damit gerade den Ball aus dem Park geschossen! Das ist es, warum diese Sequenz aus mich immer so fehl am Platz wirkte. Weil es für diesen kurzen Moment so ist, als hätte Michael den Pausenknopf für die ganze Anspannung und die Wut, die er gegenüber den Clubmanagern (und die Sony-Verantwortlichen) hat, gedrückt und sich einfach mit dem Publikum verbunden für eine Minute – um sicher zu sein, dass wir noch bei ihm sind. Das ist der Grund, warum der Straßenmusikteil so kraftvoll ist und einen so wichtigen Teil des Videos ausmacht!

Und ich stimme dir zu in Bezug auf den kreativen Prozess. Ich denke nicht, dass er jemals ein Video erarbeitet hat, in dem A dies repräsentiert und B jenes. Wie wir schon vorher besprochen haben ‚Manchmal ist eine Zigarre einfach eine Zigarre‘ wie Freud sagen würde. Und vielleicht ist diese Scheinwerfer-Szene, die mich so fasziniert, eine von diesen Fällen. Vielleicht war es einfach eine coole Szene, die er mit aufnehmen wollte. Oder vielleicht hatte er Augen für Kishaya Dudley – die Tänzerin in der Rolle – und ihre eindrucksvollen Fähigkeiten und wollte ihr den Scheinwerfer überlassen, um zu glänzen. Oder vielleicht war es mehr als das.

Seit wir in der Vergangenheit diskutiert haben, dass die Angebetete in vielen seiner Songs und Videos letztlich sein Publikum repräsentiert, vielleicht können wir diese kleine Szene auf dieselbe Art sehen. Du weißt ja, die Fans waren – und sind es noch – heftig loyal gegenüber Michael und während des Konfliktes mit Sony waren die Fans sehr lautstark, und sie nahmen seine Anklage mit Begeisterung auf, führten Kundgebungen durch und sangen ‚Sony sucks‘zur Freude der Presse. Michael nannte seine Fans oft seine ‚Army of Love‘. Also wenn die Angebetete sein Publikum repräsentiert, dann ist die Botschaft hier vielleicht, dass es Zeit für uns ist – das Publikum – auf die Bühne zu gehen, zu sprechen, während er uns aus dem Hintergrund ermutigt. Oder vielleicht – und ich denke, das ist vielleicht mehr der Punkt – erkennt er an, wie die Fans immer für ihn aufgestanden sind, um zu kämpfen genau wie Ms. Dudley in das Scheinwerferlicht an seine Stelle getreten ist.

Willa: Das macht eine ganze Menge Sinn für mich, Joie, und es erinnert mich auch wieder an die Straßenmusik-Sequenz. Es ist, als würde er die tiefe Verbindung, die er und sein Publikum durch Musik und Tanz miteinander teilen und die Stärke und Lebendigkeit, die jeder vom anderen erhält, noch einmal betonen. Wir lieben und unterstützen ihn; er liebt und inspiriert uns. Er tanzt; wir tanzen. Es ist eine tiefe gegenseitige Beziehung, die uns alle nährt.


The truth must dazzle gradually
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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 21:00

Man in the Music: Joe Vogels Meisterwerk
24/11/2011

Joie: Anfang dieses Monats passierte etwas wahrhaft Wunderbares. Ein Ereignis, auf das ich voller Spannung monatelang gewartet hatte.
Das lang ersehnte Buch des Autors Joe Vogel Man in the Music: The Creative Life and Work of Michael Jackson wurde am 1.
November 2011 veröffentlicht, und ich hatte das große Vergnügen, Joe im Mai für den MJFC interviewen zu dürfen. Aber sogar lange vor unserem Interview war ich so gespannt auf dieses Buch, und ich drängte richtig auf ein Interview mit ihm, denn ich wusste, es würde etwas ganz Besonderes werden.

Ich war bereits einige Zeit ein flüchtiger Fan von Joe, und ich hatte viele seiner Artikel über Michael Jackson in der Huffington Post gelesen. Was ich an der Art, wie Joe schreibt, mochte, war, dass ich bei seinen Artikeln immer das Gefühl hatte, dass er so wie ich ist – einfach ein Studierender der Popkultur, dem es passiert ist, ein Michael Jackson Fan zu sein. Seine Erkenntnisse sind wirklich erfrischend und inspirierend, und ich finde seinen Schreibstil sehr bodenständig und real, und einen seiner Artikel zu lesen, war wirklich ein Vergnügen für mich. Als ich also das erste Mal von diesem Buch hörte, war ich aus zwei Gründen riesig aufgeregt: Erstens, wie ich schon sagte, war ich ein Fan. Und zweitens, so etwas gab es noch nie zuvor. Dies ist ein Buch, dessen Zeit nicht nur gekommen ist, nein, es war LANGE überfällig! Und ich wusste, wenn irgendjemand dem Buch gerecht werden konnte, dann würde es Joe Vogel sein; also ich war extrem aufgeregt. Nachdem Joe mir das Interview für MJFC gewährt hatte, denke ich, bin ich tatsächlich so etwas wie ein Mini-Stalker geworden, habe ihn wiederholt gefragt, ob es irgendetwas gäbe, was ich oder der MJFC als Promotion für das Buch tun könne. Er könnte tatsächlich ein wenig Angst vor mir haben; ich bin wie ein Man in the Music-Groupie.

Willa: Ich weiß nicht, Joie. Joe scheint mir ziemlich stabil zu sein. Ich glaube, es braucht etwas mehr als ein Man in the Music-Groupie, um ihn zu erschüttern … Aber im Ernst, ich weiß, was du meinst – Ich liebe Joes Buch genauso, besonders das Level der Details, die er darüber enthüllt, wie jeder Song auf jedem Album auf akribische Art und Weise erschaffen wurde.

Aber der Teil, den ich am meisten liebe, war gänzlich unerwartet und für mich ist das eine wundervolle Bestätigung für die Stärke von Michael Jacksons kreativem Geist: Es war der ganz andere Einblick, der einem in das kreative Leben in seinen späteren Jahren, besonders nach dem Prozess 2005, gewährt wird. Joes Buch widerspricht komplett dem üblichen Blick auf diese Zeit seines Lebens. Die Geschichte, die immer wiederholt wird zeichnet einen Mann, der so gehetzt und erschöpft war, dass er unfähig war, an einem Ort für mehr als ein paar Wochen zu bleiben, unfähig jemandem zu vertrauen, unfähig zu arbeiten – der einfach zu sehr belästigt wurde und abgelenkt war, um kreativ zu sein.

Aber Joes Buch zeichnet ein ganz anderes Portrait dieser späteren Zeit seines Lebens. Was wir in Joes Buch sehen können, ist ein extrem talentierter, kreativer und hingebungsvoller Künstler, der zutiefst beschäftigt war mit einem Netzwerk von Künstlern in der ganzen Welt, die zusammengearbeitet haben, um außergewöhnliche Werke zu produzieren. Joe deutet in der Tat an, dass die spätere Periode wohl die produktivste seines Lebens war, sogar obwohl sehr wenig dieser Arbeiten für die Öffentlichkeit herausgegeben wurde.

Joie, ich weiß nicht, ob das Sinn macht oder nicht, aber diesen Teil von Joes Buch zu lesen macht mich so glücklich – es ist, als ob mir die Last der Trauer genommen wird, von der ich nicht mal realisiert hatte, dass sie da war. Ich vermute, wir alle gehen mit Trauer unterschiedlich um, und für einige Fans hat die Verurteilung von Dr. Murray eine Art Lösung gebracht, aber das hat mir überhaupt nicht geholfen. Ich denke, auf eine gewisse Art habe ich deswegen mit dem Schreiben von M Poetica angefangen, als Versuch mit der Trauer umzugehen. Ich denke, Michael Jacksons Werk ist so unglaublich, aber nichts, was ich bisher in den Mainstream Medien gelesen habe, kam auch nur vage in die Nähe dessen, was ich über ihn und seine Musik und seine visuelle Kunst fühle und was es für mich bedeutet, und dieses Fehlen der Anerkennung fügt der Situation eine weitere tragische Komponente hinzu. Also fing ich an, darüber zu schreiben, wie ich die Dinge sah, und es half mir durch die Traurigkeit des Ganzen. Aber nichts hat mir so geholfen wie der Teil „Die letzten Jahre / The Final Years“ in Joes Buch.

Für mich war Michaels Jacksons Kreativität das Leitprinzip seines Lebens. Leute haben ihn wieder und wieder betrogen, aber dieser kreative Geist nie. Das war immer da für ihn, hat ihn genährt und ihm Kraft gegeben. Er hat in zahlreichen Interviews gesagt, dass er am glücklichsten war, wenn er schöpferisch tätig war und aufgetreten ist und dass er sich im Studio oder auf der Bühne am wohlsten gefühlt habe, wenn diese kreative Energie durch ihn hindurch floss und sich durch ihn ausdrückte. Das ist es, warum mich all diese Berichte über eine zum Kreieren zu erschöpfte und abgelenkte Person so verstört haben. Aber Joes Buch gab mir die Rückversicherung, die ich brauchte, dass sogar nach dem Prozess 2005 und dem ganzen Schrecken dieser späten Jahren der kreative Geist immer noch für ihn da und stärker denn je war.

Joie: Der Meinung bin ich auch, Willa. Es war eine erfreuliche Überraschung zu erfahren, dass er sogar da immer noch so engagiert war beim schöpferischen Akt der schönen Musik. Und du hast Recht, wir trauern alle auf unterschiedliche Art, so macht es für mich absolut Sinn, dass dieser Abschnitt in Joes Buch eine Art Katharsis für dich ist. Ich fand es genauso beruhigend. Joe erzählt uns, dass Michael in der Zeit nicht nur guten Mutes war, er war auch entschlossen und begeistert bezüglich der Werke, die er produzierte. Ich wünschte nur, dass wir etwas von der Musik hören könnten, an der er in der Zeit arbeitete, besonders das Klassik Album!

Willa: Oh ja. Weißt du, ich habe Gerüchte gehört, dass er ausprobierte, klassische Musik zu komponieren, aber ich hatte keine Ahnung, dass er so sehr darin engagiert war oder dass er ein Werk nahezu fertiggestellt hatte. Nach Joes Buch sind alle Parts für die verschiedenen Instrumente ziemlich weit ausgearbeitet – es muss nur noch eingespielt werden. Der Komponist David Michael Frank, der an dem Projekt mitgearbeitet hat, sprach mit Joe darüber:

„Ich hoffe, dass seine Familie eines Tages entscheiden wird, diese Musik zu seiner Anerkennung zu veröffentlichen und der Welt die Tiefe seiner Kunst zu zeigen … Ich erzählte Michael, ich würde einen von Leonard Bernsteins Taktstöcken, den ich bei einer Auktion ersteigert hatte, benutzen, als wir die Aufnahmen machten. Ich wusste, dass gab ihm einen großen Kick“.

Ich hoffe auch, dass sie es tun werden. Ich würde es so lieben, das zu hören. Und kannst du dir vorstellen, wie David Michael Frank das Orchester dirigiert, und dabei einen von Leonard Bernsteins Taktstöcken mit einem weißen paillettenbesetzten Handschuh hält? Was wäre das für eine wundervolle Metapher. Und ebenso ein großartiges Bild.

Joie: Oh ja. Ich selbst bin ein Fan von klassischer Musik und ich glaube, ich würde alles darum geben, klassische Musik zu hören, die Michael komponiert hat; ich würde es so sehr lieben!

Aber um auf das zurückzukommen, was du gesagt hast über seinen kreativen Geist, Michael selbst hat oft gesagt, dass er niemals aufgehört hat zu arbeiten; ganz egal, was in seinem Leben passierte, er hörte nie auf zu Kreieren. Und ich liebe gerade diese Aussage von Aufnahme-Ingenieur Matt Forger aus Man in the Music. Er sagte:

„Michael hörte nie auf zu kreieren. Er war kein Künstler, der sagte ‚Oh, ich werde ein Album herausbringen, ich sollte besser anfangen, Songs zu schreiben‘. Die Songs flossen ständig aus ihm heraus, und wenn es kein Song war, dann war es ein Gedicht oder eine Idee für eine Geschichte oder ein Short Film … Es war ein ständiger kreativer Prozess“.

Also war es, als ob das Leben selbst ein ständiger kreativer Prozess für ihn war, und das finde ich faszinierend!

Willa:
Absolut, und Joe betont das in seinem Buch wie in diesem Beispiel:

„Gemäß Quincy Jones ‚schrieb Jackson Musik wie eine Maschine‘ während dieser Zeit. Er hatte mit dem Komponieren von Songs begonnen, sobald Off The Wall beendet war. Tatsächlich wurde der erste Track von Thriller‚ Wanna Be Startin‘ Somethin‘, geschrieben und aufgenommen während der Off The Wall Sessions.“

Joe hebt „während“ kursiv hervor, so als ob er es kaum glauben kann. Es ist, als wenn die Songs wie eine Lawine kommen, so dass er mit Thriller beginnt, während er noch Off The Wall aufnimmt.

Joie: Ich frage mich, ob das bei all den großen Künstlern so ist – ob es sich nun um Musik oder Malerei oder Dichtung oder was auch immer handelt – dass es so aus ihnen herauszufließen scheint. Ich bin von dem Gedanken fasziniert.

Aber was für mich Joes Buch so besonders macht, ist die Tatsache, dass er so hochfein ins Detail geht bei jedem einzelnen Song aus jedem Album. Er gibt sogar Informationen über so viele Songs, die nicht auf die Alben kamen. Es ist fast so, als würde er dir die Chance geben, mit ins Studio zu kommen und still daneben zu sitzen und zu beobachten, wie sich das ganze Album formt, als ob du genau da Michael bei der Arbeit zusiehst! Das ist das Gefühl, das ich jedes Mal habe, wenn ich das Buch aufschlage und darin lese. Es hat niemals ein anderes Buch gegeben wie dieses. Es ist nicht bloß eine Beurteilung von Michaels Werk; es ist eher wie ein Roman, ein Handbuch, ein historischer Text und eine kritische Beurteilung in einem. Da ist SO viel Information enthalten, einfach ein Reichtum an musikalischem Wissen und Einblick in die kreativen Gedanken und den Charakter des größten Entertainers, der je gelebt hat. Dieses Buch ist unglaublich! Und ich liebe die Tatsache, dass es niemals in diesen unangenehmen Bereich der Sensationsgier und des Tabloidfutters abschweift, dem die meisten anderen Autoren nicht widerstehen können, sobald sie über Michael Jackson reden. Aber das macht Joe nie; er bleibt komplett professionell und dem Thema treu – welches die Untersuchung von Michaels Fertigkeiten ist.

Willa: Ich weiß, was du damit meinst, wenn du dich fühlst, als würdest du ins Studio gucken, während er arbeitet und entdecken, wie die Umgebung sich anfühlte. Ich bin nie in einem Aufnahmestudio gewesen, also war das ein völlig neues Gebiet für mich, und es war so interessant. Zum einen habe ich nie realisiert, wie viele Leute an der Herstellung eines Albums beteiligt sind. Es ist vielleicht die Vision einer einzigen Person – und Joe macht klar, dass jeder Track eines jeden Albums eine Reflexion von Michaels Jacksons eigener künstlerischer Vision ist – aber es ist wirklich eine riesige umfassende Zusammenarbeit. Und das entlarvt für mich einen weiteren Mythos als falsch, nämlich den, dass Michael Jackson die meiste Zeit seines Lebens isoliert und allein gewesen sei, abgeschnitten von der Welt um sich herum. Offensichtlich hatte der Ruhm einen riesigen Einfluss auf sein Leben, aber das schien alles abzufallen im Studio. Er hatte viele warmherzige, starke, andauernde Beziehungen zu den Leuten, mit denen er Song für Song über Jahre, ja sogar Dekaden, zusammenarbeitete.

Joie: Du hast Recht, es ist eine wirkliche umfassende Zusammenarbeit, und was erstaunlich für mich war ist, wie technisch das alles ist. Ich bin auch nie in einem Aufnahmestudio gewesen, und ich war überrascht zu erfahren, wie involviert Michael wirklich bei diesem ganzen Prozess war. Weißt du, er ging nicht nur in das Studio und sang den Text und ließ dann die anderen den Rest erledigen. Er war wirklich aktiv an dem ganzen Prozess beteiligt von Anfang bis Ende, und er wusste wirklich ganz genau, was er von jeder Person wollte, mit der gearbeitet hat und wie sich das Endprodukt anhören sollte. Hier ist ein anderes Zitat aus Man in the Music, diesmal vom Langzeitmitarbeiter Bill Bottrell. Er sagte:

„Er hat präzise musikalische Instinkte. Er hat die gesamte Aufnahme in seinem Kopf und er versucht, die Leute dazu zu bringen, es ihm zu liefern. Manchmal überraschen die Leute ihn und erweitern noch das, was er hört, aber in Wirklichkeit ist sein Job, das was er hört, wenn er morgens aufwacht, aus den Musikern und Produzenten herauszuholen.“

Willa: Und manchmal nimmt er die Dinge selbst in die Hand. Ich erinnere mich, wie er in einem Interview erzählte, dass er eine gute Woche lang an der Bassline von Billie Jean arbeitete. Er sagte, diese unverwechselbare Bassline ist so wichtig für die Stimmung des Songs – es ist wie das Fundament, auf das alles andere aufbaut – also arbeitete und arbeitete er daran, um es richtig hinzubekommen.

Joie: Ich denke auch, dass es wirklich interessant ist, dass Michael immer diese große Liebe zum Klang hatte. Er sagte viele Male, dass er es einfach liebt, neue Klänge zu entdecken und zufällige Klänge zu nehmen und sie unter das Mikroskop zu legen und zu verändern und zu zergliedern. Er hatte offenbar ein großartiges Gehör für Klänge und Joe erzählt uns in Man in the Music, dass er sogar einen ganzen Song nur aus einzelnen Klängen geschaffen hat. Bevor ich dieses Buch gelesen hatte, habe ich nie gewusst, dass She Drives Me Wild gänzlich aus zufälligen Straßenklängen besteht! Joe erzählt uns:

„‘She Drives me Wild‘ erweiterte sein Interesse (für das Verwenden von alltäglichen Klängen, um fesselnde Musik zu kreieren) … Statt traditioneller Instrumente entwickelte Jackson einen gesamtes Rhythmustrack aus Autohupen, Motoren, Sirenen, zuschlagenden Türen und anderem ‚Lärm‘ von der Straße. ‚Sogar der Bass ist eine Autohupe‘, sagt Teddy Riley.“

Willa: Ist das nicht erstaunlich? Ich musste mir direkt, nachdem ich das gelesen hatte, erst einmal She Drives Me Wild anhören. Ich war auch wirklich getroffen durch den nachhaltigen Fokus auf diesen gefundenen Klängen, besonders seit Ultravioletrae über dieses Thema kürzlich einen Kommentar gepostet hat, besonders über die Verwendung von Tiergeräuschen und Industrieklängen. Sie schrieb über Unbreakable:

Viele MJ Songs stellen den Klang von Luft, Wind, Atem als Schlagzeug oder Klanglandschaft und ausdrucksstarke Stimmgebung dar. Bei der Bridge in „Unbreakable“ hören wir den künstlichen Klang für Keuchen durch eine Sauerstoffmaske wie bei einer Lebensrettungsmaßnahme. Schaurig. Und in der Klanglandschaft ganz am Anfang hören wir das Summen einer Maschine, die sich im Klangraum bewegt, aber über den Klang des Schnurrens einer Katze gelegt ist, die Katze als ein weiteres Hauptsymbol durch sein ganzes Werk … Dies passiert während des ganzen Stücks. Was ist die Klangbotschaft?

Ich bin davon jetzt wirklich fasziniert und denke, es wäre wirklich lustig, sich dies manchmal tiefgehender zu betrachten – wie er verschiedene gefundene Klänge über die Jahre benutzt und die unterschiedlichen Klanglangschaften, die er mit ihnen schuf, und die Gedanken und Gefühle, die er mit diesen Klängen enthüllte.

Und es war nicht nur ein vorübergehendes Interesse für ihn. Album für Album sagt er, er möchte „Klänge kreieren, die das Ohr nie zuvor gehört hat“. Ich glaube, Joe hat diesen Gedanken an drei verschiedenen Stellen von drei verschiedenen Quellen, die mit an drei verschiedenen Alben gearbeitet haben, zitiert. Es war wie ein Mantra für Michael Jackson, das seine gesamte Karriere lang andauerte – bis an die Grenze zu gehen und völlig neue Klänge und neue Wege, sich mit Musik zu verbinden, zu kreieren.


Joie: Weißt du, Willa, ich habe gerade ein anderes neues Buch gelesen, das kürzlich von Michaels langjährigem Freund Frank Cascio veröffentlicht wurde und er spricht tatsächlich auch ein bisschen über Michaels Besessenheit, neue Klänge zu finden. Cascio sagt, dass, als Michael an Invincible arbeitete, er den Produzenten Rodney Jerkins zwang auf „Steine oder Spielzeug zu schlagen. Nimm einen Haufen Glas in eine Tasche, leg ein Mikrophon dazu und wirf es herum“. Und er sagt weiter:

„Ich habe gesehen, wie Michael mit dieser Art von Klangfindung selbst herumspielt … Einmal legten wir ein Mikrophon in eine Tasche mit Steinen, Spielzeug und einigen kleinen Metallteilen, befestigten sie an der Außenseite eines Aufnahmegerätes, das in Noppenfolie eingewickelt war und warfen die ganze Vorrichtung die Treppe hinunter. Michael fuhr dann damit fort, all diese Klänge aus der Innenseite der Tasche zu nehmen, sie über ein Keyboard zu legen, sie zu mixen und abzustimmen. Auf Invincible kannst du diese einzigartigen Klänge bei ‚Invincible‘, ‚Heartbreaker‘, ‚Unbreakable‘ und ‚Threatened‘ hören.“

Dies ist etwas, was in Man in the Music genauso angesprochen wird, wie uns Joe erzählt, dass die „wilden abprallenden Beats und Klänge“ bei dem Song Heartbreaker einem das Gefühl geben, als wäre ein „verrückter Wissenschaftler“ im Studio losgelassen worden. Dann macht er weiter und zitiert Michael, der sagte:

„Eine Menge von Klängen auf dem Album sind keine Kläng vom Keyboard … Wir gehen raus und stellen unsere eigenen Klänge her. Wir schlagen auf Dinge, wir klopfen auf Dinge, so dass niemand kopieren kann, was wir machen. Wir machen sie mit unseren eigenen Händen, wir finden Dinge und wir erschaffen Dinge. Und das ist das Wichtigste daran, ein Pionier zu sein. Ein Innovator zu sein.“

Also, es war nicht ein vorübergehender Einfall von ihm; es war eher wie eine lebenslange Besessenheit von ihm. Ich glaube, dass Michael in seinem eigenen Buch Dancing The Dream darüber redet, wie er Musik in allem hört, in jedem Teil der Natur. Er schreibt:

„Die Leute fragen mich, wie ich Musik mache. Ich sage ihnen, dass ich einfach hineintrete. Es ist, als ob man in einen Fluss tritt und sich der Strömung anschließt. Jeder Augenblick im Fluss hat seinen Song. Also bleibe ich in dem Moment und höre zu … So lange ich dem Moment zuhören kann, werde ich immer Musik haben.“

Für mich sagt dies, dass Michael die Fähigkeit hatte, Musik in absolut allem zu hören – einer Autohupe, dem Rascheln der Blätter beim Fallen, dem Klang des Windes, der durch die Bäume rauscht, sogar im Weinen eines Babys oder dem Lachen seiner Kinder. Ich wette, wenn wir ihn genau jetzt fragen könnten, würde er uns erzählen, dass es wahr ist.

Willa:Ich glaube, du hast Recht, Joie, und ich denke, er versuchte sehr, dies mit uns zu teilen, so dass wir beginnen, die Musik der Welt um uns herum genauso zu hören – sowohl der natürlichen Welt, wie Joe es so gut in der „opulenten Produktion“ von Break of Dawn beschreibt („Es ist so natürlich und schön wie der Vogelgesang, der unaufdringlich während des Tracks auftaucht“) als auch der menschengemachten Welt, wie wir es in der stampfenden Eröffnungstrilogie von Invincible hören.

Joes Buch zeigt auch, dass er manchmal die gefundenen Klänge eingearbeitet hat wie sie waren, und manchmal im Studio mit ihnen experimentiert hat, um weiter bis an die Grenze zu gehen. Michael Jackson sagt selbst:

„Ich mag es, Klänge zu nehmen und sie unter dem Mikroskop zu betrachten und einfach darüber zu reden, wie wir ihren Charakter verändern können.“

Und er brachte die Neuerungen nicht nur im Studio ein. Er dachte auch ständig darüber nach, wie er neue Technologien nutzen konnte, um seine Musik und seine Gedanken mit seinem Publikum zu teilen. In den 1980er Jahren war diese neue Technologie MTV und das Musikvideo. In den 2000ern war es das Internet und Musik Streaming und, gemäß Joe, hatte er einen Plan ausgearbeitet, diese Technologie zu nutzen, um sein nächstes Album zu promoten, besonders seit er nicht darauf zählen konnte, dass Sony es für ihn promoten würde:

„Er hatte auch einen einzigartigen Plan auf Lager für die neue Musikveröffentlichung …Seine Vision war, viele der Tracks während seiner Konzerte in London zu Ende zu stellen und sie eine nach der anderen als Single zu veröffentlichen, nicht als ganzes Album. Es war eine brillante Idee. Jackson war wie immer genauestens abgestimmt auf die Musikindustrie und fühlte, dass dies der ideale Weg war, seine Musik im Zeitalter des digitalen Downloadings zu verbreiten. Er realisierte auch, dass durch die Publicity, die durch seinen fortlaufenden Aufenthalt in der größten Arena der Welt hervorgerufen wurde, die Erwartung für jeden neuen Song gewaltig sein würde. Lieber als den Kritikern die Chance zu geben, sein neues Album als Flop abzuweisen, würde er sie austricksen, indem er Hit Single für Hit Single haben würde.“

Joie: Yeah, das hab‘ ich gelesen und war erstaunt. Was für eine unglaubliche brillante Idee das war! Besonders weil er eine Art „Free Agent“ zu der Zeit war, der größte Künstler der Welt ohne einen Plattenvertrag.

Willa, dieses Buch von Joe ist wirklich das größte umfassendste Werk über Michael Jackson Solokarriere, das wir je gesehen haben. Ehrlich, ich kann mir kein anderes Buch denken, das damit rivalisieren könnte. Das Einzige, das nah daran ist, ist Adrian Grants Michael Jackson: The Visual Documentary, welches viele als die Bibel bezeichnen, weil es so allumfassend ist. Aber das Buch, obwohl unglaublich, ist komplett anders als Man in the Music, denn es legt nicht den alleinigen Fokus auf Michaels Kunst oder macht nicht einmal den Versuch, auf irgendeine reale oder bedeutungsvolle Art darauf zu schauen; es ist lediglich ein Nachschlagewerk. Dann gibt es noch Cadman und Halsteads Michael Jackson: For the Record, welches ein wundervolles Buch ist mit einer Menge an Information zu Chartplazierungen und das für jeden Song, beginnend in den frühen Tagen von Motown – aber nochmal, es geht wirklich nicht so extrem ins Detail wie Joe das macht. Es ist auch nur ein Nachschlagewerk, während Man in the Music so viel mehr als das ist. Tatsächlich also in Hinsicht auf einen Einblick in die Tiefe von Michaels Arbeit als erwachsenem Solokünstler – die Erschaffung jedes einzelnen Songs auf jedem einzelnen Album und die möglichen Bedeutungen dahinter – gibt es für Joes Buch nichts Gleichwertiges. Es ist einfach verblüffend. Weißt du, ich bin diesem Buch so ergeben, dass ich beabsichtige „Michael weiter zu bezahlen“ dieses Jahr an Weihnachten. Jeder auf meiner Liste bekommt ein Exemplar!


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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 21:17

MJ´s Kunst der Rassengleichheit
01/12/2011


Willa: Vor einigen Monaten haben wir die Frage aufgeworfen, "War Michael Jackson schwarz genug?", und haben damit geendet, uns dieser Frage selbst wirklich zu stellen. Letztlich, was heißt es überhaupt "schwarz genug" zu sein? Wie definieren wir das und was sagt diese Definition darüber aus, wie wir Rassenunterschiede wahrnehmen und interpretieren?

Joie: Nun, ich denke, während dieser Diskussion sind wir zu der Übereinstimmung gekommen, dass wir das nicht definieren können. Niemand kann wirklich sagen, ob jemand anderes schwarz oder weiß genug ist. Das ist etwas, was nur vom Individuum festgelegt werden kann und ich empfinde, dass, wenn dieser Vorwurf an Michael Jackson angepasst wird, es in Wahrheit einfach etwas Tiefliegenderes maskiert.

Willa: Absolut. Ich denke, du hast so Recht, Joie. Ich denke, die Menschen, die von Michael Jackson am meisten bedroht werden und am hartnäckigsten in Frage stellen, ob er schwarz genug war, sprechen in Wahrheit überhaupt gar nicht über seine Hautfarbe. Stattdessen nutzen sie das als Indikator für etwas anderes. Sie spekulieren über die Farbe seiner Haut, die Form seiner Nase, die Abstammung seiner Kinder, seine Beziehungen mit Frauen, seine Kleider, sein Haar, seine Penny Loafers, seine gesamte öffentliche Person als äußere Manifestationen seiner Gedanken und wie er die Welt sieht.

Mit anderen Worten, sie gebrauchen seine Hautfarbe als Metapher für seinen Geist. Und was sie wirklich sagen, ist, dass sein Geist nicht schwarz genug war. Da scheint diese Forderung zu sein, dass ein "anständiger" schwarzer Mann auch einen schwarzen Geist haben muss und Michael Jackson fordert diese Idee heraus und zieht das ganze Konzept in Zweifel. Was heißt es überhaupt einen schwarzen Geist zu haben? Was wird impliziert, wenn man ihn nach diesem Standard beurteilt, besonders, wenn viele der Wortführer, die ein Urteil über ihn abgeben, weiß sind? Und hat irgendjemand, besonders eine weiße Person, das Recht, ihre Definition von Schwarz jemand anderem aufzuzwingen?

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass "Michael Jackson reichlich schwarz genug war", wie du es formuliert hast. Allerdings, er bestand darauf, dass er das Recht habe für sich selbst zu definieren, was das heißt. Und in der Tat, jeder sollte dieses Recht auf Selbst-Definition haben.

Joie: Du weißt, Willa, ich hasse diese Schwarz-genug-Frage wirklich und ich finde sie ziemlich verstörend. Das wäre, wie wenn ich versuchen würde, dir zu erzählen, du wärst nicht weiß genug. Ich finde es einfach irgendwie lächerlich, dass irgendwer überhaupt probieren würde, seine Vorstellungen darüber, wie eine bestimmte Rasse sich "verhalten" sollte, anderen aufzuzwingen. Ich meine, ist das nicht mehr oder weniger die Definition einer Rassenstereotype? Und ich frage mich, wie gemischtrassige Menschen dieses Thema empfinden. Ich bin sicher, das ist etwas, worin sie in gewisser Weise viel Erfahrung haben. Weißt du, sie werden als nicht richtig schwarz gesehen, auch nicht recht als weiß und wiederum frage ich mich, wer sind wir, dass wir festlegen, ob sie schwarz oder weiß genug sind? Und warum spielt das überhaupt eine Rolle? Und manchmal denke ich über Michaels Kinder nach und wie sie sich selbst sehen und wie diese Schwarz-genug-Frage sie beeinflusst.

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Joie - und wie Dr. Louis Henry Gates Jr. in seinen PBS Studien, Gesichter von Amerika, behauptete, die meisten von uns sind von gemischter Rasse, wenn man es genetisch betrachtet. Ich bin es. Du bist es. Insbesondere in den USA sind es die meisten Menschen, mit der möglichen Ausnahme von Steven Colbert. Er fing an zu lachen, als Dr. Gates ihm erzählte, die Tests, die sie durchführten, hätten gezeigt, er sei 100% weiß, weil das perfekt zu der Rolle passen würde, die er in seiner Show mimt. Dr. Gates fand sogar raus, dass er selbst von "mehr weißer als schwarzer Abstammung" sei - viel mehr - wenngleich er sich selbst immer noch als schwarz definiert.

Joie: Das ist sehr interessant. Und wirklich lustig über Steven Colbert!

Willa: Nicht wahr? Zum Kaputtlachen! Aber das ist nicht wirklich eine genetische Angelegenheit. Es ist eine kulturelle Angelegenheit. Ich habe darüber in letzter Zeit viel nachgedacht, spätestens seit wir uns vor einigen Wochen You Rock My World angesehen haben. Die Ideen, die dieses Video und die faszinierenden Kommentare, die darauf folgten, hervorgebracht haben, haben diese hartnäckige Kritik, dass Michael Jackson irgendwie nicht schwarz genug gewesen wäre, wieder ganz von Neuem in mein Hirn sickern lassen.

Der zentrale Konflikt des Videos besteht zwischen Michael Jacksons Charakter und den Managern eines Clubs. Und wie Ultravioletrae hervorgehoben hat, sind alle diese Manager weiß. Da ist auch dieses wundervolle Zwischenspiel in der Mitte des Videos - gerade als die Konfrontation mit den Managern einen Höhepunkt erreicht, ist da plötzlich eine Pause in der Action, als die gewöhnlichen Leute im Club eine Art Straßenmusik machen. Wie du es beschrieben hast, Joie:

"Wir hören den Rhythmus des Besens, der über den Boden fegt und Gläser klirren, den Schuhputzkerl polieren, die High Heels klackern und die Stammgäste auf die Tische klopfen."

Und all diese Menschen, die die Straßenmusik kreieren, sind schwarz. Wichtig ist, Michael Jacksons Charakter zieht Kraft aus dieser Straßenmusik - er drückt die Rhythmen und die Energie daraus in seine Musik und nutzt dann diesen Beat und diese Energie dazu, den weißen Managern zu trotzen. Und er kämpft hart, schleudert einen Handlanger auf den Rücken, schlägt den Anführer ins Gesicht und brennt schließlich den Club nieder.

Also wir können You Rock My World tatsächlich als stellvertretend für den Konflikt zwischen schwarzen Musikern und den Menschen betrachten, die Geld mit ihnen verdienen. Und wie Aldebaran in einem Kommentar hervorgehoben hat, hat dieser Konflikt eine lange sorgenschwere Geschichte und Michael Jackson war sich dessen sehr bewusst. Wie Aldebaran schrieb,

"In Michaels Pressekonferenz über Sony und Mottola spricht er davon, wie schwarze Künstler (wie James Brown) von der Musikindustrie ausgebeutet wurden und wie sie mittellos geendet haben, gezwungen, bis ins hohe Alter zu performen."

Joie: Aldebaran hatte Recht; Michael hat sehr öffentlich über diese schwierige Vergangenheit gesprochen. Und ich bin froh, dass du das angesprochen hast, Willa, weil ich glaube, dass Michaels Teilnahme an dieser Konferenz zweifellos beweist, welche Einstellung er hatte oder wie schwarz sein Geist war, wie du es nennst. Während dieser Konferenz hat Michael der Welt genau gesagt, wie er sich selbst sah:

"Ich kenne meine Rasse. Ich sehe einfach in den Spiegel; ich weiß, ich bin schwarz."

Jeder denkt immer, diese Konferenz drehte sich nur um Invincible und die lausige Art, wie es von Sony promotet (oder nicht promotet) wurde. Aber in Wahrheit, war der ganze Zweck dieser Konferenz, für bessere Verträge, Tantiemen und Ausschüttung für schwarze Künstler zu kämpfen. Also, Michael hat nicht nur Rassenprobleme in seiner eigenen Kunst angesprochen, sondern ist auch eine Art Aktivist im Kampf für Rassengleichheit in der Musikindustrie insgesamt geworden. Und das war eine Sache, die sehr wichtig für ihn war, wie er in seiner Rede sagte:

"Ich möchte nur, dass ihr wisst, dass das, wofür wir kämpfen, sehr wichtig ist, denn ich bin diese Manipulation müde, wirklich müde... Sie manipulieren unsere Geschichtsbücher. Unsere Geschichtsbücher sind nicht wahr; es ist eine Lüge. Ihr müsst das wissen. All die Formen von populärer Musik von Jazz zu Hip Hop, zu Bebop, zu Soul, wisst ihr, bis hin zum Sprechen über die verschiedenen Tänze, vom Cake Walk zum Jitterbug, zum Charleston, zu Break Dance - das alles sind Formen von schwarzem Tanzen! Wie wären wir ohne einen Song? Wie wären wir ohne einen Tanz, Freude und Lachen und Musik? Diese Dinge sind sehr wichtig, aber wenn wir zum Buchladen um die Ecke gehen, wirst du keine einzige schwarze Person auf dem Cover sehen. Du wirst Elvis Presley sehen. Du wirst die Rolling Stones sehen. Aber wo sind die wahren Pioniere, die es begonnen haben? Otis Blackwell war ein erfolgreicher, phänomenaler Songschreiber. Er hat einige der größten Elvis-Songs überhaupt geschrieben. Und das war ein schwarzer Mann! Er starb mittellos und niemand weiß um diesen Mann. Das ist so, sie haben kein einziges Buch über ihn geschrieben, von dem ich wüsste und ich hab' die Welt abgesucht."

Ich habe einmal einen wirklich interessanten Blogbeitrag gelesen, der How Michael Got Gangsta with Sony Music Over Black Music and Racism hieß. Es ging ganz um diese Konferenz und ich lernte einige Dinge, die ich zuvor nicht wusste, einfach aufgrund dessen, wie die Medien die Berichterstattung über die Konferenz verzerrt hatten. Sie haben die Wichtigkeit und den Ernst dieser Angelegenheit absichtlich abgeschwächt und stattdessen versucht, dass alles sich um Michael drehe, der sauer auf Sony wäre, weil sein Album sich nicht so gut gemacht hätte, aber das war es überhaupt nicht, worum es in dieser Konferenz ging; es ging darum, für Rassengleichheit zu kämpfen und Michael hat das sehr ernst genommen.

Willa: Wow, das ist so ein interessanter Beitrag, Joie. Ich wusste auch nicht viel darüber und ich denke, es zeigt, wo ihm der Sinn stand. Aber ich denke, die beste Reflektion seines Geistes ist seine Arbeit und gegen Rassenvorurteile und andere Arten von Vorurteil zu kämpfen, ist eine äußerst wichtige Sache in seiner Arbeit, obwohl oft auf subtile Weise damit umgegangen wird. Wenn wir auf die chronologische Liste aller Videos sehen, die er zu produzieren geholfen hat oder wofür er das Konzept entwickelt hat, so ist das Bekämpfen von rassistischen Vorurteilen ein wiederkehrender Schwerpunkt seine Karriere hindurch, von Can You Feel It, das erste auf der Liste, bis zu You Rock My World, dem letzten auf der Liste.

Joie: Du hast Recht, Willa, rassistische Vorurteile zu bekämpfen war ein wiederkehrendes Thema in seiner Arbeit und das zeigt deutlich, welch wichtige Sache das für ihn war. Und wir sehen es in Song um Song und in Video um Video.

Du hast Can You Feel It erwähnt. Weißt du, ich erinnere mich, als das Video zum ersten Mal herauskam und ich dachte, das wäre die coolste Sache! Videos waren zu dem Zeitpunkt noch sehr neu und einfach die ganze Optik dafür mit den Spezialeffekten und allem - zu der Zeit war es tatsächlich irgendwie wegbereitend. Aber die erstaunliche Sache an diesem Video ist, dass wir wirklich zum ersten Mal, sehen, was exakt Michaels Botschaft war - LIEBE. Sein Traum war es, Menschen zu vereinen. Menschen aus allen Hintergründen, jeden Alters und - am wichtigsten - jeder Rasse. Ganz von Anfang an, drehte sich offensichtlich alles um Liebe für ihn und Liebe hat keinen Raum für Rassenvorurteile. Und ich denke, das ist letztlich die Botschaft hinter diesem speziellen Song und Video.


Willa: Das denke ich auch, Joie, es geht um Liebe. Es ist augenfällig in beidem, den Lyrics und dem Visuellen. Das Video endet damit, dass alle sich die Hände reichen, als sie eine neue Vision der Zukunft teilen. Und das war ein bahnbrechendes Video, sowohl in seinen Spezialeffekten, als auch in einigen Ideen, die es vorantreibt.

Zum Beispiel durch die Lyrics "sagt er uns zweimal", dass "wir alle gleich sind / Ja, das Blut in mir ist in dir". Also, wie wir schon früher davon gesprochen haben, sagt er uns, dies sei keine genetische Sache - biologisch sind wir alle gleich. Stattdessen geht es um Wahrnehmung, wie er durch die visuellen Elemente des Videos betont. Er war sehr an der Beziehung zwischen Wahrnehmung und Glaube interessiert, seine ganze Karriere hindurch und, in diesem Fall, sind genetische Unterschiede, wie die Hautfarbe nicht annähernd so wichtig, wie die Art und Weise wie wir diese Unterschiede wahrnehmen und interpretieren.

Im Grunde sind wenige biologisch einfache Unterschiede wie Hautfarbe künstlerisch wichtige kulturelle Signifikanten geworden. Wie wir alle wissen, ist das Umgehen damit, wie wir als Menschen diese Signifikanten wahrnehmen und interpretieren, einige Jahre später ein riesiges Thema für ihn geworden, als er herausfand, dass er Vitiligo hatte. Wichtig ist, er hat über diese Ideen bereits nachgedacht, bevor er Vitiligo bekam und ich denke, das hat seine Reaktion stark beeinflusst, als seine Haut anfing ihr Pigment zu verlieren. Und ich glaube stark, dass seine Reaktion die Art und Weise revolutioniert hat, wie besonders das weiße Amerika diese Signifikanten wahrnimmt und erfährt.

Weißt du, Lorena hat letzte Woche einen Kommentar über ihre Arbeit mit Michael Jackson Imitatoren geschrieben und ich bin fasziniert von der Forschung, die sie betreibt. Wenn ich ihre Fotografien ansehe, bin ich fasziniert davon, von welchen Signifikanten sie dachten, sie wären wichtig, sie zu kopieren, wenn man Michael Jackson darstellt und welche nicht. Wenn ich sie mir ansehe, scheinen sie nicht zu versuchen, seine äußere Erscheinung nachzumachen, wie es Imitatoren von Prominenten gewöhnlich tun. Stattdessen scheinen sie mehr darauf fokussiert zu sein, seine Seele zu erfassen, seinen Stil, seine Persönlichkeit, sein Dasein und das ist so interessant für mich.

Ich schätze, was ich versuche zu sagen, ist, dass, für mich, Michael Jackson schwarz war - er hat sein schwarzes Erbe vollständig angenommen, hat an vielen verschiedenen Fronten für gleiche Rechte gekämpft und er hat sich selbst immer als schwarz identifiziert - aber seine Rasse hat ihn nicht definiert. Stattdessen hat er sich selbst in einem Ausmaß definiert, das selten zuvor gesehen wurde.

Joie: Das ist so wahr, Willa. Ich liebe es, wie du das gesagt hast! Seine Rasse hat ihn nicht definiert und ich wünsche mir, jeder könnte dorthin gelangen, wo Rasse niemanden mehr von uns definiert und ich denke, mit jeder neuen Generation, gelangen wir langsam dorthin. Sehr, SEHR langsam.

Weißt du, das lässt mich an eine Zeile aus einem meiner absoluten Lieblingsfilme denken, "Rate mal, wer zum Essen kommt", mit Sidney Poitier, Spencer Tracy und Katherine Hepburn. Sidney Poitiers Charakter streitet mit seinem Vater über seinen Wunsch, eine weiße Frau zu heiraten und sagt zu ihm: "Du denkst über dich selbst als farbiger Mann. Ich denke über mich selbst als Mann." Im Grunde sagt er, dass die ältere Generation ihre antiquierten Vorstellungen von Rasse loslassen muss, wenn wir jemals voranschreiten wollen. Es ist ein sehr starker Moment in dem Film und ich bin deswegen immer daran hängen geblieben. Und ich denke, dein Statement "seine Rasse hat ihn nicht definiert" ist ebenso mächtig.

Also, nächste Woche werden wir auf einige Beispiele aus Michaels Arbeit sehen, wo er das Thema Rasse und andere Vorurteile aufgreift.



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Zuletzt von Lilly am Di 13 Nov 2012 - 22:15 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 21:33

Manche Dinge im Leben wollen sie einfach nicht sehen
(Some Things in Life They Just Don’t Want to See)
07/12/2011

Joie: In der letzten Woche haben wir eine Diskussion darüber begonnen, wie Michael Jackson mit Rassenthemen umgegangen ist und ganz besonders über seinen Kampf für Rassengleichheit in seinen Werken, und wir sprachen auch über Can You Feel It, welches das erste Video war, für das er jemals das Konzept entworfen hat. Wenn ich über all die Videos und seine Antworten auf Rassenvorurteile nachdenke, muss ich unwillkürlich ständig an They Don’t Care About Us denken.

Du weißt ja, sogar bevor das HIStory Album veröffentlicht wurde bezeichneten die Kritiker diesen Song als rassistisch und antisemitisch wegen der Textzeilen „Jew me, sue me, everybody do me / Kick me, kike me, don’t you black or white me“ („Nenn mich Jude, klag mich an, jeder macht das mit mir / Tritt mich, behandele mich wie einen Juden, Mach nicht Schwarz oder Weiß aus mir“). Und Michael ging in der Tat dagegen an, denn er hatte einen Song geschrieben, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Lächerlichkeit von Rassismus und Vorurteilen lenkte. Er veröffentlichte sogar eine Stellungnahme, in der er sagte:

„Der Gedanke, dass diese Textzeilen als verwerflich erachtet werden verletzt mich extrem und ist irreführend. Tatsächlich handelt der Song vom Schmerz von Vorurteilen und Hass und ist ein Weg, um Aufmerksamkeit auf soziale und politische Themen zu lenken. Ich bin die Stimme der Angeklagten und Angegriffenen. Ich bin die Stimme von jedem. Ich bin der Skinhead, ich bin der Jude, ich bin der Schwarze Mann, ich bin der weiße Mann. Ich bin nicht derjenige, der angreift … Ich bin wütend und schockiert, dass ich so falsch interpretiert werde.“

Aber sogar nach seiner Erklärung wollte sich die erhitzte Debatte nicht beruhigen, so dass er schließlich zurück ins Studio ging und die Lyrics neu aufnahm. Und sogar obwohl beide Videos noch den Originaltext haben, werden die vermeintlich beleidigenden Worte durch darüber gelegte verschleiernde Töne maskiert.

Was mich fasziniert, ist, dass dies vermutlich das einzige Mal ist, dass Michael jemals angeklagt wurde, selbst ein Rassist zu sein und ich finde es irgendwie sehr seltsam, dass jemand, der sich sein ganzes Werk diesbezüglich ansieht, ihn des Antisemitismus anklagt. Ich meine, sogar Sony hat ihn seinerzeit verteidigt, und sie nannten die Lyrics brillant, sagten, der Song sei ein Widerstand gegen Rassismus und wäre aus seinem Kontext gerissen worden.

Willa: Und Sony hatte Recht. Die Lyrics konfrontieren in der Tat mit Antisemitismus, sie befürworten ihn nicht, und das sollte jedem klar sein, der dem Text zuhört. Jedoch sogar Michael Jacksons Freunde Steven Spielberg und David Geffen kritisierten den Song, sagten er wäre beleidigend.

Ich war wirklich enttäuscht, besonders wegen Spielbergs Reaktion. Als Regisseur, dessen Arbeit gelegentlich missverstanden wurde, sollte er ein bisschen einfühlsamer sein. Dass er andeutet, Michael Jackson seit ein Antisemit wegen dieser Lyrics ist grob vereinfachend und eine schwerwiegende Fehlinterpretation. Es ist so, als würde man Spielberg als Nazisympathisanten bezeichnen, weil in seinem Film Schindlers Liste Nazis dargestellt sind. Spielberg verherrlicht nicht die Nazis – genau das Gegenteil ist der Fall, er kritisiert ganz offensichtlich ihre Ansichten – und das ist genau das, was Michael Jackson mit den Original Lyrics von They Don’t Care About Us getan hat.

Joie: Du hast vollkommen Recht mit Spielbergs Reaktion; man sollte ihm etwas mehr Einsicht zutrauen können, aber stattdessen sah es so aus, als würde er auf den fahrenden Zug aufspringen.

Willa: Genau so. Weißt du, Spike Lee, der die Videos für They Don’t Care About Us gedreht hat, hat in einem sehr interessanten Interview mit The Guardian über diese Kontroverse gesprochen. Er wurde eigentlich über eine andere Streitfrage befragt, und zwar über Quentin Tarantinos Nutzung von Schimpfnamen in seinem Film Jackie Brown. Spike Lee sprach darüber, nannte es „übertrieben“ und wurde daraufhin rundum kritisiert, weil er Tarantino kritisiert hatte. Dann fragte The Guardian, ob er seine Kommentare bereuen würde. Hier ist ein Auszug aus dem Interview:

„Oh nein, ich bereue das überhaupt nicht. Und um es noch mal klar zu sagen, denn viele Leute haben nicht die ganze Geschichte mitbekommen … Ich habe niemals gesagt, Quentin Tarantino dürfe nicht das Wort Nigger benutzen. Meine Behauptung war, dass die Benutzung unverhältnismäßig war. Harvey Weinstein (Mitbegründer von Miramax, Financier für Jackie Brown) rief mich an und sagte, ich solle die Sache in Ruhe lassen. Und ich sagte ‚Harvey, würdest du jemals einen Film veröffentlichen, der bei so vielen Gelegenheiten das Wort Kike benutzt?’ Er räusperte sich und sagte ‚Nein’. Es ist wie ‚Oh, Kike darfst du nicht sagen, aber Nigger ist okay?’“

Er ließ die Frage raus. Aber er ist damit noch nicht fertig.

„Und dann sagen sie natürlich ‚Aber Tarantino ist ein Künstler, er drückt sich selbst nur aus’. Okay, wenn wir über Künstler sprechen, dann lass uns über …“ Alles verlangsamte sich, als sie realisierten, was als Nächstes kommen sollte.

„… Michael Jackson reden. Denn, vergessen wir einfach mal den anderen Mist für eine Minute, in dem Song They Don’t Care About Us sagte Michael Jackson ‚Jew me, sue me, kick me, kike me’. Was passierte? Er wurde auseinandergenommen von Steven Spielberg und David Geffen, und die Platte wurde aus den Läden genommen. Also, Quentin Tarantino sagt Nigger und er ist ein Künstler, aber Michael Jackson sagt Kike und das kann der Öffentlichkeit nicht zugemutet werden?“

Viele Kritiker sehen Tarantinos Filme als grenzüberschreitend zwischen hoher Kunst und populärer Kunst an, und so wird sein Werk interpretiert: Sie zollen ihm den Respekt, der eines Künstlers angemessen ist und deswegen es ihm erlaubt, sich gewisse Freiheiten herauszunehmen und soziale Normen herauszufordern. Aber die meisten Kritiker qualifizieren Michael Jackson „nur“ als Popmusiker ab, so wird sein Werk ganz anders interpretiert. Wenn er soziale Normen herausfordert, wird es wie beleidigender Gag gesehen. Das ist es, warum ich es so interessant und wichtig finde, dass Spike Lee sagt „Okay, wenn wir über Künstler sprechen, dann lass uns über …(lange Pause) … Michael Jackson reden.“ Die Sache trifft es genau auf den Punkt, finde ich.

Joie:
Ich denke genauso; ich liebe diese Bemerkung. Aber, du weißt ja, es war nicht nur der Text des Songs, der wegen Rassismus im Kreuzfeuer stand, es war auch das Video selbst – oder ich sollte besser Videos im Plural sagen – dies war auch das erste Mal, dass Michael jemals mehr als ein Video für einen speziellen Song gemacht hat. Interessanterweise standen beide Videos im Kreuzfeuer dafür, was man rassische / politische Gründe nennen kann. Wie du schon sagtest, beide Videos wurden von Spike Lee gedreht und ich nehme an, die brasilianische Version wurde zuerst gedreht, denn Michael war nicht sehr glücklich mit dem Ergebnis. Also drehten sie noch die Gefängnisversion, die Berichten zufolge in einem realen Gefängnis mit tatsächlichen Insassen gefilmt wurde. Dies ist die offizielle Version, die ursprünglich veröffentlicht wurde, aber Kritiker und andere fanden, es wäre zu brutal. Das Video wurde in mehreren Ländern verboten. Und in den USA wurde MTV und VH1 nur erlaubt, es nach 21 Uhr zu zeigen. Also zog Michael das Video zurück und veröffentlichte stattdessen die brasilianische Version.

Die brasilianische Version war problembehaftet, weil die Autoritäten in diesem Land die Befürchtung hatten, dass die Bilder der Armut in den Bezirken, in denen Michael drehen wollte, dem Tourismus schaden würde, und so klagten sie ihn an, die Armen auszubeuten. Ein Richter des Landes ordnete sogar an, dass die Filmaufnahmen gestoppt würden, aber dagegen wurde eine einstweilige Verfügung erlassen. Ich kann ihre Befürchtungen verstehen. Ich finde, dem Augenschein nach beleuchtet das Video wirklich die Armut und soziale Probleme in Ländern wie Brasilien, aber ich würde Michaels Anteil nicht als Ausbeutung bezeichnen. Ich denke, er hat nur versucht, Aufmerksamkeit auf ihre Notlage zu lenken. Aber ich bin der Meinung, dass diese Version des Videos dem Song nicht wirklich gut dient, und Michael selbst empfand das offensichtlich genauso, wenn man bedenkt, dass er noch mal neu anfing und die Gefängnisversion drehte.

Die Gefängnisversion bildet viel besser das ab, worum es in dem Song geht; es zeigt reales Filmmaterial von polizeilicher Brutalität gegen Afroamerikaner, wirkliche Filmaufnahmen des Ku Klux Klan und der Gewalt und dem Völkermord in anderen Teilen der Welt. Wir sehen auch Michael selbst hinter Gittern mit einer Gefangenenuniform, in Handschellen und gefesselt, zusammen mit wirklichen Gefängnisinsassen – viele von ihnen Schwarze oder andere Minderheiten. Und wenn du den Songtext untersuchst, sind dies all die Themen, die Michael wirklich ansprechen will, also für mich ist die Gefängnisversion wesentlich effektiver als die brasilianische Version in der Hinsicht, dass sie das herüberbringt, worauf es Michael ankommt. Und tatsächlich, als er den Song beschreibt, sagt Michael selbst:

They Don’t Care About Us bewegt sich an der Grenze. Es ist ein Song für das Bewusstsein der Öffentlichkeit … Es ist eine Art Protestsong.“

Ich finde einfach, es ist eine Schande, dass diese Version für zu brutal gehalten wurde, denn gekoppelt mit dem Text ist es ein wirklich machtvolles Statement.

Willa: Das stimmt, es ist sehr machtvoll, und wie bei vielen von seinen späteren Werken macht es auch das Persönliche politisch. Es beginnt mit einer Gruppe von Teenager Mädchen, gefilmt durch einen Maschendrahtzaun. Es sind alles Kinder von Minderheiten, und der Zaun deutet an, dass sie in gewisser Weise eingesperrt sind – sowohl buchstäblich eingesperrt in einer Reformschule oder ähnlichem, als auch im übertragenen Sinn in einem sozialen System, das ihre Freiheit beschneidet und damit ihren Möglichkeiten Grenzen setzt.

Als die Mädchen beginnen im Sprechchor They Don’t Care About Us zu rufen, sagt eines der Mädchen „Kümmere dich nicht darum, was die Leute sagen. Wir kennen die Wahrheit.“ Für mich bezieht sich das eindeutig auf die Vorwürfe gegen ihn von 1993, also stellt er die Lyrics des Songs gegen die Art, wie er von der Polizei und den Medien behandelt wurde. Das meine ich damit, wenn ich sage, der Song sei persönlich.

Joie: Oh, es besteht kein Zweifel daran, dass dieser Song sehr persönlich ist und sich offensichtlich auf die Vorkommnisse von 1993 bezieht.

Willa: Danach sieht es für mich auch aus. Aber dann „macht er das Persönliche politisch“, indem er seine eigene Situation daraus ableitet im Kontext mit anderen Szenen der Unterdrückung. Er sagt, dass die Art, wie er behandelt wird, kein einzelner Vorfall ist – es ist Teil eines größeren Musters von systematischer Unterdrückung. Und in einem Land, in dem es wahrscheinlicher ist, dass ein Schwarzer Mann ins Gefängnis geht statt auf’s College geht, ist das ein äußerst wichtiges Thema. Warum sind all diese jungen Männer im Gefängnis? Sind es Kriminelle? Er ist fälschlich angeklagt und von der Polizei und der Presse als Krimineller gebrandmarkt worden, aber er ist unschuldig. Ist das mit anderen Schwarzen Männern genauso passiert? Wie weitreichend ist das?

Joie: Alles äußerst gute Fragen.

Willa: Also wie bei den jungen Mädchen hinter dem Maschendrahtzaun in der Eröffnungsszene, kann das Gefängnis genauso auf wörtliche Art und auch im übertragenen Sinn interpretiert werden – wörtlich, weil bei Weitem zu viele junge Schwarze Männer inhaftiert sind, und indirekt, weil sie gefangen sind in einer Gesellschaft, die sie als schuldig geboren betrachtet, und nicht daraufhin, wer sie sind.

Allerdings trennt er in seiner Aussage nicht klar nach Schwarz und Weiß. Die meisten der Gefängnisinsassen sind schwarz oder andere Minderheiten, aber andere sind auch weiß. Die meisten der Wachen sind weiß, aber einige sind auch schwarz. Tatsächlich stößt er gegen den Schlagstock eines Wachmannes, und dieser Wachmann ist schwarz. Und während er viele Szenen von Unterdrückung und Gewalt von Weiß auf Schwarz einbezieht, gibt es ebenso Szenen von Gewalt von Schwarz gegen Schwarz, Gewalt von Asiaten gegen Asiaten, und zwei Ausschnitte eines weißen LKW-Fahrers, der von einer Gruppe schwarzer junger Männer während der Rodney King Tumulte geschlagen wird. Und als er die Führer im Kampf für Gerechtigkeit nennt, zählt er Franklin Delano Roosevelt ebenso auf wie Martin Luther King.

Wie in so vielen seiner Werke spricht er beim Rassenthema auf eine kraft- und bedeutungsvolle Art, aber er weigert sich, es zu einem Konflikt zwischen WIR gegen SIE zu vereinfachen, und er richtet Individuen der einen oder der anderen Seite nicht nach Merkmalen wie der Hautfarbe aus. Rassenidentität, inklusive der physischen Merkmale einer Rasse, ist ein wichtiges Element des Typs der systematischen Unterdrückung, die er anprangert – Hunderte von Jahren der Ungerechtigkeit, Gewalt und Vorurteile zeigen das deutlich. Aber während er die Geschichte der Unterdrückung und Gewalt beleuchtet, zwingt er uns dies auf eine Art zu sehen, die uns uns selbst unwohl fühlen lässt, er besteht nichtsdestotrotz darauf, dass jeder für sein Verhalten oder seine Ansichten beurteilt wird und nicht für seine Rasse oder kulturelle Identität. Dies ist nicht einfach ein Schwarz-oder-Weiß-Thema.

Joie: Richtig, es ist nicht einfach ein Schwarz-oder-Weiß-Thema und während ich glaube, dass die Gefängnisversion das bessere Video für diesen Song ist, beleuchtet die Brasilienversion die Tatsache, dass es nicht streng um Rasse geht. Es geht um die universellen politischen Themen der Armut, Unterdrückung und um den Missbrauch der Menschenrechte. Und warum ist es so, dass die drei immer zusammen erscheinen?

Willa: Das ist eine gute Frage.

Joie: Das Video wurde im Elendsviertel von Dona Marta gedreht und Berichten zufolge gab es dort über 1500 Polizisten und 50 als Security tätige örtliche Einwohner, um die gewaltige Menschenmenge unter Kontrolle zu behalten, die dort hinkam, um den Filmaufnahmen zuzusehen. Die Regierung war massiv dagegen, dass das Video dort gedreht wurde und ein Artikel in der New York Times vom Februar 1996 sagt warum:

Ungeklärtes Abwasser fließt die Berge hinunter, sendet betäubenden Gestank wie einen Fluch in die Umgebung. Drogendealer stehen an Kontrollpunkten entlang den gewundenen Straßen. Dies ist die Favela oder der Slum am Abhang, den Sänger Michael Jackson als Kulisse für sein Musikvideo They Don’t Care About Us nutzen will. Seit bekannt ist, dass die Armut hier benutzt werden soll als ein internationales Abbild städtischer Misere hat sich eine emotionale Debatte entzündet, die die „Wundervolle Stadt“ (Marvelous City), wie Rio gern genannt wird, teilt.

Ein „internationales Abbild städtischer Misere“. Das ist ein ziemlich starker Ausdruck, aber es ist vollkommen korrekt.

Willa: Es ist vor allem auffallend, wenn man es mit der „Wundervollen Stadt“ vergleicht, die die Touristen zu sehen bekommen.

Joie: Ein „internationales Abbild städtischer Misere“ ist genau das, zu dem diese Szenen aus dem Brasilienvideo geworden sind, indem sie einen Blick auf die Armut und Unterdrückung freigeben. Weißt du, Michael war wirklich gut darin, dir solche „Schläge ins Gesicht“ zu geben in seiner Musik mit Songs wie Earth Song und They Don’t Care About Us, und sowohl das Brasilien-, als auch das Gefängnisvideo sind „Schläge ins Gesicht“ anstatt nur musikalisch.

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Joie, denn es scheint mir, dass sowohl psychologische als auch institutionelle Unterdrückung und die vielen Formen der Vorurteile – speziell Rassenvorurteile – ein zentrales Thema quer durch Michael Jacksons Gesamtwerk darstellen. Aber er spricht es nicht immer auf dieselbe Art an. Tatsächlich nutzt er einige verschiedene Herangehensweisen.

Zuerst mal gibt es da die wirklich sexy Videos von Don’t Stop til You Get Enough bis zu In The Closet, wo er als Sexsymbol dargestellt wird, was relativ neu und ein provokatives Konzept für einen schwarzen Entertainer war, speziell für einen Entertainer mit Cross-Over-Appeal. Es gab Sidney Poitier, aber der war immer ziemlich zugeknöpft. Ich kann ihn mir einfach nicht vorstellen, wie er sein Shirt aufreißt, so wie Michael Jackson es macht in Dirty Diana oder Come Together. In all diesen „sexy“ Videos gibt es das Rassenthema, ob er will oder nicht – obwohl ich immer das Gefühl habe, dass er genau gewusst hat, was er tat. In diesen Videos gibt es das Rassenthema, weil er der ist, der er ist und wegen des Rolle oder der Person auf der Leinwand.

Es ist bedeutungsvoll, diese Art von Videos endet abrupt nach 1993. Für mich schien er immer ein wenig zurückhaltend, sich selbst überhaupt als Sexsymbol darzustellen, obwohl er es sicherlich schrecklich gut hinbekommen hat, wenn er es denn wollte. (Ich denke an Don’t Stop til You Get Enough in diesem Moment. Ich liebe den Song …) Aber nach 1993 begibt er sich selbst nicht mehr in diese Rolle. Die einzige mögliche Ausnahme ist You Are Not Alone, aber da ist er mit seiner Ehefrau und die Stimmung ist ganz anders, und in meinen Augen steckt dahinter ein völlig anderer Gedanke.

Joie: Okay, also ich muss sagen, dass ich da komplett anderer Meinung bin als du, weil für mich Blood on the Dance Floor wie ein MJ Porno oder etwas in der Art ist. Das Video macht etwas mit mir, worüber wir in diesem Blog lieber nicht sprechen sollten!

Willa: Himmel Joie, du bist unverbesserlich! Weißt du, ich kann kaum noch Rock With You anhören wegen dir. Ich habe das Video immer geliebt, weil er da so glücklich scheint, ein ausgelassenes Kind. Dann hast du mich in die Lyrics eingeweiht, und ich werde jedes Mal rot, wenn ich es höre. Sehr gütig von dir …

Joie: Ich habe bloß angedeutet, dass die Lyrics von eventuell Rock With You nicht nur vom Tanzen handeln, das ist alles! Aber im Ernst, ich würde wirklich gern sagen, dass mein Interesse an Michael rein intellektuell ist, aber wir wissen beide, dass ich das nicht mit einem ernsten Gesicht sagen kann. Fakt ist, es gibt da ein Element in der Musik und den Short Films und den Live Performances, das einen ziemlich heißen Stoff für ein Blogthema abgeben würde, aber vielleicht wäre das nicht so angemessen. Ich werde ein gutes kleines Mädchen sein und mich benehmen.

Willa: Und ich werde nicht das aufregende Poster mit der Boa Constrictor über seiner Schulter erwähnen. Meine Güte!

Also wie dem auch sei, es gibt da diese sehr sexy Videos, die ihn als etwas völlig Neues in unserem nationalen Bewusstsein präsentieren: ein schwarzes Teen Idol, das ziemlich drastisch ist, wenn du darüber nachdenkst, und eine riesige Herausforderung darstellen für die Gewohnheiten und Meinungen bezüglich gemischter Partnerschaften und wie schwarze Männer etikettiert und kategorisiert wurden in der Vergangenheit. Es gab eine Menge weißer Teenager Mädchen da draußen, die auf eine Art über Michael Jackson nachgedacht haben, die unsere Vorfahren ziemlich geschockt hätten, und ich weiß das – ich war eine von ihnen.

Dann gibt es noch den Kreis der vier Videos, die in der Innenstadt spielen Beat It, Bad, The Way You Make Me Feel und Jam. Die „Innenstadt“ ist ein Begriff, den Wissenschaftler gern benutzen, um Bereiche einer Stadt mit niedrigem Einkommen und Einwohnern hauptsächlich Minderheiten zugehörig zu symbolisieren, ganz gleich ob sich dieser Bereich wirklich in der Mitte einer Stadt befindet oder nicht. Manchmal ist es so, aber manchmal auch nicht. So ist es in diesen Videos so, dass die Umgebung Rasse als ein Thema bestimmt – und in der Brasilienversion von They Don’t Care About Uspasst das genau. Und bei den „sexy“ Videos ist das Hervorrufen und die Umgestaltung von rassischer (An-)Spannung ein subtiler, aber wichtiger Unterton, und er handhabt das auf eine sehr interessante Art.

Und schließlich gibt es die Videos, in denen Rasse ein thematisches Element ist und er drückt das Rassenthema durch die Gedanken aus, die er äußert. Manchmal geschieht das indirekt, wie wir das bei You Rock My World vor ein paar Wochen besprochen haben, und manchmal ist es offensiv wie in Can You Feel It und Black or White. Allerdings, sogar in den Fällen, in denen seine Botschaft direkt ausgedrückt wird und offensichtlich erscheint, gibt es eine Menge zu untersuchen und zu entdecken, wie wir gerade bei They Don’t Care About Us - besonders die Gefängnisversion - gesehen haben, was es derart frustrierend gemacht hat, dass es verboten wurde.

Die Komplexität von Michael Jacksons Werk ist ein Grund, warum es manchmal so missverstanden wird, aber das ist es auch, was es so endlos faszinierend macht – und ich denke, das wird dabei helfen, dass es auch interessant und relevant für Zuhörer kommender Generationen bleibt. Sein Werk überrascht fortlaufend. Und während es manchmal trügerisch geradlinig und transparent erscheint, ist es doch niemals einfach.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 21:41

Hast du meine Kindheit gesehen?
14/12/2011

Joie: Am vergangenen Wochenende haben Willa und ich uns in Las Vegas getroffen, um uns die Cirque de Soleil IMMORTAL Show anzusehen und währenddessen konnten wir nicht anders, als über Michaels Kinder nachzudenken, jeder für sich aus ganz eigenen Gründen. Die Kinder waren in meinen Gedanken, weil sie kürzlich in den Schlagzeilen waren, als sie sich die Show angesehen hatten, und Willa dachte über sie nach, weil Vegas der Ort ist, an dem Martin Bashir sie getroffen und für seine berüchtigte „Dokumentation“ gefilmt hat. Und bevor wir nach Vegas fuhren, hatten wir schon entschieden, dass wir über Michaels Gedanken über die Kindheit in unserem Post zu Weihnachten sprechen wollten – es passt einfach irgendwie. Also möchten wir diese Woche, wo wir sowieso schon über Kinder nachdenken, und Michaels Kinder im Besonderen, unsere Gedanken zu diesem Thema weitergeben.

Willa: Obwohl dies ein schwieriges Thema für uns ist, denn es ist für uns beide sehr wichtig, die Privatsphäre der Kinder zu respektieren. Zur gleichen Zeit aber war das Thema Kindheit – seine eigene ihm entgangene Kindheit besonders – ein sehr wichtiges für ihn, und wir können durch seine Rolle als Vater einen Einblick darin gewinnen, was Kindheit für ihn bedeutet. Also balancieren wir diese Woche sozusagen auf einem Drahtseil und versuchen darüber in einer Art zu sprechen, die uns einige dieser Gedanken verdeutlicht, ohne zu persönlich zu werden und ohne zu sehr in die Privatsphäre einzudringen.

Joie: Das ist so lustig, Willa. Du sagst, wir balancieren auf einem Drahtseil und ich stell mir dich und drei kleine Babyelefanten auf einem Drahtseil vor, die versuchen miteinander zu tanzen! Ich mag das Bild, wie süß! Aber im Ernst, es ist aus mehreren Gründen sehr wichtig, ihre Privatsphäre zu respektieren. Vor allem aber, weil Michael es gewünscht hätte.

Willa: Also ich möchte nicht zu sehr in persönliche Angelegenheiten eindringen, aber es gibt da eine Szene in Martin Bashirs Dokumentation, in der er uns erzählt, dass er Michael Jacksons Kinder treffen wird, und um ehrlich zu sein, sobald ich das gehört habe, habe ich mich vor dieser Vorstellung gefürchtet. Ich habe das Interview auf YouTube abspielen lassen und habe tatsächlich den Pause-Button gedrückt, so dass ich mir ein Glas Wasser holen und mich innerlich darauf vorbereiten konnte. Von dem, was wir von Bashir in der Dokumentation zu sehen bekommen, ist er unglaublich voreingenommen / wertend ((Die (Zimmer-) Decke ist geschmacklos, die Vase ist zu teuer, deine Lippen sehen „ganz anders“ aus als früher usw. usw.)). Es scheint so, als könnte er nichts betrachten, ohne darüber zu urteilen, meistens auf ziemlich oberflächliche Art, also du weißt ja, wie dieses Treffen ablief. Er unterzog diese jungen Kinder seiner Bewertung (du bist so hübsch und niedlich, dein Haar ist so blond, du siehst deinem Vater gar nicht ähnlich) und sie fühlten sich befangen, peinlich berührt und seltsam, und genau das hatte ich befürchtet. Ich hasse es, wenn Kinder in für sie unangenehme Situationen wie diese gebracht werden, und ich bin ganz ehrlich, ich war enttäuscht von Michael Jackson, dass er dies erlaubte. Ich denke, es war eine schlechte Entscheidung.

Joie: Ich war auch von ihm enttäuscht, wegen der ganzen „Dokumentation“. Ich kann einfach nicht verstehen, wie er sich von diesem Widerling so einwickeln lassen und einen derartigen Zugang zu seinem Leben zulassen konnte, zu seinen Kindern … es dreht sich mir der Magen um, wenn ich darüber nachdenke, wie sich das alles abgespielt hat und natürlich, wozu diese ganze Verbindung mit Bashir letztendlich geführt hat.

Willa: Die ganze Dokumentation ist sehr schwer anzusehen, und wenn ich nicht das Buch geschrieben und das Gefühl gehabt hätte, ich müsste es ansehen, dann hätte ich es nicht getan – besonders als Bashir verkündet, er wird die Kinder filmen. Ich musste wirklich für eine Minute weggehen. Also bin ich aufgestanden und trank etwas Wasser, kam zurück an meinen Computer, drückte auf Play und sah mir mit Beklemmung an, wie Bashir Michael Jacksons zwei ältere Kinder traf, die zu der Zeit drei und vier Jahre alt waren.

Aber es entwickelte sich nicht so, wie ich es erwartet hatte. Es gab eine Überraschung: Die Kinder trugen Masken. Bashir sagt zu Prince „Das ist eine wirklich tolle Maske“ (ein Werturteil, natürlich – Bashir ist so wertend) und Prince antwortet mit aufgeregter Stimme „Es ist ein Schmetterling!“ und sie haben ein Gespräch über Prince’ Maske. Für mich ist das, was mich am meisten beeindruckt hat an dieser Szene, dass Prince völlig ungezwungen mit Bashir redet. Er scheint überhaupt nicht befangen zu sein oder verunsichert, denn Bashir fällt kein Urteil über ihn oder seine Erscheinung, sondern über die Maske, die er trägt. Ich sah die Szene und dachte, Michael Jackson war der weiseste Vater, den die Kinder, die in solch ein öffentliches Leben hineingeboren wurden, überhaupt haben konnten.

Viele Kommentatoren haben darüber gesprochen, wie vernünftig und geerdet seine Kinder sind, und fügten typischerweise hinzu, wie selten prominente Kinder so ausgeglichen wie sie sind. Und es scheint mir offensichtlich zu sein, dass dieses starke Selbstgefühl kein Zufall ist. Eher, dass sie einen fürsorglichen Vater hatten, der wusste, was es bedeutet, im grellen Scheinwerferlicht aufzuwachsen, und er beschützte sie, so gut er konnte. Und ich persönlich denke, diese Masken waren die gütigsten Dinge, die er jemals für sie getan hat. Diese Masken schützten ihre Identität vor Kidnappern, aber sogar noch wichtiger, schützten sie ihre Psyche vor den zudringlichen Kommentaren solch unsensibler Menschen wie Martin Bashir.

Joie: Weißt du, Willa, ich bin so glücklich, dass du das angesprochen hast, denn dies ist etwas, das ich schon eine sehr lange Zeit empfinde. Die allgemeine Öffentlichkeit – und ganz sicher die Medien – haben immer versucht, daraus so eine seltsame und bizarre Sache zu machen. Manche sind so weit gegangen, es sagen, es sei grausam von Michael gewesen, seine Kinder zu zwingen, die Masken oder Schleier über ihren Gesichtern in der Öffentlichkeit zu tragen.

Willa: Obwohl seine Kinder gesagt haben, sie dachten, es sei Spaß und sie hätten Vergnügen daran gefunden, verschiedene Masken auszuprobieren.

Joie: Das stimmt, sie dachten, es sei ein Spaß, als sie klein waren. Aber für mich war es schon immer die klügste und einfühlsamste Sache, die er jemals für sie tun konnte. Du hast erwähnt, dass die Masken die Identität der Kinder vor möglichen Kidnappern schützte – und dass war die Erklärung, die ursprünglich von Michael und von Debbie gegeben wurde, als die Kinder sehr jung waren. Aber wissend, dass Michael üblicherweise eine sehr gesunde und logische Begründung für jede vermeintlich verrückte Sache hatte, habe ich immer vermutet, dass mehr als das dahinter steckt.

Im Grunde war Michael vollkommen bewusst, dass seine Kinder Gefahr liefen, wie er ihr Leben in einem Goldfischglas zu leben, einfach weil er ihr Vater war. Also bedeckte er im Bemühen darum, ihrem Leben einen winzigen Anschein von Normalität zu geben, ihre Gesichter, wenn sie mit ihm in die Öffentlichkeit gingen. Und das war eine brillante Entscheidung, denn wann immer sich die Kinder ohne ihn in die Öffentlichkeit hinauswagten – was sie häufig mit der Nanny taten – trugen sie keine Masken. Sie mussten es nicht, denn niemand wusste, dass sie seine Kinder waren! Michael verstand, dass es für die Paparazzi schwer sein würde, seine Kinder zu verfolgen, wenn sie nicht wussten, wie seine Kinder aussahen, also ging er sicher! Aber jeder blieb hängen an der „bizarren“ Art, in der diese Kinder aufgezogen wurden und sie hinterfragten Michaels erzieherische Fähigkeiten. Aber währenddessen sah niemals jemand einen Schnappschuss von Prince oder Paris auf einer Titelseite der Boulevardpresse, oder? Ich meine, muss die Welt wirklich wissen, was die dreijährige Suri Cruise trägt oder wer der Spielkamerad von Shiloh Jolie-Pitt ist? Verschon mich damit! Michael hatte einen sicheren Scharfsinn, wenn es darum ging, die Privatsphäre seiner Kinder zu schützen und ich denke, es war eine erstaunlich kluge Sache. Bis die Leute irgendwann die Aufmerksamkeit auf die Nanny lenkten und sie beobachteten und Bilder von ihren Gesichtern nach außen sickerten, und sogar da war es sporadisch das Beste.

Und ich mag, was du gesagt hast über die Kommentatoren, die bemerkten, wie geerdet und vernünftig Michaels Kinder sind, und ich stimme dir komplett zu. Das ist kein Zufall. Kindern muss Respekt und Freundlichkeit beigebracht werden, und das hat Michael wirklich getan. Seit seinem Tod haben wir Bericht für Bericht von verschiedenen Menschen darüber gehört, wie wahrhaft unverbildet Prince, Paris und Blanket sind, und das sagt eine Menge über Michael Erziehungsfähigkeiten aus. Du weißt ja, in seinem Buch sagt Frank Cascio eine Menge über Michael als zupackendem Vater, der seine Kinder richtig aufzieht – dass er sogar zeitweise die Nanny weggeschickt hat, um selbst für sie zu sorgen. Es war offensichtlich sehr wichtig für ihn.

Willa: Stimmt. Er näherte sich dem Vatersein auf eine bedachte und wohlüberlegte Art, so wie er sich den meisten Dingen, die er tat, annäherte. Du weißt ja, Michael Jackson hatte eine unglaublich ausdrucksvolle Stimme mit einer erstaunlichen Bandbreite, Timbre und Struktur, aber es gibt auch andere Sänger mit schönen Stimmen. Er war auch ein wundervoller Tänzer, der eine ganze Generation von jungen Tänzern inspiriert hat, aber noch mal, es gibt auch andere Tänzer, die ihre Körper in etwa so wie er bewegen können. Er war ein innovativer und intelligenter Filmemacher, andere mögen nicht dieselbe Vision haben wie er, aber es gibt auch andere intelligente und innovative Filmemacher.

Aber für mich ist das, was Michael Jackson von jedem anderen Künstler abhebt, seine enorme Empathie für jene, die keine Stimme haben (und wie Julie vor einigen Wochen kommentierte „Kinder sind immer in jeder Kultur der Welt die Menschen gewesen, die am wenigsten Stimmen haben und am Rande stehen“) und seine immense emotionale Intelligenz. Er konnte ein Publikum wie kein anderer berühren, weil er einen tiefen psychologischen Einblick in das Wirken der menschlichen Herzen und Gedanken hat. Und wir sehen diese emotionale Intelligenz in der wohlüberlegten Art, wie er seine Kinder aufzog.

Ich muss mal für eine Minute vom Thema abschweifen, aber ich denke, es ist wichtig. Es gab da einen französischen Psychoanalysten und Theoretiker mit Namen Jacques Lacan, der ein neues Modell der menschlichen psychologischen Entwicklung erschlossen hat. Seine Gedankengänge sind ziemlich kompliziert und ich bin auf keinen Fall ein Lacan Schüler, aber wie ich es verstanden habe, ist ein Aspekt seines Modells, dass unsere Persönlichkeit geformt wird durch eine Reihe von Verlusten.

Der erste ist der Verlust der Mutter oder einer anderen primären Bezugsperson. Wenn wir geboren werden, ist unsere Welt undifferenziert, ohne Grenzen oder Begrenzungen. Wir wissen nicht, dass wir eine Person sind – wir wissen nicht, wo „Ich“ als Person endet und „Du“ als Person anfängt – wir erfahren die Welt einfach als einen Nebel von sinnlichen Eindrücken: Ich bin warm, ich bin kalt, ich bin hungrig, ich werde gefüttert, ich bin nass, ich bin trocken, ich bin zufrieden, ich bin unzufrieden. Außer, es gibt kein „Ich“ – nur Empfindung.

Stufenweise wird dem Kind bewusst, dass seine oder ihre Mutter ein von ihm getrenntes Wesen ist, eine separate Einheit. Das ist ein grundlegender Moment ist der Entwicklung des Kindes und hilft dabei, den Sinn des Kindes für seine eigene Identität in Gang zu setzen. Aber es ist auch ein riesiger Verlust, denn wenn deine Mutter getrennt von dir ist, bedeutet das, dass sie weggehen und dich verlassen kann. Also ruft dieser Verlust Angst genauso hervor wie Identität.

Der zweite große Verlust ist der Verlust einer einheitlichen Wahrnehmung der eigenen Person, obwohl es kompliziert ist, denn die Wahrnehmung des Selbst formt sich immer noch. Aber wie ich es verstanden habe, weist Lacan darauf hin, dass zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat ein Baby zum ersten Mal in das Spiegelstadium eintritt. Dieser Spiegel kann tatsächlich ein Spiegel sein oder auch der Blick der Mutter oder des Vaters oder einer anderen Bezugsperson, aber auf viele verschiedene subtile Arten werden sich Babies in diesem Alter ihrer selbst bewusst, wenn sie sich in Spiegeln und in den Gesichtern und Gedanken jener, die um sie herum sind, reflektieren, und dies erzeugt eine gewaltige Freude genauso wie auch Angst, und eine weitere Stufe des Bewusstseins.

Dieser Prozess beginnt im Säuglingsalter und setzt sich bis zu einem gewissen Grad durch unser ganzes Leben fort und Lacan deutet an, dass der „Blick“ und unser Bewusstsein, wie wir von anderen Leuten wahrgenommen werden, sehr wesentlich für unsere psychologische Entwicklung ist. Mein Sohn ist 13, und ich sehe eine neue Unsicherheit in ihm, die er nicht hatte, als er jünger war. Eine Freundin in seinem Alter war ein sehr selbstsicheres kleines Mädchen, aber nun geht sie durch diese ungeschickte Phase, in der sie schmerzlich unsicher ist. Tatsächlich scheint es so, dass die Unbeholfenheit von Teenagern nicht nur durch ihren sich verändernden Körper hervorgerufen wird, sondern auch durch das wachsende Bewusstsein, dass andere Leute sie ansehen. Es ist so, als würden sie ein doppeltes Bewusstsein entwickeln – eine wachsende Wahrnehmung darüber, wie andere sie sehen neben der Wahrnehmung, wie sie sich selbst sehen und erfahren. Wie der Verlust der Mutter ist dieser Verlust der einheitlichen Wahrnehmung des Selbst sehr schmerzlich, aber es ist ein Verlust, der einem zu seiner Identität verhilft und ebenso Angst hervorruft.

Joie: Das ist alles sehr interessant, Willa. Und es erklärt diese ungeschickte Phase, die wir alle als Vor-Teens und Teenager durchlaufen. Ich erinnere mich an mein eigenes junges Erwachsenwerden und wie schwierig diese Zeit war. Ich bestand damals nur aus Beinen und Armen und war nicht gerade ein Teil der In-Crowd. Du lieber Himmel! Und es lässt mich an Michael denken und wie schwierig diese Zeit auch für ihn war mit seiner Akne. Er sagte, dass er während dieser Zeit tatsächlich aufgehört hat, in den Spiegel zu sehen, weil er gehasst hat, wie er aussah. Aber wenn wir dem gemäß auf Lacans Modell schauen, hasste Michael vielleicht auch, das Gefühl zu haben, dass andere ihn ansahen, nicht einfach die Art, wie er sich selbst sah. Ich weiß von mir selbst, dass dies sicher der Fall war.

Willa: Oh boy, Joie, ich weiß genau, was du meinst mit „nur Beine und Arme“. Meine Mutter fing tatsächlich an, mich eine Zeit lang „Grace“ (Anmut) zu nennen, weil ich kaum einen Raum durchqueren konnte ohne über meine eigenen Füße zu stolpern, und ich entwickelte mich von einer der besten Gymnastinnen meines Gymnastikteams zu einer der schlechtesten. Es gibt einen Grund, warum olympische Gymnastinnen tendenziell 12 Jahre alt sind. Ich konnte kaum den Überblick behalten mit diesen langen Armen und Beinen, die ich plötzlich benutzen sollte. Und stell dir vor, wie es für Michael Jackson gewesen sein muss, singen und tanzen zu müssen auf der Bühne mit all diesen Leuten, die jede Bewegung beobachten. Ich rede davon, sich des öffentlichen „Starrens“ überbewusst zu sein – er war das Objekt weltweiter Aufmerksamkeit in einer schrecklich unsicheren Phase seines Lebens. Das muss für ihn eine unglaublich schwierige Zeit gewesen sein, auf vielen verschiedenen Ebenen.

Ich habe also über all dieses kürzlich oft nachgedacht, besonders in Hinsicht auf Lacans Gedanken zu dem „Starren“ und dem großen Einfluss, den dies für unser Selbstempfinden hat, denn ich denke, für Kinderstars wie Michael Jackson oder Elizabeth Taylor oder Shirley Temple oder Emmanuel Lewis oder Liza Minnelli oder Jane Fonda oder Tatum O’Neal oder Brooke Shields oder Sean Lennon oder Macauley Culkin oder eine Menge der Kinderstars, mit denen Michael Jackson während seines Lebens befreundet war, passiert dieser Prozess viel zu schnell und viel zu intensiv, und das ist extrem schmerzlich. Kinderstars sehen sich selbst nicht nur im Spiegel, sondern auch auf Filmleinwänden und auf Tabloidfotos – nicht nur reflektiert in den Augen der Eltern und Großeltern, die sie lieben, sondern auch in den Augen der bissigen Kritiker, die sie vielleicht nicht mögen oder des Publikums, dass ihrer vielleicht zunehmend müde wird und sich gegen sie wendet.

Macauley Culkin sprach über den Druck, ein Kinderstar zu sein in einem Interview über seine enge Beziehung zu Michael Jackson:

„Ich kann unsere Freundschaft beschreiben, und ich kann Michaels Verbindung zu Kindern beschreiben, aber ganz egal, was ich sage, du kannst es niemals verstehen. Solange du nicht das durchgemacht hast, was Michael und ich durchgemacht haben, kannst du dir einfach nicht vorstellen, wie es ist … Wir verstehen einander, weil wir beide da gewesen sind.“

Ich glaube, dieser intensive Druck und diese intensive Bewusstsein des öffentlichen „Starrens“ ist ein großer Teil dessen, über das Michael Jackson sprach, wenn er sagte, er habe seine Kindheit verloren. Es ist nicht einfach nur, dass er keine Zeit zum Spielen hatte, sondern dass er zu einem gewissen Grad die Fähigkeit zum Spielen verloren hat – das Leben auf eine sorgenfreie Weise zu erfahren ohne sich ständig fragen zu müssen, was andere Leute von ihm denken – und wenn du einmal so unsicher geworden bist, kannst du es niemals wirklich abschütteln. Es ist eine Einbahnstraße, und Kinderstars sind gezwungen, dies zu früh und zu intensiv zu erfahren. Denk dran, Michael Jackson begann im Alter von fünf Jahren aufzutreten und hatte einen Vertrag mit Motown mit zehn Jahren, und Motown erzog ihn und seine Brüder sehr gründlich dazu, immer passend zu handeln und zu antworten, denn die Öffentlichkeit beobachtete ihn immer, und sie drillten sie mit Übungen, wie sie reden, sich kleiden und sich benehmen sollten, so dass die Öffentlichkeit sie auf eine positive Art wahrnehmen und sie mögen würde.

Als Erwachsener sagte Michael Jackson, dass er gern mit Kindern zusammen sei, weil sie nicht über ihn urteilten, weder positiv noch negativ. Sie akzeptierten ihn einfach und spielten mit ihm, und er konnte diese schmerzliche Unsicherheit eine Zeit lang vergessen. Wenn er mit Kindern zusammen war, konnte er etwas Annäherung an diese Erfahrung der Kindheit zurückerlangen, die er zu schnell verloren hat. Und ich denke, dass er erbittert versuchte, seine Kinder davor zu bewahren, ihre Kindheit auf dieselbe Art zu verlieren wie er seine.

Joie: Ich glaube du hast Recht; er versuchte extrem hart, seinen Kindern die sorgenfreie Kindheit zu geben, die er vermisste, und dieser Prozess der Selbsterfahrung passiert zu schnell und zu brutal für Kinderstars.

Du weißt, Paris war in den vergangenen zwei Wochen oft in den Nachrichten seit verkündet wurde, dass sie ihre erste Filmrolle in einem Film namens Lundon’s Bridge and the Three Keys bekommen hat. Und jedes Mal, wenn ich Neuigkeiten auf der MJFC Website darüber poste, kann ich nicht anders, als an Michael denken und mich zu fragen, wie er über sein einziges kleines Mädchen fühlen würde, sein Baby, dass er so sehr vor der Härte der Unterhaltungsindustrie versucht hat zu beschützen, das plötzlich so unbedacht ins Scheinwerferlicht tritt in einem so jungen Alter. Ich weiß, er würde so stolz auf sie sein wegen ihrer Leistungen; aber ich denke auch, dass ein Teil von ihm bei dem Gedanken zusammenzucken würde.

Willa: Ich weiß, was du meinst, Joie, obwohl ich erinnere mich, dass er ausdrücklich irgendwann gesagt hat, dass er seine Kinder nicht dazu drängen würde, Künstler zu werden, aber wenn es etwas wäre, was sie selbst gern möchten, würde er sie lassen. Es ist immer so schwierig für Eltern, das Gleichgewicht zu finden, um ihre Kinder zu beschützen und sie zu unterstützen, damit sie sich selbst entwickeln und neue Dinge ausprobieren können. Du hasst es zu sehen, wenn sie verletzt werden, aber wenn du sie niemals das Risiko Fehler zu machen eingehen lässt, dann werden sie nie lernen, wozu sie wirklich fähig sind und sie werden niemals ihr volles Potential ausschöpfen. Also musst du deine Kinder sich selbst an die Grenzen gehen lassen, um zu erfahren, was sie tun können – und vielleicht gehen sie zu weit und machen auch Fehler – aber du möchtest sie auch beschützen und alles tun, was du kannst, um ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Es ist eine ständige Verhandlung. Und ich stelle mir vor, dass es für prominente Kinder umso schwieriger ist, weil ihr Erfolg und ihre Fehler so öffentlich sind und die Messlatte so viel höher gesteckt ist.

Joie: Ja, es war während seines Interviews mit Barbara Walters direkt nach dem Tod von Prinzessin Diana, dass er diese Bemerkung machte. Und er sagte während dieses Interviews auch, dass er sehr sichergehen würde, dass seine Kinder genau verstehen, auf was sie sich einlassen, wenn sie sich entscheiden, diesen Weg zu gehen. Nur dass er nicht mehr hier ist, um ihnen zu helfen und ihnen zur Seite zu stehen, und das macht mich aus vielen Gründen so traurig.

Aber ich verstehe, was du darüber sagst, in einer ständigen Verhandlung zu sein. Ich habe niemals ein Kind aufgezogen, aber ich kann mir vorstellen, wie dein Herz einfach für sie bluten würde, wenn du sie beobachtest, wie sie arbeiten und sich anstrengen und kämpfen, um ein Ziel zu erreichen, was immer das Ziel sein mag. Und Paris ist solch ein wunderschönes Mädchen, sie wirkt wie eine sehr kluge, sehr begabte junge Dame auf mich. Und es scheint, als habe sie Daddys Ausstrahlung und seinen Charme geerbt, also bin ich sicher, sie wird es gut machen. Und nochmal, ich weiß, Michael wäre unglaublich stolz auf sie.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 13 Nov 2012 - 22:41

Bitte höre auf meine Botschaft
22/12/2011

Joie: Weil wir in dieser Woche Weihnachten feiern, möchten Willa und ich mit unserer Diskussion über die Kindheit und was sie für Michael bedeutete fortfahren. Alles was ich weiß, haben wir alle viele Male während der leidenschaftlichen Reden gehört, die Michael über die Jahre über die Kindheit und die Bedeutung, die diese wertvolle Zeit im Leben unserer Kinder hat, gehalten hat. Aber ich möchte diesen Post mit einem Zitat von Michael beginnen, das ich immer einfach als bezaubernd empfunden habe.

„Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, mit Kindern zusammen zu sein, mit ihnen zu reden und zu spielen. Kinder kennen viele Geheimnisse (über die Welt), und es ist schwierig, sie dazu zu bringen, sie zu erzählen. Kinder sind unglaublich. Sie machen eine brillante Phase durch, aber wenn sie dann ein gewisses Alter erreicht haben, verlieren sie es. Meine kreativsten Momente habe ich fast immer, wenn ich mit Kindern zusammen bin. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, kommt die Musik so leicht zu mir wie das Atmen.“

Ich liebe, was Michael hier darüber sagt, wie Kinder durch eine brillante Phase gehen und viel über die Wunder der Welt wissen. Ich denke, er hat so Recht! Wie ich letzte Woche erwähnt habe, bin ich nie mit eigenen Kindern gesegnet worden, aber ich habe mehrere Nichten und Neffen, die ich anbete, mit Dreien von ihnen lebte ich im selben Haus, seit sie geboren wurden, bis das Jüngste etwa acht oder neun Jahre alt war. Und als sie klein waren, war es einfach der größte Spaß, sie um sich zu haben. Sie sind jetzt alle erwachsen, aber ich habe noch sehr lebhafte Erinnerungen an die Dinge, die sie gesagt haben, Dinge, die so weise und einfach waren oder sehr kreative Dinge, bei denen du dich zurückgelehnt und „Wow“ gesagt hast. Also ich verstehe ganz genau, wovon Michael hier spricht und jedes Mal, wenn ich dieses Zitat lese, bringt es mich zum Lächeln.

Willa: Joie, ich mag dieses Zitat ebenso, und ich bin froh, dass du damit den Anfang gemacht hast. Ich denke, das trifft es genau im Kern dessen, was Michael uns über die Kindheit versucht hat zu erzählen. Es ist wirklich eine besondere Zeit, und Kinder wissen Geheimnisse über die Welt, die viele von uns Erwachsenen vergessen zu haben scheinen.

Kinder sind einfach erstaunlich, und sie betrachten die Welt auf eine ganz andere Weise als es Erwachsene tun. Mein Sohn musste vor einigen Wochen einen Aufsatz schreiben, und die Lehrerin machte ihnen dazu keine Vorgaben. Sie sagte einfach „Schreibt eine Kurzgeschichte so schnell ihr könnt, fangt jetzt an …“ Also fingen sie alle an zu schreiben, ohne Zeit zu haben, sich etwas auszudenken oder zu planen, einfach schreiben. Mein Sohn kam nach Hause und erzählte mir darüber, und er sagte, er habe an diese lustige Postkarte gedacht, die vor einiger Zeit in seinem Zimmer hing, eine Karte mit einer missmutigen Katze, die einen Helm aus einer Melonenschale trägt:



Joie: Oh mein Gott, das Bild ist bezaubernd!

Willa: Lustig, nicht? Er schrieb also seine Kurzgeschichte darüber, aber was mich völlig umgehauen hat ist, dass er es aus der Sicht der Melone erzählte. Er sagte, er hätte sich gefragt, wie es wohl wäre, in einem hübschen Feld zu sitzen, die Sonne zu tanken, wenn plötzlich jemand kommt und dich greift, dein Inneres herausschält und dich auf den Kopf einer ziemlich gereizten Katze setzt. Er lachte sich kaputt, als er es mir erzählte, und er steckte mich an. Wer würde sich jemals so etwas ausdenken? Aber Kinder denken ständig quer.

Als Erwachsene sind wir ziemlich darauf trainiert, die Welt auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu sehen, aber Kinder tun das nicht – wenigstens nicht in dem Ausmaß, in dem wir es tun. Um Michael Jacksons Terminologie zu benutzen, sie sind nicht so „konditioniert“ wie wir, also sind ihre Gedanken flexibel genug, die Welt auf eine erstaunliche Art zu betrachten, zu der die Erwachsenen gar nicht mehr fähig zu sein scheinen.

Joie: Das ist wirklich traurig, aber sehr wahr. Wie Michael in dem von mir benutzten Zitat sagte, Kinder „gehen durch eine brillante Phase, aber wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, verlieren sie es“. Und er hat Recht; es scheint, als würden wir alle etwas verlieren, wenn wir die Kindheit hinter uns lassen. Als ob diese geheimnisvolle, magische Verbindung mit dem Licht und der Unschuld, mit der wir alle geboren werden, irgendwie zerbrechen würde.

Willa: Ich liebe die Art, wie er das ausgedrückt hat, dass Kinder „durch diese brillante Phase gehen“. Aber wir „verlieren es“, wenn wir älter und „konditioniert“ werden, und wir verlieren ebenso viel von unserer angeborenen Kreativität.

Vor einigen Wochen sah ich eine PBS Dokumentation mit dem Titel Journey oft the Universe von Brian Thomas Swimme und Mary Evelyn Tucker, und fast am Ende der Dokumentation sagte Swimme etwas Faszinierendes. Er deutete an, dass die Entwicklung der menschlichen Zivilisation eventuell in direktem Zusammenhang mit der Kindheit stehen könnte. Menschen haben eine sehr ausgedehnte Kindheit: Es braucht fast 20 Jahre für ein menschliches Kind, seine volle Reife zu erlangen, viel länger als für andere Arten. (Elefanten sind eine weitere Ausnahme – sie brauchen etwa 16 Jahre, um die volle Reife zu erreichen – aber das ist eine Seltenheit in der Tierwelt.) Und Swimme deutet an, dass unsere lange Kindheit ein Hauptgrund dafür sein könnte, dass Menschen dazu fähig waren, Kultur zu entwickeln.

Ich war davon so fasziniert, dass ich zur Bibliothek ging und mir das Buch von Swimme und Tucker durchlas, und die Theorie ist, dass das Verhalten der meisten Tiere durch „instinktive Reaktionen“ geleitet wird. Allerdings durchlief die menschliche Spezies aus irgendeinem Grund eine grundlegende Änderung, so dass die frühen Menschen anstatt sklavisch instinktiven Reaktionen zu folgen, eine „verhaltensbedingte Flexibilität“ entwickelten. Wie Swimme und Tucker schreiben „eine neue Art von Bewusstsein trat in das Dasein ein, eines das freier und erforschender war“. Aber woher kam diese verhaltensbedingte Flexibilität?

Swimme und Tucker deuten an, es kam von Kindern und der ausgedehnten Zeitspanne der menschlichen Kindheit: „Für Kinder ist das Ergebnis ihres Verhaltens auf eine Art offen, wie es bei Erwachsenen seltener ist. Dieses jugendliche Verhalten ist leicht zu unterscheiden von den ernsthaften erwachsenen Interessen des Überlebens oder der Fortpflanzung. Sicherlich könne vieles des jugendlichen Verhaltens als Vorbereitung und Übung für ihr späteres Leben verstanden werden. Aber vieles davon steht auch ohne direkten Zusammenhang zu erwachsenem Verhalten. Mit einem Wort, was ihr Bewusstsein oft beherrscht, ist das Spiel. Sie springen und drehen sich; sie erforschen die Welt mit ihren Augen; sie schmecken die Welt mit ihrem Mund; sie gehen viele Arten von Beziehungen aus reiner Neugierde ein. Durch ihr Spiel entdecken sie die Ausgelassenheit, am Leben zu sein“.

Swimme und Tucker deuten weiter an, dass diese Verspieltheit der Kinder ebenso wie unsere künstlerische Sensibilität zu nichts geringerem geführt hat als zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation:

„Es war diese verhältnismäßige Freiheit vom instinktiven Verhalten … die uns befähigte, uns so grundlegend von so vielen Dingen fesseln zu lassen – vom Feuer, vom Sonnenaufgang, den Wellen des Ozeans, von erotischer Intensität, dem Tod eines Freundes, der Geburt eines Kindes … Sie (die frühen Menschen) sahen das Leben mit einem neuen Blick. Anstatt nur einfach zu reagieren, dachten sie nach. Sie kosteten vom eigentlichen Kern dessen, was es bedeutete, lebendig zu sein. Mit der Entstehung des Menschlichen schuf das Universum einen Ort, in dem die Tiefe der Gefühle konzentriert war und hinterfragt wurde“.

Mit anderen Worten, Swimme und Tucker glauben, dass die Vorstellungskraft und die „verhaltensbedingte Flexibilität“ der Kindheit zu einem neuen „überreichlichen Bewusstsein“ genauso wie zum Reichtum an Kreativität führte – einem Level an Kreativität, stark genug, um den Aufstieg der menschlichen Zivilisation in Gang zu setzen.

Ich glaube, Michael Jackson war sich dieser tiefgreifenden Verbindungen zwischen Kindheit und Kreativität deutlich bewusst. Wie er in den gesprochenen Sequenzen der Immortal Version von Childhood sagt „Der Zauber, das Staunen, das Geheimnis und die Unschuld im Herzen eines Kindes sind die Samenkörner der Kreativität, die die Welt heilen werden. Das glaube ich wirklich.“ Anders als die meisten Erwachsenen kultivierte er jene „Samenkörner der Kreativität“ während seines ganzen Lebens und hat sie niemals verloren, und er behielt einen wundervollen kindlichen Erfindungsreichtum und eine Beweglichkeit in seinen Werken, aber es ist verbunden mit einem reifen Bewusstsein des sehr realen Schmerzes des menschlichen Leidens. Und diese zwei zusammen – die kindliche Sichtweise mit dem reifen Verstehen – geben seinen Werken enorme Breite und Tiefe.

Joie: Du hast so Recht, Willa. Michael war sich der tiefgreifenden Verbindung zwischen Kindheit und Kreativität sehr bewusst – wie es viele große Künstler sind. Ich glaube, es war Picasso, der einst gesagt hat „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn du erwachsen wirst“. Vielleicht ist der Schlüssel zu diesem Problem, einen Weg zu finden, die Verbindung zum Zauber der Kindheit zu behalten, und niemand hat das besser gemacht als Michael. Er hatte dieses erstaunliche Persönlichkeitsmerkmal, das nicht viele besitzen. Dieses unglaubliche, unschuldige Gefühl für kindliches Staunen! Es schien einfach wie Wasser aus einer Fontäne aus ihm herauszufließen, und es ist eins dieser Dinge, die ihn so einzigartig machten.

Es ist auch eines der Dinge, die seine Werke so einzigartig machten. Er gab uns wirklich Einblicke in dieses kindliche Staunen in Songs wie Childhood, Heal The World, Gone to Soon und Another Part of Me. Sogar in mehreren unveröffentlichten Songs wie Carousel und Monkey Business und Scared of The Moon. Diese liebenswerte spielerische Eigenschaft, die immer genau unter der Oberfläche war. Du konntest es jedes Mal in seinen Augen sehen, wenn er lächelte, und es ließ dein Herz schmelzen. Und es war keine Pose, es war echt und aufrichtig. Aber ich denke, die allgemeine Öffentlichkeit und die Presse versuchten wirklich, daraus etwas Verrücktes und Unnatürliches zu machen, und das hat mich immer wütend gemacht. Aber sie sagten größtenteils „Also, es muss etwas falsch sein an diesem Mann, der es vorzieht, nur das Gute in den Menschen zu sehen und der versucht, die Welt mit der Empfindsamkeit eines Kindes zu sehen“. Niemals hat irgendjemand von ihnen erwogen, dass Michael mit seinem Wunsch, die Verbindung zur Kindheit zu halten, etwas bezweckte. Sie dachten einfach, dass er bestenfalls sehr exzentrisch und schlimmstenfalls sehr erschreckend sei. Aber es war etwas, was sehr wichtig für ihn war. Diese Verbindung war wie seine Rettungsleine; es war eine Quelle großer Stärke für ihn.

Du weißt ja, im März 2001 war Michael Gastvortragender der Oxford Union an der Oxford Universität in England. Und während dieser Vorlesung sprach er darüber, wie wichtig diese Verbindung wirklich für ihn war. Er glaubte ganz stark, dass die Verbindung zur Kindheit viele Probleme unserer Welt heilen könnte:

„Bitte hört meiner Botschaft genau zu, denn was ich euch heute Abend zu sagen habe, kann der Menschheit und unserem Planeten Heilung bringen. Durch die Gnade Gottes bin ich in der glücklichen Lage, viele meiner künstlerischen und beruflichen Sehnsüchte erreicht zu haben, bereits sehr früh in meinem Leben. Aber dies, meine Freunde, sind Leistungen, und Leistungen allein machen nicht das aus, was ich bin. In Wirklichkeit war der fröhliche Fünfjährige, der den bewundernden Massen Rockin‘ Robin und Ben entgegen geschmettert hat, nicht der Junge hinter dem Lächeln.

Heute Abend stehe ich weniger als eine Popidol – was immer das heißen mag - vor euch, sondern mehr als ein Symbol für eine Generation. Eine Generation, die nicht mehr weiß, was es bedeutet, ein Kind zu sein. Jeder von uns ist das Ergebnis seiner Kindheit. Aber ich bin das Ergebnis einer fehlenden Kindheit; der Abwesenheit dieses wertvollen und erstaunlichen Lebensalters, wenn wir spielerisch herumtollen ohne die Sorgen der Welt und uns in der Bewunderung von Eltern und Verwandten sonnen, wo unsere größte Sorge ist, für den großen Buchstabiertest am Montagmorgen zu üben …

Aber es sind nicht nur die Kinder, die leiden. Den Eltern geht es genauso. Je mehr wir kleine Erwachsene in Kinderkörpern heranziehen, desto mehr entfernen wir uns von unseren eigenen kindlichen Fähigkeiten. Und es gibt so vieles, was es wert ist, von der Kindheit mit ins Erwachsenenleben genommen zu werden!“

Ich liebe es so, diese ganze Rede zu lesen; es zeigt wirklich, was mit seiner Liebe für Kinder in seinem Herzen gemeint ist. Die gesamte Rede basiert auf seinem Glauben, dass die Verbindung zur Kindheit die vorrangige Zutat für Liebe ist. Und ohne diese Verbindung können wir unsere Liebe für andere nicht vollständig ausdrücken. Und er sagt uns weiter:

„Liebe, meine Damen und Herren, ist das wertvollste Erbe der Menschheit, sein reichstes Vermächtnis, seine goldene Hinterlassenschaft. Und es ist ein Schatz, der von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird … Aber wenn du keine Erinnerung daran hast, geliebt zu sein, bist du dazu verdammt, die Welt danach abzusuchen, was diese Lücke ausfüllen kann. Aber egal wieviel Geld du verdienst oder wie berühmt du wirst, du wirst dich immer leer fühlen. Wonach du wirklich suchst, ist bedingungslose Liebe, uneingeschränkte Akzeptanz.“

Die Rede, die er an jenem Abend hielt, war wirklich sehr aufschlussreich. Er sprach über die emotionale Vernachlässigung der Kinder heutzutage und über die emotionale Vernachlässigung in seiner eigenen Kindheit. Und er wurde ziemlich emotional, als er über Vergebung gegenüber seinem Vater sprach, denn er wollte nicht, dass seine eigenen Kinder eines Tages zu harsch über seine Entscheidungen zu ihrer Erziehung urteilen würden.

„Der Druck und die Spannung, die in der Beziehung zu meinem eigenen Vater existiert ist gut dokumentiert. Mein Vater ist ein harter Mann … Er hat große Schwierigkeiten, mir seine Zuneigung zu zeigen. Er hat mir niemals wirklich gesagt, dass er mich liebt, und er hat mich auch niemals wirklich gelobt. Wenn ich eine großartige Show hingelegt habe, sagte er mir, es sei eine gute Show gewesen. Und wenn meine Show OK war, dann sagte er nichts … Mein Vater hatte Führungsqualität, und meine Brüder und ich verdanken ihm unseren beruflichen Erfolg, und das in nicht unbedeutendem Ausmaß, durch seine energische Art, in der er uns antrieb. Er bildete mich als Entertainer aus, und unter seiner Führung konnte ich keinen Schritt versäumen. Aber was ich wirklich wollte, war ein Vater. Ich wünschte mir einen Vater, der mir seine Liebe zeigt. Und mein Vater hat das niemals getan …

Aber nun bin ich selbst Vater, und eines Tages dachte ich über meine eigenen Kinder Prince und Paris nach und wie ich selbst von ihnen gesehen werden wollte, wenn sie erwachsen würden … Und in dem Moment betete ich, dass meine Kinder mir einen Vertrauensbonus geben würden. Dass sie zu sich selbst sagen werden ‚Unser Daddy hat sein Bestes getan unter den einzigartigen Umständen, denen er ausgesetzt war. Er ist vielleicht nicht perfekt gewesen, aber er war ein warmherziger und anständiger Mann, der versucht hat, uns alle Liebe dieser Welt zu geben.‘ Ich hoffe, dass sie sich immer auf die positiven Dinge konzentrieren werden, auf die Opfer, die ich gerne für sie gebracht habe, und nicht die Dinge kritisieren, die sie aufgeben mussten oder die Fehler, die ich gemacht habe, und die ich bestimmt auch weiterhin bei ihrer Erziehung noch machen werde. Denn wir sind alle jemandes Kind gewesen, und wir wissen, dass trotz der besten Pläne und Anstrengungen Fehler immer auftauchen werden. Das ist einfach menschlich.

Und wenn ich darüber nachdenke und wie ich hoffe, dass meine Kinder nicht unfreundlich über mich urteilen und mir meine Unzulänglichkeiten vergeben werden, bin ich gezwungen, über meinen eigenen Vater nachzudenken. Und trotzdem ich dies früher abgestritten habe, muss ich zugeben, dass er mich geliebt haben muss. Er liebte mich, und ich weiß das … Also konzentriere ich mich heute Abend nicht auf das, was mein Vater nicht getan hat, ich möchte mich auf all die Dinge konzentrieren, die er getan hat und auf all seine persönlichen Herausforderungen. Ich möchte aufhören, über ihn zu urteilen.“


Willa: Joie, das ist so wundervoll und so herzzerreißend ehrlich. Und es ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Michael Jackson irgendwie auf wundersame Weise eine kindliche Vision der Welt mit einem reifen Verständnis kombiniert hat. Seine Worte in dieser Rede sind auf keinen Fall kindisch – es sind die Worte eines erwachsenen Mannes, der sehr viel Schmerz in seinem Leben erfahren hat. Aber diese Reife geht mit einer unverwüstlichen Kindlichkeit einher ebenso wie mit einer kindlichen Sehnsucht zu lieben und geliebt zu werden, zu vergeben und dass ihm vergeben wird. Kinder scheinen so leicht zu vergeben – sie sind nicht besessen von der Bitterkeit der Vergangenheit auf die Art, wie es Erwachsene oft sind – und das ist eine andere wichtige Lektion, die wir von Kindern lernen müssen.

Bedeutsam ist, dass Michael Jackson die Lektionen der Kindheit nicht einfach für sein eigenes Leben übernommen hat, sondern für die globalen Möglichkeiten durch die Entschlüsselung der Geheimnisse und Kreativität der Kindheit. Wie er in einem anderen Auszug von Childhood auf dem Immortal Album sagt „Was wir von Kindern lernen müssen, ist nicht kindisch. Sie kennen den Weg zu den Lösungen, die in unseren Herzen darauf warten erkannt zu werden.“ Ich sehe dies genauso als Botschaft von Jam. In den Lyrics erzählt er uns, dass wir oft zögern, einander zu helfen, weil wir „durch das System konditioniert sind“. Aber durch die Bilder von Jam sehen wir Bilder von Kindern – und Erwachsenen – beim Spiel. Sie hopsen, machen Seilspringen, tanzen, spielen Basketball. Es ist der Geist des Spielens und die enorme Kreativität, die wir durch das Spielen abrufen können, der uns eines Tages vielleicht helfen kann, scheinbar unlösbare Probleme, denen wir als globale Gemeinschaft gegenüberstehen, zu lösen. Wie Michael Jackson in den Eröffnungslyrics singt:

Nation für Nation

Die ganze Welt muss zusammenkommen

Sich den Problemen stellen, denen wir gegenüberstehen
Dann können wir sie vielleicht irgendwie lösen


In Journey of the Universe fordern uns Swimme und Tucker heraus, uns eine utopische Welt vorzustellen, in der Erwachsene sich das Wunder und die Vorstellungskraft der Kindheit bewahren – nicht kindisch, sondern kindgleich:

Was wäre, wenn wir eines Tages eine Spezies hervorbringen könnten, für die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit selbstverständlich wäre? Was wäre, wenn, nach einer Million Jahre der Existenz der Säugetiere eine Spezies auftauchen würde, die spontan, neugierig, staunend wäre und sich veranlasst sähe, alles auszuprobieren? Was würde dann passieren?

Ich glaube, das ist ganz genau die Art von Welt, die Michael Jackson vergegenwärtigt hat – eine Welt der Liebe und Kreativität, in der wir alle Künstler sind und in der wir alle unser kindliches Staunen bewahren. Und er versuchte, diese Vision mit uns sein ganzes Leben lang durch sein Werk zu teilen.

Joie: Ich denke, du hast Recht, Willa, und ich denke, er versuchte, uns das durch die Lyrics von Childhood zu erzählen, als er sang:

„Hast du meine Kindheit gesehen? Ich suche nach der Welt, aus der ich komme. Denn ich habe danach überall gesucht im Fundbüro meines Herzens. Niemand versteht mich. Sie sehen es als merkwürdige Exzentrizitäten. Weil ich wie ein Kind herumalbere, aber verzeih mir.“

Ich glaube, er hat einmal in einem Interview gesagt, dass Childhoodeiner seiner autobiografischsten Songs ist, die er je geschrieben hat, und wenn du auf die Worte achtest, ist leicht zu verstehen, warum.

Gut, Willa und ich werden nächste Woche frei nehmen, um die Weihnachtsferien zu genießen, also wird dies der letzte Post dieses Jahres sein. Aber wir werden am 5. Januar mit einem brandneuen Post zurück sein!


The truth must dazzle gradually
or every man be blind
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