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 Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)

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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 3 Dez 2012 - 21:23

Wer ist böse?
21/06/2012

Joie:
So, Willa, du weißt, dass jetzt gerade eine ganze riesige Kampagne für Sonys bevorstehende Wiederveröffentlichung des Bad-Albums am Laufen ist. Sie veröffentlichen es neu zu Ehren seines 25jährigen Jubiläums und es klingt, als werde es eine ziemlich große Sache, mit der Wiederveröffentlichung des Albums selbst, plus einer separaten Disk zuvor unveröffentlichten Materials, das während der Bad-Sessions aufgenommen worden war, plus einer dritten Disk, live während der Bad-Tour aufgenommen – die erste Michael Jackson Live CD überhaupt – und eine DVD vom Konzert des 16. Juli 1988 im Wembley Stadium, aufgeführt vor dem Prinzen und der Prinzessin von Wales! Ich bin wirklich gespannt darauf.

Willa: Bin ich auch. Ich bin heute sogar zu Walmart gegangen, um die neue Bad-Ära Single I Just Can't Stop Loving You / „Don't Be Messin' 'Round zu bekommen. Um ehrlich zu sein, ich habe seit den alten 45ern mit dem großen Loch in der Mitte keine Single mehr gekauft. Ich habe nicht mal gewusst, dass es so etwas wie Singles noch gibt, außer auf iTunes. Also ich ging zu Walmart und war komplett desorientiert – bin für etwa 10 Minuten herumgelaufen, ehe ich überhaupt die Musikabteilung gefunden habe – und dann war sie dort nicht. Sie hatten Immortal und Number Ones, aber das war‘s und ich habe überhaupt keine Singles auch nur für irgendwen irgendwo gesehen. Also entweder waren sie bereits ausverkauft oder der Laden hatte sie nicht.

Joie: Weißt du, ich konnte sie bei meinem Walmart auch nicht finden. Ich weiß nicht, ob sie sie nicht auf Lager hatten oder ob sie sie überhaupt nicht hatten, aber ich war sehr enttäuscht. Wie auch immer, all das ließ mich, nicht überraschend, an das Bad-Album denken und genauer, an das Bad-Video. Ich liebe einfach die lange Version dieses Videos mit dem Schwarzweißfilm von Martin Scorsese. Und ich liebe es, wie diese Story das tatsächliche Musikvideo selbst in gewisser Weise einrahmt.

Willa: Mir geht’s genauso. Ich habe das Video oft gesehen, als es regelmäßig auf MTV gezeigt wurde, habe aber erst Jahre später den vollen Scorsese-Film gesehen und war überwältigt davon. Ich habe das Bad-Video immer wirklich gern gemocht. Er behandelt einige sehr wichtige und heikle Themen – und auf die Gefahr hin, wie ein Teenie zu klingen, lass mich einfach geradeheraus sagen, dass er unglaublich umwerfend ist, die gesamte Tanzsequenz hindurch. Aber der Film ist faszinierend und fügt dem, was im Videoschnitt passiert, so viele Nuancen und Dimensionen hinzu. Wie bei so vielen von Michael Jacksons Filmen, geht darin so vieles vor sich – und je mehr man guckt, umso mehr sieht man.

Joie: Oh, ich bin deiner Meinung. Ich sehe immer etwas Neues oder etwas, das ich zuvor nicht bemerkt hatte, jedes mal, wenn ich ein Michael Jackson-Video oder einen Liveauftritt sehe. Es ist wirklich erstaunlich, wie das passiert. Aber ich bin schockiert von deinem Geständnis. Es hat dich wirklich Jahre gekostet, bis du die volle Kurzfilmversion dieses Videos gesehen hast? Wie ist das passiert?

Willa: Nun, Joie, ich schätze die kurze Antwort lautet, dass ich alt bin! Ich habe meine Collegearbeiten mit der Schreibmaschine geschrieben, wenn du das glauben kannst. Sie hatte ein eingebautes Korrekturband und ich dachte, dass wäre wirklich High-Tech! Und ich habe die Recherche für meine Abschlussarbeit ohne Internet gemacht. Stell dir das nur vor. Ich ging zur Bibliothek, um zu recherchieren. Wie urig ist das? Mein Sohn hat mich tatsächlich neulich gefragt, ob Autos erfunden waren, als ich ein Kind war. Um Himmels Willen.

Joie: Oh, Willa. Manchmal lässt du dich selbst wie einen Dinosaurier klingen. SO alt bist du nicht! Ich habe meine Collegearbeiten auch auf der Schreibmaschine geschrieben, Herrgott!

Willa: Wirklich? Also das ist beruhigend. Danke, Joie. Und ich beabsichtige nicht wie ein Dinosaurier zu klingen – ich denke, ich bin immer noch ein bisschen durch den Wind vom Umherwandern in diesem riesigen seltsamen Laden ohne Plan, wo was war oder wonach ich überhaupt suchte. Ich fühlte mich wie Mr. Magoo.

Also, wie auch immer, MTV spielte das Bad Video, aber sie haben nicht den ganzen Film gezeigt. Und er war nicht in Kinos. Und es gab kein YouTube – es gab nicht mal Internet. Also wo hätte ich es sehen sollen? Wo hast du es gesehen?

Joie: Also, weißt du, manchmal hatten MTV und VH1 und andere ein spezielles „Michael Jackson Wochenende“ und haben die langen Versionen aller Videos gezeigt. Man hätte es auf diese Weise sehen können. Also, wie auch immer, jetzt interessiert es mich wirklich zu wissen, nachdem du so lange nur die kurze Version gesehen hattest, was war deine erste Reaktion, als du endlich die lange Version gesehen hast? Entsprach es Dingen, die du vielleicht darüber gehört hattest? Oder hattest du überhaupt davon gehört?

Willa: Ich denke nicht, dass ich gewusst habe, dass es da einen längeren Film gab oder dass ich versucht hätte ihn zu sehen. Ich habe den Videoschnitt immer gemocht und ich denke, es ist faszinierend, wie er neu definiert, was es bedeutet „böse“ zu sein. Er ist nicht „böse“, weil er gemein oder machohaft ist, sondern weil er Selbsterkenntnis besitzt – er ist im Einklang mit sich selbst. Er ist kreativ und talentiert und anbetungswürdiger, als gewöhnliche Sterbliche von sich behaupten könnten, und er scheut sich nicht davor es zu zeigen. Ich liebe das.

Du weißt, eine Menge Kritiker haben sich über ihn lustig gemacht, weil sie sagten, er sehe unmännlich aus, aber behaupte „böse“ zu sein und ich stimmte dem insgesamt absolut nicht zu. Zunächst ist er nicht unmännlich. Er stößt seine weibliche Seite nicht zurück (was erfrischend ist), aber er stößt auch definitiv seine männliche Seite nicht zurück – er scheint für mich einfach wie eine wunderbar vollständige Person zu sein. Zweitens bin ich strikt gegen die Bemerkung, dass du machohaft sein musst, um „böse“ zu sein oder Respekt zu verdienen. Für mich, schlägt dieses Video gegen diese Denkweise zurück – in der Tat ist es meinem Verständnis nach genau der Punkt – und das habe ich sehr begrüßt.

Aber dann habe ich den kompletten Film gesehen und plötzlich erhielt der Videoabschnitt soviel mehr Bedeutung, als er je zuvor hatte. Es war erstaunlich für mich. Also hast du diese Erfahrung nicht gemacht? Du hast den langen Film zur selben Zeit wie das Video gesehen, wusstest also, wie alles zusammenpasste?

Joie: Ja. Tatsächlich war es die ersten paar Male, als ich das Video sah, die lange Version. Ich denke, MTV hat es als Ganzes für ungefähr einen ganzen Tag oder so gespielt. Weißt du...damals pflegten sie eine wirklich große Sache aus Videopremieren zu machen und an dem Tag, an dem ein Video Premiere hatte, würden sie es zu jeder vollen Stunde den ganzen Tag lang zeigen.

Du weißt, dass ist leicht off topic hier, aber ich muss das jetzt sagen. MTV war wirklich etwas Besonderes. Jetzt natürlich würdest du das niemals ahnen, weil alles, was sie noch zeigen Reality Shows sind, aber damals – als Musikfernsehen sich tatsächlich auf Musik konzentrierte – war es der coolste Sender auf Kabel. Nie zuvor hatte es einen Sender gegeben, der vollständig populärer Musik gewidmet war; es war hammermäßig und anders als alles, was wir je gesehen hatten! Und dann ist es einfach...gestorben. Ich weiß ehrlich nicht, wie sie damit durchkommen, sich selbst immer noch MTV zu nennen. Sie sollten ihren Namen in RTV ändern!

Willa: Das wirft in der Tat eine wirklich wichtige Frage auf, Joie. Wohin gehen Menschen heute, um Musikvideos zu sehen? YouTube? Ich nutze YouTube häufig, um nach Dingen zu sehen, von welchen ich bereits weiß, aber ich wüsste nicht, dass es dir neue Bands und neue Videos zeigen würde, so wie MTV das tat.

Joie: Nein, das ist wirklich wahr, Willa. Und es ist ein bisschen traurig. Ich habe einen Neffen im Teenageralter, der Reality TV Shows liebt, und MTV ist sein Lieblingskanal, weil das alles ist, was sie zeigen. Als ich ihm erzählte, wofür das M in MTV tatsächlich stand, hatte er keinen blassen Schimmer! Er hatte keine Ahnung, dass es ein Kanal war, der Musik gewidmet war. Und er ist selbst ein sehr talentierter junger Musiker! Aber ich finde es so traurig, dass es eine ganze Generation da draußen gibt, die keine Ahnung hat, wie großartig MTV mal war.

Willa: Hampton Stevens spricht darüber ein bisschen in seinem wundervollen Artikel in The Atlantic, „Michael Jackson's Unparalleled Influence“/ „Michael Jacksons beispielloser Einfluss“, und er hat eine interessante Meinung zum Aufstieg und Fall von MTV:

Die oft wiederholte übliche Weisheit – dass Jacksons Videos MTV ausmachten und so „ die Musikindustrie verändert“ hätten, ist nur zur Hälfte wahr. Es ist eher so, dass die Musikindustrie sich aufgeblasen hatte, um Jacksons Talent zu umfassen, und ohne ihn wieder schrumpfte.

Ich muss sagen, da ist er auf etwas gestoßen.

Joie: Es ist ein interessanter Gedanke, nicht wahr? Und in gewissen Hinsichten ist es ein sehr fundierter Standpunkt, den er vertritt. Natürlich soll das jetzt nicht all die Tausend anderen wundervollen Bands und Künstler diskreditieren, die über die Jahre auf MTV gezeigt wurden, aber es ist fast so, als könnten sie einfach nicht in dem Musikformat existieren ohne die kontinuierlichen Beiträge des King of Pop. Weißt du, das ist ein Thema, das mich fasziniert und es mag irgendwann mal eine weiterführende Untersuchung benötigen.

Aber um zum Bad Video zurückzukommen, obwohl ich den ganzen Kurzfilm gesehen hatte, als er Premiere hatte, war es danach so, als ob es für einige Jahre im Untergrund verschwunden wäre, und du musstest Glück genug haben, eines dieser „Michael Jackson Wochenenden“ zu erwischen, um einen flüchtigen Blick auf die Filmversion zu erhaschen. Aber es ist wirklich ein unglaublicher Film und was ich am meisten daran liebe, ist die Tatsache, dass er wirklich Michaels Schauspieltalent vorführt. Du weißt, er war kein schlechter Schauspieler und er hatte dafür nie wirklich Anerkennung bekommen.

Willa: Oh, ich finde, er ist ein erstaunlicher Schauspieler und ein intelligenter Schauspieler, wenn das Sinn ergibt. Eines der Dinge, die ich an seinen Songtexten am meisten liebe, ist ihre emotionale Komplexität und wir sehen diese emotionale Komplexität auch in seiner Schauspielerei. Der Charakter, den er in Bad spielt, wird von vielen verschiedenen Kräften bedrängt und als Schauspieler übermittelt er das so subtil und gut.

Seine Rolle ist ein kluges Kind aus der Innenstadt, das sich gut gemacht hat und ein Stipendium für eine angesehene Privatschule erworben hat und der Film beginnt mit ihm in der Privatschule, wie er versucht, diese andere Welt zu bewältigen, die ihn als so etwas wie einen Außenseiter sieht. Dann sehen wir, wie er in seine alte Nachbarschaft zurückkehrt und versucht, wieder in die Welt, in der er aufgewachsen war, einzutreten und sie zu bewältigen, aber diese Welt scheint ihm auch nicht mehr zu passen. Also sehen wir ihn positioniert zwischen diesen zwei Welten – ganz so, wie Michael Jackson selbst immer zwischen zwei Welten positioniert zu sein schien – und wir können seine inneren Anstrengungen wirklich sehen und fühlen, als er sich durch all das kämpft.

Joie: Ich sehe es genauso, Willa, dass Michael selbst immer zwischen zwei Welten positioniert zu sein schien. Obwohl ich diesen Vergleich zwischen seinem eigenen Leben und diesem Kurzfilm nie so ganz gezogen habe. Sehr scharfe Beobachtung.

Willa: Es ist lustig, nicht wahr? Oberflächlich scheint dieses Kind aus der Innenstadt sehr wenig mit einem Superstar wie Michael Jackson gemeinsam zu haben, aber da gibt es einige ziemlich tiefgründige Verbindungen zwischen ihnen, denke ich. Oder vielleicht ist es einfach Teil seiner Fähigkeiten als Schauspieler, dass wir eine Verbindung zwischen ihm und der Figur, die er darstellt, fühlen.

Joie: Aber weißt du, die wirklich interessante Sache an diesem Video ist, dass die Handlung des Kurzfilms tatsächlich auf einer wahren Geschichte beruht. In der Tat war Michael sehr bedacht darauf, sich die Handlung des Videos nicht als Verdienst anrechnen zu lassen, wie wir während eines aufgenommenen Interviews für das Ebony/Jet Magazine damals im Jahre 1987 gesehen haben. Michael erzählte dem Interviewer, dass sie die Geschichte von einem tatsächlichen Vorfall übernommen haben, über den in Time oder dem Newsweek Magazin berichtet wurde, bei dem ein junger schwarzer Junge aus dem Ghetto namens Daryl ins Hinterland auf eine Privatschule weggeht, mit der Absicht, sein Leben zu verbessern und als er zu den Thanksgiving-Ferien nach Hause zurückkam, wurden seine alten Freunde, die im Ghetto zurückgeblieben waren, so neidisch auf ihn und sahen ihn plötzlich als einen Außenseiter, sodass sie ihn tatsächlich getötet haben. Also, noch einmal sehen wir ihn seine Kunst nutzen, um Aufmerksamkeit auf die sozialen Missstände zu lenken, die uns plagen.

Willa: Oh, ich bin froh, dass du das mitgeteilt hast, Joie, denn ich hatte die Geschichte komplett falsch verstanden. Ich dachte, die wirkliche Geschichte hinter dem Drehbuch wäre, dass seine alten Freunde ihn überredet hätten, sie bei einem Raubzug zu begleiten und er dann während dieses Raubzugs getötet wurde.

Aber was wirklich interessant für mich daran, wie das Drehbuch die tatsächliche Geschichte abändert, ist, dass es da keine bösen Jungs gibt. Wie du sagst, er benutzt seine Videos und längeren Filme oft, um Aufmerksamkeit auf soziale Missstände zu lenken, aber er zwingt uns auch, dann über diese sozialen Missstände in komplexeren Hinsichten nachzudenken. Es ist sehr leicht zu sagen, das Problem von Ganggewalt ist einfach, dass da all diese bösen Ganoven in Gangs rumlaufen. Aber wie uns Bad zeigt, mögen diese Jungs hart sprechen und die Rolle von Ganoven spielen - „Möchtegern-Schlägertypen“ wie du sie vor einigen Wochen genannt hast, Joie – aber sie sind nicht gemein oder böse. Sie sind einfach junge Männer, die versuchen sich selbst zu beweisen und sich selbst in einer harschen Umgebung zu schützen.

Gleichzeitig ist es sehr einfach ebenso zum entgegengesetzten Extrem zu gelangen – von einer Position der strengen Verurteilung dieser jungen Männer zu einer Position moralischen Relativismus – und zu sagen, wir sind alle das Produkt von sozialen Kräften, also gibt es da so etwas wie freien Willen nicht wirklich oder so etwas wie richtig und falsch. Und Michael Jackson weist auch das zurück. Wie er zu diesen Möchtegern-Gangmitgliedern singt, „Ihr handelt falsch / Ich werde euch wegsperren, ehe ihr es zu lang macht“. Und in dem langen Call-and-Response am Schluss sagt er ihnen, dass wenn sie den Unterschied zwischen richtig und falsch nicht wissen, sie es herausfinden müssen:

Frag deinen Bruder
Frag deine Mutter
Frag deine Schwester
Frag mich
Denn du handelst falsch

Also, während er es ablehnt, sie zu verurteilen, besteht er dennoch darauf, dass sie eine Wahl zwischen richtig und falsch treffen müssen und er besteht darauf, dass ihre Entscheidung von Bedeutung ist.

Joie: Und ich denke, das ist eine Botschaft, die er uns wiederholt zu übermitteln versuchte, Willa. Dass unsere Entscheidungen eine Rolle spielen. Ob wir über Rassismus, wie in Black or White, sprechen oder über Prostitution, wie im Kurzfilm Who Is It, oder über Ganggewalt und Innenstadt-Krawall, wie in diesem Video. Wir haben immer eine Wahl im Leben – egal, wie die Umstände seien mögen – und unsere Entscheidungen sind wichtig; sie formen das Ergebnis unserer Leben.

Willa: Das ist ein wirklich wichtiger Punkt, Joie. Du hast recht – wir können die Umstände, in die wir geboren wurden, oder viele der Dinge, die uns widerfahren, nicht kontrollieren, aber wir können kontrollieren, wie wir auf diese Umstände antworten und diese Entscheidungen sind von Bedeutung. Wie er so schön in Much Too Soon des Michael Albums singt:

Ich hoffe nun eine Veränderung zum Besseren zu machen
Niemals das Schicksal meine Seele kontrollieren zu lassen

Wir können das Schicksal nicht kontrollieren, aber das bedeutet nicht, dass wir das Schicksal uns kontrollieren lassen müssen.

Joie: Und ich denke, das ist die zentrale Botschaft des Bad Kurzfilms, Willa.

Also, nächste Woche werden Willa und ich eine zehnwöchige Sommerpause beginnen. Es ist die Zeit des Jahres, in der alle fleißig einen Vorteil aus dem schönen Wetter ziehen und etwas dringend nötige Ruhe und Erholung mit ihren Familien genießen und Willa und ich haben beide einige bevorstehende Reisepläne, also, es ist Zeit für Sommerurlaub. Aber das bedeutet nicht, dass wir vorhaben euch auf dem Trockenen sitzen zu lassen! Wir haben beschlossen, über die nächsten zehn Wochen nochmals auf einige unserer liebsten Blogposts zurückzukommen und wir sind deswegen tatsächlich richtig aufgeregt. Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht über unsere Unterhaltungen zu gehen und zu entscheiden, welche wir „wiederholen“ und ich denke, wir waren ein bisschen überrascht, als unsere Auswahl perfekt übereinstimmte.

Willa: Obwohl, wenn ich zurückblicke, ist es vielleicht nicht so überraschend, Joie. Wir haben herausgefunden, dass, während es wichtig ist, manchmal auf größere kulturelle Themen zu blicken, solche wie Vorurteile über Rasse, Geschlecht und Sexualität, das, was uns wirklich nährt, Michael Jacksons Kunst ist – seine Songs, seine Videos, seine Stimme. Das ist nicht allzu überraschend! Also für die nächsten zehn Wochen werden wir uns in einige Blogposts aus dem gesamten Jahr kuscheln und einen genauen Blick auf seine Kunst werfen. Und der Kommentarbereich wird noch offen sein, also wir hoffen, dass ihr euch zu uns gesellt, wenn wir auf einige seiner Songs und Videos zurückkommen, und beim zweiten Mal vielleicht neue Perspektiven in die Unterhaltung einbringt.


The truth must dazzle gradually
or every man be blind
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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 3 Dez 2012 - 21:37

In der Hauptrolle Michael mit Joe Vogel
22/08/2012

Joie: Wie viele von euch wissen, hat unser Freund Joe Vogel gerade ein neues Buch mit dem Titel Featuring Michael Jackson (In der Hauptrolle Michael Jackson) veröffentlicht. Ich habe kürzlich eine Besprechung darüber auf der MJFC Website gepostet. Es ist eine Sammlung von Joes verschiedenen Artikeln und Essays über den King of Pop, und Willa und ich sind erfreut, dass er einer Diskussion mit uns darüber zugestimmt hat.

Also Joe, dieses neue Buch ist eine Sammlung von Artikeln, die du geschrieben hast, seit Michael 2009 von uns gegangen ist. Warum hast du dich entschieden, nur nach seinem Tod geschriebene Artikel zusammenzustellen?

Joe: Ich nehme an, die eine Ausnahme davon ist das Bonuskapitel über Michaels Kindheit, das ein Teil des Originalmanuskriptes für Man in the Music war. Wir haben es letztendlich gekürzt, da das Buch sich auf MJ’s Karriere als Solokünstler konzentrierte. Als ich Man in the Music beendet hatte (oder zumindest den größten Teil der Recherche und der Schreibphase), konnte ich zurückgehen und einige Gebiete untersuchen, wie ich es nicht konnte, als ich für das Buch gearbeitet habe. Einige davon waren durch einen Auftrag zustande gekommen (z.B. das Stück für PopMatters über das Dangerous Album oder das Stück für Atlantic über Rasse), einige waren inspiriert durch neue Veröffentlichungen (z.B. die Stücke über Hollywood Tonight und Don’t Be Messin’ Round), und einige waren einfach das Ergebnis von Unterhaltungen mit Leuten, die mit Michael zusammengearbeitet haben. Also in Wirklichkeit war es einfach so, dass ich alle auf Michael bezogenen Arbeiten in einem Buch zusammengefasst habe, die nach Man in the Music entstanden sind.

Willa: Ich bin froh, dass du das Bonuskapitel erwähnt hast, Joe, denn ich habe gehofft, mit dir darüber zu reden. Es ist einfach ein Herzensbrecher. Es fängt wirklich die Schmerzlichkeit von Michael Jacksons Kindheit ein. Einerseits liebte er, was er tat – die Musik und das Tanzen und Auftreten. Wie du jedoch in diesem Kapitel zitierst „Das waren traurige, traurige Jahre für mich.“ Wir sehen dasselbe Paradoxon in den Songs selbst, die er zu jener Zeit aufnahm. Sie sind so geschliffen und perfekt, weißt du, es muss eine akribische Arbeit für ihn gewesen sein, sie fertig zu stellen. Wenn du sie dir jedoch anhörst, klingen sie so frisch und spontan – sie schäumen über vor reiner Freude. Du hast ein Zitat von Nelson George einbezogen, das dies so gut beschreibt:

Vierzig Jahre später … springt Michaels Ausgelassenheit immer noch aus deinen Lautsprechern heraus. Trotz all der Arbeit, die offensichtlich in die Entstehung dieses Gesangs geflossen ist, klingt Michael immer noch, als wäre er direkt vom Spielplatz ins Studio gegangen.

Das ist solch eine bittersüße Art seine Musik zu beschreiben, denn natürlich war es ihm kaum möglich, auf einem Spielplatz zu spielen, und er spürte dieses Fehlen so tief. Es ist, als ob er die Dinge, die er sich am meisten wünschte im Leben – die Dinge, die in seinem wirklichen Leben fehlten – auf magische Weise mit seiner Stimme heraufbeschwor, und sie wurden gegenwärtig in seinem imaginären Leben – einem imaginären Leben, in das wir alle eintreten und an dem wir teilhaben, wenn wir seinen Songs zuhören. Und ich frage mich irgendwie, ob die Tatsache, dass er sich Dinge so sehr wünschte – Liebe, Mitgefühl, die einfache Freiheit zu spielen und ein Kind zu sein – das ist, was sie in seiner Stimme so lebhaft gegenwärtig macht.

Joe: Das sehe ich auch so, Willa. Ich habe immer gedacht, dass eine von Michaels größten Gaben seine Fähigkeit ist, die vollständige Skala der menschlichen Gefühle auszudrücken. Es gibt da einige Künstler, die brillant darin sind, ein Ende des Spektrums zu zeigen (Kurt Cobain zum Beispiel), aber Michael kann dich vom Rand der Verzweiflung zur erhebenden, seelenbelebenden Freude bringen. Ich denke, seine Solowerke haben mehr Gewicht und Nuancen und Schattierungen, aber sogar in den Motown Songs, denke ich, du hast Recht, dass er sich selbst in diese Worte und Emotionen hineindenkt (indem er die Erfahrungen nutzt, aus denen er sie ziehen kann), und seine stimmliche Darbietung reflektiert das. Er ahmt seine Helden nicht einfach nach, wie einige Kritiker gesagt haben. Er interpretiert sie und drückt sich selbst aus. In so vielen seiner frühen Songs ist da ein Gefühl von Melancholie und Sehnsucht (Music and Me, With a Child’s Heart, Maybe Tomorrow, Ben). Jedoch ist da auch eine Ausgelassenheit und Vitalität und Anmut.

Willa: Ganz genau.

Joe: Er ist in dieser Hinsicht Chaplin sehr ähnlich, obwohl Michael in meinen Augen sogar auf einem noch tieferen Level kommuniziert.

Joie: Ich mag die Art, wie du das ausdrückst, Joe. Da ist ein Mix aus „Melancholie und Sehnsucht“ in vielen jener frühen Aufnahmen und es lässt mich jedes Mal fragen, aus welchen Erfahrungen er das zog? Er war so jung zu der Zeit, was hatte er denn schon wirklich erlebt? Wie konnte er so viel Gefühl in diese Songs legen? Ich muss dabei an Smokey Robinsons Kommentar über seinen Song Who’s Lovin‘ You denken, den Michael gecovert hat. Er fragte dieselben Fragen, als er Michael das erste Mal den Song singen hörte.

„Dieser Song handelt von jemandem, der jemanden hat, der ihn geliebt hat, aber … sie behandelten sich so schlecht, dass sie sich verloren hatten … Wie sollte es für ihn möglich sein, diese Dinge zu kennen? … Ich habe nicht geglaubt, dass jemand, der so jung ist, so viel Gefühl und Seele und Wissen haben kann. Wissen. Er hat sehr viel Wissen. Er musste etwas wissen, um diesen Song so zu singen.“

Weißt du, man hört immer diese alten Motown Größen über den jungen Michael reden und sie beschreiben ihn durchgehend als eine „alte Seele“, weil er diese erstaunliche Fähigkeit besaß, in seine stimmliche Darbietung so viel Emotion und Empfindungen einfließen zu lassen. Empfindungen, mit denen er ganz offensichtlich seiner Zeit voraus war.

Willa: Jermaine Jackson sagt das auch in You Are Not Alone und geht noch weiter, indem er sagt, dass er wie eine Art Benjamin Button war – dass er „alt“ war als Kind und später „jünger“ wurde, als er versuchte, die Kindheit zu erfahren, die er nie hatte.

Joie: Aber, ich möchte auf etwas zurückkommen, das du gerade angesprochen hast, Joe. Du erwähntest Kurt Cobain als jemanden, der brillant darin ist, ein Ende des emotionalen Spektrums zu untersuchen, und das weckt in mir den Wunsch, über einen der Artikel in Featuring Michael Jackson zu sprechen. Dein Stück aus PopMatters, in dem du das Dangerous Album mit Nirvanas Nevermind vergleichst, ist vollkommen genial.

Willa:
Da stimme ich zu.

Joie: Es ist zweifellos mein Lieblingsartikel in dem Buch. Ich liebe die Art und Weise, wie du ohne Anstrengung die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den beiden aufzeigst. Du schreibst:


„Michael Jackson, die prägende Popikone der 80er, kreierte unterdessen mit Dangerous ein Album, das so viel – oder wenig – mit Pop zu tun hat wie Nevermind. Die stilistischen Unterschiede sind offensichtlich genug. Nevermind ist im Punk Rock und Grunge verwurzelt, während Dangerous in erster Linie auf R&B und New Jack Swing basiert. Jedoch führten beide grobkörnige, neue Klänge beim Massenpublikum, das müde vom Glanz der 80er war, ein – Jacksons war urban, industriell, von der Straße beeinflusst, während Nirvanas rauer, schmuddeliger Garagenrock war. Jackson und Cobain kultivierten auch ihr Image als „Outsider“ (Außenseiter) – verwundete, empfindsame Seelen, die im Widerspruch zu der korrupten Welt um sie herum standen. Sowohl Nevermind, als auch Dangerous ind versetzt mit einem ähnlichen Gefühl der Angst und Entfremdung, mit vielen Songs, die als eine Art bekennende Dichtung funktioniert. Vergleiche Cobains Lyrics von Lithium – Ich bin so glücklich / Denn heute fand ich meine Freunde / Sie sind in meinem Kopf (I’m so happy / Cause today I found my friends / They’re in my head) – mit Jacksons aus Who Is It – Ich bin verdammt / Ich bin der Tote / Ich bin die Qual in diesem sterbenden Kopf (I am the dammed / I am the dead / I am the agony inside this dying head).“

Dann machst du weiter und vergleichst den Black or White Short Film mit dem Smells Like Teen Spirit Video, wobei du herausstellst, dass es ungefährlich war, nicht bedrohlich gegenüber Jacksons, dessen Video für umtriebig gehalten wurde:

„Ironischerweise war es der ‚Establishment Popstar‘, nicht die Außenseiter Grunge Band, dessen Musikvideo zensiert wurde, nachdem die Öffentlichkeit aufgeschrien hatte wegen des kontroversen Schlussteils. Smells Like Teen Spirit unterdessen hatte so hohe Drehzahlen, da es nur ein überschwängliches Lob auf MTV benötigte, so dass sie eine „komplette neue Generation als Käufer gewonnen hatten“.

Oberflächlich gesehen schienen sie solch vollkommen gegensätzliche Instanzen zu sein; ich glaube nicht, dass irgendjemand über diesen Punkt streiten würde. Michael Jackson und Nirvana konnten nicht weiter voneinander entfernt sein, musikalisch gesehen. Aber trotzdem findet man eine Verbindung zwischen den beiden, und es funktioniert. Ich bin neugierig, sind dir diese Gemeinsamkeiten zwischen Dangerous und Nevermind sofort ins Auge gesprungen?

Joe: Vielen Dank für die freundlichen Worte über dieses Stück. Es hat Spaß gemacht, das zu schreiben. 1991 war wahrscheinlich das aufregendste Jahr für mich in Bezug auf Musik. Vor 1991 hörte ich meistens Songs aus dem Radio oder die Alben meiner Eltern. Ich hatte eine kleine Sammlung von eigenen Kassettenaufnahmen. Aber 1991 war das Jahr, in dem ich besessen wurde von Musik, und es war der Beginn meiner lebenslangen Faszination von Michael Jackson. Ich erinnere mich genau an all diese großen Alben, die herauskamen – Dangerous, Achtung Baby, Use Your Illusion, Cooleyhighharmony, Diamonds and Pearls, Ten, Nevermind – und ich liebte jedes von ihnen. Ich kann mich immer noch lebhaft erinnern, wie es war, dies alles in meinem örtlichen Plattenladen zu kaufen und es dann zu öffnen – das Gefühl der Entdeckung und Aufregung, der Geruch des Begleitheftes, die Erwartung, sie endlich in die Stereoanlage einzulegen. Mein Bruder und ich sparten monatelang Geld, um eine Boombox (Ghettoblaster) für 50 Dollar zu kaufen. Und das war eine ganz andere Erfahrung damals, denn wir saßen dann nur in unserem Zimmer ohne irgendeine Ablenkung und hörten zu. Ich erinnere mich, das Dangerous Album bekommen zu haben und wieder und wieder Black or White gehört zu haben.

Aber was mich irgendwie immer beunruhigt ist, dass sogar damals, 1991, als ich ein Kind war, Michael Jackson zu mögen als seltsam angesehen wurde. Alle meine Freunde standen auf Rock und Grunge – was ich ebenfalls mochte. Aber wenn man auf Michael Jackson zu sprechen kam, dann hatten sie das Gefühl, er wäre ein Freak oder zu feminin oder „schwul“. Für mich jedoch, aus welchen Gründen auch immer, war es so, dass ich sogar damals etwas Ähnliches zwischen Jackson und Cobain hören und sehen konnte. Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, aber da war diese Verwundbarkeit an ihnen. Wenn man mal die ganzen Images und das Marketing und das Gruppendenken, das populäre Musik oft umgibt, außer Acht lässt, dann sind da einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten in dem, was sie ausdrücken. Bei all diesem Unsinn über Jackson, er sei bloß ein Popstar oder Entertainer, hatte ich das Gefühl, dass das, was ich an Tiefe und Breite auf Dangerous hörte, dem keine Rechnung trug. Natürlich konnte ich das zu jener Zeit noch nicht wirklich artikulieren. Aber mit den Jahren, als ich Musikkritiker erlebte, die Nirvana großzügig lobten und Michael Jackson ablehnten und diese sehr vereinfachten Behauptungen darüber aufstellten, Nevermind würde das Ende für Jackson und alles, wofür er stand, sein, da dachte ich immer, gut, wartet eine Minute – lasst uns das analysieren: Vielleicht sind die Künstler und Alben nicht genau das, was die populäre Mythologie vorschlägt. Also war es wirklich ein Versuch, ihre historischen (und geschmacksbezogenen) Rollen neu zu bewerten.

Willa: Das ist so interessant, Joe, denn ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe Michael Jacksons Musik geliebt, seit ich neun Jahre alt war, und ich fühlte einfach Dinge in seinen Songs, die ich nicht in Worte fassen konnte. Es brauchte Jahre – etwa 20 Jahre – bevor ich zu verstehen begann und es in Worte fassen konnte, was so unwiderstehlich für mich war.

Und Joie hat Recht – dein Nirvana Artikel ist faszinierend, besonders wie er uns zwingt wirklich darüber nachzudenken, was es bedeutet, kulturelle Normen zu hinterfragen. Wer forderte wirklich das System auf seiner tiefsten Ebene heraus: der „düstere“ Grunge Rocker oder der „harmlose, nicht-bedrohliche“ Popstar? Wie du in deinem Artikel zeigst, Joe, kann Wahrnehmung sehr irreführend sein. Und ich will Kurt Cobain in keinster Weise irgendwie verleumden. Vielmehr rede ich über die von dir so gut beleuchteten Unterschiede darüber, wie jeder von den beiden wahrgenommen wurde.

Ich bin auch fasziniert davon, dass deine Freunde Michael Jackson als „Freak oder zu feminin oder ‚schwul’“ abgewiesen haben, denn ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass die Herausforderung sozialer Normen über Geschlechterrollen und Sexualität die am meisten grenzüberschreitende Sache war, die Michael Jackson jemals getan hat. Weißt du, es gibt eine Menge Rockstars, die Make-up und Kleidung auf eine androgyne Weise tragen, aber dann wieder eine Art von Über-Maskulinität zum Ausdruck bringen, sogar Frauenfeindlichkeit, durch ihre Lyrics und ihr persönliches Leben, das uns alle wissen lassen soll, dass wir es hier mit richtigen Männern zu haben. Wir können es im Punk Rock über Heavy Metal bis zu Hip Hop erkennen. Es ist, als wollten sie sagen: Es ist okay, mit Geschlechterstereotypen ein bisschen zu spielen, wenn du am Ende des Tages mit einem Haufen Groupies schläfst oder Frauen „Bitches“ nennst und beweist, dass du im Herzen ein wirklicher Mann bist.

Michael Jackson hat das nie getan. Er hat grundlegend in Frage gestellt, was es bedeutet „ein Mann zu sein“, wie er es in Beat It und Bad bespricht, und er weigerte sich, sein Anderssein auf „angemessene“ Weise auszudrücken. Er war nicht „angemessen“ heterosexuell oder angemessen schwul oder angemessen maskulin oder feminin oder ordnungsgemäß schwarz oder weiß. Und er zahlte einen riesengroßen Preis dafür. Das liefert starke Argumente dafür, dass das der Grund ist, warum die Belästigungsvorwürfe „an ihm haften geblieben“ sind – weil er die Normen für Geschlechterrollen und Sexualität herausgefordert hat. Und niemand hat ihn verteidigt, von den eigenartigen Theorietypen zur Linken über die Baptisten aus dem Süden zur Rechten bis zu jedermann dazwischen. Er hatte keine andere Anhängerschaft als seine Fans, weil er sich weigerte, sich in ordentliche vorgefertigte Kategorien einzupassen, die für die Identitätspolitik jedes Schlags akzeptabel waren.


Joe: Ich stimme vollkommen mit dir überein, Willa. Das ist Teil von dem, was James Baldwin aussagt in seinem Essay Freaks and the American Ideal of Manhood. Michael weigerte sich, das zu sein, was die Leute von ihm zu sein erwarteten. Er hielt den traditionellen Drehbüchern von Rasse, Geschlechterrollen und Sexualität stand. Ich sah vor kurzem einen Rohschnitt von Spike Lees neuer Dokumentation für Bad 25, und das Bad Video unter Regie von Martin Scorsese blieb wirklich bei mir haften.

Willa: Oh, das stimmt! Spike Lee hat dich als Berater hinzugezogen, richtig? Joie und ich wollen wirklich gern mit dir darüber sprechen!

Joe: Ja, es war eine großartige Erfahrung. Spike ist einer meiner Helden – ich habe so viel Respekt vor seiner Arbeit. Er hat mich mehrere Male nach Brooklyn geholt. Bei einem dieser Male gingen wir in ein Kino in Manhattan und sahen uns eine zweistündige Rohfassung der Dokumentation an. Der Teil mit dem Bad Video war einfach phänomenal. Ich hatte Gänsehaut. Ich denke, es ist solch ein mutiger, kühner, komplexer Film, und er untersucht viele dieser Themen, die wir diskutieren, auf wirklich grundsätzliche Art und Weise. Der Refrain „Who’s bad?“ handelt in vielerlei Arten von Akzeptanz und Solidarität. Aber er handelt auch von trotzigem Widerstand und davon, die Bandbreite der Möglichkeiten für einen schwarzen Mann in Amerika auszuweiten. Bedenkt, er zeigt nicht nur, dass er noch mit seinen Freunden in Harlem (und in der Erweiterung, der Black Community) zusammen ist; er sagt auch der Weißen Entertainment Industrie: „Ihr könnt mich nicht auf einen Typ reduzieren. Ich weigere mich, in eine von den vier oder fünf Schubladen zu passen, in die ihr schwarze Leute steckt.“ Also, es ist ein wirklich bemerkenswerter Kurzfilm in vielerlei Hinsicht.

Joie: Es ist ein bemerkenswerter Kurzfilm, und Willa und ich arbeiten gerade an einer Bad Serie zu Ehren des Jubiläums des Bad Albums.

Aber was du gerade sagst über die Weigerung, in eine der Schubladen zu passen, die für schwarze Menschen vorgesehen sind, erinnert mich gerade an einen anderen Artikel in Featuring Michael Jackson: Bist du das Biest, das du dir vorstellst: Der kulturelle Missbrauch von Michael Jackson (Am I the Beast You Visualized: The Cultural Abuse of Michael Jackson). Ich liebe diesen Artikel einfach, weil er beleuchtet, wie Jackson durch die Massenmedien in seinem Land behandelt wurde, und für mich hat dieser Artikel mehr als jeder andere das Potential, Nicht-Jackson-Fans darüber aufzuklären, wer er war und was er durchmachen musste. Wenn du schreibst, ist es dann deine Absicht, andere über Jackson aufzuklären oder schreibst du ganz einfach deine Gedanken nieder?

Joe: Es freut mich zu hören, dass ihr an einer Bad Serie arbeitet! Ich bin sicher, sie zu lesen, wenn es soweit ist. Um deine Frage über meine Absichten beim Schreiben zu beantworten: Es ist wirklich eine Reihe von Dingen. Ich versuche, den Leuten Michaels Werke nahezubringen, die bisher nicht in solchen Kategorien über ihn gedacht haben. Also ja, da ist definitiv eine „erzieherische“ Komponente dabei. Ich möchte, dass die Leute Michael und seine Werke auf eine neue Art und Weise sehen und erfahren. Ich glaube, für den Durchschnittsmenschen ist er immer noch mehr ein berühmter Unterhaltungskünstler als ein wirklicher Künstler und Mensch, obwohl sich das gerade ändert. Mein Ziel war immer, zu versuchen, die Vielfalt, Tiefe, Kraft und Vitalität seiner Werke zu zeigen und zu dokumentieren, wie er als Künstler vorging. Wenn ich schreibe, dann ist mein hauptsächliches Ziel, zu versuchen, Michael Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – denn ich bin der Meinung, dass er sehr herablassend und abweisend von den meisten Kritikern und Journalisten behandelt wurde. Nun, die Kehrseite versucht nun, ihn in eine Art Halbgott zu verwandeln, oder wie einige Fans es getan haben, ihn zu beschlagnahmen aus verschieden „Gründen“. Was ich zu tun versuche, ist, mich auf die Bandbreite und Verschiedenheit und die facettenreiche Natur seiner Kunst zu konzentrieren. Ich versuche, mich gegen diese Erzählungen zu stellen, die ihm seine Humanität oder seinen rechtmäßigen Platz als einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts absprechen wollen. Dieser letzte Teil ist für einige Künstler vielleicht nicht so wichtig, aber er ist es für Michael, denn dafür steht er.

Willa: Und das ist …? Er repräsentiert so viele Dinge für so viele Menschen, so dass Ich mich frage, ob er dieselbe Sache für dich repräsentiert wie für mich, oder für dich, Joie.

Joe: Gut, du hast Recht damit, dass er viele Dinge für viele Menschen repräsentiert, aber was ich meine, wenn ich das sage, ist, dass Michael Jackson einen besonderen Ort andeutet. Wer er war und wo er herkam hat eine Bedeutung dafür, wie er akzeptiert und gelesen wurde. Für mich repräsentiert er, in seinem Leben, seinem Werk, seinem Kontext, in dem er erschafft, den „Anderen“, was etwas ist, das ich in jenem Stück untersuche. Hier ist ein Ausschnitt:

In They Don’t Care About Us sagt er für die Entrechteten und Erniedrigten aus. „Sag mir, was wurde aus meinen Rechten,“ singt er, „Bin ich unsichtbar, denn du ignorierst mich?“ Little Susie zieht die Aufmerksamkeit auf die Notlage der Vernachlässigten und Verlassenen, es erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen Gaben unbemerkt bleiben, bis sie zu Hause auf dem Boden der Treppe tot aufgefunden wird („Heb sie vorsichtig hoch“, singt Jackson, „Oh, das Blut in ihrem Haar“); Earth Song bietet eine epische Klage im Namen des Planeten und seine verletzlichsten Bewohner (repräsentiert durch die leidenschaftlichen Rufe des Chors „Was ist mit uns?“) Durch solche Songs (genauso wie durch sein Leben und seine Persönlichkeit) wurde Jackson eine Art globaler Repräsentant des/der „Anderen“. Die Massenmedien allerdings schätzten Jacksons Andersartigkeit nie, ebenso wie sie nicht die „anderen“ schätzten, von denen er in seinen Songs sprach. Lieber erfanden sie eine Geschichte, die simpel und lukrativ war – Jackson als exzentrischer „Freak“ – und darin steckten sie nahezu drei Jahrzehnte fest, während sie schrittweise den Einsatz erhöhten.

Willa: Oh, ich bin absolut der gleichen Meinung, dass er „für die Entrechteten und Erniedrigten aussagt“, wie du es ausdrückst, und denjenigen ohne Stimme eine Stimme gibt. Und er hinterfragt nicht nur, wie wir über Andersartigkeit denken, sondern wie wir darüber fühlen, und das auf eine sehr kraftvolle Weise. Das ist etwas, das mich zu seinen Werken von Anfang an hingezogen hat, seit ich als kleines Mädchen zum ersten Mal Ben gehört habe. – es ist eines der Dinge, über die wir gerade gesprochen haben, dass ich ganz tief fühlte, es aber erst sehr viel später artikulieren konnte. Typischerweise ist das Andere unsichtbar oder, wenn wir es sehen, dann ist es verwirrend, peinlich, bedrohlich. Aber er fordert uns auf, uns selbst in dem Anderen zu sehen und Mitgefühl zu haben, so wie in Ben und so vielen seinen späteren Songs – und uns sogar befreit zu fühlen durch die Möglichkeiten, die das Andere repräsentiert, wie wir es auch in Ghosts erkennen und in vielen seiner späteren Werke genauso.

Aber wisst ihr, während er auf viele Arten den Außenseiter repräsentiert, wurde er auf andere Arten als der ultimative Insider gesehen. Im Grunde begann die Gegenreaktion gegen ihn vor den Skandalen und Vitiligo und den „exzentrischen Seltsamkeiten“, wie er sie in Is It Scary selbst nennt. Und als die Gegenreaktion damals in den 80ern begann, war es nicht deswegen, weil er „freaky“ war. Es war genau das Gegenteil. Es war, weil er zu sehr als Mainstream gesehen wurde, zu konventionell, zu sehr auf Abverkäufe fokussiert und nicht darauf, die Musik zu revolutionieren – mit anderen Worten, er wurde zu sehr als Establishment gesehen. Und wie du es so gut in deinem Artikel dargestellt hast, indem du Dangerous mit Nevermind vergleichst, wiesen die Kritiker Dangerous nicht zurück, weil es zu grenzüberschreitend war, sondern weil sie nicht erkennen konnten, wie grenzüberschreitend und anders und kühn es wirklich war.

Also ist sogar seine Andersartigkeit zweideutig, und wir sehen dieselbe komplexe Dualität, sogar Vieldeutigkeit, die wir so oft in ihm sehen. Er ist Insider / Outsider, Christ / Buddhist / Islamisch / Jüdisch, Umweltschützer / Materialist / Künstler.


Joe: Teilweise sehe ich das auch so, Willa. Ich pflichte dir definitiv bei, dass diese wechselnden Spannungen und Paradoxa wesentlich für Jackson und sein Werk sind. Aber ich bin nicht der Meinung, dass er erst später in seiner Karriere „anders“ und „exzentrisch“ wurde. Auf der Höhe seiner Karriere war er, wie er in seiner berühmten Rolle in Thriller sagt “nicht wie die anderen Jungs“. Farrakhan kritisierte ihn 1984 für sein „weibliches Auftreten, seinen verweichlichten Ausdruck“. Viele Leute dachten, er sei schwul, beginnend in den späten 70ern und dass er Hormone nehmen würde wegen seiner Stimme. Und natürlich, wie die Rassentrennung auf MTV und im Radio deutlich machte, war er ein junger Schwarzer Mann, der in einem Industriezweig arbeitete, der fast vollständig von Weißen Männern dominiert wurde. Also für mich ging es bei der Gegenreaktion nicht darum, dass er zu sehr dem Mainstream angehörte; ich denke, das Establishment fühlte sich unwohl und bedroht durch seine Macht und seine Andersartigkeit. Das Paradoxe daran ist für mich, dass er es fertigbrachte so populär zu sein trotz dieses Andersseins.

Willa: Okay, es ist eine komplizierte Frage. Du hast Recht damit, dass es Leute gab, die Kommentare über ihn in den 80ern machten, aber es gibt immer Leute, die Kommentare abgeben, besonders jemand wie Louis Farrakhan, der seine Karriere damit bestritten hat, schockierende Dinge zu sagen. Es werden heute Dinge über Justin Bieber und über ziemlich jeden Prominenten da draußen gesagt. Aber so wie ich mich daran erinnere, war das nicht die vorherrschende Erzählung über Michael Jackson in den 80ern. Wenn überhaupt wurde er als zu rein und eingegrenzt gesehen, zu konventionell – ein Leichtgewicht. Wie er auch 1988 in Moonwalk schrieb:

„Ich denke, ich habe ein superbraves Image in der Presse, und ich hasse das. …Jeder hat viele Facetten, und ich bin da nicht anders.“

Und die Frage seines Status als Insider / Outsider ist sogar noch komplizierter. Wie du so eindrucksvoll in dem Eröffnungsartikel zu deinem neuen Buch Unübertroffen: Rasse, Repräsentation und die missverstandene Kraft von Michael Jacksons Musik (Second to None: Race, Representation, and the Misunderstood Power of Michael Jackson’s Music) betont hast, erhielt er nie die Anerkennung, die er verdient hat. Deine Liste mit Rolling Stone Album Covers ist ein eindeutiges Beweisstück – ich war schockiert darüber. Und dann gibt es da die bekannte Geschichte, wie Off The Wall ignoriert wurde bei den Grammys. Also in diesem Sinn wurde er an den Rand gedrängt und war etwas wie ein Außenseiter.

Aber auf der anderen Hand hatte er sehr viel Macht in 1980er Jahren – die Macht eines Insiders – und er wusste, wie er sie nutzen musste. Typisch dafür, wenn wir an einen Außenseiter denken, denken wir an jemanden ohne Macht und ohne Stimme – jemand, der ungehört und unsichtbar bleibt denen gegenüber, die die Macht haben. Niemand nimmt ihre Anrufe an, und sie sitzen verlassen in der Lobby, wenn sie versuchen, an einem Meeting teilnehmen zu können. Das war nicht Michael Jacksons Position in der 80ern. Jeder nahm in den 80ern seine Anruf entgegen. Ob sie ihn mochten oder nicht, sie hatten immer noch mit ihm zu rechnen. Er war schlicht zu mächtig, um ignoriert zu werden.

Aber wie wir durch seine Musik sehen können, identifizierte er sich immer noch stark mit denen ohne Stimme, und so lieh er ihnen seine Stimme. Er nutzte seine Stimme – die Stimme eines Insiders – um für jene zu sprechen, die draußen stehen gelassen wurden, um ihre Anliegen und Standpunkte auszudrücken. Er wusste, wie es sich anfühlte, übersehen und an den Rand geschoben zu werden, jedoch verstand er auch, wie Macht funktionierte, aus der Sicht des Insiders. Und diese Doppelsicht auf den Insider / Outsider ist faszinierend für mich. Es ist Teil dessen, was seinem Werk eine solche Tiefe und Schattierung verleiht.

Joe: Ich denke, wir sind hier größtenteils auf derselben Seite, obwohl wir die Gegensätze vielleicht ein wenig unterschiedlich umrahmen. Ich stimme zu, dass er populär, erfolgreich und mächtig war, aber ich fühle mich immer noch nicht wohl damit, ihn als einen „Insider“ zu beschreiben. Sogar auf dem Gipfel seiner Akzeptanz durch den Mainstream, als er mit Reagan im Weißen Haus auftaucht, ist er eindeutig nicht ein Teil jener Welt. Er ist anders (in der Tat, fast das genaue Gegenteil von Reagan).

Ich habe eine Biografie über Michael Jackson, geschrieben von Dave Marsh mit dem Titel In die Enge getrieben: Michael Jackson und der Crossover-Traum (Trapped: Michael Jackson and the Crossover Dream), das 1985 veröffentlicht wurde. Marsh repräsentiert die Art von kultureller Übereinstimmung, die aus den Reihen der etablierten Journalisten und Rockkritiker der 80er kommt, und der Ton ist sehr herablassend, arrogant und verächtlich. Michael wird ganz eindeutig nicht auf die Art ernst genommen wie es, sagen wir mal, bei Bruce Springsteen der Fall ist. Die Ironie ist (und das ist das, was ich versuche, in dem Dangerous Stück und dem Atlantic Stück herauszustellen), dass Kritiker wie Dave Marsh sich selbst betrügen, indem sie glauben, dass sie und ihre traditionellen Weißen hetero-normierenden Rockstars die „Outsider“ sind, während sie diejenigen sind, die sich in sehr viel konservativeren Rollenbildern wiederfinden, diejenigen sind, die auf Magazinen erscheinen, diejenigen sind, die keinen Ärger damit haben, in Fernsehshows und ins Radio zu gelangen, diejenigen sind, die von Kritikern und Managern umgarnt werden.

Also ja, Michael war ein Insider in der Hinsicht, dass sein Erfolg ihm etwas Geld und eine enorme Plattform verschaffte – und er war ein kühner Geschäftsmann, der die Industrie verstand und einige ihrer größten Machthaber überlistete. Aber als er erstmal irgendwann einige dieser Rollen getauscht hatte, wie Baldwin es ausdrückt, hatte er eine enorme Zielscheibe auf seinem Rücken, weil er niemals wirklich als Teil dieses Systems akzeptiert worden war. Seine Macht und seine Stellung waren immer unsicher. Er musste Hürden im Fernsehen, Radio und in den Printmedien überwinden – kein Zugang davon war von vornherein gegeben in den frühen 80ern. Aber die Ironie ist, dass sogar, als er dies getan hatte und Millionen Platten verkaufte und ständig auf MTV rotierte, er kulturell als „anders“ positioniert war – und, natürlich, intensivierte sich das in den Jahren, die folgen sollten.

Willa: Ich erkenne, was du sagen willst, und ich denke, du liegst richtig – wir sind grundsätzlich auf derselben Seite. Ich vermute, es hängt einfach davon ab, wie wir einen Insider definieren. Weißt du, eine Menge Leute dachten auch von Reagan, dass er ein Außenseiter war, weil er nicht Teil des Washingtoner Establishments war, nicht auf die „richtigen“ Schulen gegangen war oder keinen Juraabschluss hatte – er war ein Schauspieler, und ein geschiedener Schauspieler dazu. Die alte Garde seiner eigenen Partei akzeptierte ihn lange Zeit nicht. Und ich weiß nicht, ob irgendjemand sich seiner Position jemals so sicher sein kann, dass er nicht befürchten müsste, er könnte seinen Status einmal verlieren. Präsidenten können die nächste Wahl verlieren; Industriemagnaten können ihr Geld verlieren; Rockstars können ihre Fanbase verlieren. Der Status als Insider ist für jeden unsicher, und die tief sitzende Angst, die durch diese Unsicherheit ausgelöst wird, ist Teil dessen, was das ganze System am Laufen hält, denke ich.

Aber ich stimme unbedingt zu, dass Michael Jackson eine Außenseiter-Sensibilität besessen hat, ganz sicher wesentlich mehr, als die meisten Rockkritiker, die ihn verurteilt haben – Kritiker, die sich selbst so positioniert haben, dass würden sie gegen das System wüten, während sie es darin doch ganz bequem hatten und es für sie funktionierte. Was eine besondere Ironie in sich birgt, wenn sie so herablassend und verächtlich über Michael Jackson als Repräsentant des Establishments sprechen.

Joie: Gut, ich denke, diese Debatte zwischen euch beiden war faszinierend, und ich kann mich nicht entscheiden, für welche Seite ich mich entscheide. Ich denke, ihr beide habt berechtigte Punkte angeführt, und ich stimme euch beiden zu. Ich denke, Joe hat Recht, wenn er sagt, dass ihr grundsätzlich auf derselben Seite seid.

Joe, Willa und ich begrüßen es wirklich sehr, dass du dir wieder einmal die Zeit für ein Gespräch mit uns genommen hast, und ich bin begeistert Featuring Michael Jackson in meine persönliche Bibliothek aufnehmen zu können. Es ist eine wunderbare Sammlung und, wie immer, so zum Nachdenken anregend. Ich habe ganz ehrlich das Gefühl, dass du im Kampf darum, die Unterhaltung über Michael Jackson zu ändern, an vorderster Front stehst, und dafür danke ich dir.

Willa: Ich auch. Danke, Joe.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mo 3 Dez 2012 - 21:53

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Michael:
Du hast sie dazu gebracht, es wichtig zu nehmen

29/08/2012

Willa: Hi Joie. Da sind wir also wieder! Hattest du einen schönen Sommer?


Joie: Yeah, es war schön. Wir haben keinen richtigen Urlaub gemacht oder so, aber wir haben einige großartige Wochenenden am See verbracht.


Willa: Oh, das klingt gut! Ich weiß, wie sehr du den See liebst. Ich habe einen großen Teil des Sommers beim Campen und Wandern mit Teenagern und Pre-Teens (Kinder im Alter zwischen 9 und 12 Jahren) verbracht, was ein Wahnsinnsspaß war, und Joie, ich muss dir unbedingt diese Geschichte erzählen. Ich war in Mesa Verde, das solch ein erstaunlicher Ort ist mit diesen wunderschönen 700 Jahre alten Felsenwohnungen. Etwas sehr Beruhigendes, Friedliches und sehr Spirituelles umgibt diese Behausungen.


Jedenfalls fuhr ich am zweiten Tag oben auf der Hochebene entlang, während Earth Song aus meiner Stereoanlage erklang, und es war ein wundervoller Morgen, es schien einfach alles perfekt. Und dann blickte ich zu meiner Linken und sah vier wilde Mustangs neben uns her laufen! Wir bewegten uns eine ganze Weile Seite an Seite, aber schrittweise kamen sie immer näher, also verringerte ich etwas das Tempo, und eins von ihnen lief vor mir her, drehte sich herum und stand vor mir, wobei es seinen Kopf auf und ab bewegte. Es war überwältigend! Später sprach ich mit einem der Führer, und er sagte, dass es etwa 150 wilde Pferde in Mesa Verde gäbe, aber sie würden normalerweise unten in den Canyons grasen. Hin und wieder allerdings würden sie nach oben auf die Hochebene kommen. Es war so unglaublich! Nun denke ich jedes Mal, wenn ich Earth Song höre, an diese wilden Pferde.


Joie: Wow! Oh, ich wette, das war wunderschön, Willa. Also, wie laut lief deine Anlage im Auto? Vielleicht konnten sie den Earth Song hören, und sie mochten ihn!


Willa: Ich weiß nicht, ob sie es gehört haben, aber jemand anderer hat es. Ich hatte drei Kinder bei mir – vorne einen 16-jährigen und hinten einen 14- und einen 12-jährigen. Der 14- und der 12-jährige waren ziemlich aufgeregt, aber der 16-jährige blieb die ganze Zeit ausdruckslos – er scheint gerade durch seine „coole“ Phase zu gehen. Aber am nächsten Tag kam er zu mir und fragte: „Was war das für ein Song, den du gestern gespielt hast? Der so ging wie dies hier …“ und dann sang er den langen „ah, ah, ah“ Teil vom Earth Song, jede Note – du weißt, den Teil im Video, wo jeder seiner Hände in die Erde gräbt. Das hat mich umgehauen. Also, sogar obwohl er in dem Moment keine große Emotion gezeigt hat, denke ich, er hat’s kapiert. Etwas ist auf jeden Fall passiert.


Heute also wäre Michael Jacksons 54. Geburtstag gewesen, und ich habe versucht, mir dafür etwas Bedeutungsvolles auszudenken, um seiner zu gedenken. Also habe ich angefangen, mich zu fragen, was Michael Jackson selbst wohl getan hätte, um an den Geburtstag eines Menschen zu erinnern, den er verehrt, und das erinnerte mich an den Song, den er für Sammy Davis, Jr. aus Anlass von dessen 60. Geburtstag schrieb und vortrug:




Er führte ihn nur ein einziges Mal auf, und es wird selten erwähnt, aber es ist so bewegend. Die Lyrics sind sehr ausdrucksstark und der Ausdruck auf dem Gesicht von Sammy Davis, Jr., als er Michael beobachtet, wie er diese Worte singt … Du kannst genau sehen, wie viel es für ihn bedeutet.

Joie: Das stimmt, Willa; dem Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen kannst du genau sagen, dass er einfach so bewegt ist durch Michaels Worte. Und ganz ehrlich, wenn du hinhörst, ist es nicht schwer zu verstehen, warum. Es ist eine sehr emotionale und persönliche Botschaft, die Michael in diesem Song vermittelt. Und du kannst wirklich die Tiefe seiner Emotion spüren, als er diesen besonderen Song für eines seiner Idole vorträgt. Diese Worte, die er singt, bedeuten ganz offensichtlich sehr viel für ihn. Es ist ziemlich bewegend.


Willa: Das ist es wirklich, und es ist auch eine sehr stilisierte Darstellung, soweit das Sinn macht – es scheint fast wie ein Auftritt aus einer anderen Zeit zu sein. Es ist, als würde er Sammy Davis Jr. nicht nur durch seine Lyrics würdigen, sondern ebenso auch durch diese sehr stilisierten Gesten. Er verkörpert auch ikonische Posen, die ganz eindeutig seine eigenen sind, aber sie scheinen sich auf perfekte Weise mit jenen aus der Vergangenheit zu synchronisieren, so dass es so scheint, als würde er durch seine Darstellung demonstrieren, wie sehr seine Bewegungen sich in diese Tradition des Tanzes und der Gesten derer, die vor ihm gegangen sind, einfügen.


Joie: Oh ja, ich stimme dir zu; ich denke, viele seiner Bewegungen während dieses Auftritts sind so sehr eine Reminiszenz an Sammy Davis, Jr. und an die Art, wie er sich bewegt hat. Also hast du Recht, es ist, als würde er durch den Song selbst auch sich Anerkennung zollen, aber ebenso auch durch seine Bewegungen.


Weißt du Willa, ich habe den Song eine ganze Zeit lang nicht gehört, aber weißt du, was mir am meisten auffällt, wenn ich diesen Clip jetzt ansehe? Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss an all diese jungen Künstler da draußen denken, die plötzlich zu Michael aufsehen und ihn als einen ihrer größten Einflüsse zitieren. Künstler wie Justin Bieber und Chris Brown und andere. Sie alle sehen zu Michael als einem ihrer Helden auf, genauso wie Michael zu Sammy Davis und James Brown und Jackie Wilson aufgesehen hat.


Willa: Ich erkenne, was du meinst, Joie. Die Tradition setzt sich auf eine sehr eindrucksvolle Art durch diese neue Generation an Künstlern fort, und Michael Jackson spielte eine sehr bedeutende Rolle darin, diese Tradition zu fördern – er trug das Staffelholz auf einem langen Weg! Aber ich finde auch, dass da etwas ganz Besonderes ist, das Sammy Davis, jr. und Michael Jackson gemeinsam haben, und das ist, wie sie beide die Rassenschranken durchbrochen und dafür einen hohen Preis gezahlt haben. Wie Michael Jackson auf so bewegende Art singt:


Du warst da, bevor wir kamen

Du nahmst den Schmerz auf dich, du nahmst die Schande auf dich

Sie bauten Mauern vor dir auf, um deinen Weg zu blockieren
Du hast sie niedergerissen, du hast den Kampf gewonnen


Es war nicht richtig, es war nicht gerecht

Du hast es ihnen allen gezeigt

du hast sie dazu gebracht, es wichtig zu nehmen
Ja, du warst da, und der Dank geht an dich
Nun gibt es eine Tür, durch die wir alle gehen


Und hier sind wir, vor aller Augen

Um die Besten zu sein, so gut wir können

Ja, ich bin hier
Weil du da warst


Ich denke, er singt ziemlich eindeutig über den Rassismus, dem Sammy Davis, Jr. ausgesetzt war. „Es war nicht richtig“ und „Es war nicht gerecht“, wie Michael Jackson singt, aber er hat es ausgehalten. „Du nahmst den Schmerz auf dich, du nahmst die Schande auf dich“. Und deswegen geht „der Dank an dich / Nun gibt es eine Tür, durch die wir alle gehen“. Ich denke, dass das „wir“, über das er in diesen Zeilen spricht, speziell Schwarze Künstler meint, deren Leben und Karriere ein wenig leichter verlief, weil Sammy Davis, Jr. den Anfang gemacht hat.

Joie: Ja, ich bin vollkommen der gleichen Meinung. Und ich glaube auch, dass es nun viele Schwarze Künstler da draußen gibt, die exakt dasselbe über Michael Jackson denken. Immerhin, wenn er nicht gewesen wäre und die Rassenschranken zum Beispiel auf MTV niedergerissen hätte, hätte es Hunderte anderer Schwarzer Künstler gegeben, deren Videos niemals auf diesem Sender gespielt worden wären. Ähnlich ist es damit, dass, wenn es nicht Michaels erstaunlichen Crossover Erfolg durch das Thriller Album gegeben hätte, dann Hunderte von Schwarzen Künstlern niemals auch nur den Geschmack eines ähnlichen Erfolges hätten probieren können.


Willa: Ich denke, dass ist sehr wahr und wirklich bedeutend, Joie, und ich hoffe, sie sind in der Lage, auf die Art und Weise Kraft aus Michael Jacksons Leben und Karriere zu ziehen, wie er Kraft aus der Geschichte derer gezogen hat, die vor ihm gegangen sind. Weißt du, als die Dinge so schlecht für ihn liefen nach den Belästigungsvorwürfen und während des Kampfes mit Sony und des Prozesses 2005, da zitierte er die Kämpfe all jener, die vor ihm gegangen waren und schien Trost und Kraft aus ihrer Geschichte zu ziehen. Und das lässt mich über den Titel dieses Songs nachdenken. Du weißt ja, im letzten Frühjahr sprachen wir über Will You Be There und Kris, Eleanor und Nina hatten eine sehr interessante und sehr bewegende Unterhaltung in den Kommentaren über die besondere symbolische Verbindung zwischen I’ll Be There und Will You Be There Kris schrieb:


…da ist dieses Kind, das begann, uns mit der reinsten, engelhaftesten Stimme zu berühren und uns erzählte „Ich bin da“ „Ruf einfach meinen Namen, ich werde da sein, um dich zu trösten“, usw. Und er wurde zu diesem Mann, der sich selbst darin wiederfand, indem er sich wirklich ehrlich fragte „Wirst du für mich da sein“, und es war so traurig, wie so oft schien die Antwort ‚Nein’ zu sein. Die zwei Seiten derselben Münze, und die Wahrheit, die sie über sein Leben erzählen, sind sehr ergreifend für mich.


Ich weiß, was Kris meint – es ist auch für mich sehr ergreifend. Aber ich habe kürzlich darüber nachgedacht, dass da ein dritter Song zu dieser Serie gehört: You Were There.


Ich habe vor Kurzem gedacht, dass es eine kleine Gruppe gab, die ihn immer unterstützt und ihm Stärke und Mut gegeben hat, wenn er es brauchte, und sie beinhaltet Sammy Davis, Jr., James Brown, Chuck Berry, Jack Johnson, Mohammad Ali, Jesse Jackson und Nelson Mandela – mit anderen Worten, die Schwarzen Künstler und Kämpfer und politischen Figuren, die vor ihm da waren, die vor ihm diesen Weg gegangen sind und dieselbe Art von Vorurteilen und Hetzjagden und Spott erfuhren, der er sich gegenüber sah. Wenn man sich diese Liste ansieht, ist es ziemlich schockierend, wie viele von ihnen entweder im Gefängnis waren oder wie vielen mit Gefängnis gedroht wurde, ohne dass sie eigenes Verschulden daran trugen – sie waren ganz einfach zu einflussreich, als dass man sie ertragen konnte – und ich denke, Michael Jackson zog Kraft aus diesem Wissen.


Joie: Hmm. Das ist ein interessanter Gedanke, Willa. Die Idee, dass dieser Song mit den anderen beiden Songs, über die Kris, Eleanor und Nina diskutiert haben, eine Art Trilogie bildet. Eigentlich wäre ich sehr interessiert daran, ihre Gedanken über deine Feststellung zu hören – also Ladies, wenn ihr dies lest, schaltet euch ein.


Weißt du, Willa, ich denke, das Beste an diesem Song ist, dass er so aufrichtig und tief empfunden ist. Es ist wirklich einfach ein süßer, kleiner Song, findest du nicht auch? Ich meine, er wurde nie aufgenommen und niemals zum Kauf oder Downloaden angeboten, soweit ich weiß. Michael führte ihn nur dieses eine Mal, von dem ich weiß, auf und trotzdem, glaube ich, die meisten Fans – sogar sehr viele der neuen Fans – sind vor einiger Zeit darauf aufmerksam geworden. Ich glaube, das kommt daher, dass es immer eine Art „Fan Favorit“ war, und so machte es von Fan zu Fan die Runde. Ein bisschen wie wenn Neuigkeiten von etwas wirklich Großem sich durch Weitersagen mehr als durch herkömmliche Bekanntmachung verbreiten. Ich denke, das sagt viel aus über diesen süßen, kleinen Song.


Willa: Das stimmt, er ist wundervoll, obwohl ich denke, es ist eine ziemlich schneidende Kritik am Rassismus – was überraschend ist bei solch einem „süßen, kleinen Song“, wie du sagst. Wie so oft bei seinen Werken, können wir es interpretieren und darauf auf so vielen unterschiedlichen Ebenen reagieren.


Joie: Das ist sehr wahr, und es ist eine „ziemlich schneidende Kritik am Rassismus“ – wie du sagst. Aber es ist auch einfach wirklich süß und ehrlich, wie er einen Love Song mit der Würdigung und dem Dank gegenüber seinem Idol singt. Auf welche Weise du es auch siehst, es ist ein sehr eindrucksvoller, unaufdringlicher kleiner Song.


Willa: Und ein wundervolles Geburtstagsgeschenk für eines seiner Vorbilder.


So, du weißt, Joie, dies ist Michael Jacksons Geburtstag, aber es ist irgendwie auch unserer – unser erster Post wurde am 27. August im letzten Jahr geschrieben. Und Joie, ich möchte dir einfach nur sagen, wie sehr ich unsere Unterhaltungen genossen habe. Es macht so viel Spaß, mit dir zu arbeiten, und wie viel Wissen du über alles, was Michael Jackson betrifft, hast! Ich bin ständig erstaunt darüber, wie viel Informationen du nur in deinen Fingerspitzen hast und über all die Historie in deinem Kopf.


Joie: Das ist lustig, Willa. Vielleicht fühlt sich mein Kopf deshalb ständig so überfüllt an; es sind die ganzen MJ Statistiken, die darin herumschwirren! Aber im Ernst, ich habe unsere Unterhaltungen auch genossen. Ich habe so viel gelernt durch die Gespräche mit dir. Es war ein sehr interessantes Jahr.


Willa: Das war es wirklich. Also herzlichen Glückwunsch zum ersten Geburtstag, Joie! Und ich danke dir sehr dafür, dass du daraus eine so wundervolle Erfahrung gemacht hast.


Joie: Herzlichen Glückwunsch, Willa!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 20:45

Wir feiern Bad: Du willst ein Mann sein
05/09/2012

Willa: Also Joie, im vergangenen Juni haben wir begonnen, über den Kurzfilm Bad zu sprechen, aber wir hatten nicht wirklich die Gelegenheit, in die Tiefe zu gehen. Es scheint, als hätten wir gerade erst mit der Unterhaltung begonnen, als wir schon wieder aufhören mussten, und es gibt noch so viel, über das wir reden können!


Joie: Das stimmt, Willa. Es fühlte sich nicht so an, als wenn wir beim Video selbst so richtig in die Tiefe gegangen wären, nicht wahr?


Willa: Wirklich nicht. Wir hatten angefangen, darüber zu reden, dass es damals kein wirkliches Forum gab, um den vollen 16-minütigen Film sehen zu können, und das ist ein bedeutender Aspekt.


Joie: Das ist ein sehr bedeutender Aspekt und ich bin abgelenkt worden von meiner Geringschätzung für das „tatsächliche“ Format, das mein MTV auf dem Gewissen hat, und es tut mir sehr leid. Ich werde versuchen, diesmal beim Thema zu bleiben.


Willa: Okay, manchmal können diese Abstecher ziemlich bereichernd sein, aber ich würde auch gern die Gelegenheit haben, dass wir uns durch den Film selbst graben können, also hoffe ich, dass wir diese Woche da weitermachen können, wo wir vor ein paar Monaten aufgehört haben.


Weißt du, es scheint wirklich so zu sein wie jedes Mal, wenn ich einen von Michael Jacksons Kurzfilmen ansehe, dass ich etwas Neues entdecke oder dass etwas in mir nachklingt, was ich vorher nicht gespürt habe oder dass ich eine Verbindung sehe, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte. Und als ich Bad das letzte Mal angesehen habe, war ich wirklich getroffen von der Tatsache, dass diese Person in dem Film niemanden hat, dem sie wirklich vertrauen oder auf die sie sich verlassen kann. Wir hören die Stimme seiner Mutter (gesprochen von Roberta Flack), und sie klingt nach einer warmherzigen Person und nach einer liebenden Mutter, aber sie ist bei der Arbeit und nicht anwesend. Wir sehen sie gar nicht. Er scheint mit den anderen Jugendlichen in seiner weiterführenden Schule in Kontakt zu stehen und mit ihnen gut zurechtzukommen, aber es scheint keine wirklich tiefer gehende Freundschaft zu geben. Er scheint auch eine Verbindung zu seinen Freunden in der alten Nachbarschaft zu haben, aber sie setzen ihn stark unter Druck, damit er seine Zugehörigkeit zu ihnen unter Beweis stellt, also kann er sich auf sie auch nicht verlassen.


Im Grunde genommen ist die einzige Person, mit der er sich im ganzen Film wirklich verbunden fühlt der namenlose Typ in der Bahn. Wie Daryl (und Michael selbst) steht er zwischen zwei Welten – und dies wird buchstäblich dadurch dargestellt, dass sie mit einer Bahn von einem ungewohnten Leben zurück in das Leben fahren, in dem sie aufgewachsen sind. Also befinden sie sich beide physisch und symbolisch zwischen zwei Welten. Dieser Typ im Zug scheint zu verstehen, was Daryl gerade erlebt – dieses gönnerhafte Zeigen von Akzeptanz der anderen Schüler, die ihn nicht wirklich anerkennen – weil er es selbst erlebt hat. Er fragt Daryl: „Wie viele Jungs sind stolz auf dich?“ Daryl zählt im Kopf nach und sagt: „Drei.“ „Treffer,“ sagt der andere, „vier Jungs sind stolz auf mich.“


Aber dieser verbindende Augenblick dauert nur einen Moment an, und dann ist er gegangen. Interessanterweise ist es so, als wir den anderen Typ das erste Mal sehen, dass er bedrohlich scheint. Er beobachtet Daryl durch geschlitzte Augen, und Daryl fühlt sich unwohl und schaut weg. So ist es eine Erleichterung, als wir bemerken, dass wir diesem Typ trauen können … vielleicht. Wenigstens scheint er so wie jemand, dem wir trauen können, aber können wir es wirklich? Es erhöht also auf gewisse Art unser Gefühl des Zweifels und der Entfremdung und dieses Gefühl, dass da niemand ist, auf den er sich wirklich verlassen kann.

Joie: Du hast so Recht damit, Willa. Zu Beginn scheint es so, als sei dieser Typ im Zug jemand Bedrohliches, und ein paar Minuten lang wissen wir nicht wirklich, was wir davon halten sollen. Da gibt es ein überhöhtes Gefühl von Beklemmung. Dann, als er aus dem Zug aussteigt, haben die zwei eine Verbindung hergestellt – wie du sagst – auch wenn sie nur flüchtig ist. Und was ich interessant finde, ist, dass er, als er aussteigt, zu Daryl sagt, er solle „ein Mann sein“. Es ist, als würde er ihn auffordern, für sich selbst und für das, an was er glaubt, einzustehen und sich nicht vom Gruppendruck beeinflussen zu lassen. Er spricht eine Art Vorahnung aus, als würde er ihn auf das vorbereiten, was kommen soll.


Willa: Joie, das ist so interessant! Auf die Art habe ich es nie gesehen. Ich habe diesen Satz immer als Reaktion auf die Erfahrung in der Schule, die beide gemacht haben, und dass sie beide darauf vorbereitet werden, ein privilegiertes Leben zu führen und „der Mann zu sein“, gesehen. Aber du hast Recht – es wirft auch den Schatten auf die Bewährungsprobe voraus, der er in seiner alten Umgebung gegenüberstehen wird, die auf vielerlei Arten eine Art Prüfung seiner Männlichkeit ist. Und das erinnert mich wieder an die Lyrics in Beat It, was in gewisser Weise als eine Art Vorwort zu Bad dient:


(Du) willst kein Junge sein, du willst ein Mann sein

Du willst am Leben bleiben, dann tust du besser das, was du kannst


Hier spricht er auch darüber „ein Mann“ zu sein, aber in diesem Zusammenhang spricht er ganz offensichtlich über den Umgang mit Gangs. Aber es ist kompliziert – bedeutet ein Mann zu sein, Menschen zu verletzen oder selbst verletzt zu werden? Er wirft diese Frage ganz direkt in Beat It auf:


Du läufst besser weg, du tust besser, was du kannst

Willst kein Blut sehen, willst kein Macho sein

Du willst hart sein, tu besser, was du kannst
Also hau ab, aber du willst böse sein


Während er also begreift, dass „du ein Mann sein willst“, rät er dazu „kein Macho zu sein“ – obwohl er diese Strophe damit beendet, zuzugeben, dass „er böse sein will“. Also scheint er in beiden dieser Kurzfilme zu fragen, was es bedeutet, böse zu sein, ein Mann zu sein – und entwickelt seine eigenen einzigartigen Antworten daraus.


Joie: Und indem er das tut, zwingt er andere, ebenso über diese Fragen nachzudenken.


Willa: Genau.

Joie: Was bedeutet es denn, böse zu sein? Ein Mann zu sein? Indem er diese Fragen aufwirft, versucht er uns, durch seine Kunst zu erziehen – etwas, was er so wunderbar macht. Und wenn man über die Lyrics zu Bad nachdenkt, ist es fast, als würde er jungen Männern überall erzählen, dass ihre Vorstellungen darüber, was es bedeutet, ein Mann zu sein, falsch sind, denn so singt er:


Dein Gerede ist billig

Du bist kein Mann

Du wirfst Steine
Um deine Hände zu verstecken


Weißt du, es ist wie diese alte Redewendung, die deine Großmutter manchmal gesagt hat, wenn du dich schlecht benommen hast – „Wirf keine Steine und versteck‘ dann deine Hände!“ Natürlich, als Kind hast du nie verstanden, was das bedeuten soll; zumindest ich habe es nicht. Nicht, bis dieser Song herauskam, der mich aufrüttelte und dazu brachte hinzusehen und es herauszufinden. Grundsätzlich bedeutet es, dass man anfängt Ärger zu machen oder Dummheiten anzustellen und dann nicht die Verantwortung dafür übernimmt, wenn die Folgen ins Rollen kommen. Und unglücklicherweise gibt es ziemlich viel davon in unserer Gesellschaft – es ist immer der Fehler anderer. Das hat Michael Jackson also angesprochen in Bad und sagt damit, dass das nicht das ist, was ein richtiger Mann tun würde.


Willa: Weißt du, Joie, ich bekomme immer so viele neue Einsichten aus unseren Gesprächen. Ich habe niemals zuvor diese Redewendung gehört. Ich dachte immer, die Zeile mit dem „Steine werfen“ würde sich auf die Geschichte aus der Bibel beziehen, in der sich eine Menge versammelt, um eine Frau zu steinigen, die Ehebruch begangen hat, aber Jesus stoppt sie und sagt: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Mit anderen Worten, wir sollten keine „Steine werfen“ – wir sollten uns darauf konzentrieren, unser eigenes Verhalten zu verbessern anstatt das Verhalten anderer zu kritisieren. Aber dann habe ich nie verstanden, was der Teil mit „Versteckst deine Hände“ bedeuten sollte. Aber was du sagst über „Wirf keine Steine und versteck dann deine Hände“ ergibt sehr viel Sinn. Das ist so interessant.


Joie: Es ist interessant, nicht wahr? Es ist eine dieser alten Redewendungen, die nicht wirklich viel Sinn machen, bis du wirklich inne hältst und über sie nachdenkst. Natürlich, die Bedeutung einiger von ihnen habe ich nie herausgefunden. Wie „Ein Vogel in der Hand ist so viel wert wie zwei im Busch“. Was zum Kuckuck bedeutet das? Das macht mich wahnsinnig! Aber ich werde mich dieses Mal nicht ablenken lassen - versprochen!


Willa: Okay, ich werde auch brav sein und nicht fragen, was um alles in der Welt „splitterfasernackt“ (Naked as a jaybird - wörtlich übersetzt: Nackt wie ein Blauhäher) bedeutet. Vögel sind nicht nackt …


Aber egal, es scheint mir wirklich so, dass er eine neue Definition von „böse“ in diesem Film vorschlägt, und dadurch eine neue Definition von Männlichkeit. Zuerst fragt er seine Freunde: „Ihr wollt sehen, wer böse ist?“ und stimmt ihnen zu, bei dem Überfall dabei zu sein. Er stimmt mit ihrer Definition von „böse“ überein. Aber dann ändert er seine Meinung und gibt ihnen (und uns) eine andere Definition – und bietet uns zwei Beispiele dieser neuen Definition an.


Eine ist sehr subtil – so subtil, dass man sie leicht übersieht. Sie ist in dem Wanted-Poster in der U-Bahn-Station enthalten. Große Buchstaben auf dem Grund des Posters erzählen uns, dass dieser Mann BÖSE / BAD ist – und der Mann auf dem Fahndungsfoto ist Martin Scorsese, der Regisseur von Bad. Das Poster sagt uns außerdem, dass er „Schuldig wegen eines Sakrilegs“ ist. Scorsese arbeitete zu der Zeit an seinem Film Die letzte Versuchung Christi, und er stand deswegen unter starker Kritik, nämlich frevlerisch zu sein. Also scheint er uns damit zu sagen, dass Martin Scorsese „böse“ ist, weil er ein Künstler ist, der soziale Normen hinterfragt.


Ironischerweise könnte man das andere Beispiel aus genau dem gegenteiligen Grund übersehen, weil es so alles durchdringend ist – es ist Michael Jackson selbst. Er singt ständig wiederholend „Ich bin böse“ und er ist es, aber nicht, weil er hart und gewalttätig ist. Stattdessen ist er böse, weil er ein Künstler ist, und er ist ein Künstler eines gewissen Typs – ein Künstler, der uns zwingt, uns selbst und unsere Welt auf eine andere Art zu sehen. Mit anderen Worten, er ist böse auf dieselbe Art, wie es Martin Scorsese ist.


Michael Jackson scheint in diesem Film zu sagen, dass, gemein zu handeln, eine Waffe zu tragen, Drogen zu verkaufen, einen alten Mann auszurauben, Menschen zu verletzen – dass diese Dinge dich nicht „böse“ machen. Stattdessen bedeutet es, deine Talente zu entwickeln, besonders künstlerische Talente, und dann diese Talente einzusetzen, um wichtige Veränderungen in der Welt, in der Wahrnehmung und den Gefühlen der Menschen hervorzurufen. Michael Jackson und Martin Scorsese werden in der ganzen Welt respektiert, weil sie Künstler sind, mit der einzigartigen Courage, die Künstlern eigen ist. Sie sind unglaublich talentiert und kreativ, und, in Michael Jacksons Fall ganz besonders, haben sie die Beherztheit, eine ganz andere Vision davon, wie ein Leben gelebt werden kann, anzubieten.


Und das erinnert mich an das, was du gerade gesagt hast über das Steine werfen und dann die Hände zu verstecken, und dass das bedeutet, Dinge aufzurütteln und dann vorzugeben, du hättest sie nicht getan. Weißt du, Künstler und Gangmitglieder haben etwas sehr Wichtiges gemeinsam: Beide handeln regelwidrig (grenzüberschreitend), das bedeutet, sie hinterfragen beide die etablierte soziale Ordnung. Aber während Gangmitglieder es auf eine negative Art tun und dann „ihre Hände verstecken“, machen es Künstler auf eine positive Art und übernehmen Verantwortung und sind stolz auf ihre „Grenzüberschreitungen“. Sie zeigen ihre Hände.


Joie: Das ist eine sehr interessante Übereinstimmung, Willa. Ich wäre niemals auf diese beiden Dinge gekommen – Künstler und Gangmitglieder – sind sich in irgendeiner Form ähnlich, aber du hast eine großartige Aussage getroffen.

Willa: Sie scheinen sich jeweils am gegenteiligen Ende des Spektrums zu befinden, nicht wahr? Aber sie verschieben beide die Grenzen dessen, was sozial akzeptabel ist, und manchmal regen sie zur Veränderung an. Aber während Gangmitglieder dazu neigen, negative Veränderungen hervorzurufen – mehr Gewalt, mehr Polizei, mehr Unterdrückung, mehr Gefängnisse – können Künstler manchmal positive Veränderungen hervorbringen. Und ich denke, der Unterschied besteht darin, dass Gewalt die Menschen ängstlich und reaktionär werden lässt, so dass sie ihre Gedanken verschließen, während Kunst den Menschen dabei helfen kann, ihre Gedanken und Ideen für neue Arten des Sehens und Erlebens der Welt zu öffnen.


Joie: Sehr interessanter Vergleich. Aber weißt du, während wir über Gangmitglieder sprechen … es gibt da noch etwas bei diesem Video, das ich immer faszinierend gefunden habe, und das ist die Tatsache, dass der ganze Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, während die Tanzsequenz mit den Gangmitgliedern als lebhafter Farbfilm dargestellt wird.

Vielleicht sollte ich hier mal kurz unterbrechen und sagen, dass du und ich im vergangenen Frühjahr schon ein wenig darüber gesprochen haben, wer genau diese „Gangmitglieder“ in diesem ungewöhnlichen Kurzfilm sind, und ich hatte festgestellt, dass ich Daryls drei sogenannte Freunde nicht als Gangmitglieder sehe, sondern als Möchtegern-Schlägertypen. Wenn ich also „Gangmitglieder“ sage, dann beziehe ich mich auf die Tänzer, nicht auf die Freunde.

Willa: Obwohl sie eine ganz andere Art von Gang darstellen – eine „Gang“ von Tänzern, von Künstlern, was zu der Verbindung zwischen Künstlern und Außenseitern zurückführt, über die wir gerade gesprochen haben. Ich habe über diese Tänzer auf diese Art noch gar nicht nachgedacht bis jetzt, aber sie sie verkörpern auf gewisse Art die Verschmelzung dieser zwei Kategorien. Sie sind eine „Gang“ von Künstlern – sie sind ausgestoßene Künstler – also doppelt grenzüberschreitend.


Joie: Oh, du hast Recht. Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber ich liebe einfach die Art, wie dieser Teil des Kurzfilms vom Rest des Videos durch die lebhafte Farbigkeit abgesetzt ist, und ich frage mich immer, was Michael (oder Scorsese) versucht hat, mit dieser Unterscheidung zu vermitteln? Welche Botschaft versteckt sich hinter dieser künstlerischen Entscheidung? Könnte es vielleicht sein, dass das Elend des Lebens dieser drei Möchtegern-Schlägertypen in dem trostlosen, düsteren Schwarz-Weiß reflektiert wird, und dass Michael ihnen durch die Tanzsequenz zeigt, wie leuchtend und lebendig sie sein könnten, wenn sie ihre Welt der Gewalt und des Elends hinter sich lassen würden? Oder vielleicht ist das auch zu vereinfachend, und ich lese einfach zu viel da hinein.


Willa: Oh nein, ich denke nicht, dass du da zu viel hinein liest, Joie – überhaupt nicht. Es muss bedeutend sein, denn er wiederholt denselben Wechsel in Ghosts.


Joie: Oh ja, das stimmt; er nimmt denselben Übergang ebenso in Ghosts vor!


Willa: Das tut er. Wir sehen die angsterfüllten Dorfbewohner und den rachsüchtigen Bürgermeister, wie sie dem Schloss des Maestros entgegen schleichen, in Schwarz-Weiß, und dann öffnet sich eine Tür und sie sehen einen Raum von Farbe durchflutet, und das ist der Bereich des Maestros. Und ich denke, deine Interpretation dieser Veränderung in Bad funktioniert sehr gut für beide Filme. Wie du sagst „das Elend des Lebens der drei Möchtegern-Schlägertypen“ und der Dorfbewohner in Ghosts ebenso „wird reflektiert in dem trostlosen, düsteren Schwarz-Weiß“. Und wie du weiter sagst „Michael zeigt ihnen durch die Tanzsequenz, wie leuchtend und lebendig sie sein könnten, wenn sie ihre Welt der Gewalt und des Elends hinter sich lassen würden“. Ich finde, das ist eine wunderschöne Art die beiden Filme zu deuten.


Ein weiterer Weg sich dem anzunähern, ist, auf das berühmteste Beispiel eines Films, der zwischen Farbe und Schwarz-Weiß wechselt, zurückzublicken: Der Zauberer von Oz. Die Szenen in Kansas wurden alle in Schwarz-Weiß gedreht und die Szenen in Oz in Farbe. Michael Jackson war sich dieses Wechsels sehr bewusst und sprach darüber mit Rabbi Boteach, als er beschreibt, wie er die Auffahrt nach Neverland entworfen hat, beginnend mit dem sehr schlichten und einfachen Tor:


Ich wollte, dass die Leute sie aufschwenken lassen und dass sie wirklich etwas merkwürdig und ramponiert aussehen, so dass du wirklich das Gefühl hast, du kommst auf eine Ranch, und ich möchte, dass wenn du um die Kurve kommst, es sich in einen Farbfilm verwandelt, wie in Der Zauberer von Oz.


In Der Zauberer von Oz ist Dorothys „wirkliche“ Welt in Kansas Schwarz-Weiß, aber die Welt ihrer Vorstellung – die Welt von Oz – ist in Farbe dargestellt. Und dasselbe gilt ebenso für Bad: die schwarz-weißen Szenen sind „real“, und die Farbszenen stellen Daryls Vorstellung dar.


Joie: Willa, das ist faszinierend. Daran habe ich vorher nicht gedacht. Die Szenen in Farbe passieren in Daryls Vorstellung, also sind sie als Farbfilm dargestellt! Das ergibt jetzt so viel Sinn.


Willa: Yeah, aber es funktioniert nicht für Ghosts, wo all die Szenen – sowohl die farbigen, als auch die schwarz-weißen – „real“ sind. Dort scheint der Wechsel etwas anderes zu bedeuten. Die Farbszenen sind „real“, aber es ist eine überhöhte Realität, der durch die Kreativität eines beeindruckenden Künstlers Lebendigkeit verliehen wird – was näher an deine Interpretation herankommt, Joie. Und ich frage mich, ob das nicht auch näher an dem ist, was Michael Jackson genauso für Bad im Sinn gehabt hat. Wie in Ghosts, wissen wir während der Farbszene, dass wir uns in Anwesenheit eines beeindruckenden Künstlers befinden.


Wie also bei sehr vielen seiner Werke scheint Bad ein weiteres Beispiel von Metakunst zu sein – von Kunst, die über Kunst spricht, einschließlich der Bedeutung von Kunst und der Rolle des Künstlers. Und er scheint zu sagen, dass Kunst persönliche Erfüllung genauso wie sozialen Wandel bringen kann – dass auch wir durch Kunst von einer trüben, grauen, eintönigen Welt aus Schwarz und Weiß zu einer Welt in prächtiger Farbe wechseln können.


Joie:
Das ist ein netter Gedanke, Willa.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 20:48

Celebrating Bad: Die Musik visuell präsentieren
12/09/2012

Joie: Also Willa, jeder weiß ja, dass Thriller das bestverkaufte Album aller Zeiten ist. Aber wusstest du, dass für einen kurzen Zeitraum tatsächlich Bad an zweiter Stelle der bestverkauften Alben stand?


Willa: Wirklich? Nein, das wusste ich nicht.


Joie: Bis zum heutigen Tag wird es sogar immer noch als eines der bestverkauften Alben, die jemals gemacht wurden, betrachtet – ich glaube, es ist auf Platz 6 der weltweiten Rangliste – und bis Katy Perry mit ihrem Album Teenage Dream den gleichen Rekord erreichte, war es das erste und einzige Album, das fünf Number One Singles hervorbrachte.


Willa: Das wusste ich und es ist erstaunlich – besonders für ein Album, das viele im Hinblick auf die Verkaufszahlen als leistungsschwach ansahen. Es zeigt nur, wie hoch die Messlatte gelegt worden war für ein Album, das auf Thriller folgen würde.


Joie: Diese Leistungen waren 23 Jahre lang unerreicht! Und was ich am meisten an diesem Album liebe, ist, dass Michael über 80 % davon selbst geschrieben hat – neun von elf Tracks auf dem Album wurden von ihm geschrieben.


Also, worauf ich hier hinaus will, ist dass, obwohl Thriller für viele Leute oft als der Höhepunkt von Michael Jacksons Erfolg gesehen wird (und kommerziell ist das sicher richtig), doch im Grunde das nachfolgende Album Bad den Punkt markiert, an dem wir zu erkennen beginnen, dass der Künstler seine Flügel ausbreitet und künstlerisch, emotional, kreativ und politisch wächst.


Willa: Das ist sehr interessant, Joie, und etwas, was Quincy Jones ebenso angedeutet hat. Er sagt in der ersten zusätzlichen Aufnahme auf dem Bad, Special Edition Album: „Ich konnte ihn geradezu als Künstler beim Verstehen der künstlerischen Leistung und dem ganzen Zeug wachsen sehen.“ Also da gibt es eine Frage, die ich Quincy Jones am liebsten jedes Mal fragen würde, wenn ich das höre, aber ich werde dich jetzt in die Verlegenheit bringen und frage dich stattdessen: Was siehst du als die größten Zeichen für das Wachstum zwischen Thriller und Bad?


Joie: Okay, also zuerst mal das, worauf ich gerade hingewiesen habe. Die Tatsache, dass er den größten Teil der Songs darauf geschrieben hat. Bei seinen ersten Alleingängen als Erwachsener, Off the Wall und Thriller, war das nicht der Fall. Er schrieb nur drei der Songs auf Off the Wall und vier auf Thriller. Also denke ich, das zeigt großes Wachstum und Reife, sowohl in künstlerischer, als auch in kreativer Hinsicht.


Willa: Das ist wahr, und wir können das auch an der Zahl der Videos, die er dazu gemacht hat, erkennen. Er machte je drei für Off the Wall und Thriller, aber er machte acht für Bad – neun, wenn du Leave Me Alone mitzählst – und neun für Dangerous, also scheint Bad ein wichtiger Wendepunkt für ihn auch in dieser Hinsicht gewesen zu sein.


Joie: Und auch die Dinge, über die er schreibt. Die Themen der Songs auf Bad zeugen ebenfalls von sehr großer Reife und Wachstum.


Willa: Ich nehme es an, obwohl Billie Jean emotional so komplex ist und sehr viel Tiefe in Beat It und Heartbreak Hotel und ebenso in Workin’ Day and Night. Es ist nicht so, dass seine vorangegangenen Songs allzu simpel gewesen wären.


Joie: Durchaus, das ist sehr wahr. Allzu simpel ist nicht das Wort, das ich gebrauchen würde, um seine Texte zu beschreiben. Aber, ich weiß nicht. Das Bad Album scheint für mich einfach ein wenig „erwachsener“ zu sein als seine vorangegangenen Alleingänge.


Willa: Und mehr eindeutig „er“, weil er so viele der Songs selbst geschrieben hat, wie du schon vorhin erwähnt hast. Weißt du, die Geschichte, die du immer über Bad hörst ist die, dass er sich unter enormen Druck setzte, um Thriller zu übertreffen, und ich bin sicher, dass diese Art von Druck bis zu einem gewissen Grad da war. Ein Nachfolgealbum für Thriller zu erschaffen konnte schon einschüchternd sein, da bin ich sicher.


Joie: Oh ja, daran besteht kein Zweifel. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich diese Art von Druck anfühlen muss.


Willa: Ja, ich weiß. Aber wenn man sich dieses Album anhört, dann hat man nicht das Gefühl, dass es von einem Ort der Angst und Unsicherheit kommt. Er klingt sehr selbstsicher, mit einer Botschaft, von der er sich veranlasst sieht, sie teilen zu müssen und mit dem Selbstvertrauen, sie zu teilen. Ich frage mich, ob das ein Teil dessen ist, was du fühlst, Joie, wenn du sagst, dass dies für dich das Album ist, wo er wirklich zu sich selbst findet.


Joie: Da bist du auf der richtigen Spur, Willa. Er scheint auf diesem Album eine gewisse Ebene des Selbstvertrauens und sogar der Dreistigkeit erreicht zu haben, also vielleicht ist es das, worauf ich reagiere. Und weißt du, wenn ich über dieses Album nachdenke, ist es wirklich schwierig für mich, einen herausragenden Titel auszuwählen, der diese CD von anderen abhebt oder sie großartig macht, weil wirklich jeder Song ein Meisterstück für sich ist.


Willa: Ich weiß, was du meinst, und ich frage mich auch, ob das an all den Videos liegt. Du weißt ja, in Moonwalk spricht er über die Videos, die er für das Thriller Album gemacht hat und betont, dass sie nicht einfach als Marketingmaßnahme hinterhergeschickt wurden. Sie waren von Anfang an Teil seiner Vision. Er sagt:


Die drei Videos, die aus Thriller entstanden sind – Billie Jean, Beat It und Thriller waren alle Teil meines ursprünglichen Konzeptes für das Album. Ich war entschlossen, diese Musik so visuell wie möglich darzustellen.


Und Bad ist der Punkt, an dem er wirklich dieses Ziel, die Songs „so visuell wie möglich“ darzustellen, erreicht. Mit Ausnahme der Duette hat er für jeden Song auf dem Album ein Video gemacht, und ich denke, das trägt zu deinem Gefühl, über das du gesprochen hast, bei, Joie, dass „jeder Song ein Meisterstück für sich“ ist. Denn jeder einzelne Song hat sein eigenes Video, jeder einzelne vermittelt einem das Gefühl eines vollständig ausgeführten, multisensorischen Kunstwerkes.


Weißt du, sogar wenn ich nicht die Videos selbst ansehe, wie es der Fall ist, wenn ich die Songs von Bad aus meiner Anlage im Auto höre, sehe ich trotzdem diese Bilder vor mir. Sie sind für mich jetzt einfach ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Songs.

Joie: Ich bin einer Meinung mit dir, Willa; sie fühlen sich wirklich wie ein „wesentlicher Bestandteil eines jeden Songs“ an, und es ist fast unmöglich, sich nicht den entsprechenden Kurzfilm dazu vorzustellen, wenn du die Songs selbst hörst. Und ich bin sicher, dass das wahrscheinlich genau seine Absicht war, wie die Textstelle, die du aus Moonwalk zitiert hast, belegt. Und wie du vorher schon gesagt hast hat er für sein folgendes Album Dangerous ebenfalls neun Videos gemacht und acht für das HIStory Album, daher glaube ich, dass seine Darstellung der Musik „so visuell wie möglich“ etwas war, was sehr wichtig für ihn war und etwas, worin er sich stark engagierte.


Willa: Das sehe ich auch so. Ich habe wirklich das Gefühl, dass er den vollständigsten Ausdruck seiner Kunst durch seine Videos erreichte. Dort kommt alles zusammen: die Musik, der Tanz, die unglaubliche Stimme, die bildlichen Hinweise, die Hintergrundgeschichte und die Erzählung – oder wie er die Struktur seiner Videos beschreibt, der Anfang, der Mittelteil und der Schlussteil dessen, was er versucht zu vermitteln.


Joie: Stimmt. Und es lässt dich wirklich an seine große Liebe zum Film denken. Manchmal glaube ich, dass seine Videos so erstaunlich sind wegen seiner Liebe zum Film. Wie viele Male hat er über den Einfluss des Films gesprochen und über die Fähigkeit, ein Publikum überall hin mitzunehmen, wo du es haben willst, alles durch Film. Und viele Male, das ist das, was seine Videos tun – nehmen sie dich vorübergehend mit an einen anderen Ort. Einen Ort seiner Wahl. Es ist kein Wunder, dass er von ihnen als ‚Kurzfilmen’ sprach statt von Videos.


Und einfach nur über diese Tatsache nachzudenken macht mich wirklich wütend, dass er nämlich bei Invincible daran gehindert wurde, genau das zu tun. Ich liebe das Album so sehr, und ich hätte so gern erlebt, welche Videos er dafür gemacht hätte. Aber du hast Recht, Bad ist das erste Album, mit dem er sein Ziel erreicht, die Musik so visuell wie möglich zu präsentieren, und genau deswegen wurde sein Name praktisch ein Synonym für Musikvideos.


Es ist eine interessante Vorstellung, dass niemand anderer es zu jener Zeit wirklich machte. Weißt du, die meisten Künstler nutzten Musikvideos als eine Art Instrument zur Verkaufsförderung, und die daraus entstandenen Videos hatten sehr wenig mit dem Song selbst zu tun. Aber Michael änderte das alles; er ‚warf das Drehbuch über den Haufen’ wie man so schön sagt. Plötzlich waren Musikvideos nicht mehr irgendein abstrakter Zusatz, sondern sie waren eine Möglichkeit, einen Song tatsächlich zum Leben zu erwecken.


Willa: Und nicht immer auf eine Art, die man erwarten würde – wer würde jemals Liberian Girl hören und sich das Video dazu vorstellen, das er dafür erschaffen hat? Oder The Way You Make Me Feel? Oder Speed Demon? Oder Bad oder Smooth Criminal oder Dirty Diana? Genau genommen inszeniert das Dirty Diana Video die Lyrics wahrscheinlich viel genauer als die anderen: Während er über einen Künstler singt, dem ein Groupie näher kommt, entdecken wir, dass er wirklich ein Künstler ist, dem sich ein Groupie nähert.


Aber sogar das erhöht und verkompliziert die Lyrics auf eine interessante Art. In der Tat gibt es einige sehr interessante Details an Dirty Diana. Er singt beispielsweise über eine Dreiecksbeziehung zwischen sich selbst, My Baby und Diana. Diana will ihn einfach, oder ihre Vorstellung von ihm als berühmtem Rockstar, und es kümmert sie nicht wirklich, ob sie ihn oder My Baby verletzt. An einem Punkt singt er, dass er mit My Baby telefoniert und Diana ins Telefon spricht „Er kommt nicht zurück, denn er schläft mit mir.“ Das ist solch ein Augenblick des Betrugs – stell dir mal vor, wie schmerzhaft dieser Moment für ihn und My Baby gewesen sein muss – jedoch das Konzertpublikum tobt, wenn er das singt. Das Publikum wird verrückt. Und interessant ist – das Getöse der Menge in diesem Moment ist nicht auf dem Album; es ist nur auf dem Video.


Was die Reaktion der Menge ziemlich klar ausdrückt, ist, dass sie den Song nicht aus der Perspektive von My Baby hören, oder sogar aus seiner Sicht, sondern aus Dianas Perspektive – und wirklich, das ergibt perfekten Sinn, denn sie sind wie Diana. Sie wollen ihn auch, genauso wie Diana. Wir sehen das im Video, wenn er sein Shirt aufreißt. Die Menge wird wirklich wild an diesem Punkt. Er ist ein Objekt der Begierde und sie stellen sich vor, diese Begierde zu stillen, ungeachtet der Konsequenzen für ihn oder sein Privatleben.


Und im Grunde scheint das die Position zu sein, in der er das Publikum sehen möchte – er will, dass wir ihn begehren, wenn er auf der Bühne ist, und er will, dass wir uns an Diana ausrichten. Wir erkennen das an den Lyrics, in denen er uns dazu auffordert, mit ihr zu fühlen und die Dinge aus ihrer Sicht zu sehen. Also ist das Publikum bei ihr positioniert, was Sinn ergibt. Aber dann am Schluss des Videos macht er diese klassische Michael Jackson Bewegung, die wir in so vielen seiner Videos sehen, mit der er plötzlich die Perspektive wechselt. Wir folgen ihm, als er die Bühne hinunter geht, er öffnet die Tür seines Wagens, und da ist ein sehr verstörender Powerakkord, als er sieht, dass innen eine Frau auf ihn wartet.


Joie: Das ist eine sehr scharfsinnige Beobachtung, Willa. Ich habe nie vorher die Verbindung zwischen dem Toben der Menge und der Perspektive des Publikums in diesem Video hergestellt. Interessant.


Willa: Oh, es ist so interessant – was er mit den Perspektiven macht ist einfach faszinierend für mich, und er spielt ständig damit, auf solch komplexe Art und Weise. So etwa, wenn die Perspektive in Dirty Diana wechselt, nimmt alles plötzlich einen ganz anderen Charakter an. Das ist nicht die typische Rockstar / Groupie Phantasie, die wir in so vielen Musikvideos dargestellt sehen. Dies ist die Phantasie, die dem Realismus nachgibt, und plötzlich verändert sich unsere Perspektive, und wir sind gezwungen, die Situation mehr von seinem Standpunkt aus zu betrachten – und sein Standpunkt ist wirklich kompliziert. Es ist immer kompliziert. Er lässt uns niemals mit einer einfachen Antwort zurück.

Da sitzt also eine schöne, junge Frau in seinem Wagen und will Sex mit ihm, und auf der einen Seite ist das ein angenehmes Problem. Ich meine, wirklich, es gibt Schlimmeres. Aber auf der anderen Seite kennt er sie gar nicht, er weiß nichts über sie – weiß nicht, ob sie freundlich ist oder gemein oder ein verrücktes Huhn – und er hat gerade in den Lyrics beschrieben, wie eine Frau wie diese das Potential hat, ihn und My Baby zu verletzen. Es ist also kompliziert.


Joie:
Es ist kompliziert. Und wie wir schon den letzten Sommer über in der My Baby Serie diskutiert haben, beleuchtet Dirty Diana auf vollkommene Art dieses komplizierte, oft seltsame Thema des Berühmtseins und des Ruhmes. Und es ist auch ein perfektes Beispiel dafür, wie Musik „so visuell wie möglich“ dargestellt wird. Wie du zuvor schon festgestellt hast, erzählen viele der Kurzfilme eine ganz andere Geschichte, als man erwarten würde, wenn man einfach nur den Song selbst hört; aber das ist nicht der Fall bei Dirty Diana Hier spiegelt der Kurzfilm den Song sehr genau – so wird der Song selbst genau vor deinen Augen zum Leben erweckt. Wenn das keine visuelle Präsentation der Musik ist, dann weiß ich nicht, was es sonst ist!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 20:53

Celebrating Bad: Speed Demon
19/09/2012

Willa: Also Joie, du kannst dir vorstellen, dass ich inzwischen gelernt habe, niemals eines von Michael Jacksons Videos „nur als Unterhaltung“ zu bezeichnen. Ich habe das über You Rock My World gedacht – dass es „nur Unterhaltung“ wäre – aber nachdem ich mit dir im letzten Herbst darüber gesprochen habe, sehe ich es als eine sehr pointierte Kritik an der Musikindustrie. Ich dachte das über In the Closet, aber nachdem wir im vergangenen Januar darüber gesprochen haben, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es ein faszinierender Blick auf tabuisierte Beziehungen ist. Zu verschiedenen Zeiten dachte ich es über Thriller und Smooth Criminal und Scream, entdeckte aber später, dass diese drei einige seiner bedeutendsten Werke darstellen. Und ich dachte das auch über Speed Demon, aber nun beginne ich mich zu fragen, ob ich in diesem Video nicht ebenso etwas Wichtiges übersehen habe.


Mir scheint es, als gebe es zwei Hauptthemen, die sich durch seine neun Bad Videos ziehen. Zuerst einmal ist da das extrem komplexe Thema der Gewalt, Armut und Kriminalität, besonders wie es sich in den Innenstädten darstellt. Wir erkennen dieses Thema in den Videos für Bad, The Way You Make Me Feel, Man in the Mirror, Smooth Criminal und Speed Demon. Dann gibt es das komplizierte Thema des Berühmtseins und des Ruhms, wie wir es in Dirty Diana, Leave Me Alone, Liberian Girl, Another Part of Meund Speed Demon sehen. Also ist Speed Demon – dieses nette, skurrile, harmlose kleine Knetfiguren Video – dasjenige, bei dem sich diese zwei Hauptthemen überschneiden.


Joie: Willa, ich muss sagen, du hast mich nun fasziniert, denn ich denke bei Speed Demon nicht an „Gewalt, Armut und Kriminalität“, wie du gesagt hast.


Willa: Gut, es berührt die Themen leicht. Du würdest nicht denken, dass jemand ein amüsantes Video über einige unserer schlimmsten und kompliziertesten gesellschaftlichen Missstände machen könnte, aber er hat es getan – immer wieder und wieder.


Joie: Stimmt, ja. Das ist wahr, er tat es. Aber ich bin mir nicht sicher, ob dies in Speed Demon behandelt wird. Und ich würde auch nicht über Liberian Girl oder Another Part of Me als Kommentar über Berühmtsein und Ruhm denken, also interessiert es mich, zu sehen, worauf du hinaus willst.


Willa: Ich verstehe was du meinst, Joie. Vor ein paar Tagen hätte ich auch noch das Gleiche gedacht. Besonders Speed Demon scheint mehr mit Wallace & Gromit zu tun zu haben als mit Beat It, wenigstens oberflächlich gesehen.


Joie: Wallace & Gromit. Das ist lustig!


Willa: Gut, du weißt, was ich meine – es ist Knetanimation! Aber erinnerst du dich an einige Wochen zuvor, als du mich gefragt hast, welche ich als die Hauptthemen von Bad betrachte?


Joie: Yeah.

Willa: Okay, ich habe darüber vorher nie nachgedacht, also habe ich begonnen, mir mit dieser Frage im Kopf die Songs anzuhören und die Videos zu sehen, und als ich das tat, begannen sich diese zwei sehr verschiedenen Themen herauszukristallisieren, ganz besonders in den Videos. Ich meine, denk’ mal darüber nach: Gibt es irgendwo ein Video mit mehr Berühmtheiten als in Liberian Girl? Es sind nichts als berühmte Menschen. Und plötzlich taucht Michael lachend hinter den Kulissen auf, was für sich genommen schon solch eine interessante Aussage ist!


Und sieh’ dir die Eröffnungsszene von Another Part of Me an und wie es sich auf seine komplizierte Beziehung mit seinem Ruhm konzentriert – wie er es sowohl genießt, als auch die Flucht davor sucht, und wie er es benutzt, um seine „Botschaft“ zu vermitteln – eine Botschaft, die er ganz eindeutig im Refrain ausspricht:


Wir entsenden eine bedeutende Liebe

Und dies ist unsere Botschaft für euch

Die Planeten richten sich danach aus
Wir bringen hellere Tage
Sie stehen alle in einer Reihe und warten auf euch
Könnt ihr es sehen?
Ihr seid nur ein anderer Teil von mir


Also ist er auf einer Mission, um eine „bedeutende Liebe“ in die Welt zu bringen, und er nutzt seine Kunst und seine Berühmtheit dazu, ihm zu helfen, dies zu erreichen. Aber dies ist kein einfaches Thema – seine Berühmtheit befähigt ihn auf der einen Seite dazu, auf der anderen Seite isoliert sie ihn auch. Und wie üblich präsentiert er diese Gedanken auf subtile und auch sehr anspruchsvolle Art und Weise in dem Video.


Joie: Hmm. Das ist sehr interessant, Willa. Ich weiß, worauf du hinaus willst. Und was du sagst, ergibt sehr viel Sinn. Ich vermute, nun da du es erwähnt hast, habe ich wohl auch sowohl Liberian Girl, als auch von Another Part of Me als reine Unterhaltung angesehen. Und du hast Recht – das ist etwas, was wir niemals tun sollten, wenn es um Michael Jackson geht.


Willa: Das sollten wir wirklich nicht. Es ist leicht, darauf hereinzufallen, weil seine Werke so unterhaltsam sind, aber es gibt immer so viele Schichten in seinen Arbeiten, und sehr oft passieren da wirklich interessante Dinge, wenn wir nur hinsehen. Es ist leicht, Speed Demon einfach als Cartoon abzutun, aber es wird auch seine komplizierte Beziehung zu seinem Berühmtsein angesprochen. Es fängt an damit, wie er von einigen übereifrigen Fans gejagt wird, und sie sind ziemlich grob und unerträglich.


Joie: Oh, sie sind unglaublich grob und unerträglich! Und es macht mich irgendwie traurig, daran zu denken, dass er dem oft begegnet ist, verstehst du? Dass Fans immer so gedankenlos und unfreundlich zu ihm waren. Im Grunde fällt es mir schwer, sie als Fans zu bezeichnen; für mich sind sie eher eine wütende Meute, die ihn zu fassen kriegen will. Sie scheinen sogar richtig wütend auf ihn zu sein, als sie um das Filmset und hinaus auf die offene Straße jagen. Und je länger sie ihn jagen, desto wütender scheinen sie zu werden.


Willa: Das werden sie wirklich. Weißt du, es wird als diese lustige Verfolgungsjagd dargestellt – und er scheint es zu genießen – aber trotzdem liegt da etwas Bedrohliches über dem Ganzen, und er will wirklich nicht, dass sie ihn einholen. Und ich glaube, er musste wirklich manchmal mit einigen unerträglichen Fans zurechtkommen. Er sprach darüber 1978 in einem Telefoninterview mit Lisa Robinson. Sie fragte ihn: „Triffst du immer noch gerne deine Fans?“ und er sagte:

„Ich genieße all das manchmal, Menschen zu sehen, die mich lieben oder meine Platten kaufen. Ich finde, es macht Spaß und ich treffe meine Fans gern und denke auch, es ist wichtig. Aber manchmal denken Leute, du schuldest ihnen dein Leben; sie benehmen sich schlecht – als wollten sie sagen ‚Was du bist, bist du nur durch mich’. Das mag wahr sein – aber nicht durch diese eine Person. Manchmal möchtest du zu ihnen sagen, wenn die Musik nicht gut wäre, dann hättest du sie nicht gekauft. Denn manche von ihnen denken, du wärst im Grunde ihr Eigentum. Irgendeiner sagt dann: ‚Setz’ dich hin’, ‚Unterschreib’ dies’ oder ‚Kann ich deine Unterschrift bekommen’ und ich sage dann ‚Ja, hast du einen Stift?’ und sie ‚Nein, besorg’ doch einen’. Ehrlich. Ich übertreibe nicht. Aber ich versuche, einfach damit zurechtzukommen.“


Und wenn du dich erinnerst, dies war 1978 – drei Jahre, bevor Thriller herauskam.


Joie: Ja, ich erinnere mich an das Interview, und es ist wirklich traurig, wenn du darüber nachdenkst. Und noch mal, mir fällt es sehr schwer, solche Leute als Fans zu bezeichnen. Ich vermute, ich habe einfach eine andere Vorstellung davon, was dieses Wort bedeutet. „Fan“. Weißt du, manchmal hat das Wort so einen negativen Beiklang. Besonders wenn es um Michael Jackson Fans geht. Aber ich bin seit einer langen Zeit Teil der Fangemeinschaft, und ich kenne Michael Jackson Fans als einige der nettesten, respektvollsten Menschen, die ich je getroffen habe, also ist dies schwer für mich in Einklang zu bringen. Aber ich bin sicher, von diesem Blickpunkt aus gesehen gab es Zeiten, in denen die Aufmerksamkeit wahrscheinlich extrem grob oder sogar bedrohlich wurde. Es ist unvorstellbar für mich, wie es sein muss, mit dieser Art von Aufmerksamkeit 24/7 zu leben.


Aber ich habe mich mehr auf das Video selbst bezogen – nicht auf sein wirkliches Leben. In dem Kurzfilm werden die „Fans“, die ihn jagen, irgendwie zu einer wütenden Meute, die ihn irgendwie fassen will. Und es ist nicht eindeutig, was sie vorhaben mit ihm zu machen, wenn sie ihn eingeholt haben. Wollen sie ihn verletzten oder wollen sie nur sein Autogramm? Es ist schwer zu sagen bei ihren Zähne fletschenden Gesichtern. Es ist kein Wunder, dass er versucht ihnen zu entkommen!


Willa: Ich denke, du hast genau Recht, Joie – sie sind wie eine „Meute“, in der Bedeutung, dass sie ergriffen sind von dieser verrückten Mob-Mentalität, die manchmal um sich greift, und ich denke, Michael Jackson hat gesehen, wie gefährlich das sein kann, und er fürchtete sich davor. Wir sehen die Furcht vor der Meute im Intro zu Ghosts. Und er sagte in einer ganzen Reihe von Interviews, dass es „wehtut“ von so einer Horde belagert zu werden. Dass Leute sich verrückt benehmen und anfangen, an deinen Haaren zu ziehen und dir deine Arme verdrehen, und das tut wirklich weh. Offenbar brach ein Vorfall mit so einer Menschenmenge am Flughafen aus, während die Jackson 5 in ihrer Anfangszeit nach England reisten, und sie hätten dabei getötet werden können. Er trug einen Schal, und ein Mädchen ergriff ein Ende und ein anderes das andere, und sie zogen beide so sehr sie konnten. Der Schal zog sich immer enger um seinen Hals zusammen, und er bekam keine Luft und konnte ihn auch nicht lockern, und seine Brüder mussten ihn retten. Was für eine erschreckende Geschichte!


Du hast also Recht – es ist schwer vorauszusagen, was so eine Horde Menschen tun wird, und es ist ganz und gar nicht klar, was die Meute, die ihn in Speed Demon verfolgt, tun wird, wenn sie ihn einholt.


Joie: Aber glücklicherweise erhalten sie diese Chance nicht, denn sie werden alle gestoppt wegen zu schnellen Fahrens und einer Art Massenkarambolage. Das Letzte, was wir von ihnen sehen ist, dass sie alle in einem Polizeiwagen mitgenommen werden, während Michael davonrast, endlich frei um durchzuatmen, nun, wo der Mob, der ihn gejagt hat, weg ist. Er zieht los auf die offene Straße und hält für ein paar Minuten an, um die Verkleidung abzulegen, die er benutzt hatte, um seinen Verfolgern zu entkommen, dann findet er sich selbst mitten in einer Tanzeinlage wieder, bei der das Kostüm zum Leben erweckt wird und ihn herausfordert.


Aber ich muss sagen, Willa, dass, während ich dir zustimme, dass das Thema Berühmtheit und Ruhm definitiv vorhanden ist in diesem Kurzfilm, ich immer noch nicht wirklich die Themen ‚Gewalt, Armut und Kriminalität‘ in Speed Demon, die du zu Beginn unserer Diskussion erwähnt hast, sehe.


Willa: Gut, denk mal an diese wiederholten Zeilen von der Polizei: „Fahr zur Seite, Boy, und hol dir deinen Strafzettel ab“. Da ist so viel reine Freude am Dahinfliegen in Speed Demon, allein die Ausgelassenheit der Geschwindigkeit und all dem Druck zu entkommen, der auf ihm lastet. Aber dann fast am Ende gibt ihm ein Polizist einen Strafzettel. Eigentlich wimmelt es in diesem Video von Polizisten, und mehrere Male jagen sie auch ihn. Während es also ein Polizist ist, der jene besessenen Fans ins Gefängnis bringt und ihn sozusagen vor der Meute rettet, wie du beschrieben hast, taucht ein anderer Polizist auf und behandelt ihn wie einen Kriminellen.


Weißt du, was mich wirklich bezüglich Speed Demon umdenken ließ, waren die MJ Academia Project Videos. Unglücklicherweise haben die Leute, die diese Videos gepostet haben, sie wieder herausgenommen, so dass sie im Moment nicht verfügbar sind, was enttäuschend ist. Ich würde sie gerne noch einmal sehen und sie gerade jetzt hiermit verlinken. Ich hoffe, sie stellen sie nochmal wieder ein. Aber wie dem auch sei, in einem ihrer Videos sprechen sie darüber, dass Michael Jackson in einer Reihe von Videos und Songs mehrfach das Wort „boy“ als ein Codewort dafür benutzt, wie schwarze Männer in den Vereinigten Staaten durch die Justiz behandelt wurden, und sie erwähnen speziell Speed Demon. Ich habe nie von Speed Demon auf diese Art gedacht – tatsächlich nicht mehr als von einem Cartoon – aber seitdem habe ich begonnen, auf ganz andere Art hinzuhören. Und eine Sache, die ich bemerkt habe ist, dass das Video die Botschaft des Songs wirklich abmildert, Wenn du irgendwie die Bilder aus deinem Kopf verdrängen kannst, während du es hörst, fühlt es sich sehr viel härter an, als wenn deine Gedanken voll von Michael Jackson in einem Tanzwettbewerb mit Spike ist, dem Knetanimation-Hasen (den ich liebe, nebenbei bemerkt).


Also, wie er es so viele Male mit so vielen Themen gemacht hat, zeigt er, wie kompliziert menschliche Beziehungen sein können. Er liebt seine Fans, fühlt sich aber von ihnen bedroht, wenn sie sich in eine rasende Meute verwandeln. Er fühlt sich von der Polizei beschützt, besonders wenn diese Meute mitgenommen wird zur Polizeistation, aber er weiß auch, dass sich die Polizei jede Minute gegen ihn wenden und ihn kriminalisieren kann. Und dies wurde 1988 aufgenommen, bevor er wirklich erfuhr, wie verdreht und missbräuchlich die Polizei sein kann.


Joie: Nun, ich stimme dir zu, das Video mildert wirklich die Botschaft des Songs. Und ich frage mich, ob er das absichtlich getan hat im Hinblick darauf, dass dieses Video Teil des Filmes Moonwalker war – was wirklich so eine Art Film für Kinder ist mit einer Wohlfühlthematik. Aber dies ist, wie wir letzte Woche besprochen haben, die Art Kurzfilm, in dem das Visuelle, das er darstellt sehr von dem abweicht, was in unseren Gedanken auftaucht, wenn wir nur dem Song selbst zuhören.

Willa: Das stimmt, obwohl wir auch vorsichtig dabei sein müssen, Moonwalker als reine Unterhaltung zu sehen. Es hat größtenteils eine viel Spaß machende „Wohlfühl“-Stimmung an sich, aber da gehen auch eine Menge sehr interessanter Dinge vor sich in diesem Film. Wir sollten darüber irgendwann mal sprechen. Ich kann nicht glauben, dass wir uns ein Jahr lang über Michael Jacksons Werke unterhalten und noch nicht über Moonwalker gesprochen haben.


Aber um auf Speed Demon zurückzukommen, wir sehen wirklich diese Struktur eines lustigen Unterhaltungsfilms, der aber auch eine ernsthafte Botschaft überlagert. Auf gewisse Art scheint er die Rolle der Künstler in der Gesellschaft zu untersuchen, und wie sich die Absichten von Künstlern und Polizei irgendwie in die Quere kommen. Die Polizei möchte, dass jeder die Regeln befolgt und sich auf konventionelle Art verhält, auch wenn das gar nichts mit Legalität zu tun hat, und Künstler hinterfragen ständig diese Konventionen. Wir erkennen diesen Konflikt zwischen der Polizei und dem Künstler, als der „Sheriff“ aus dem Western ganz zu Beginn des Videos auftaucht. Er beginnt, Michael Jackson zu verfolgen und ruft nach ihm auf diese wirklich herablassende Art „Hey, Singvogel“. Und dann gibt der Polizist ihm am Ende einen Strafzettel und sagt: „Ich brauche dein Autogramm genau hier.“ Bedeutend ist, dass der Strafzettel nicht für die Geschwindigkeitsüberschreitung ist. Es ist für das Tanzen.


Joie: Nun, zur Verteidigung des Polizisten, Willa, es war eine eindeutig markierte ‚Tanzen verboten‘-Zone!


Willa: Das stimmt! Und du bemerkst, er ist ein sehr gesetzestreuer Bürger. Er tanzt nicht, nachdem der Polizist auf dieses lustige Schild gezeigt hat, das ihm sagt, dass er das nicht tun darf, obwohl du weißt, dass er damit nicht übereinstimmt.


Aber weißt du, während dies alles auf eine sehr leichte, unterhaltsame Art präsentiert wird, spricht es trotzdem einige wirklich komplexe Gedanken an. Der Polizist versucht, ihn in seine Schranken zu weisen und ihn vom Tanzen abzuhalten, davon, sich in seiner Kunst auszudrücken und behandelt ihn sogar wie einen Kriminellen oder zumindest wie einen Gesetzesbrecher wegen seines Tanzens. Und dies führt wieder zurück zu dem, was wir vor einigen Wochen beim Bad Kurzfilm besprochen haben. Wir haben gesagt, Künstler und Kriminelle haben in der Tat etwas gemeinsam: Sie hinterfragen beide die gesellschaftlichen Normen. Sie tun es auf sehr unterschiedliche Weise – der eine legal, um unser kulturelles Bewusstsein zu erhöhen und der andere illegal und oft zerstörerisch – aber manchmal wird diese Unterscheidung verwischt und Künstler werden wie Kriminelle behandelt. Und Michael Jackson war sich dieser Tatsache sehr bewusst, wie er uns in Speed Demon und Bad, und vielleicht am deutlichsten in Ghosts zeigt. Du erinnerst dich, die „Straftat“, derer er angeklagt ist in Ghosts besteht darin, ein Künstler, ein Erzähler von Geistergeschichten und zu unerhört anders zu sein.


Und ich denke, diese Kriminalisierung von Künstlern wurde auf ganz reale Art deutlich darin, wie die Polizei (und die Presse und die Öffentlichkeit) die Anschuldigungen gegen ihn in den Jahren 1993 und 2003 interpretierte. Es ist, als wäre da diese Vorstellung, dass er die gesellschaftlichen Normen übertreten will – durch Singen und Tanzen, durch Hinterfragen der Geschlechter- und Rassengrenzen, durch Repräsentieren des Anderen, wie Joe Vogel es vor ein paar Wochen beschrieb - also schienen einige Leute zu denken, er würde gesetzliche und moralische Grenzen ebenso überschreiten wollen und illegale, unmoralische Dinge tun.


Joie: Ich denke, das ist ein sehr interessanter Punkt, Willa. Und vielleicht eine allzu einfache Art der Beschreibung der alten Redewendung ‚Ein Buch nach seinem Cover zu beurteilen‘. Weil er für einige „außergewöhnlich“ oder „verrückt“ aussah, war er wahrscheinlich eher ein Krimineller als jemand, der süß und unschuldig aussah. Mir fällt dazu die Schauspielerin Winona Ryder ein. Wer hätte sich jemals vorstellen können, dass sie sich wie eine gewöhnliche Kriminelle verhalten würde? Eigentlich sah sie doch so „normal“ aus.


Willa: Ich weiß wirklich nicht viel über den Fall von Winona Ryder, außer dass er sehr viel Aufmerksamkeit in der Presse bekam – weit mehr, als Anklagen wegen Ladendiebstahl normalerweise bekommen. Aber diese Kriminalisierung von Künstlern hat eine lange Geschichte. Denk an die McCarthy Verhandlungen und wie viele Künstlerkarrieren durch sie zerstört wurden. Und William Tyndale, der wahrscheinlich der größte englische Dichter aller Zeiten gewesen ist. Der größte Teil der King-James-Bibel wurde von Tyndale geschrieben, und du kannst davon ausgehen, dass Shakespeare nicht Shakespeare gewesen wäre ohne ihn – sogar der Rhythmus seiner Sprache spiegelt Tyndale wider. Und Tyndale ist auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.


Und ich frage mich immer, wie viele der Frauen, und auch Männer, die als Hexen während der Hexenprozesse von Salem verurteilt wurden, die Feinfühligkeit eines Künstlers besaßen. Sie waren definitiv Menschen, die sich nicht anpassten, und sie wurden als „außergewöhnlich“ oder „verrückt“ angesehen, wie du gerade sagtest. Viele waren unabhängige Frauen, die nicht verheiratet waren und ein unkonventionelles Leben lebten. Und dies ist interessant: Einer der ersten Menschen, der während der Prozesse angeklagt wurde, war ein Sklave namens Tituba, der gern Kindergeschichten erzählte, genau wie der Maestro in Ghosts.


Joie: Das ist eine wirklich interessante Feststellung, Willa. Und du liegst wahrscheinlich richtig damit, dass viele von ihnen wahrscheinlich auf gewisse Art Künstler waren oder zumindest Freidenker – genau wie der Maestro in Ghosts. Aber ich denke, was du zu sagen versuchst, ist, dass sogar, obwohl es oberflächlich gesehen ein süßes kleines Knetanimationsvideo ist, Speed Demon alles andere als kindisch oder simpel ist.


Willa: Ganz genau. Oder vielleicht ist das, was ich versuche zu sagen, dass es auf beiden Ebenen funktioniert. Es ist ein lustiger, cartoon-artiger Film, bei dem sich Kinder amüsieren können, aber da gibt es auch einige komplexe Gedanken, mit denen sich auch Erwachsene beschäftigen können.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 20:57

Celebrating Bad: Leave Me Alone
27/09/2012


Willa: Also diese Woche schließen wir unsere einmonatige Feier von Bad ab, aber das bedeutet nicht, dass wir es hinter uns lassen. Ich kann mir vorstellen, dass wir ziemlich viel über Bad und Bad 25 sprechen werden und über die zusätzlichen Tracks und die Konzert-DVD und auch über Spike Lees Dokumentation. Da gibt es eine Menge aufregender Dinge zu besprechen!

Aber diese Woche beenden wir unsere Feier mit einem Blick auf Leave Me Alone, das eine von Michael Jacksons schärfsten und deutlichsten Kritiken an den Boulevardmedien ist – alles enthalten in einem spaßigen und sehr unterhaltsamen Video. Und weißt du, Joie, eines der ersten Dinge, das mich anspringt, sind all die Bilder von Gefangenschaft, die wir in dem Video sehen. Aldebaranredstar sprach über das Thema des Gefangenseins in einem Kommentar über Dirty Diana vor einigen Wochen und wir sehen das hier definitiv auch. Beide, er und Bubbles, sind mit einer Kugel und einer Kette, befestigt um ihre Fußfesseln, dargestellt und mit Ketten an ihren Handgelenken. Wir sehen auch eine Lilliputanerfigur die einen Pfahl mit Seilen einschlägt, um ihn am Boden zu halten und wir entdecken später, dass ein ganzer Vergnügungspark über seinen liegenden Körper errichtet wurde. Unterschwelliger sehen wir ihn in Klatschpressebildern und in einer Dollarnote eingeschlossen.

Wichtig aber ist, dass er all diese Anstrengungen ihn zu fesseln und zu definieren untergräbt. Diese statischen Bilder von ihm sind überhaupt nicht statisch – sie bewegen sich und singen, wie die Portraits in einem Harry Potter Film. Er tanzt mit der Kugel und der Kette, sodass sie nichts weiter als Bühnenrequisiten in einer Vaudeville Show werden. Und schließlich bricht er aus der Rummelplatz-Industrie aus, die sich selbst über ihn und seinen Körper gebildet hatte.

Joie: Willa, ich finde es sehr interessant, dass du dich gerade auf den Vergnügungspark, der ihn am Boden hält, als “Rummelplatz-Industrie” bezogen hast, denn das ist wirklich eine vielsagende Metapher für Ruhm und das Geschäft, eine Berühmtheit zu sein. Und ich hielt das Leave Me Alone Video immer einfach für brillant aufgrund dieses Bildes ganz am Ende, wenn wir herausfinden, dass alle Szenen, die wir gerade beobachtet haben, letztlich Teil dieses riesigen Freizeitparks – oder „Rummelplatzes“ – sind, den vermutlich die Medien um Michael Jackson errichtet haben. Das war einfach eine geniale Idee und so perfekt für das Konzept eines Videos speziell für diesen Song.

Willa: Da stimme ich zu. Es erfasst wunderschön auf eine visuelle Art, wie sich eine ganze Industrie über ihn gebildet hat – und wenn du darüber nachdenkst, ist das wirklich wahr.

Joie: Es ist wahr. In der Tat denke ich, könnte man das Argument anbringen, der derzeitige Stand der Dinge mit den Medien, die fühlen, sie hätten ein Anrecht auf jeden Aspekt des persönlichen Lebens eines Stars, habe mit ihrem Umgang mit Michael Jackson begonnen.

Willa: Nun, ich weiß nicht. Ich meine, es scheint, als hätte es Leute wie Hedda Hopper und Louella Parsons seit den frühen Tagen der Filmindustrie – oder zumindest seit ihrer Jugendzeit – gegeben und sie konnten das Leben für Berühmtheiten ziemlich mies machen. Du wolltest sie definitiv nicht an der Backe haben, wenn du ein homosexueller Schauspieler in den 1950ern warst. Und die Klatschpresse war wirklich Teil des amerikanischen Lebens noch ehe wir eine Nation waren. Es wurde tatsächlich angedeutet, dass die amerikanische Revolution nicht passiert wäre, hätte es keine Flugblattschreiber gegeben, die Dinge angeheizt haben. Und einige der ersten politischen Angriffe waren schockierend – skandalöse Geschichten von Korruption und Verkommenheit und unehelichen Kindern ohne tatsächliche Grundlage.

Joie: Nun, das mag alles wahr sein, Willa, aber ich glaube, der Umgang der Medien mit Michael Jackson hat ein Allzeit-Tief erreicht und hat den Weg für die extrem aufdringlichen, schulhofschlägermäßigen aggressiven Paparazzi bereitet, die jeder so sehr liebt. Und ich denke in dem Leave Me Alone Kurzfilm macht Michael es ziemlich deutlich, wie er zu dem Verhalten der Medien steht.

Willa: Ich sehe, was du meinst, Joie – das tu ich wirklich – aber weißt du, selbst das ist problematisch. Ich meine, als er das Video schuf, wollte er offensichtlich seine Gefühle über die Klatschpresse zum Ausdruck bringen und wie es sich anfühlte, der Gegenstand soviel öffentlicher Kontrolle und Spekulation zu sein. Und wenn er es wirklich gehasst hätte, würdest du nicht denken, er hätte es auf eindeutig schreckliche Arten dargestellt – wie von der Inquisition gefoltert zu werden oder während der McCarthy Vernehmungen ausgequetscht zu werden oder von Ameisen zu Tode geknabbert zu werden oder von wilden Hyänen gejagt zu werden oder von einem Schwarm Killerbienen gestochen zu werden oder so etwas Qualvolles wie das.

Aber das tut er nicht. Er stellt es als eine Fahrt durch einen Freizeitpark dar, mit Nebenschauplätzen und einer karnevalesken Atmosphäre. Und hier ist der Clou – Michael Jackson liebte Freizeitparks und Nebenvorstellungen und Karneval. Er hat P.T. Barnum wirklich bewundert (da ist ein Bild von ihm auf dem Cover des Dangerous Album) und Barnum war Spezialist darin öffentliches Interesse für menschliche und tierische Kuriositäten und „Freakshows“ aufzupeitschen – genau die Art Nebenschauplatzattraktionen, die wir im Verlauf von Leave Me Alone sehen.

Und die Stimmung dieses Videos ist wirklich keine des Grolls oder der Feindseeligkeit. Er scheint mehr amüsiert als verärgert und ungläubig darüber, dass Menschen so verrückte Dinge tatsächlich glauben würden. Er lächelt während eines Großteils des Videos, als er an all diesen Exponaten vorüberfährt – in der Tat lächelt er in diesem Video mehr als in jedem anderen Video, das mir einfällt. An einer Stelle bricht er sogar in Gelächter aus, was uns einen Hinweis auf die Frage gibt, die er in den Lyrics wiederholt stellt: “Wer lacht, Baby?” Allem Anschein nach lautet die korrekte Antwort Michael Jackson selbst. Die Klatschblätter versuchen ihn zu einer Lachnummer zu machen, aber er ist derjenige, der lacht.

Joie: Das ist wahr, Willa. Er lacht viel in diesem Video, obwohl ich denke, er lächelt in dem Speed Demon Kurzfilm mehr.

Willa: Oh, du hast recht! Und interessanterweise spricht das Video auch über Berühmtheit – darüber von besessenen Fans verfolgt zu werden.

Joie: Ja, das tut es, aber wir kommen ein bisschen vom Thema ab. Ich stimme dir zu, dass seine Kritik an den Medien in diesem Video sehr unterschwellig gestaltet ist und er maskiert sie gut mit der ganzen „Rummelplatz“-Methode. Aber ich glaube, dass seine Verachtung für die Medien hier tatsächlich vor aller Augen versteckt wird. Du hast recht damit, dass er Freizeitparks liebte, sie waren eines seiner liebsten Dinge auf der Welt, und seine Bewunderung für P.T. Barnum ist wohl bekannt. Aber ich denke, es sagt sehr viel aus, dass er sich selbst als Subjekt all dieser Attraktionen und „Freakshow“-Kuriositäten platziert, an welchen er vorüberfährt. Und während diese Rummelplatzattraktionen sich über einige der hartnäckigsten – und lächerlichsten – Klatschpressegerüchte lustig machen sollen, ist seine Botschaft ziemlich eindeutig, denke ich. In seinem Buch, Man in the Music, erzählt uns Joe Vogel:

“Seit Jahren ernährte sich die Presse – sowohl die etablierte, wie die Klatschpresse – von Michael Jackson wie von keinem anderen Popstar der Geschichte. ‚Leave Me Alone‘ ist sein Ausdruck von Verzweiflung über Medien und eine Öffentlichkeit, die unersättlich geworden waren.“


Und in der Tat, in einem Interview über den Song selbst sagte Michael dies:

“Ich sende hier eine einfache Botschaft aus: Lass mich in Ruhe. Der Song dreht sich um eine Beziehung zwischen einem Jungen und einem Mädchen, aber was ich wirklich sage ist ‚lasst mich in Ruhe!‘ zu Leuten, die mich belästigen."


Ich denke nicht, dass man noch deutlicher werden kann.

Willa: Das ist wahr und ich denke, es ist bezeichnend, dass eines der Klatschblätter Der Eindringling heißt. Ich finde es auch sehr interessant, dass er in diesem Interview die Lyrics „über eine Beziehung zwischen einem Jungen und einem Mädchen“ mit seiner Beziehung „zu Leuten, die mich belästigen“, so wie Reporter und Paparazzi, ausdrücklich in Beziehung setzt. Das ist ein Muster, das wir in vielen seiner Songs sehen und etwas, worüber wir in der Vergangenheit ziemlich viel gesprochen haben, aber ich hatte Michael Jackson selbst vorher nie über diese Verbindung sprechen gehört. Das ist wirklich interessant.

Aber Joie, ich liebe auch, was du gerade darüber gesagt hast, wie “er sich selbst als Subjekt all dieser Attraktionen und ‘Freakshow’-Kuriositäten, an welchen er vorüberfährt, platziert”. Das ist so ein wichtiger Punkt, denke ich. Er positioniert sich selbst als der “Freak” in der “Freakshow” und übertreibt das bis zu ungeheuerlichen Ausmaßen mit einer der Klatschblattschlagzeilen, die ausruft “Jacksons drittes Auge startet Sonnenbrillentrend” und eine andere “Michael und Diana dieselbe Person!“

Joie: Ich wette er hatte Spaß dabei sich diese Schlagzeilen auszudenken!

Willa: Oh, ich wette auch, dass er das hatte! Aber seine Antwort auf all das ist interessant. Er bestreitet diese Geschichten nicht – sie sind zu lächerlich, um sich damit aufzuhalten – und er versucht sicher nicht uns davon zu überzeugen, dass er normal sei. Stattdessen zelebriert er die Verschiedenheit, wie er es immer tut. Für mich scheint es hier eine interessante Doppelbotschaft zu geben. Einerseits mag er es nicht ein Freak genannt zu werden (was an die Konfrontation zwischen dem Bürgermeister und dem Maestro in Ghosts erinnert), aber zugleich scheint er zu sagen, es sei okay anders zu sein und das Freaksein irgendwie zu feiern.

Joie: Ja, dem würde ich zustimmen. Und ich denke, es ist eine Botschaft, die er uns oft zu vermitteln versuchte. Sie steckt in vielen seiner Songs und Videos, wenn du darüber nachdenkst.

Willa: Das tut sie wirklich – seit Ben, das, wie du weißt, eine sehr besondere Stellung bei mir hat. Aber all das erinnert mich wieder an P.T. Barnum. Es gibt Menschen, die ohne irgendeine eigene Schuld wie Freaks behandelt werden – aufgrund ihrer Größe oder ihres Gewichts oder ihrer Pigmentierung oder aufgrund irgendeines anderen körperlichen Merkmals. Es gilt als höflich so zu tun, als gäbe es keinen Unterschied, während man heimlich fühlt, dass es einen gibt. Aber Barnum hat nicht getan, was die Höflichkeit verlangt. Er hat Leute angeheuert, die in dieser Situation waren und sie ausgestellt, aber er hat sie auch wie Menschen behandelt. Tom Thumb war seine berühmteste „Entdeckung“ und die beiden wurden enge Freunde und bereisten Europa gemeinsam – und wurden gemeinsam zu Berühmtheiten.

Das ist alles sehr problematisch, aber ich denke es ist wichtig, dass Barnum auf die Menschlichkeit jeder Person bestand, eingeschlossen Menschen, die oft als Ausgestoßene in ihren eigenen Gemeinden behandelt wurden. Wie er in einer Rede vor dem Senat des Staates Connecticut sagte, als sie die Rechte von befreiten Sklaven nach dem Bürgerkrieg verhandelten:

“Mit einer menschlichen Seele…ist nicht zu spaßen. Mag sie den Körper eines Chinesen, eines Türken, eines Arabers oder eines Hottentotten bewohnen – sie ist noch immer ein unsterblicher Geist.“

Ich sehe dieses Beharren auf der Menschlichkeit aller Menschen, eingeschlossen der Menschen, die unfairerweise als Freaks bezeichnet werden, in Michael Jackson fortgesetzt – nur ist in diesem Fall die ausgestellte Person er selbst. Oder vielmehr hat er eine Doppelposition inne: Er ist das Objekt des Spektakels und er beobachtet es und kommentiert es zugleich.

Joie: Hmm. Ich verstehe was du sagst und stimme dir zu, Willa. Barnum hat auf ihre Menschlichkeit bestanden und das lässt mich an dieses alte Ebony / Jet Interview denken, das kurz nach der Veröffentlichung des Bad Albums stattgefunden hat. Der Journalist fragt Jackson nach seinem Mitgefühl für John Merrick, den Elefantenmann, und er sagt, dass seine Lieblingsstelle dieses Films die sei, an der Merrick ruft, „Lasst mich in Ruhe! Ich bin kein Tier. Ich bin ein Mensch!” Was ich an diesem Teil des Interviews liebe ist, dass, ehe der Interviewer die Worte aussprechen kann, Michael bereits genau den Teil zitiert hat, über den der Interviewer spricht. Und was für ein Zitat es ist! Es ist nicht nur perfekt für die Diskussion, die wir führen, sondern es könnte auch Michael selbst beschreiben.

Willa: Das könnte es wirklich – und es ist so interessant, dass es mit dem Titel dieses Videos beginnt – “Lasst mich in Ruhe!” – und dass Merrick derjenige ist, der es ausruft. Das ist faszinierend. Ich frage mich, ob es das ist, woher der Titel kam?

Joie: Der Titel des Songs? Ich weiß nicht; das ist eine interessante Frage. Und es ist faszinierend, nicht? In diesem Interview erzählt Michael seinem Interviewer, dass er sich mit John Merrick identifiziert: „Ich fühle eine Nähe zu (ihm)“, sagt er. Du weißt, die Medien haben immer versucht, daraus etwas Bizarres zu machen, aber in Wahrheit ist es eine sehr barmherzige Sache, Mitgefühl für John Merrick zu besitzen.

Willa: Das sehe ich auch so.

Joie: In der Tat habe ich lange vor diesem Gerücht von Michael, der die Knochen des Elefantenmannes kaufen will, mein eigenes Mitgefühl für John Merrick entwickelt. Ich wüsste nicht, wie jemand diesen Film sehen könnte und ihn nicht liebgewinnt. Oder zumindest ein klein wenig Erbarmen für den Mann hat. Er war – wie er sagte – ein Mensch! Und ich finde, es war so ein mutiger und lustiger Zug von Michael dieses spezielle Gerücht in dem Leave Me Alone Kurzfilm auf die Art hervorzuheben, wie er es tut, indem er mit den Knochen des Elefantenmannes tanzt. Ich finde das einfach köstlich!

Willa: Oh, es ist wundervoll! Es ist so eine lustige, seltsame, karnevaleske Vaudeville-Szene – wer würde sich sowas je einfallen lassen? Aber es ist auch bezeichnend, denke ich, dass er und die Knochen des Elefantenmannes Seite an Seite tanzen. Das steht in Verbindung zu dem, was du vorhin gesagt hast, Joie, wie er sich selbst in diesem Video als eines der Spektakel platziert. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass er und der Elefantenmann beide vorgeführt werden, während sie dieselben Bewegungen zusammen tanzen und so in dieser Szene ganz klar als gleich präsentiert werden. Es ist, als ob er eine visuelle Darstellung dessen geschaffen hätte, wovon er dem Interviewer erzählte – von der Verbindung, die er zum Elefantenmann fühlt.

Und was wichtig ist, Merrick hat versucht den Leuten klarzumachen, wie schmerzhaft es war in dieser Lage zu sein – immer vorgeführt zu werden, immer anders behandelt zu werden – indem er ruft, „Lasst mich in Ruhe! Ich bin kein Tier. Ich bin ein Mensch!“, wie du vorhin zitiert hast. Und ich denke, das ist exakt das, was Michael Jackson uns in diesem Video auch erzählt. Er hält eine Doppelposition inne – als Spektakel und Beobachter des Spektakels – und er ermutigt uns als ein Publikum diese Situation von diesen beiden Perspektiven aus zu bedenken und zu bedenken, wie es sich für ihn anfühlen muss.

Joie: Es ist wirklich sehr brillant. Und du hast recht. Wer würde sich dieses Konzept ausdenken, wenn nicht Michael Jackson? Jim Blashfield hat bei dem Video Regie geführt und es hat im Jahr 1988 sogar einen Grammy für den besten Musikkurzfilm gewonnen. Es hat auch einen MTV Video Music Award für die besten Spezialeffekte in einem Video gewonnen. Und wie immer frage ich mich, wie viel von dem Konzept war der Regisseur und wie viel war Michael. Er hat einem MTV-Interviewer 1999 erzählt, dass er immer sehr beteiligt am konzeptionellen Prozess war und Joe Vogel erzählt uns in Man in the Music, dass Blashfield “nach Vorgabe von Jackson” Regie geführt hat.

Willa: Oh, Ich denke, er war sehr involviert. Hätte es ein oder zwei außergewöhnliche Videos unter seinem Namen gegeben, hätte man denken können, es sei einfach die Arbeit des Regisseurs gewesen. Aber wenn man bedenkt, dass er einen außergewöhnlichen Film nach dem anderen gemacht hat, mit rund 30 verschiedenen Regisseuren und das einzige gemeinsame Element war er – nun, dann musst du an einem gewissen Punkt darauf schließen, dass die führende Präsenz hinter seinem Werk Michael Jackson selbst war.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 21:02

In den Jackson FBI Akten mit Charles Thomson
04/10/2012


Willa: Joie und ich freuen uns wahnsinnig darüber, dass der Journalist Charles Thomson, der zahlreiche Artikel und Blogposts über Michael Jackson, die Anschuldigungen gegen ihn und die Art, wie diese Beschuldigungen in den Medien behandelt wurden, geschrieben hat, diese Woche mit von der Partie ist.


Also Charles, als investigativer Journalist bist du geschult darin, dem, was du hörst, gegenüber skeptisch zu sein und vorsichtig damit zu sein Schlüsse zu ziehen. Aus diesem Grund ist die offizielle Haltung der meisten respektablen Pressekanäle - im Gegensatz zu den Klatschblättern - „wir werden nie mit Sicherheit wissen“, ob die Anschuldigungen wahr sind oder nicht, obgleich ihre Berichterstattung oftmals die Tendenz zeigt, dass sie glauben, Michael Jackson sei angesichts irgendetwas schuldig, wenn auch nicht der genauen Verbrechen, derer er beschuldigt wurde. Jedoch scheinst du überzeugt davon zu sein, dass Michael Jackson unschuldig war und ich bin neugierig: Was genau hat dich überzeugt?


Charles: Ich glaube voll und ganz an den Grundsatz, dass ein Mensch unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen wird. Nur allzu oft sieht man rechte Fachgelehrte Kommentare abgeben wie „Nicht schuldig ist nicht dasselbe wie unschuldig“. Nun, ich erlaube mir anderer Meinung zu sein. Das ist der ganze Sinn unseres Rechtssystems. Ein Mensch ist unschuldig, bis er von einer Jury seinesgleichen für schuldig befunden wurde. Michael Jackson wurde für nicht schuldig befunden, also war er nach dem Gesetz buchstäblich unschuldig. Damit anzufangen Kommentare abzugeben wie „Nur weil er für nicht schuldig befunden wurde, heißt das nicht, dass er unschuldig war“ ist der blanke Hohn auf unser gesamtes Rechtssystem.


Es erscheint mir so, dass die Medien einfach nur sehr ungern die Möglichkeit akzeptierten, dass Jackson unschuldig sein könnte. Die meisten Reporter schienen bereits überzeugt von Jacksons Schuld zu sein, weil sie ihn für einen Spinner hielten. Aphrodite Jones hat darüber in ihrem Buch geschrieben. Ich war zur Zeit der Michael Jackson Gerichtsverhandlung kein Journalist - ich war noch immer in Ausbildung - aber ich hatte immer dieselbe Einstellung: Ich möchte gerne Beweise sehen, ehe ich etwas glaube.


Was während der Jackson Verhandlung offensichtlich wurde, war, dass Beweiskraft nicht die Stärke der Staatsanwaltschaft war. Für all ihr Gepolter konnten sie keinen Fetzen eines greifbaren Beweises zustande bringen, um Jackson mit irgendeinem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Alles was sie wirklich hatten, war eine Parade von Zeugen, von welchen die eine Hälfte im Kreuzverhör zusammenbrach und die andere Hälfte letztlich der Verteidigung mehr half als den Strafverfolgern.


Der Jackson Fall war einer, in dem die Staatsanwaltschaft alle Vorteile auf ihrer Seite hatte. Sie plünderten Jacksons Haus unangekündigt, während er meilenweit entfernt in Las Vegas war. Sie hatten die Unterstützung globaler Medienberichterstattung und brachten Fälle anderer Opfer heraus. Sie betraten Bereiche, die nicht von ihrem Durchsuchungsbefehl gedeckt waren, stahlen Dokumente der Verteidigung aus dem Haus von Jacksons persönlichem Assistenten und durchsuchten auf illegale Weise das Büro des Privatermittlers, der für die Verteidigung arbeitete – all das bescherte ihnen einen unfairen Vorteil.


Trotz alledem war es ihnen noch immer nicht möglich irgendetwas zu fabrizieren, das einem aussichtsreichen Fall nahe käme. Ich habe die Verhandlung damals verfolgt und erinnere mich daran schockiert gewesen zu sein angesichts der Divergenz zwischen den gerichtlichen Abschriften und der Medienberichterstattung.


J. Randy Taraborrelli hatte zuvor eine Geschichte über die Verhandlung erzählt. Er und der Rest des Pressepacks standen für ihre Pässe an. Eine renommierte weibliche Reporterin eines großen Magazins regte sich mehr und mehr darüber auf in der Schlange warten zu müssen (der Horror!) und explodierte plötzlich: „Glaubt hier IRGENDWER, dass Michael Jackson unschuldig ist, außer Randy Taraborrelli!?“


Diese Geschichte fasst die Haltung der Medien bezüglich der Verhandlung zusammen: „Wir wissen, dass er schuldig ist. Das ist eine Zeitverschwendung. Sie sollten ihn einfach jetzt gleich einsperren.“ Das ließ ihre Berichterstattung schlecht werden, bewusst oder unbewusst.


Joie: Es hat ihre Berichterstattung absolut verdorben, und es fällt mir einfach so schwer zu glauben, dass sie einseitig die Geschichte erzählt haben, die sie erzählt haben wollten – durch die Bank. Weißt du, ich habe neulich meiner Mutter meine Ausgabe von Michael Jackson Conspiracy von Aphrodite Jones geliehen, und nachdem sie es gelesen hatte, war sie völlig geschockt, weil alles, was sie wirklich von der Verhandlung wusste war, dass Michael Jackson im Schlafanzug vor Gericht erschienen war. Und als sie das sagte, war ich zunächst irgendwie sauer, aber als ich erst mal darüber nachgedacht hatte, habe ich begriffen, natürlich ist das alles, was sie wusste. Das ist alles, was der Großteil der Welt weiß, weil das alles ist, was die Medien ihnen erzählt haben. Niemand weiß wirklich, dass alle Zeugen der Staatsanwaltschaft im Kreuzverhör vernichtet wurden, weil die Medien nichts darüber berichteten, was die Verteidigung zu sagen hatte. Sie haben nur über die Sicht der Staatsanwaltschaft berichtet.


Charles: Ich arbeite nun seit 5 Jahren als Journalist und habe eine Menge Zeit im Gericht verbracht, um über Fälle für lokale und nationale Zeitungen zu berichten. All diese Zeit mit Gerichtsfällen zu verbringen - Kindesmissbrauchsfälle eingeschlossen - hat meinen Glauben daran, dass Michael Jacksons Strafverfolgung eine Farce war, nur erhärtet.


Willa: Das ist eine ziemlich starke Verurteilung, Charles. Was genau also ist an diesem Fall anders, als an anderen Fällen, über die du berichtet hast?


Charles: Vieles am Michael Jackson Fall war anders als an anderen Kindesmissbrauchsfällen, denen ich beigewohnt habe. Erstens, während ich in der Vergangenheit einige unfähige Strafverfolger erlebt habe, habe ich niemals etwas gesehen, was an die Dummheit der Michael Jackson Strafverfolgung heranreicht. Es war, als wäre der Fall von Mr. Bean zusammengesetzt worden. Jeder Zeuge erwies sich als unbrauchbar. Es gab keinen Beweis, um irgendeinen der Anklagepunkte zu unterstützen. Die Staatsanwälte verhielten sich wie Witzbolde, die manchmal versuchten ihren gesamten Fall vom Fleck weg umzuschreiben, weil Zeugen sich nicht so bezahlt gemacht hatten, wie sie es erhofft hatten. Es war hoffnungslos. Das Büro des Bezirksstaatsanwalts von Santa Barbara sollte jede Nacht seinen Glückssternen danken, dass Michael Jackson keine Klage wegen falscher Anschuldigung erhoben hat.


Was Unterschiede zwischen dem Michael Jackson Fall und anderen Kindesmissbrauchsfällen, die ich persönlich verfolgen durfte, anbelangt, passte nichts wirklich zusammen. Michael Jackson passte auf keine Weise ins Profil eines rücksichtslosen Pädophilen. Die Opfer in solchen Fällen sind normalerweise am Boden zerstört, brechen im Zeugenstand in Tränen aus, wenn sie den Missbrauch nacherzählen, dem sie ausgesetzt waren, wohingegen Arvizo Witze riss. Sie sind normalerweise traumatisiert durch ihren Missbrauch dahingehend, dass er wie eine Blitzlichterinnerung ist - ihre Erinnerungen sind lebhaft und beständig - wohingegen die Erinnerungen im Jackson Fall gänzlich widersprüchlich waren.


Um in jedes Detail zu gehen inwiefern der Michael Jackson Fall sich von anderen, über die ich berichtet habe, unterschied – könnte ich einen 5000 Wörter Essay darüber schreiben. Aber um es kurz zu fassen: Ich habe in zahlreichen Verhandlungen gesessen, in welchen echte Missbrauchsopfer gegen ihre Peiniger ausgesagt haben. Ich sah keine Ähnlichkeiten im Verhalten der Opfer oder der Angeklagten, keine Ähnlichkeiten in den Aussagen, keine Ähnlichkeiten in den Anklagen – und ich habe auch niemals einen wirklichen Kinderschänder im Umkreis von einer Millionen Meilen gesehen, der die unglaublich starke Verteidigung aufbringen konnte, wie es Jackson möglich war. Die Abschriften des Arvizo Falles lesen sich wie eine unüberlegte Parodie eines echten Kindesmissbrauchsfall.


Willa: Was irgendwie wieder zu der Frage führt, die ich dir anfangs gestellt habe. Gab es ein bestimmtes Beweisstück, das besonders überzeugend für dich war oder war es einfach eine Anhäufung von Beweisen, sodass du nach einer Weile einen Wendepunkt erreicht hast und von Jacksons Unschuld überzeugt wurdest?

Charles: Um dies zu beantworten, werde ich zur ersten Zeile meiner Antwort zurückkehren: Ich glaube voll und ganz an das Prinzip, dass eine Person so lange unschuldig ist, bis die Schuld bewiesen ist. Die Staatsanwaltschaft kam im Prozess um Michael Jackson nicht einmal in die Nähe dessen. Michael Jackson wurde durch eine Kombination einerseits der kompletten Unfähigkeit der Staatsanwaltschaft irgendeinen schlagenden Beweis für Jacksons Schuld zu finden und andererseits durch die Fähigkeit des Verteidigers eine Fülle an schlagenden Beweisen für Jacksons Unschuld zu präsentieren, freigesprochen. Indem sie Michael Jackson freisprachen, erklärten sie ihn vor dem Gesetz für unschuldig.


Hier ist ein kurzes Beispiel, das für mein Gefühl deutlich macht, warum die Verteidigung diesen Fall gewonnen hat. Die Staatsanwaltschaft rief mehrere ehemalige Angestellte Jacksons auf, die angeblich Zeugen der Belästigung dreier Jungen waren: Brett Barnes, Wade Robson und Macauley Culkin. Etwas anderes als diese extrem wackeligen Aussagen der drei Ex-Angestellten – alle vollständig im Kreuzverhör widerlegt – hatte die Anklage nicht als weiteren Beweis für einen Missbrauch aufzubieten.


Die Verteidigung rief Barnes, Robson und Culkin ganz zu Beginn ihres Falles auf. Alle drei gaben den Geschworenen unmissverständlich zu verstehen, dass sie niemals belästigt worden waren und dass sie diese Unterstellung auf das Schärfste zurückweisen würden.


Während Robson im Kreuzverhör stand, unternahm Staatsanwalt Ron Zonen einen verzweifelten Versuch, sich wenigstens den äußeren Anschein von Glaubwürdigkeit zurück zu erkämpfen, dass diese Jungen belästigt worden sein könnten. Um dies zu erreichen, erfand er im Grunde aus dem Nichts ein Szenario, in dem er zu akzeptieren schien, dass die eigenen Zeugen der Staatsanwaltschaft gelogen hatten, versuchte dabei aber zu unterstellen, dass Robson trotzdem belästigt worden sein könnte. Der Beweis der ehemaligen Angestellten gegenüber den Geschworenen war, dass Robson wach gewesen war, als er belästigt wurde, aber Zonen verbiss sich darin, indem er die Geschworenen praktisch anflehte, in Erwägung zu ziehen, dass Robson eventuell bei anderen Gelegenheiten belästigt wurde, während er schlief, so dass er sich dessen nicht bewusst war!


Willa: Das ist ein ziemlich schockierender Bericht darüber, einen Zeugen anzuführen – und es zeigt wirklich, wie sich das Büro des Bezirksstaatsanwaltes dem Fall von Beginn an annäherte, denke ich. Sie führten keine Untersuchung durch, um herauszufinden, was passiert war. Stattdessen fällten sie ein Urteil darüber, was passiert war und versuchten dann erst Beweise zu sammeln, um es zu beweisen. Ihr Urteil, dass er schuldig sei, kam vor der Überprüfung, nicht danach.


Charles: Das ist eine Art Mikrokosmos in dem ganzen Fall. Der Version der Staatsanwaltschaft, wie die Ereignisse stattgefunden haben sollten, war wie ein Haus, das auf ein schwaches Fundament gebaut war. Sie begannen mit einer extrem schwachen Ausgangslage – einem sehr unsicheren Zeugen oder vielmehr bedeutungslosen „Beweisstück“ – und dann bauten sie einen enormen Turm an Verschwörungen oben drauf. Die Verteidigung brauchte nur hereinkommen und das darunterliegende Fundament wegzuziehen.


Kurz gesagt, es geht über meine Vorstellungskraft hinaus, dass irgendjemand, der den Fall in der Tiefe studiert hat, sich selbst die Frage gestellt haben könnte „Haben die Ankläger ihren Fall über einen begründeten Zweifel hinaus bewiesen?“ und darauf ehrlich antworten könnte, dass dies der Fall sei.


Joie: Oh, ich weiß nicht, wie irgendjemand ein Argument für die Anklage hervorbringen könnte.

Also Charles, du warst in das Ersuchen der FBI-Akten zu Michael Jackson unter dem Freedom of Information Act (FOIA) involviert. Ich bin neugierig, was spornte dich an, danach zu fragen und was genau hast du gehofft in diesen Akten zu finden?


Charles: Ich war nicht sicher, was ich in diesen Akten finden würde, nicht einmal, ob es überhaupt eine Akte über ihn gab. Ich nahm die Freedom of Information-Anfrage auf gut Glück vor.


Freedom of Information ist ein brillantes Werk der Gesetzgebung, das es Bürgern erlaubt, verborgene Informationen anzufordern, die im Besitz der Regierungsbehörden sind. Du kannst einfordern, zu erfahren, wie viel deine örtliche Regierung jedes Jahr an Gebäck für die Belegschaftsräume ausgibt oder Information darüber erlangen, wie viele Anklagen über Polizeigewalt im letzten Jahr in deiner örtlichen Polizeistation erhoben wurden oder die Korrespondenz zwischen Regierungsabteilungen bezüglich verschiedenster Angelegenheiten einzusehen.


Ich hatte hiervon beim FBI schon einige Male vorher Gebrauch gemacht. Ich hatte die Akte von James Brown angefragt, zum Beispiel. Darin fand ich einen aufschlussreichen Bericht der angeblichen polizeilichen Verfolgungsjagd, für die er in den 1980er Jahren verhaftet und eingesperrt wurde und welcher die Ereignisse auf eine ganz andere Art und Weise als die Version der Polizei zu jener Zeit darstellte. In anderen Akten von Prominenten gab es Aktenvermerke über deren Überwachung durch das FBI während der 60er Jahre, weil man vermutete, sie wären Kommunisten.


Wurde Michael Jackson durch das FBI überwacht, weil erkannt wurde, welche Macht er über sein Publikum hatte? Hatten sie die sogenannte finanzielle ‚Verschwörung’ gegen ihn untersucht, dessen Beleg sie Raymone Bain zufolge etwa 2006/7 an den Justizminister geschickt haben? Waren sie in die Untersuchungen zum Fall der Kindesbelästigung verwickelt? Dies waren die Art von Fragen, die ich mir selbst stellte.


Ich war nicht sehr glücklich über die Art, wie das FBI die Veröffentlichung handhabte, wie ich auch schon in meinen Blogs über dieses Thema und in der Passage, die ich über die Akte für J. Randy Taraborrellis Buch geschrieben habe, deutlich gemacht habe. Anstatt die Akte direkt jenen zur Verfügung zu stellen, die danach gefragt hatten – ich weiß nicht, wie viele andere nach ihnen gefragt haben – verkündete das FBI, dass es die Dateien zu einer bestimmten Zeit auf seine Website stellen würde, für jedermann lesbar.


Joie: Ja, das ist überraschend. Man erwartet nicht, dass das FBI in dieser Manier tätig wird.

Charles: Was hierdurch im Grunde genommen provoziert wurde, war ein Gerangel mit Nachrichtenorganisationen aus der ganzen Welt, die sich alle darum drängelten, downloaden zu können, es flüchtig zu lesen, um dann schneller als alle anderen darüber berichten zu können. Dies führte zu extrem schlampiger Berichterstattung über die Inhalte der Akte. Ich schrieb über die chaotische Berichterstattung der Medien zu den Dokumenten in meinem Blog.


Ich habe ebenfalls in einem Blog darüber geschrieben, dass die Akten enthüllt haben, dass Tom Sneddon, der Bezirksstaatsanwalt, der Jackson verfolgt hat, versucht hatte, an die FBI Akte zu gelangen, um Jackson unter Anwendung des Mann Act unter Strafe zu stellen. Der Mann Act ist ein grundsätzlich rassistisches Gesetz, welches nach seiner Einführung weitreichend genutzt wurde, um schwarze Männer zu bestrafen, die mit weißen Frauen verkehrten. Die Auffassung von gemischtrassigen Beziehungen wurde zu jener Zeit als ‚unmoralisch‘ angesehen. Es war schlichtweg so, dass jeder schwarze Mann, der mit einer weißen Freundin reiste und erwischt wurde, sich selbst bei Strafverfolgung unter Anwendung des Mann Act wiederfand wegen ‚des Transportes einer Frau über die Staatsgrenze zu unmoralischen Zwecken‘.


Das phänomenale Buch Unforgivable Blackness: The Rise and Fall of Jack Johnson (Unverzeihliches Schwarzsein: Der Aufstieg und Fall des Jack Johnson) erzählt, wie Johnson, der erste jemals schwarze Boxchampion im Schwergewicht der Welt einer der Beweggründe für die Einführung des Gesetzes war. Der Regierung gefiel nicht die Art, in der Johnson ‚seinen Reichtum offen zur Schau stellte‘ (soll heißen: er kaufte Autos) und sich mit weißen Frauen traf. Er wurde verhaftet wegen der Tatsache, mit einer weißen Liebhaberin zu reisen. Das Gesetz wurde ebenfalls genutzt, um Chuck Berry wegen angeblichen Verkehrens mit einem 14-jährigen Mädchen anzuklagen, im selben Jahr, in dem Elvis Presley begann, sich mit Priscilla Beaulieu zu treffen – seiner zukünftigen Frau. Sie war 14 zu jener Zeit. Elvis wurde nicht angeklagt.


Joie: Wow. Ich wusste, natürlich, dass Priscilla erst 14 Jahre alt war, als sie begann, Elvis zu treffen, aber ich hatte keine Ahnung, dass Chuck Berry im selben Jahr für exakt dieselbe Sache, die Elvis tat, angeklagt wurde. Erzähl‘ über „unverzeihliches Schwarzsein“. Das ist unglaublich.


Charles: Nur für das Protokoll: Chuck Berry stritt die Anschuldigung ab, dass er mit dem Mädchen geschlafen hätte. Er sagte, sie wäre eine Anhalterin gewesen, der er einen Job in seinem Club gegeben hat, dass er sie dann feuerte, und dass sie sich daraufhin die Anschuldigungen zurechtgelegt habe, um ihn zu kränken. Während des gesamten Prozesses machte der vorsitzende Richter wiederholt Kommentare über seine Rasse. Er wurde verurteilt.


Willa: Oh, das ist solch eine Doppelmoral. Jerry Lee Lewis heiratete eine 13-jährige – und verteidigte sich dann damit, indem er sagte, er habe gedacht, sie sei 15, als ob das irgendeinen Unterschied machen würde. Und das war nur ein Jahr bevor Chuck Berry verhaftet wurde, also wurde Chuck Berry zur gleichen Zeit dafür angeklagt, angeblich mit einer 14-jährigen zu verkehren, während Elvis eine 14-jährige traf und Jerry Lee Lewis mit einer 14-jährigen verheiratet war.


Charles:
Du kannst meinen vollständigen Blog über den Mann Act hier lesen here. Ein interessanter Umstand ist, dass das FBI lediglich 333 Seiten von Jacksons 673 Seiten umfassender Akte veröffentlichte – also weniger als die Hälfte davon. Sie gaben niemals eine Erklärung ab, warum der Rest zurückgehalten wurde, sogar obwohl sie aufgrund des Freedom of Information Act gesetzlich dazu verpflichtet sind.

Während des Skandals 1993 verkündete Johnnie Cochran, dass er Akten an das FBI geschickt und sie um die Einleitung einer Untersuchung der Chandlers wegen Erpressung gebeten habe. Keinerlei Dokumente, die dies betreffen, wurden in Jacksons Akte veröffentlicht. Ich forderte Cochrans Akte an, und auch darin waren sie nicht enthalten. Ich hinterfragte dies, und das FBI behauptete, es könne keine solche Dokumente ausfindig machen. Ob das wahr ist oder nicht – wer weiß? Sie behaupten auch, keine Akte über Hunter S. Thompson zu haben, obwohl er mindestens zwei Begegnungen mit dem FBI über die Jahre in seinen Schreiben erwähnt.

Joie: Das ist interessant, nicht wahr? Und nur 333 von 673 Seiten wurden freigegeben. Welchen möglichen Grund könnten sie dafür haben, über die Hälfte der Akte unter Verschluss zu halten?


Charles: Vielleicht wollte das FBI diese Erpressungsdokumente nicht herausgeben, weil ihre Untersuchungen halbherzig waren oder sogar gar nicht existierten. Andere Gründe könnten sein, dass die Seiten Bezug auf andere, noch lebende Personen nehmen oder auf Mittelsmänner, die noch aktiv sind – obwohl das auch keine besonders legitime Entschuldigung ist, wenn man bedenkt, dass solche Details einfach verschleiert werden könnten.


Willa: Obwohl es ihnen gesetzlich nicht erlaubt ist, Dokumente zurückzuhalten, einfach um ihr Missmanagement des Falles zu verschleiern, richtig? Gemäß dem Gesetz dürfen sie Informationen lediglich aus legitimen Gründen zurückhalten: wenn die Veröffentlichung eine Bedrohung der Sicherheit aufwerfen oder aktive Ermittlungspersonen einem Risiko aussetzen oder das Privatleben noch lebender Privatpersonen gefährden würde, wie du sagtest.


Charles: Das ist absolut korrekt, aber wer kontrolliert das FBI? Während Freedom of Information ein brillantes Stück der Gesetzgebung ist, hat es auch seine Schwachstellen. Behörden können Anfragen aus fadenscheinigen Gründen zurückweisen in der Gewissheit, dass der Prozess der Anfechtung extrem langwierig ist und die meisten Leute nicht die Zeit und die Ressourcen dafür haben, dies weiter zu verfolgen.


Eine meiner eigenen FOI Anfragen wurde kürzlich durch die Polizei aus den fadenscheinigsten Gründen zurückgewiesen. Ich habe einer Serie von Gerichtsanhörungen über einen Undercover durchgeführten Polizeieinsatz beigewohnt – alles staatsarchiviert, denn es wurde in öffentlicher Sitzung diskutiert – aber als ich ein FOI an die Polizei sandte, um mehr Informationen zu diesem Einsatz zu erhalten, verweigerten sie die Einwilligung mit der Behauptung, dass sogar das Zugeben des Einsatzes die nationale Sicherheit in Frage stellen würde oder so ein ähnliches Geschwätz.

Also kann es sogar in einem öffentlichen Prozess erörtert werden, an dem jedes Mitglied der Öffentlichkeit teilnehmen und zuhören kann, aber das Zugeben seiner Existenz unter dem FOI stellt eine Bedrohung der nationalen Sicherheit dar? Das ist eindeutig Unsinn.

Also ist es so, dass Behörden ständig das Gesetz zum FOI missachten in dem Bewusstsein, dass der Anfechtungsprozess langsam, arbeitsaufwendig und oft ineffektiv ist. Die Strafvollzugsbehörde erzählte einmal einem meiner Kollegen, dass die Herausgabe der Kosten eines Frühstücks der Gefangenen an den Steuerzahler eine Bedrohung für die nationale Sicherheit sei. Er hat Einspruch dagegen erhoben und gewonnen – aber das dauerte fast ein Jahr.

Na ja. Vielleicht werden wir in ein paar Jahren ein wenig mehr erkennen können, was sie über Michael Jackson zurückgehalten haben.

Joie: Also Charles, lass uns über das, was in den 333 Seiten steht, reden. Grundsätzlich enthüllten die Akten, dass Michael Jackson annähernd zehn Jahre lang überwacht worden war und niemals auch nur ein Beweis für Kindesbelästigung gefunden werden konnte. Ist das korrekt?


Charles: Ja, das ist korrekt. Sie haben Anschuldigungen erhalten, aber niemals einen Beweis gefunden, der diese unterstützen würde. Die Medien, ob nun unabsichtlich oder als Ergebnis dessen, die Akten nicht gründlich gelesen zu haben, berichteten deren Inhalt völlig falsch.


Zum Beispiel gaben viele Pressekanäle die falsche Behauptung weiter, dass das FBI Jackson wegen Belästigung zweier mexikanischer Jungen in den 80er Jahren überprüft habe. Was in der Akte aber tatsächlich steht, ist, dass ein Schreiber das FBI kontaktierte, um zu sagen, sie hätten ein Gerücht gehört, das FBI habe die Angelegenheit untersucht. Das FBI suchte in seinen Aufzeichnungen, fand keinen Beweis, der unterstützen würde, dass jemals eine solche Untersuchung stattgefunden hatte, vermerkte aber den Telefonanruf. Dieser Vermerk wurde von den Journalisten – ob nun aus Faulheit oder aus Böswilligkeit - fälschlich als Beweis dafür zitiert, dass das FBI die Angelegenheit untersucht habe, wenn im Grunde auch genau das Gegenteil ausgesagt wurde.


Willa: Das ist verrückt! Es ist, als wären die Medien und das FBI in einer Rückkopplungsschleife gefangen. Ein Schreiber hört ein Gerücht, dass das FBI Michael Jackson untersucht und nimmt Kontakt zu ihnen auf, um zu erfahren, ob es wahr ist, das FBI führt eine interne Untersuchung durch und findet heraus, dass es nicht stimmt, und dann berichten die Medienkanäle, dass das FBI eine Untersuchung durchführt. In diesem Fall also berichten die Medien nicht einfach die Neuigkeit, sie kreieren sie sogar.


Joie: Ja, es scheint, dass das Erfinden von Neuigkeiten etwas ist, was die Medien in diesen Tagen ziemlich oft tun.


Charles: In der Akte enthalten war auch ein Ablauf der FBI-Analyse all der beschlagnahmten Computer von Neverland während der Durchsuchung 2003. Die Akten stellen ganz eindeutig klar, dass nichts Verfängliches auf irgendeinem dieser Computer gefunden wurde – aber zahlreiche Medienkanäle behaupteten, dass die Akten die Fundstücke des FBI nur nicht enthalten würden!


Das FBI analysierte einmal ein Videoband, um zu sehen, ob es pornografisches Material mit Kindern enthielt. Es gibt keinerlei Erwähnung in den Akten, dass das Band jemals Michael Jackson gehört hatte. Sein Name stand einfach auf einem Label, das an dem Videoband angebracht war. Es gibt dort auch keine Erwähnung, dass das Video tatsächlich kinderpornografisches Material enthielt. Aber verschiedene Medien berichteten, Jackson sei wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material untersucht worden.


Die einzige Sache in der Akte, die – wenn jemand ganz besonders verzweifelt etwas finden wollte – man als vage verfänglich ansehen könnte war der Mann Act Vorfall – und auch das ist Auslegungssache. Jemand kontaktierte das FBI und berichtete, Michael Jackson in einem öffentlichen Zug in voller Sichtweite anderer Passagiere gesehen zu haben, wie er mit einem jungen Begleiter in ein Abteil ging. Sie hatten keine Ahnung, was, wenn überhaupt irgendwas, in dem Raum passierte. Das FBI legte fest, dass dies keine Grundlage für eine Untersuchung sei.


Willa: Und weißt du, ich denke, das trifft eines der Themen der Medienbestattung über Michael Jackson genau ins Herz: Wie berichten die Medien über die „Abwesenheit“ eines kriminellen Beweises? Es verletzt ihre Definition von Neuigkeiten. Ein Gerücht ist eine Neuigkeit, denn es ist „etwas“ zum Berichten. Aber Seite für Seite der FBI Akten mit dem Wort „NICHTS“ darauf – weil das FBI untersuchte und nichts fand – sind es keine Neuigkeiten, denn es ist „nichts“. Wie berichtest du über „nichts“?


Du hast dies in deinem Blog über die FBI Akte angesprochen:


Auf einer eher grundsätzlichen Ebene enthüllen die Akten, dass es nicht nur der Polizeiapparat von Los Angeles war, der Jackson mehr als eine Dekade verfolgte und damit gescheitert war, auch nur einen Deut an Information hervorzubringen, der den Star mit irgendeinem Verbrechen in Verbindung bringen könnte – dem FBI ging es genauso. Dass Jacksons Leben auseinandergenommen und sein Verhalten mehr als zehn Jahre lang durch zwei große Strafverfolgungsbehörden untersucht und nicht ein Beweisstück gefunden wurde, das seine Schuld anzeigen würde, spricht Bände.


Im Großen und Ganzen erzählten die Medien es allerdings nicht ganz auf diese Weise.


Weißt du, es scheint mir so zu sein, dass wenn es überhaupt einen Rockstar gibt, von dem wir mit Sicherheit behaupten können, dass er nicht pädophil war, dann ist es Michael Jackson. Wer sonst noch wurde so gründlich überprüft wie er? Jedoch trifft dies nicht die öffentliche Wahrnehmung, denn über die überwältigende „Abwesenheit“ jeglicher Beweise gegen ihn wurde nie berichtet.


Charles: Während in der FBI Akte festgehalten wurde, dass nichts auf Jacksons Computer gefunden wurde, ist nichts so interessant - nicht soweit es viele Journalisten und durchaus auch Leser / Zuschauer angeht – wie wenn sie etwas gefunden hätten, ich glaube, es ist immer noch eine Geschichte. Es ist einfach eine positive Geschichte – und positive Geschichten über Michael Jackson sind einfach nichts, die zu berichten interessant für die Medien ist. Also glaube ich nicht, dass die Medien es schwierig fanden, zum Beispiel über diesen Teil der Akte zu berichten. Ich denke, die Medien entschieden sich, es nicht zu tun, weil es nicht zu ihrer Tagesordnung passte.

Natürlich gibt es da auch noch den Aspekt, sich abzusichern. Wenn du Jahre damit verbracht hast extrem unfair über Michael Jackson zu berichten, wenn du alles in deiner Macht stehende getan hast, das Publikum davon zu überzeugen, dass er schuldig sein muss – dann sieht das sorgfältige Berichten über den Inhalt dieser Akte wie ein gewaltiger Rückzieher aus.


Joie: Und auf mich wirkt das einfach wie solch ein Hohn auf die Gerechtigkeit. Viele Jahre lang hatten die Medien ihre Hand dabei im Spiel die Karriere dieses Mannes und seine ganze Persönlichkeit zu zerstören, und das taten sie mit großem Genuss – über Gerüchte berichten und abscheuliche Anspielungen so zu machen, als ob es Tatsachen wären. Aber etwas zu berichten, dass tatsächlich beweisen könnte, dass der Mann unschuldig war … das steht aus irgendeinem Grund nicht zur Diskussion! Es ist vollkommen verbrecherisch. Und es lässt mich die Frage stellen, ob wir wirklich die Wahrheit über alles wissen, oder essen wir einfach die Häppchen auf, die uns die Medien auftischen – ohne Rücksicht darauf, ob daran irgendetwas wahr ist, was sie uns berichten.


Willa: Das ist eine riesige Frage, Joie, und eine wirklich wichtige. Nach alldem gibt es eine Menge Menschen in den Vereinigten Staaten, die immer noch glauben, dass der Irak irgendwie in den Angriff auf das World Trade Center involviert war. Das ist einfach erschreckend, und es spiegelt einen fast verbrecherischen Mangel an Medienberichterstattung wider über die wesentlichen Themen zu den Kernpunkten des Irakkrieges. Und das führt wieder einmal zurück zu dieser Frage darüber, wie die Medienkanäle über eine „Abwesenheit“ berichten. Wie berichten sie über den Mangel an irgendwelchen Beweisen gegen Michael Jackson? Wie berichten sie über den Mangel an irgendwelchen glaubwürdigen Beweisen, die den Irak mit dem 11. September verbinden? Die Antwort scheint zu sein, dass sie es nicht tun. Sie wissen, wie man über Gerüchte berichtet, aber sie wissen nicht, wie man etwas wieder zurücknimmt und berichtet, dass diese Gerüchte nicht wahr sind – oder sie wollen es nicht.


Charles: Als jemand, der in der Medienwelt arbeitet ist es meine Erfahrung, dass diese skrupellosen Journalisten sehr in der Minderheit sind. Bei meiner ganzen Arbeit am Michael Jackson Skandal habe ich nicht das Gefühl, dass dies darauf schließen lässt, wie die Medien generell arbeiten. Wenn es so wäre, dann würde ich ständig über andere Fälle schreiben, in den die Medien ähnlich vorgegangen wären. Es gibt viele, viele mehr, natürlich, aber sie sind immer noch in der Minderheit.


Die meisten der Journalisten, die ich getroffen oder mit denen ich zusammen gearbeitet habe, sind gewissenhaft, hart arbeitend, leidenschaftlich und anständig – sogar bei Zeitungen, die bei Jacksons Fans wegen ihrer Art der Berichterstattung unbeliebt sind.


Nichtsdestotrotz gibt es diese gewaltigen Verdrehungen des Journalismus, die die ganze Zeit weitergehen. Viel davon, denke ich, kann man der Rudelmentalität zuschreiben. Die Medienkanäle haben das Gefühl, dass wenn jeder andere über eine große Story berichtet, sie das auch tun sollten oder sie würden etwas versäumen. Nick Davies schreibt darüber sehr wortgewandt in seinem Buch Flat Earth News (Nachrichten der Erdscheibe). Im Grunde ist es so, dass wenn ich den Leuten, die an der Vorgehensweise der Medien und an den Gründen ihres Versagens interessiert sind, ein Buch empfehlen könnte, dann wäre es Flat Earth News. Darin untersucht Davies die systembedingten Schwächen, die zu weitverbreiteter Ungenauigkeit und zu Verfälschungen führen. Ich behaupte, dies zu lesen, ist für jeden unentbehrlich, der an diesem Thema interessiert ist.


Joie: Danke für diese Empfehlung, Charles; es klingt wie ein wirklich interessantes Buch. Und vielen Dank, dass du dich uns angeschlossen hast. Dies ist eine Diskussion, die Willa und ich uns seit langer Zeit gewünscht haben und wir freuen uns, dass du dir die Zeit genommen hast, dich mit uns zu unterhalten!


Willa und ich brauchen noch eine Minute, um noch zwei weitere bedeutende Informationshappen mit euch zu teilen. Willa, willst du anfangen?


Willa: Wir haben der Lyrics Library einige leere Seiten für die Bad 25 Bonus Tracks hinzugefügt. Sie sind jetzt noch leer, weil die Lyrics nicht in den Begleitunterlagen enthalten waren. Da ist Platz für Kommentare für jeden Song, also wenn ihr eure Gedanken über diese Lyrics posten wollt, können wir beginnen, diese zusammenzustellen. Oh, und vielen Dank an Caro, dass sie dies vor ein paar Wochen vorgeschlagen hat!


Joie:
Außerdem haben Willa und ich, nach langer Diskussion und Seelenforschung, beschlossen, dass wir auf ein zweiwöchiges Format für den Blog umschalten. Damit wir euch weiterhin zum Nachdenken anregende, gut recherchierte Diskussionen anbieten können und uns währenddessen immer noch um uns selbst und unsere Familien kümmern können, müssen wir einige Dinge neu ordnen, also werden wir ab sofort an jedem ersten und jedem dritten Donnerstag eines Monats posten. Wir hoffen, dass ihr alle Verständnis dafür habt und wir hoffen, dass dies niemandem ungelegen kommt.


The truth must dazzle gradually
or every man be blind
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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 21:10

Lass mich dein Herz mit Freude und Lachen (er-) füllen
17/10/2012

Willa: Weißt du Joie, Michael Jacksons Kurzfilme können wirklich etwas in dir auslösen – einfach die ganze Skala der Emotionen. So wie Thriller diese faszinierende Mischung aus Furcht und Verlangen und Verdrängung und Befreiung hat: Es ist so, als würde er sich selbst während des ersten Teils zurückhalten, und dann bricht er endlich los und beginnt zu singen und zu tanzen, es ist anregend! Und denk’ nur einfach an die verschiedenen Emotionen im Billie Jean Video oder in The Way You Make Me Feel oder Bad oder Who Is It oder Stranger in Moscow oder Earth Song oder Ghosts oder You Rock My World oder …


Joie: Ok, ok. Ich hab’ schon verstanden. Es gibt da viele Kurzfilme und sehr viele Emotionen.


Willa: Ooops. Tut mir leid! Ich wollte nicht abschweifen. Aber du weißt, was ich meine. Alles, was er angefasst hat, ist so nuanciert und faszinierend – sogar ein Werbespot für Pepsi. Ich denke über das Duett des jüngeren und des älteren Michael Jackson im I’ll Be There Video nach:




Und es ist ein Pepsi Werbespot. Um Himmels Willen! Aber es ruft so viele verschiedene Gefühle hervor.

Joie: Oh, ich könnte dir nicht mehr zustimmen, Willa. Ich liebe einfach diesen Werbespot. Ich wünschte nur, es wäre ein tatsächliches Video des ganzen Songs, denn es ist viel zu kurz. Und du hast Recht, es wirbelt eine Menge Gefühle auf. Besonders für Langzeitfans, denke ich, kann es ziemlich ergreifend sein.


Willa: Oh ja, es ist sehr ergreifend – das ist das perfekte Wort dafür. Ich denke neuerdings sehr oft an I’ll be there, seit Kris, Eleanor und Nina Kommentare über die Verbindung zu Will You Be There gepostet haben. Ich war so fasziniert davon. Im Grunde haben wir vor ein paar Wochen kurz darüber gesprochen – über I’ll be there, You Were There undWill You Be Thereund seitdem habe ich ständig an das Duett I’ll be there gedacht. Es ist so bewegend, und während es subtiler ist als Childhood, zum Beispiel, lässt es so viele Emotionen hochkommen.


Weißt du, was so fesselnd an diesem Video ist, ist die Tatsache, dass wir den erwachsenen Michael Jackson auf eine völlig der dominanten Erzählung in den Medien widersprechenden Art im Zusammenspiel mit dem jungen Michael Jackson sehen. Die populäre psychologische Erklärung, die viele Kritiker ihm aufzwangen, war die, dass sein älteres Ich buchstäblich eine Zurückweisung seines jüngeren Selbst sei: dass er, als er älter wurde, seine Rasse und seinen Vater und im Grunde seine gesamte Familie und Motown und all seine alten Freunde und die Leute, die ihm auf seinem ganzen Weg geholfen haben und sein Leben als Kinderstar ablehnte, und dass er sogar seinen eigenen Körper ablehnte – dass er sein Gesicht ablehnte und seinen Afro und die Farbe seiner Haut. Er lehnte mehr und mehr ab, bis er vollkommen isoliert und paranoid war und ein Howard-Hughes-artiges Leben lebte.


Joie: Ja. Das ist die Geschichte, wie sie die Medien und, wie es scheint, die Kritiker uns glauben machen möchten.


Willa: Es sieht wirklich so aus, nicht wahr? Es ist so, als würden sie sich alle dieser einen Erzählung anschließen und sie immerzu wiederholen. Und ich habe sie nie geglaubt. Es ist wahr, dass seine Gefühle über seine Kindheit kompliziert waren, und so war es auch mit den Gefühlen über seinen Vater und seine Familie. Ich meine, machen wir uns doch nichts vor, sein ganzes Leben war kompliziert. Aber da wirkten offensichtlich eine Menge Emotionen zusammen, und es ist eine grobe Vereinfachung – und vollkommen falsch, denke ich – es alles zu reduzieren auf „Er hasste seine Kindheit und nun hasst er seinen Vater und seine Familie und sich selbst“.


Joie: Ich bin ganz deiner Meinung, Willa. Und ich für meinen Teil bin es so leid zu hören, dass Michael Jackson sich selbst hasste. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der so voller Selbsthass sein soll, so einfühlsam gegenüber seinen Mitmenschen sein könnte. Wenn überhaupt würde ich glauben, dass jemand, der sich so sehr hasst, nur sehr wenig oder gar keine Beachtung für andere übrig hätte. Dieser Einwand ergibt überhaupt keinen Sinn für mich.


Willa: Für mich auch nicht, und es fühlt sich auch nicht richtig an. Wenn ich seine Songs höre oder seine Videos ansehe, spüre ich einfach keinerlei Aufblitzen von Abscheu oder Selbsthass. Es ist ganz einfach nicht da. Aber es ist wahr, dass da manchmal eine Menge gemischter Gefühle sind, besonders über seine Kindheit, und wir können einiges dieser Komplexität in dem I’ll Be There Duett erkennen – besonders wie sein erwachsenes Ich sich gegenüber dieser Verkörperung seines jüngeren Selbst verhält und darauf reagiert.


Was mich am meisten trifft, wenn ich dieses Video ansehe ist die starke emotionale Anziehungskraft, die er immer noch gegenüber seinem jüngeren Ich spürt. Da ist sehr viel Zuneigung in diesem Video für sein junges Ich zu spüren, denke ich, und ebenso Einfühlungsvermögen, und ich komme zu dem Empfinden, dass er wünscht, er könnte ihn irgendwie beschützen. Es liegt eine sehr melancholische Stimmung in diesem Video, und ich frage mich, ob er über all die Dinge nachdenkt, durch die sein junges Ich schon gehen musste und die es in den Jahren, die vor ihm liegen, noch durchmachen muss. Vielleicht ist es das, woher die Melancholie kommt, und was das Ansehen dieses Videos so bittersüß macht.


Joie: Noch einmal, ich stimme dir ganz und gar zu. Es liegt eine sehr bittersüße Atmosphäre darüber und du bekommst das Gefühl, dass er an all die Dinge denkt, die dieser Junge schon durchmachen musste genauso wie an all die Herausforderungen, die er in Zukunft noch bewältigen muss. Er kennt die schwierigen Hürden, die der Junge noch nehmen muss und er weiß, wie schwer die Zeiten für ihn noch werden. Jedoch scheint er gleichzeitig so hoffnungsvoll zu sein in diesem Clip.


Willa: Das sieht wirklich so aus, nicht wahr? Und er fühlt sich bestätigt, als sein jüngeres Ich schließlich zu singen beginnt. Es ist so, als könnte sein erwachsenes Ich nicht wirklich den Song anstimmen, bis sein jüngeres Ich vollständig erscheint und ebenfalls zu singen beginnt. Aber als er erst einmal da ist, schließen sich die zwei im Song zusammen und er – sein erwachsenes Ich und auch sein junges Ich – scheinen so voller Freude und …erst jetzt vollständig, wenn das Sinn ergibt.


Dieses Gefühl, dass er sich nicht wirklich vollständig zum Ausdruck bringen kann, bis sein junges Ich sich ihm anschließt, ist so beeindruckend für mich, besonders wenn ich an all die Male denke, bei denen er über die Verbindungen zwischen Kindheit und Kreativität gesprochen hat. Es ist so, als bräuchte er die Anwesenheit seines jungen Ichs, um ein Künstler zu sein – er ist ohne ihn als Künstler nicht vollständig.

Joie: Das ist wirklich wahr, Willa. Und dabei fällt mir das alte Zitat von, ich glaube Picasso ein, in dem dieser sagte „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn du erst einmal erwachsen bist“. Und es sieht so aus, dass Michael herausgefunden hat, dass der Weg dieses zu erreichen – ein Künstler zu bleiben, wenn du erwachsen bist – darin besteht, mit dem Zauber der Kindheit verbunden zu bleiben. Und er sagte selbst einmal:


„Eine meiner liebsten Beschäftigungen ist mit Kindern zusammen zu sein, mit ihnen zu reden und zu spielen. Kinder kennen viele Geheimnisse (über die Welt) und es ist schwierig, sie zum Reden zu bringen. Kinder sind unglaublich. Sie gehen durch eine brillante Phase, aber wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, verlieren sie es. Meine kreativsten Momente sind fast immer die gewesen, wenn ich mit Kindern zusammen war. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, kommt die Musik zu mir so leicht wie das Atmen.“


Die Tatsache, dass er sich am kreativsten fühlte, wenn er von Kindern umgeben war, sagt, denke ich, sehr viel darüber aus, wie wichtig dieses kindliche Staunen für ihn war. Und, wie du sagst, du kannst das wirklich in dem I’ll Be There Werbespot spüren, wenn er zusammen mit seinem jungen Ich singt.


Willa: Das ist so ein bedeutsamer Punkt, Joie. Und weißt du, deswegen frage ich mich, ob es vielleicht noch einen weiteren Weg gibt I’ll be there, diesen wunderschönen Song, den er als Kind sang, zu interpretieren – nicht als ein Versprechen gegenüber seiner Freundin oder uns als Publikum, sondern als Versprechen gegenüber sich selbst. Er wird da sein für sich selbst. Er wird seinen kindlichen Teil schützen und bewahren und sich treu bleiben, und er wird immer für sich selbst da sein. Als sein erwachsenes Ich am Klavier sitzt und die Anwesenheit seines jüngeren Selbst spürt und die zwei sich in einem Song zusammenschließen, ist es, als würde er uns erzählen, dass er das Versprechen gehalten hat: sein jüngeres Selbst ist immer noch sehr präsent und lebendig in ihm und findet durch ihn seinen Ausdruck.


Joie: Oh, wow, Willa, das war genial. Noch nie zuvor habe ich es auf diese Art gesehen und ich habe genau jetzt eine Gänsehaut! Das ergibt so viel Sinn. Welch wundervolle Art, diesen Song zu interpretieren.


Willa: Es ist schön, nicht wahr? Ich habe es auch noch nicht auf diese Art gesehen bis du diese wundervollen Zeilen über Kinder und Kreativität zitiert hast. Als ich diese Worte hörte „Wenn ich mit ihnen zusammen bin, kommt die Musik zu mir so leicht wie das Atmen“ traf es mich plötzlich und mir fiel ein, dass wir ja diesen Gedanken in dem Video Duett vorgespielt bekommen. Er sitzt an seinem Klavier, auf eine leise, zögernde Art singend, und dann „kommt die Musik zu ihm“ genau in dem Moment, als ein Kind erscheint. Aber in diesem Fall ist dieses Kind er selbst – sein jüngeres Ich.


Joie: Das ist ein wundervoller Gedanke, Willa. Aber, wie es immer der Fall ist bei Michael Jackson, gab es auch diesen wunderbaren kleinen Clip nicht ohne seinen Anteil an Kontroversen. Dies war Michaels letzter Werbespot für Pepsi. Du weißt ja, sie pflegten über viele Jahre eine großartige Partnerschaft. Beginnend 1983 hatten sie eine sehr lukrative und für beide Seiten vorteilhafte Verbindung. Aber all das endete natürlich 1993.


Dieser Werbespot wurde 1992 gefilmt und außerhalb der Vereinigten Staaten 1993 ausgestrahlt. Er wurde im Grunde überhaupt niemals in den Vereinigten Staaten gezeigt. Aber die Streitigkeiten kamen dadurch, dass von der New York Post berichtet wurde, dass Michael darauf bestehen würde, ein weißes Kind solle sein jüngeres Ich in dem Werbespot darstellen. Nun, ich habe keine Ahnung, ob der Kinderdarsteller in diesem Werbespot tatsächlich weiß war oder nicht, denn sein Gesicht wurde niemals richtig von Nahem gezeigt, es spielt auch gar keine Rolle. Die alten Filmdokumente von den Jackson 5, die während des Spots genutzt wurden, machen die Sache deutlich, ob der Schauspieler weiß oder schwarz ist. Also, ich habe niemals verstanden, warum das so eine große Sache war.


Willa: Yeah, ich verstehe das auch nicht. Ich bin der Auffassung, dass sie eine offene Audition für junge Tänzer gemacht haben, und der beste Tänzer war weiß – er hatte offensichtlich wirklich die besten Bewegungen der Jackson 5 drauf. Und ich kann Michael Jackson förmlich vor mir sehen, wie er „darauf besteht“, dass der beste Tänzer genommen wird, ungeachtet der Rasse – das steht perfekt im Einklang mit seiner Einstellung und dem, was wir über ihn wissen. Und ich kann allerdings auch sehen, wie die New York Post versucht, eine Kontroverse darüber zu entfachen. Das steht ebenfalls perfekt im Einklang mit dem, was wir über sie wissen.


Aber wie du sagst, nichts von dem sieht man, wenn man das Video ansieht, welches so tiefempfunden und wunderschön ist. Und es ist wirklich bewegend, sich die Lyrics als eine Unterhaltung zwischen seinem jungen Ich und seinem erwachsenen Ich anzuhören. Sein erwachsenes Ich singt „Ich habe Vertrauen in alles, was du tust“ und sein junges Ich antwortet „Lass mich einfach dein Herz mit Freude und Lachen erfüllen“. Es ist perfekt. Und dann sichern sie sich gegenseitig zu: „Ich werde da sein.“ Wunderschön.


Joie: Es ist so schön, Willa. Und ehrlich, ich glaube, dies war wieder so ein Fall der Medien, die eine Kontroverse über Michael Jackson auslösen wollten, wo es wirklich keine gab. Wie du sagtest, es ging nur darum, den besten Tänzer zu engagieren, ungeachtet der Hautfarbe, denn die tatsächliche Rasse des Schauspielers in dem Werbespot ist ohnehin unmöglich zu erkennen.


Und das Fazit ist, dass es solch ein süßer, aufrichtiger Videoclip ist, der auf vollkommene Art Michael Jacksons Herz und sein Wesen einfängt. Und es ist einfach so eine Freude, ihn anzusehen.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 21:17

Alles für Geld
Anything For Money
31/10/2012


Joie: Also Willa, ich bin sicher du hast die Nachrichten über die große Familienfehde vor einigen Monaten mitbekommen. Unglücklicherweise war es ziemlich schwierig das zu vermeiden; jeden Tag schien es, als gebe es ein neues Problem und du konntest dem nicht wirklich entkommen. Und es schien mit jedem Tag einfach immer hässlicher und hässlicher zu werden, als klar wurde, dass der treibende Faktor dafür Geld war. Entrüstung und Feindseligkeit wegen der Modalitäten in Michael Jacksons Testament. Und, merkwürdig genug, musste ich dabei über den Song Money aus dem HIStory Album nachdenken.


Er hat niemals für diesen speziellen Song einen Kurzfilm gemacht, und ich habe immer gedacht, dass das solch eine Schande ist, denn ich hätte wirklich gerne gesehen, was er sich dafür hätte einfallen lassen. Es ist einer dieser Songs, der dich wirklich zum Nachdenken bringt. Einer, der dich zu den Liner Notes greifen und dich irgendwo in die Ecke hocken lässt, bis du wirklich jedes Wort, das er sagt, entschlüsselt hast. Und es hat einige wirklich faszinierende Lyrics.


Willa: Wow, Joie! Ich kann gar nicht glauben, dass du dich daran traust. Das ist nicht nur mit dem Elefanten tanzen, das ist eher wie mit der Kobra zu tanzen. Um ehrlich zu sein, ich habe versucht, nicht zu sehr darin hängen zu bleiben, aber es ist manchmal schwer, nicht hinzuschauen, und diese ganzen widersprüchlichen Gerüchte und Beschuldigungen und unguten Gefühle auszusortieren scheint mir die Verhandlung in einer Schlangengrube zu sein. Es wird alles noch mehr durch die Tatsache verkompliziert, dass es so viele verschiedene Seiten gibt und es alles so öffentlich ist, und es war kompliziert genug, damit zu beginnen.


Wie dem auch sei, ich bin mir nicht sicher, ob die Hauptmotivation Geld oder gestalterische Kontrolle ist. Ich neige dazu zu denken, dass es eher der Wille ist, an kreativen Entscheidungen teilzuhaben – aber natürlich sind seine Songs und seine Filme und sein Name eine Menge Geld wert, also ist sogar das keine eindeutige Unterscheidung. Es scheint einfach wirklich, wirklich kompliziert für mich, und es tut mir sehr leid, dass alles so hitzig und so öffentlich wurde und dass die Gefühle der Menschen verletzt wurden.


Aber ich würde sehr gerne über Money sprechen, und du hast so Recht – es ist faszinierend.


Joie: Nun, ich habe nicht versucht in eine Schlangengrube zu treten! Und ich wollte mich nicht ‚daran trauen‘, wie du es ausgedrückt hast, denn du hast Recht. Es ist wie Tanzen mit Kobras, und schließlich gehört es keineswegs zu unserem Business.


Aber es bringt mir diesen speziellen Song in Erinnerung und darauf möchte ich mich konzentrieren.


Willa: Das würde ich auch gern. Und ich wollte nicht dramatisch werden. Ich fühle mich wirklich unwohl dabei, über das Privatleben von Künstlern zu sprechen, obwohl es irgendwie schwer ist, das bei Michael Jackson zu vermeiden, weil das Öffentliche und das Private manchmal so miteinander verflochten sind. Ich glaube wirklich nicht, dass wir seine späteren Werke verstehen können, wenn wir nicht wissen, was 1993 passiert ist, aber einiges davon ist äußerst persönlich. Wie viel sollte also als öffentlich betrachtet werden und wie viel als privat? Es ist manchmal wirklich schwierig, herauszufinden, wo man die Grenze ziehen soll. Und es ist auch schwierig, über Money zu reden ohne 1993 zu erwähnen.


Joie: Ich bin deiner Meinung. Du kannst nicht über Money reden ohne die Vorkommnisse von 1993 zu erwähnen. Diese Anschuldigungen sind der Kern des Songs, denke ich. Money wurde in das HIStory Album aufgenommen, das 1995 veröffentlicht wurde, nur zwei Jahre nach dem Erpressungsversuch und die anschließenden Anschuldigungen veränderten schließlich sein Leben. Im Grunde befassen sich so viele der Songs mit den Vorkommnissen von 1993, denn er nutzte das Album in der Tat dazu, seine Frustration über die Art, auf die er behandelt wurde – von Evan Chandler, von der Polizei, von der Öffentlichkeit und von den Medien - auszudrücken. Ich bin der Meinung, es ist das persönlichste, ehrlichste Album seines gesamten Katalogs.


Willa: Ich bin der gleichen Meinung – es ist sehr persönlich – aber auf eine Art, die seine Emotionen verallgemeinert. Zum Beispiel kannst du seine Wut in They Don’t Care About Us spüren, aber es knüpft an die voreingenommene Behandlung durch die Polizei, die er erdulden musste, an und erweitert diese Wut über seine eigenen Erfahrungen hinaus, so dass es zu einer Stellungnahme für viele Arten von Ungerechtigkeit wird. Also fühlt es sich persönlich an, aber ebenso auch mit größeren sozialen Auswirkungen.


Und obwohl es einige wütende, schmerzvolle Songs auf diesem Album gibt – unter Berücksichtigung seiner Erfahrungen, durch die er gehen musste – gibt es ebenso einige ausnehmend schöne Songs wie Stranger in Moscow, Earth Song, You Are Not Alone und Smile. Es scheint also so, als sei er in einer interessanten Verfassung gewesen, als er das HIStory Album zusammengestellt hat.


Joie: Weißt du, er war in einer interessanten Verfassung. Er hatte gerade eine der schwierigsten Zeiten seines Lebens durchgestanden, seine Karriere stand auf dem Spiel, und er hatte sich verliebt und war gerade erst verheiratet. Das ist ein ziemliches Durcheinander an Gefühlen für jeden, der das in so kurzer Zeit durchleben muss. Und obendrein hat er das alles noch vor den Augen der Öffentlichkeit gemacht, er musste sowohl mit den Medien als auch mit der öffentlichen Wahrnehmung zurechtkommen. Also, du hast Recht. HIStory ist ein komplexes Album aus all den genannten Gründen. Im Grunde beschreibt es Joe Vogel in seinem Buch Man in the Music: The Creative Life and Work of Michael Jackson auf diese Art:


HIStory ist Michael Jacksons persönlichstes Album. Von der leidenschaftlichen Wut von Scream bis zur schmerzerfüllten Verletzlichkeit von Childhood war diese Aufnahme in Jacksons eigenen Worten ‚ein musikalisches Buch’. Es umfasst all die turbulenten Emotionen und Kämpfe der direkt vorangegangenen Jahre: Es war sein Tagebuch, seine Leinwand, seine Gegendarstellung.“


Willa: Absolut, und wir können das wirklich in Money erkennen. Es ist eine sehr starke „Gegendarstellung“ zu den Anschuldigungen von 1993, wie Joe sagt. Im Grunde ist es eine Gegenanklage, indem er auf unzweifelhafte Weise klarstellt, dass er unschuldig ist und dass jene, die ihn anklagen – damit meint er Evan Chandler und Blanca Francia und Tom Sneddon genauso wie die Boulevardpresse und die Mainstream-Presse , die die Hysterie fortgesetzt und vergrößert haben – diejenigen sind, die schuldig sind. Und ihre Verbrechen sind „Maßlosigkeit und Gier“.


Joie: Das sehe ich genauso, Willa. Der Song beginnt mit einem unheilvollen, fast finsteren Gesang von Michael, wie er all die schrecklichen Dinge ausruft, die Menschen für Geld bereit sind zu tun: „Dafür lügen / dafür spionieren / dafür töten / dafür sterben“. Und er speit die Worte aus, als würde ihn der Gedanke daran vollkommen anekeln. Dann macht er weiter und sagt:


Du nennst es also Vertrauen

Aber ich sage, es ist nur

ein Spiel des Teufels
von Gier und Lust


Sie kümmern sich nicht darum

Sie behandeln mich so für Geld

Sie kümmern sich nicht darum
Sie benutzen mich für Geld


Ich denke, es wäre sehr vereinfachend von uns zu glauben, dass dieser Song nur eine wenig schmeichelhafte Kritik an Habgier und Materialismus ist. Ich denke, im Grunde ist ziemlich eindeutig in diesen Eröffnungszeilen zu erkennen, wer „sie“ sind und wie er ihnen gegenüber fühlt.


Willa: Das stimmt, es ist eine wirklich starke Anklage. Aber dann macht er diese klassische Michael Jackson Bewegung, die wir bei ihm so oft sehen, mit der er die Erzählperspektive umdreht, die Rolle jener annimmt, die er kritisiert und aus ihrer Sicht zu sprechen beginnt:


Ich habe dich niemals betrogen oder hintergangen, mein Freund, aber

Wenn du mir das Geld zeigst

Dann werde ich es nehmen
Wenn du mir sagst, ich soll weinen
Dann werde ich es vortäuschen
Wenn du mir eine Hand gibst
Dann werde ich sie schütteln
Du wirst alles für Geld tun


Und dann geht er über zum Refrain, der diese Umkehrung noch weiter treibt:


Alles (alles)

Alles für Geld

Ich würde für dich lügen
Ich würde für dich sterben
Sogar meine Seele dem Teufel verkaufen


Er spricht also plötzlich aus ihrer Perspektive, geht sogar so weit zu sagen, er würde „meine Seele dem Teufel verkaufen“. Und das „du“, zu dem er spricht, scheint das Geld selbst zu sein. Wenn du nicht wüsstest, wer das „du“ ist, könntest du denken, dass es ein Love Song wäre, und diese Zeilen seien ein Versprechen, das ein Mann seiner Geliebten macht: Ich würde alles für dich tun, „Ich würde für dich lügen“, „Ich würde für dich sterben“.


Aber dies ist kein Love Song. Sondern genau das Gegenteil. Er geht noch weiter und deutet an, dass eine Romanze nicht mit Gier konkurrieren kann – wenn also eine Frau beteiligt wäre, würde sie bald verraten werden, wenn der Preis hoch genug wäre:


Du kümmerst dich nicht darum

Du behandelst sie so für Geld

Sag’, dass es gerecht ist
Du verklagst sie für Geld


Also ist die Geliebte, der er seine Loyalität zusichert, keine Frau, sondern das Geld selbst, und der Effekt dieser Personifizierung ist wirklich schaurig.


Joie: Es ist schaurig. Es ist tatsächlich ein sehr beängstigender Song, schon nur, wenn du einfach da sitzt und ihn dir wirklich anhörst. Die Lyrics sind nichts für Feiglinge, und sein gespenstischer Vortrag dieser Lyrics ist irgendwie beunruhigend. Und noch einmal, ohne den Details der Ereignisse von 1993 wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken, glaube ich nicht, dass man die Botschaft dieses Songs vollständig einschätzen kann. Und unglücklicherweise ist diese Botschaft, dass viele Menschen das Geld anbeten und über alles andere wertschätzen.


In der zweiten Strophe verdeutlicht er diese Anschuldigung, indem er fragt, wem unsere Loyalität gilt und wo unsere Prioritäten liegen:

Versicherung?

Wem gilt deine Loyalität?

Ist das dein Alibi?
Ich denke nicht


Willa: Oh, das ist solch eine bedeutende Strophe, Joie, und ich denke genauso, es stellt eindeutig die Verbindung zu 1993 her. Versicherungsgesellschaften schützen ihren Profit nicht dadurch, Wahrheit und Gerechtigkeit hochzuhalten, sondern indem sie ihr Risiko minimieren – und den Zivilprozess der Chandlers vor Gericht gehen zu lassen, wäre finanziell ein enormes Risiko für sie gewesen. Michael Jackson wollte kämpfen, aber seine Versicherungsgesellschaft wollte, dass er den Fall beilegt, und so beschlossen es seine eigenen Anwälte, denn es ist immer sehr viel sicherer, einen Vergleich einzugehen als vor Gericht zu ziehen. Also kämpfte er nicht nur gegen Evan Chandler, sondern auch gegen die Leute aus seinem eigenen Team, und du kannst seine Empörung darüber während des ganzen Songs spüren, besonders in einigen besonders betonten Hinweisen, wie eben diesem, Joie.


Joie: Ich bin vollkommen deiner Meinung. Und ich denke, das war ein ziemlich kühner Schachzug von ihm, dies in einen Song zu packen. Und dann macht er hiermit weiter:


Du willst deinen Goldschatz?

Du brauchst die Berührung des Midas?

Ich wette du würdest deine Seele verkaufen
Denn dein Gott ist so jemand


Du kümmerst dich nicht darum

Du tötest für Geld

Tu es oder fordere
Den Nervenkitzel für das Geld heraus


Ich denke, er klagt hier eindeutig die Masse der Menschen an, das Geld anzubeten, und fast am Ende des Songs, beginnt er ‚money makes the world go around‘ (Geld regiert die Welt) zu skandieren, das diesen Punkt betont.


Willa: Ich weiß nicht, Joie. Ich bin nicht sicher, dass er uns alle anklagt, das Geld anzubeten. Ich meine, da sind einige Stellen, wo er es definitiv andeutet wie am Beginn der letzten Strophe:


Du sagst du würdest es nicht tun

Für alles Geld in der Welt?

Ich denke das nicht
Wenn du mir den Menschen zeigst
Dann werde ich ihn verkaufen


Er impliziert hier ziemlich deutlich, dass jeder einen Preis hat – „Wenn du mir den Menschen zeigst / Dann werde ich ihn verkaufen“ (If you show me the man / Then I will sell him) – und niemand ist davon ausgenommen. Also ich verstehe, was du sagst, Joie, und ich denke definitiv, dass dieser Song uns alle einbezieht. Aber das „du“ in diesem Song – die Person oder die Sache, die er anspricht – ist sehr interessant und komplex und verändert sich ständig.


Joie: Es ist kompliziert. Eigentlich denke ich, es ist wahrscheinlich einer seiner kompliziertesten Songs, denn, wie du sagtest, das „du“ verändert sich ständig. Mit einer Stimme zeigt er eindeutig mit dem Finger und sagt „Du würdest alles für Geld tun“. Aber mit dem nächsten Atemzug nimmt er die Rolle des „du“ ein und sagt, er würde „sogar meine Seele dem Teufel verkaufen“. Und weißt du was, ich glaube, diese Zweideutigkeit ist genau das, was er hier beabsichtigt hat. Er will, dass wir das „du“ in diesem Song hinterfragen. Denn indem wir das „du“ hinterfragen, lässt uns dies auch danach fragen, welches unsere eigenen Gefühle und Gedanken über Geld sind. Würden wir „alles für Geld“ tun, wie der Refrain aussagt? Und regiert Geld die Welt? Ich glaube, Michael hat damit versucht, uns dazu anzuregen, uns diese schweren Fragen selbst zu stellen.


Willa: Wow, das ist eine wirklich interessante Herangehensweise, Joie. Ich mag diese Interpretation. Es ist also so, als würde er mehrere Rollen einnehmen, so dass wir als Publikum dieses aus all diesen verschiedenen Sichtweisen sehen und zu einem gewissen Grad ebenso diese Positionen einnehmen, und manche dieser Positionen sind nicht sehr bequem. Wie wenn wir im Auto mitsingen – was ich sehr oft mache – und wir uns dann selbst dabei entdecken, wie wir die Worte mitsingen „Alles für Geld / Ich lüge für dich / Ich würde sterben für dich / Ich würde sogar meine Seele dem Teufel verkaufen“ und wie fühlt es sich an das zu singen? Was passiert mental und emotional, wenn wir diese Lyrics singen?


Joie: Oh mein Gott, das sind so gute Fragen, Willa. Wie fühlt sich das an, wenn wir diese Lyrics singen? Ich persönlich weiß es nicht, denn diese Zeile beunruhigt mich auf spiritueller Ebene. Und als Ergebnis davon habe ich diese Worte bisher niemals gesungen. Immer wenn ich diesen Song höre und mitsinge, bin ich mir dieser Zeile sehr bewusst und beende sie für gewöhnlich damit, das Wort „mein“ gegen „dein“ auszutauschen. Wenn ich das nicht tue, dann vermeide ich es ganz, diese Zeile zu singen. Und es ist wirklich interessant für mich, zu entdecken, dass ich das tue, aber ich habe es immer getan.


Willa: Das ist interessant, Joie, und ich denke, es unterstreicht nur, wie sehr dieser Song uns dazu herausfordert, unsere eigenen Taten und Werte zu hinterfragen – und uns an manchen Stellen wirklich unwohl fühlen zu lassen. Ich singe mit, aber ich bin mir auch dieser Zeile sehr bewusst, und ich muss mich immer kurzfristig zusammenreißen.


Es klingt also ganz danach, dass wir beide eine beeindruckende Reaktion auf diesen Song verspüren, und ich denke, das war Absicht – ich denke, er wollte uns aufrütteln und uns zwingen, einen strengen Blick auf uns selbst zu richten. Dieser Song bringt uns in einige wirklich unheimliche Positionen, in denen wir uns selbst eine Menge schwieriger Fragen stellen müssen, wie du sagst. Wie „Wenn du mir das Geld zeigst / Dann werde ich es nehmen“. Jedes Mal, wenn ich das laut singe, frage ich mich, ist das wahr? Würde ich? Würde ich „das Geld“ nehmen, wenn es mir jemand anbieten würde? Und unter welchen Umständen?


Joie: Ich weiß, was du meinst, Willa. Ich habe auch denselben Gedankengang, wann immer ich diesen Song anhöre. Und ich denke, du hast recht, das war Absicht. Und es beweist mir wieder einmal, wie vorsätzlich er immer in seiner Kunst vorging und wie brillant er war.


Willa: Oh, er war atemberaubend brillant – und ebenso mutig, mit dieser bezeichnenden Beherztheit eines wahren Künstlers. Zunächst einmal hat er nicht immer versucht, sein Publikum zu erfreuen. Manchmal hat er uns wirklich aufgerüttelt und in Frage gestellt und uns unbehaglich fühlen lassen, wie er es in Money oder Little Susie oder in dem You Rock My World Video tut. Aber dieses Unbehagen ist niemals grundlos. Wenn wir genauer hinsehen, finden wir heraus, dass es einer wichtigen künstlerischen Funktion dient und uns oft dahin führt, uns selbst und unsere Welt ein wenig anders zu sehen.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 21:39

Der Ausdruck „queer“ lässt sich nicht eindeutig übersetzen. Er bedeutet im Amerikanischen so viel wie „von der Norm abweichend“ und wird in erster Linie auf Sexuelles / Homosexualität bezogen. Das ist hier bezüglich Michael aber eindeutig nicht gemeint. Der Begriff ist viel weiter gefasst i.S.v. von der Norm abweichend, Querdenkertum, Vermischung, Verzerrung, Verschiebung, Umkehrung … Ich habe den Begriff Queerness daher für sich stehen gelassen oder dazugesetzt, da im Text auf seine Bedeutung eingegangen wird.

Eine Unterhaltung über Queerness mit Susan Fast
14/11/2012

Willa: Diese Woche sind Joie und ich begeistert und fühlen uns geehrt, dass sich uns Dr. Susan Fast, Professorin für Englisch und kulturelle Studien an der McMaster Universität und Direktorin des Abschlussprogramms für Geschlechterstudien und feministische Forschung, anschließt. Und, zusätzlich zu all dem, bist du Musikwissenschaftlerin und analysierst auch populäre Musik. Ist das richtig?


Susan: Populäre Musik ist wirklich die hauptsächliche Sache, mit der ich mich beschäftige!


Willa: Wirklich? Nun, dann werden wir eindeutig eine nette, lange Unterhaltung mit dir führen!


Susan: Okay, ich möchte zuerst einmal euch beiden dafür danken, dass ihr mich eingeladen habt, Teil dieser reichhaltigen Konversation, die ihr in diesem Blog über Michael Jackson führt, zu sein. Ich bin so froh, dass es zunehmend Räume gibt, die den Zugang zur seriösen Diskussion seines Werkes und seines kulturellen Einflusses ermöglichen.


Joie: Ja, wir auch. Es ist sozusagen überfällig.


Willa: Wie wahr, Joie. Und Susan, du hast so viele interessante Arbeiten über Michael Jacksons Musik und Bühnenauftritte gemacht. Da gibt es „Anderssein, das über das Verstehen hinausgeht: Erinnerung an Michael Jackson 1958-2009“, einen bekannten Artikel in unserem Reading Room und das kürzlich veröffentlichte „Michael Jacksons undefinierbare musikalische Zugehörigkeit“. Du bist auch Mitherausgeberin der speziellen Ausgabe von Popular Music and Society (Populäre Musik und Gesellschaft) über Michael Jackson, die vor einigen Monaten herauskam, und momentan arbeitest du an einem Buch über das Dangerous Album, welches im nächsten Jahr bei Bloomsbury Press veröffentlicht werden wird, richtig?


Susan: Ja, ich bin wirklich begeistert, dass ich ein Buch über Dangerous als Teil von Bloomsburys 33 1/3 Serie schreiben darf, bei denen ein ganzes Buch den Studien eines einzelnen Albums gewidmet ist. Bemerkenswerterweise gibt es kein einziges Buch in dieser Reihe über irgendeine von Michael Jacksons Aufnahmen! Du kannst hier sehen go here , über welche Alben geschrieben wurde und welche Bücher noch herauskommen.


Willa: Das ist wirklich aufregend!


Joie: Es ist aufregend. Und nochmal, es ist lange überfällig, Susan, ich habe hier eine Frage an dich, und das ist eine, von der ich wirklich weiß, dass sie viele Fans verwirrt und frustriert. Warum, glaubst du, hat es nie mehr Veröffentlichungen über seriöse Studien der Werke und der Kunst von Michael Jackson gegeben?


Susan: Das ist wirklich rätselhaft, Joie. Ich erinnere mich, dass ich direkt nach seinem Tod nach wissenschaftlichen Arbeiten gesucht habe, und ich war erstaunt darüber, wie wenig es dazu gab; es war eins der Dinge, die in mir den Wunsch entfachten, über ihn zu schreiben. Da ist ein wenig aus den 1980ern und den frühen 90ern – ein wundervoller Artikel über Thriller von Kobena Mercer, ein Kapitel in einem Buch mit dem Titel Invisibility Blues von Michelle Wallace und eins in Michael Eric Dysons Buch Reflecting Black, etc. Und dann gab es noch Margo Jeffersons reichhaltiges Buch On Michael Jackson aus dem Jahr 2006. (Joe Vogel hat eine gute Bibliografie auf seiner Website (
his website). Aber wenn man bedenkt, welch bedeutende kulturelle Persönlichkeit Michael war, dann ist es ein beschämend kleiner Anteil, und einiges davon ist in wissenschaftlicher Hinsicht nicht gerade aussagekräftig. Wissenschaftler, die sich mit populärer Musik befassen, waren immer eher an MJ’s Zeitgenossen, Prince und Madonna, interessiert, da sie bei jenen eine radikaleres Infragestellen der Geschlechterrollen, und im Falle von Prince der rassenbezogenen Normen, sahen.

Ich habe den Eindruck, dass MJ’s Mangel an Ironie eine Schlüsselrolle beim Desinteresse der Wissenschaftler spielte; dies ist ein permanentes Problem bei Studien der populären Musik: Jemand ist nicht hip, wenn er sich direkt und unmittelbar ausdrückt. Er wurde als nicht oppositionell genug gesehen, auf eine widersprechende oder subkulturelle Art – zumindest nicht, wenn man seine Werke oberflächlich betrachtet.


Ich denke auch, dass die Anklagen der Kindesbelästigung eine Rolle dabei spielten, dass sich die Wissenschaftler von ihm als einem Untersuchungsthema fernhielten. Es gibt nur einige wenige wissenschaftliche Artikel, die die Anklagen aufgenommen haben, und dann nicht besonders gut. Dies beginnt sich zu ändern; leider musste er erst sterben, damit dies passieren kann.


Willa: Es ist entsetzlich bedauernswert. Und ich denke auch, dass der Mangel an Ironie in seinen Werken ein bedeutender Faktor war – einer, der nicht annähernd genug untersucht worden ist. Das postmoderne Kunstempfinden tendiert zur Ironie, und da sein Werk so ernsthaft und aufrichtig ist, wurde es von vielen als vereinfachend und als auf eine frühere, veraltete und diskreditierte Sichtweise zurückgehend gesehen. Wie du und andere Kritiker nun zu enthüllen beginnen ist sein Werk weit davon entfernt simpel zu sein. Und wenn eines der Ziele des Postmodernismus darin besteht, die Begrenztheit unserer Meinungen und Wahrnehmungen darzustellen – zum Teil, indem er die binären Widersprüche wie schwarz/weiß, maskulin/feminin, homosexuell/heterosexuell untergräbt – dann war Michael Jackson nicht nur zeitgemäß, sondern er stand an vorderster Front und ging bis an die Grenzen.


Ich frage mich auch, ob ein anderer Faktor seine Weigerung war, sein Werk für uns zu interpretieren. Er hat immer allen Versuchen widerstanden sich darüber aus der Reserve locken zu lassen, was sein Werk bedeutete, und viele Kritiker sahen das als ein Zeichen dafür, dass es gar nichts bedeutete – oder wenn es das tat, dass es dann völlig unabsichtlich sei. Hier ist ein Zitat von Randy Taraborrelli, und während ich weiß, dass er nicht wirklich ein Kritiker ist, drückt es doch ein Gefühl aus, dass von vielen Kritikern geteilt wird, denke ich.

Sogar wenn (Michael Jacksons Publizisten) einen Weg ausmachen könnten, um ihn als einen zugänglichen, menschlichen Künstler darzustellen mit Zielen, die künstlerisch anstatt nur kommerziell sind, würde es niemals funktionieren. Niemand würde es glauben; Michael war einfach nicht so und er wusste nicht einmal, wie man auf diese Weise handelte.

Michael ist in seinem Denken über das Musikbusiness immer kurzsichtig gewesen: Wie viele Platten sind von den Fans gekauft worden? Wie lange dauert es, um auf Platz 1 zu gelangen? Wie viele Platten wurden verkauft? Für Michael ist die Kommerzialität der Schlüssel, und er versteht keinen Künstler, der das nicht kapiert. …


Michael ist zum Beispiel nie ein Fan von Madonna gewesen, einer Frau, die es geschafft hat, Kommerz mit einer künstlerischen Vision zu verbinden, denn von Anfang an hatte sie etwas, was sie mit ihrer Musik ausdrücken wollte und, sie hatte normalerweise eine klare Vision darüber, wie sie den Dingen den richtigen Dreh geben konnte. Sie gibt Interviews; sie hat einen Standpunkt. Über etwas anderes als über seine verlorene Kindheit und die ungerechte Behandlung durch die Medien zu lamentieren hat Michael niemals eine öffentliche Ansicht zu irgendetwas geäußert. Er ist nicht das, was man redegewandt nennt, beim besten Willen nicht.


Ich sollte nicht an Taraborrelli herumnörgeln, denn er ist kein Kritiker und gibt meistens auch nicht vor einer zu sein, aber das hier macht mich einfach verrückt. Gott sei Dank gibt es Kritiker und Akademiker und Musikwissenschaftler wie dich, Susan, die beginnen uns zu einem tieferen Verständnis für Michael Jacksons Werke zu führen und zu zeigen, einfach wie komplex und bedeutungsvoll er wirklich ist.


Susan: Genauso geht es uns mit deiner Arbeit, Willa, die uns ebenfalls neue Wege eröffnet, über seine Werke und sein Leben zu denken. Du hast so Recht: Michaels Zurückhaltung Interviews zu geben und wirklich über seine Werke zu sprechen hat Tür und Tor für Ablehnung und Missdeutung durch die Kritiker weit offen gelassen – obwohl Prince auch nicht viel über seine Werke redet und er nicht dasselbe Problem hat, denke ich, dass es so ist, weil es nicht dieselbe Art von kultureller und künstlerischer Unleserlichkeit und Verwirrung bei ihm gibt wie bei MJ.


Willa: Das ist ein weiterer Grund, warum eine wegbereitende Arbeit wie deine so wichtig ist. Sie bietet nicht nur Einblicke in seine Musik und Auftritte, sondern legitimiert auch die ernsthafte Beschäftigung mit seiner Kunst und hilft dabei, seine Werke in einem neuen Rahmen zu betrachten.


Ich möchte von dir gern etwas zu dem Titel deines neusten Artikels wissen. Grundsätzlich ist es so, dass wenn wir das Wort „queer“ hören, dieses in mir Gedanken an sexuelle Orientierung ebenso wie an eine bestimmte politische Haltung hervorruft. Hauptsächlich bedeutet es homosexuell und stolz zu sein und steht jedem Versuch entgegen, jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung zu beschämen. Aber darum geht es in deinem Artikel nicht. Es ist eine wunderbare einsichtsvolle Analyse darüber, wie Michael Jackson mit verschiedenen Genres in seiner Musik und seinen Konzertperformances spielt, sie ausspielt, sie verkörpert und einander gegenüberstellt. Was also bedeutet das Wort „queer“ in Bezug auf seine Werke, und warum hast du diese Überschrift für deinen Artikel gewählt?


Susan: Ich habe diesen Begriff gewählt, um Michaels Überschreiten der Genres in Hinsicht „Queerness“ (seines Querdenkertums) darzustellen und um hoffentlich die eindrucksvolle kulturelle Politik seines Werkes in einem neuen Licht zu zeigen. Ich bin nicht die einzige, die diesen Rahmen nutzt, um über MJ nachzudenken – es gibt zwei andere kürzlich erschienene Artikel und einen älteren, die ihn durch diese Linse betrachten, aber auf eine Art und Weise, die sich von meiner Herangehensweise sehr unterscheidet. Bei Queerness geht es nicht nur um Unterwanderung, und damit um Hinterfragen, um Normen, sondern um das Herstellen von Mehrdeutigkeit, um Destabilisierung von Dualitäten, besonders rund um Geschlechterrollen und Sexualität. Es ist als stärkender Gedanke gemeint, der uns von der Vorstellung wegführen soll, dass unsere Identität in eine ordentliche, unbewegliche Schublade passen muss. Eine bedeutende Queer-Theoretikerin, Eve Kosofsky Sedgwick, sagt es so: queer ist „das offene Netz von Möglichkeiten, Diskrepanzen, Gemeinsamkeiten, Dissonanzen und Resonanzen, Fehlern und Ausschweifungen von Bedeutung“, wenn jemandes Geschlechterzugehörigkeit, seine Sexualität oder seine Rasse nicht in der Weise „einen Sinn ergibt“ oder nicht so gefestigt ist, wie wir es gewohnt sind.


Willa: Das ist eine wunderbare Definition und sehr anwendbar auf Michael Jackson.


Susan: Queerness bezieht sich oft auf Sexualität, aber es ist auch in einem weiteren Sinne benutzt worden – in meinem Artikel rede ich auch über Rasse, und andere haben den Begriff weiter gehend auf das „nicht normale“ bezogen, obwohl dies den Effekt haben kann, dass das Konzept verwässert wird. Also … ich bin überhaupt nicht interessiert an MJ’s Privatleben in diesem Essay, sondern vielmehr an der Art, wie er mit Geschlechterrollen, Sexualität und dem Rassenthema in seinen Werken gespielt hat, um zu erreichen, dass wir über diese Kategorien nachdenken und sie unterwandern, sie durcheinander bringen und dabei die üblichen Machtbeziehungen verändern.


Willa: Und definitiv erkennen wir diesen Drang Kategorisierungen zu untergraben und auf diese Art „die üblichen Machtbeziehungen zu verändern“ in seinem gesamten Werk – in seiner Musik, seinem Tanz, seiner Mode, seinen Filmen, seinen Bühnenauftritten und sogar in der öffentlichen Wahrnehmung seines eigenen Körpers. Und in deinem Artikel betrachtest du sehr genau, wie dieses Vermischen (queering) etablierter Kategorien und Genres speziell in seiner Musik und seinen Live Performances funktioniert.


Susan: Ja, das war mein Ziel. Jeder weiß, wie geschickt er in seinen Werken Elemente aus Pop, Rock, Soul, R&B, Tin Pan Alley und später Hip Hop kombiniert hat; seine Fähigkeit Genres zu überschreiten ist zum Teil das, was seine Musik einem so weitreichenden Publikum zugänglich gemacht hat. Das ist eine Geschichte, die oft über ihn erzählt wurde. Was ich untersuchen wollte ist, wie dieses „Crossover“ wirklich aussah, zum Beispiel in bestimmten Songs und den Darbietungen dieser Songs. Musikgenres sind tiefgehend verbunden mit den Vorstellungen zur sozialen Zugehörigkeit, mit den Vorstellungen über Rasse, Geschlechterzuordnung und Sexualität, Klassenzugehörigkeit und so weiter. Wir begreifen das bereits in der wohlbekannten Erzählung über MJ und Genres: Seine Einbeziehung von Elementen aus Pop und Rock machten seine Musik allen zugänglich, bis hinein in den weißen Mainstream, während die Musik seines Idols, James Brown, tief verbunden blieb mit den schwarzen Musikarten und nicht dieselbe Crossover-Wirkung hatte: Wenn jemand beginnt musikalische Genres zu vermischen, dann identifiziert er diese Kategorien noch wirkungsvoller: sie werden ausgesondert, und das was „normal“ genannt wird, wird in Frage gestellt.

Joie: Susan, mir gefällt das, was du gerade gesagt hast über musikalische Genres, die tief verbunden sind mit unseren Vorstellungen von sozialer Zugehörigkeit und den Vorstellungen, die wir über Rasse haben. Ich denke, das ist so bedauernswert, aber es ist auch sehr wahr. Ich denke an so viele Beispiele, wo eine Person belästigt wurde oder dazu gebracht wurde, sich wirklich unwohl zu fühlen wegen der Art der Musik, die er oder sie gerne hörte, und das alles nur deshalb, weil es nicht zur sozialen „Norm“ passte. Schwarzen Kids wird unterstellt, dass sie keinen Rock oder Country mögen, und weiße Kids werden ausgelacht, wenn sie eine Affinität zu Rap oder Hip Hop haben. Es ergibt einfach keinen Sinn; Musik sollte universal sein. Und ich habe immer daran geglaubt, dass das Streben danach eins von Michael Jacksons Zielen war.


Susan: Ja, ganz genau, aber die positive Seite ist, dass Musik solch eine kraftvolle Möglichkeit bietet, uns mit anderen verbunden zu fühlen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu empfinden, wo wir uns sonst sozial isoliert fühlen würden; uns als Teil einer sozialen Szene zu fühlen, die sich rund um ein Genre ausgestaltet, ist eine Art, auf die das passiert. Wir können uns Genres auch vorstellen als einen Weg, die Unterschiedlichkeit zu zelebrieren. Und es ist ganz sicher ein Mittel, durch das Künstler ihr Publikum entwickeln, was MJ’s erfolgreiches Vermischen gattungsmäßiger Grenzen umso interessanter macht. Ich denke, seine musikalische Virtuosität ist das, was dies alles möglich machte; Leute schreiben manchmal über sein Mischen der Genres als einem brillanten Marketingtrick: sicher, aber es gibt nicht viele Künstler, die es zustande bringen, sich so leicht und überzeugend zwischen grundverschiedenen musikalischen Gattungen zu bewegen.


Joie: Nun, ich stimme dir darin zu, dass Musik ein großartiger Weg ist, sich anderen verbunden zu fühlen und von ihnen akzeptiert zu werden, aber ich glaube sehr daran, dass wir nicht erlauben sollten, uns anderen Genres zu sehr zu verschließen. Ich glaube, dass Michael ständig versucht hat, uns zu erziehen – in so vielen verschiedenen Bereichen – und ich denke auch, dies ist eine seiner Lektionen. Und du hast Recht, es gibt nicht viele andere Künstler da draußen, die sich so überzeugend zwischen den Genres bewegen können.


Susan: Ich habe mir kürzlich seinen Auftritt von 1989 beim Sammy Davis Jr. TV Special angesehen mit einem Song mit dem Titel You Were There, den er für diese Gelegenheit schrieb, der direkt aus einem Broadway Musical stammen könnte und ich versuchte, dies zum Beispiel mit einem Song wie Jam oder Give In To Me in Einklang zu bringen. Er verinnerlichte gattungsmäßige Codes so sehr, dass er irgendwie als Rockstar genauso überzeugend war wie als Broadway- oder Soulsänger. Und ich bin mit dir einer Meinung, Joie, das Nutzen dieser unglaublichen Fähigkeiten war wahrscheinlich eine Ausweitung von MJ’s Verlangen alle Arten von Grenzen zu verwischen oder zu vermischen.


In meinem Essay über MJ’s undefinierbare (queer) musikalische Zugehörigkeit betrachte ich eine Menge verschiedene Songs, aber eins meiner liebsten Beispiele ist die Live Performance von Working Day and Night aus dem Bukarest Konzert von 1992.




Wir haben hier einen Song, der zum ersten Mal auf Off The Wall erschien, welches oft als das beste Disco-Album betrachtet wird, das je produziert wurde, umgeformt aus seiner Hochglanzproduktion zu einer ziemlich anzüglichen R&B- / Funk-Nummer (durch schlagenden Groove, Betonung des Schlagbassparts und besonders durch MJ’s draufgängerische Stimme – vollständig umgestaltet gegenüber der Version des Albums). Als Live Performance endet dieser Song wirklich als absolute Hommage an James!

Also hat MJ hiermit bereits das Genre durcheinandergebracht und gleichzeitig auch die sozialen Beziehungen durch das Herausstellen der schwarzen Wurzeln des Disco im Soul und Funk, einer Verbindung, die oft verloren ging, als Disco den Mainstream in den späten 1970ern eroberte. Der Teil, der mich wirklich umhaut ist allerdings Jennifer Battens Metal Gitarrensolo. Was um alles in der Welt hat dies mitten in Working Day and Night zu suchen?


Willa: Das ist so interessant, Susan, und weißt du, wenn ich mir jetzt noch mal den Clip ansehe, erkenne ich genau, was du meinst – das Gitarrensolo ist wirklich eine vollkommene Unterbrechung – aber ich habe niemals darüber nachgedacht bis ich deinen Artikel gelesen habe. Das Gitarrensolo klang so perfekt „selbstverständlich“ für mich, also stellte ich es nicht in Frage. Und während ich mit dir rede, Susan, habe ich das Gefühl, dass ich das Wort „selbstverständlich“ in Anführungsstriche setzen muss, weil du so gut herausgearbeitet hast, dass er wirklich so viele Dinge in Frage stellt, von denen wir denken, sie seien „selbstverständlich“.


Aber du hast Recht. Dieses Gitarrensolo ist wie ein plötzliches Eindringen des „weißen männlichen“ Rock durch einen weiblichen Gitarristen mitten in einen schwarzen R&B / Funk / Disco-Song – einfach eine klassische Michael Jackson Situation!


Susan: Es erscheint wirklich zuerst „selbstverständlich“, denn der heftig treibende Funk Groove und das Metal Gitarrensolo sind hochenergetisch, aber wenn du anfängst es auseinanderzunehmen, dann ist es ganz schön theatralisch und queer! Natürlich könnte man argumentieren, dass das Gitarrensolo das Bild des Spektakels vervollständigt – es ist fast am Ende der Show und MJ möchte eindeutig die Energie intensivieren – aber dies hätte er auch erreicht, ohne eine solche Unstimmigkeit der Genres zu erzeugen. Das Interessante daran ist, dass musikalisch gesehen Battens Gitarrensolo überhaupt nicht in den Rest der Performance integriert ist: Es wird als Störgröße stehen gelassen, als eine generische Belästigung – das ist zum Teil das, was es queer macht. Die losen Enden werden nicht sauber aneinandergeknüpft. Metal (das weiße Genre) „dient“ dem größeren R&B / Funk (schwarzen) Genre.

MJ mochte es, Rockmusik im Besonderen zu vermischen (queer): Es ist ein Genre der Musik, das wirklich (immer noch) weißen Männern gehört, die so viele Dinge in unserer Kultur beherrschen. Er war sich eindeutig der kulturellen Macht des Rock bewusst und stellte sie auf den Kopf. Zuerst wählte er eine der ganz wenigen weiblichen Gitarristen in den 80ern und 90ern, die eine Heavy Metal Virtuosin ist, aus; Batten ist eine exzellente Gitarristin, aber das gilt auch für viele der männlichen: Warum eine Frau wählen, wenn du weißt, dass es ungewöhnlich ist, es sei denn du möchtest darauf hinweisen, wie ungewöhnlich es ist?


Eindeutig war MJ daran interessiert, Erwartungen an ein Genre diesbezüglich zu hinterfragen. Und er war dabei, es erneut zu tun in den This Is It Konzerten, für die er Orianthi Panagaris auswählte, eine weitere blonde, weiße Gitarristin. MJ ließ Batten als Parodie der typischen Rockgitarren-Gottheit zurechtmachen (und der Look war seine Idee); auch wenn andere Musiker in seiner Band kostümiert waren, so war doch keiner von ihnen so übertrieben aufgedonnert wie Jennifer. Er wollte auf eine besondere Art auf das Genre des Rock / Metal hinweisen, eine Art, die, wie ich vermute seine Kontrolle darüber zum Ausdruck bringen sollte. Also stellt er sicher, dass das Weißsein des Rock durch die Rolle des Metal Gitarrenspielers repräsentiert wird (Batten ist eine der wenigen weißen Musiker in seiner Tourband, und in dieser Show die einzige, die die Mitte der Bühne mit ihm zusammen einnimmt, während sie das Genre Rockmusik vertritt), die Erwartungen an das Genre aber durch die Wahl einer Frau auf den Kopf gestellt werden. Brillant!


Joie: Susan, es ist so faszinierend, zurückzugehen und sich diese Performance noch einmal anzusehen mit deinen Kommentaren im Kopf. Und wirklich, in all seinen Live Auftritten wurde Jennifer Batten sehr auffällig gestaltet. Du sagst absolut zutreffend, dass sie immer das einzige Mitglied seiner Band war, das er während der Auftritte regelmäßig in der Bühnenmitte präsentiert hat. Und wie Willa und ich im Verlauf dieses Blogs herausgefunden haben, hat Michael kaum etwas getan ohne einen wirklich guten Grund dafür zu haben.


Willa: Wie wahr, Joie – es scheint ganz so, als wäre dies seinerseits eine bewusste künstlerische Entscheidung gewesen, denn wir sehen dies wiederholt in seinen Werken. Lisha McDuff beschrieb eine ähnliche Umkehrung und Unterbrechung von Musikgattungen in dem Post, in dem wir mit ihr über das Black or White Video (Black or White video) sprachen:


„I’m tired of this devil“ wird im Stil von Hard Rock und Heavy Metal gesungen, was überwiegend von weißem Publikum gehört wird. ... Aber sie kommen nicht aus der Sicht des weißen musikalischen Stils, der hier geboten wird. Die Lyrics kommen aus der schwarzen Perspektive von Frustration und dem Schrecken der Rassenungerechtigkeit, beschwören sogar das Bild des KKK mit einem Bezug zu „Laken“. …


Der nächste Abschnitt ist ein Hip Hop Rap, ein schwarzer musikalischer Stil, aber die Rap Lyrics sind unmissverständlich weiß im Ton und der Perspektive – sie wurden geschrieben und ausgeführt von Bill Bottrell. Dieser Rap-Teil fliegt auf eine komplett andere Höhe, als wir erwarten würden. Die Botschaft ist erhebend und inspirierend und im Shortfilm wird es durch Macauley Culkin als Playback gesungen (lip-synced), demselben weißen Kind, das in dem Eröffnungsdrama erscheint. Anstatt in einer blütenweißen Vorstadtumgebung wie zuvor zu erscheinen, befindet sich das Kind nun in einem urbanen Schmelztiegel und seine Kleidung und sein Verhalten signalisieren Schwarz.


Also kehrt er im Black or White Video genauso wie in der Konzert Performance von Working Day and Night – und Susan, ich liebe deine Analyse darüber – die Normen des weißen männlichen Rock um, so dass es sehr selbstbezüglich und auf diese Weise zu einer Art Kritik über sich selbst wird, und er macht das sowohl in musikalischer als auch in visueller Hinsicht, wie du sagst.


Susan: Das ist eine sehr scharfsinnige Analyse von Black or White, eine, für die ich mich sofort aufgemacht und den ganzen Blog gelesen habe, den ihr mit Lisha gemacht habt. Ihre Interpretation des Songs und des Videos ist großartig – man beginnt zu kapieren, wie komplex MJ’s Musik ist und dass wir unbedingt tief unter der Oberfläche graben müssen, um es wirklich zu verstehen.


In der Ausgabe von Popular Music and Society, die ich mit herausgegeben habe, gibt es einen Artikel des Musikwissenschaftlers David Brackett, in dem er über Black or White spricht, und seine Analyse bewegt sich in dieselbe Richtung wie Lishas. Eine der Feststellungen, die er macht, ist dass der hauptsächliche Gitarrenriff dem des Rolling Stones Songs Soul Survivor von Exile on Main Street bemerkenswert ähnlich klingt.


Der Riff verkörpert grundsätzlich Klänge, die typisch für Keith Richards‘ Rhythmusgitarren-Stil sind. Davids Feststellung ist, dass Michael genau das ausgesucht hat, was zu einem Archetypus des Rockriffs geworden ist, von einem Album stammend, das wesentlich für das Grundprinzip des Rock ist: Es handelt sich also nicht um einen zufälligen „rock-ähnlichen“ Sound, sondern um einen, der bis ins Herzstück des weißen Blues Rock führt; auch ist es eine interessante Neu-Inbesitznahme eines blues-basierten weißen Rock Songs durch einen schwarzen Musiker. Touché, Michael!


Was das Ganze noch interessanter macht, ist, dass dieses Gitarrenriff mit einem Bassgitarren Part kombiniert wird, der aus der R&B / Funk Tradition entstammt, viel mehr als der Geradeaus-Bassteil des Rock, der in Soul Survivor (oder in anderen Stones Songs) verwendet wird. Also werden in dem Song von Anfang an zwei exemplarische, rassenbezogene und geschlechtsspezifische Welten zusammengeführt.


Willa: Und er macht etwas Ähnliches in dem Bukarest Auftritt von Working Day and Night, stimmt’s? Da ist ein sehr funky Bassgitarrensolo direkt vor Jennifer Battens Hard Rock Gitarrensolo.

Susan: Ja, das stimmt: Don Boyette, sein Tour Bassist, nimmt die Bühnenmitte ein für ein schlagendes Bass-Solo, aber es ist nicht annähernd so lang oder ausgestaltet wie Battens Solo, und es ist nichts Theatralisches damit verbunden. Boyette kommt einfach in die Bühnenmitte und spielt.


Willa: Du sprichst ein wenig über diese Theatralik in deinem Artikel und weist darauf hin, wie wichtig die visuelle Dramatik auf der Bühne zwischen Michael Jackson und Jennifer Batten für die Bedeutung der Performance ist. Ich war so fasziniert davon.


Susan: Das Zusammenspiel zwischen MJ und Batten während des Solos ist faszinierend. Es ist ziemlich komplex – es geht unheimlich viel vor sich. Aber eines der Dinge, das besonders bemerkenswert ist, ist, dass MJ die Darstellung zu kontrollieren scheint. Batten folgt ihm hin und her über die Bühne und als er ihr Spiel beobachtet, scheint es manchmal so, als würde er selbst die Klänge aus ihrer Gitarre hervorzaubern. Oft ist die Beziehung zwischen Sänger und Gitarristen in Rock Performances ganz anders: Der Gitarrist (der Virtuose) steuert die Performance. Mein Verständnis dieses Auftritts ist, dass Batten für die herrschende oder kontrollierende, weiße Macht steht, wenn auch verzerrt (queer) wegen ihres Geschlechts, und dass MJ schließlich die Herrschaft über diese Macht ausübt. Ein ziemlich aussagekräftiges soziales Statement!


Willa: Das ist solch eine faszinierende Interpretation!


Joie: Das ist es wirklich. Es haut mich um! Ich habe niemals vorher so darüber gedacht, aber es ergibt so viel Sinn bei allem, was wir über die Art wissen, wie er es mag, die Grenzen zu verwischen.


Susan: Ja, und während ich gerade auf den rassenbezogenen Gesichtspunkt hingewiesen habe, ist es auch ziemlich interessant zu erwähnen, was in Hinsicht Geschlechterrollen passiert. Battens Erscheinung deutet auf eine komplexe Art sowohl auf die Feminisierung, die wir bei den Glam Rockern der 80er und der frühen 90er Jahre beobachten konnten, als auch darauf hin, dass diese grundsätzlich keine weiblichen Körper waren: Also bekommen wir all die erwarteten „harten“ und aggressiven, mit Rock verbundenen Bewegungen von Batten. Gleichzeitig spielt MJ’s geschlechtsspezifisch ziemlich komplexer Körper dagegen. Er ist androgyn, ein wenig feminisiert, drückt sich aber immer noch traditionell maskulin durch einige seiner Bewegungen und durch die Tatsache, dass er Battens Auftritt steuert, aus. Während viele dieser Zusammenspiele zwischen Sänger und Gitarristen in Rock Bands ein erotisches Element an sich haben, sehe ich das nicht in dieser Performance. MJ war ganz sicher fähig ein erotisches Schauspiel auf der Bühne zu erzeugen (denkt nur an einige von diesen heißen Begegnungen mit Sheryl Crow oder Siedah Garrett während der Auftritte von I Just Can’t Stop Loving You, zum Beispiel), aber das war hier nicht die Absicht.


Ich denke, dies ist eines von vielen Beispielen, in denen MJ alle Arten genormter sozialer und musikalischer Beziehungen auf den Kopf stellt (queered). Willa, deine Analyse von Ben in deinem Buch M Poetica einschließlich der Bilder, auf denen MJ mit Ratten auf seiner Schulter und seiner Lieblingsschlange, die um ihn drapiert ist gezeigt wird, kann ganz ähnlich als verdrehte (queering) Mensch-Tier-Beziehung gesehen werden, um zum Beispiel die Vorstellung von Verwandtschaft neu zu überdenken.


Willa: Das ist eine interessante Art der Betrachtung, Susan, und es ist wesentlich in diesem Zusammenhang, dass die Tiere, die er hält, keine traditionellen Haustiere sind. Genau das Gegenteil ist der Fall – es sind Tiere, die von vielen Menschen mit Furcht und Ekel betrachtet werden. Die Mensch-Tier-Beziehung wäre nicht auf dieselbe Art und Weise queer, wenn er eine Katze oder einen Hund halten oder ein Pferd reiten würde. Und natürlich sehen wir das gleiche wieder in seiner sehr öffentlichen Beziehung zu Bubbles.


Susan: Ganz genau. Dies sind Beispiele für das, was man eine verzerrte / verdrehte (queere) Verwandtschaft nennen könnte; was immer auch in seinem Privatleben vorging, die Vision von Familie, die er als Teil seines öffentlichen Selbst präsentierte, schloss Kinder (manche waren seine eigenen, manche nicht), Tiere, und verschiedene Erwachsene, wie Elizabeth Taylor, ein. Er mied die genormte Struktur der Kernfamilie und erschuf sich stattdessen eine mehr oder weniger fließende, gewählte Familie bestehend aus Menschen verschiedener Generationen ebenso wie nicht-menschlichen Wesen. Es gibt eine Menge interessanter wissenschaftlicher Arbeiten über die Rolle der Kernfamilie in ihrer vorrangigen Bedeutung für gestaltende Macht – patriarchalische Macht zum einen, aber auch wesentlich für solche Dinge wie den reibungslosen Ablauf des Kapitalismus. Verzerrte (queer) Verwandtschaftsverhältnisse bedrohen das Patriarchat ebenso wie wie alle anderen Machtstrukturen.


Joie: Nun, ich finde das wahrlich faszinierend, denn ich glaube, wir können erkennen, dass diese ‚verdrehten Verwandtschaftsverhältnisse’ (queer) immer mehr zur Norm werden in unserer Gesellschaft. Mehr und mehr Menschen erschaffen sich ihre eigenen Versionen von dem, was wir als Kernfamilie kennen. Und doch wurde Michael Jackson massiv kritisiert und verlacht für ein solches Verhalten.


Willa: Das wurde er wirklich. Während er im Grunde der sozialen Normierung an so vielen Fronten widerstand – Normen dafür, was es bedeutet schwarz zu sein, ein Mann zu sein, heterosexuell zu sein, ein Popkünstler zu sein, eine Vaterfigur zu sein – war es diese letzte Überschreitung, die sich als nicht tolerierbar erwies. So bedrohlich sie auch waren, konnten diese anderen Grenzüberschreitungen immer noch leichter akzeptiert werden als seine Verweigerung der traditionellen Familieneinheit. Sogar Menschen, die einräumten, dass die Beweise zeigten, er sei nicht des Kindesmissbrauchs schuldig, verurteilen ihn immer noch dafür, familiäre Beziehungen mit Kindern gepflegt zu haben, die nicht mit ihm verwandt waren. Das zeigt, wie tief eingepflanzt die Vorstellung der Kernfamilie einfach bei uns ist. Von all den Grenzen, die er überschritten hat, war dies die Linie, die auf keinen Fall übertreten werden durfte. Und wie du so gut gesagt hast, Susan, die Kernfamilie spielt eine bedeutende, kulturelle Rolle – politisch, gesetzlich, psychologisch – für die „Machtgestaltung“. Kein Wunder, dass der Verstoß dagegen so bedrohlich war.


Susan: Absolut. Judith (Jack) Halberstam hat wundervoll geschrieben über Zeit, Raum und Normativität, beispielsweise die Phase zur Fortpflanzung – die biologische Uhr der Frauen – und die „bürgerlichen Regeln der Anständigkeit sowie die Zeitplanung für verheiratete Paare“ zitierend und wie sehr diese nicht nur normiert wurden, sondern sogar als naturalisiert (als selbstverständlich angesehen) und erstrebenswert gelten. Sie spricht darüber, wie die tägliche Zeit reguliert wird – wann man zu essen hat, zu schlafen, zu spielen, für die Kinder da zu sein hat, etc. – und wie dies verknüpft wird mit der normierten Moralvorstellung (ich denke an MJ’s Übernachtungen mit einem Haufen Kinder und wie viele normierte Grenzen dabei überschritten wurden). Sie spricht auch über die Phasen der Hinterlassenschaft, womit die Weitergabe des Vermögens zwischen den Generationen gemeint ist, einschließlich sowohl der Vermögensgegenstände als auch der moralischen Werte, die über die Familie weitergegeben werden – wenn du also nicht Teil einer solchen Tradition bist, dann möge der Himmel dir beistehen – und wie das alles die Familie auch an die Geschichte einer Nation und weiter an die Zukunft dieser Nation bindet (das Buch ist In a Queer Time and Place: Transgender Bodies, Subcultural Lives). MJ überschritt diese für Familien geltenden Regeln in Raum und Zeit auf fast jede nur mögliche Art. Ich denke, die Geschichte, die wir ständig darüber hören, dass seine Kinder unmöglich seine eigenen biologischen Kinder sein können ist teilweise ein Mittel, sich dieser Bedrohung gegenüber der normierten Familieneinheit zu erwehren, zusammen mit dem grundsätzlichen Verlangen, ihm, wann immer es geht, seine Männlichkeit abzusprechen.

Halberstam und andere Queer-Theoretiker beanspruchen das Queering von Raum und Zeit für die LGBTQ (Anm.: Abkürzung für Lesbian Gay Bisexual Transgender Queer / Questioning) Community und es ist kompliziert über Queerness zu reden – wie ich es in meinem Artikel mache und wie wir es in diesem Blog getan haben – in einem Zusammenhang, der nicht explizit queer ist in Hinsicht der sexuellen Orientierung, obwohl andere Musikwissenschaftler es so ausgelegt haben (ein wundervolles Beispiel ist Freya Jarman-Ivens Buch Queer Voices: Technologies, Vocalities and the Musical Flaw). Da ist das Risiko, dass das politische Potential des Begriffes verwässert und wieder von der heterosexuellen Kultur beschlagnahmt werden kann. Aber ich denke eigentlich nicht, dass es unangemessen ist mit diesen Begriffen über MJ zu reden, weil er die Heteronormativität (Anm.: Weltsicht, die die Heterosexualität als soziale Norm postuliert) und die Frage nach der Rassenzugehörigkeit so durcheinandergebracht hat und die Auslegung seines Werkes und Lebens so offen und ungeklärt gelassen hat. Ich habe nie richtig verstanden, warum er nicht durch die Queer Community beansprucht wurde, obwohl ich vermute, dass sein mehr oder minderes Bestehen darauf, dass er straight war sowie auch die Anklagen und der Prozess, den Enthusiasmus dafür gedämpft haben.


Willa: Das ist so ein wichtiger Punkt, Susan, und ich bin froh, dass du ihn erwähnt hast. Ich habe mir viele Male eine ähnliche Frage gestellt. Wenn es jemals einen Verfechter für das Anderssein gegeben hat, dann war es Michael Jackson, warum also haben ihn die Gruppen, die traditionell für Toleranz gegenüber dem Anderssein eintreten ihn nicht unterstützt, als er angegriffen wurde? Er hatte keine andere Anhängerschaft als seine Fans – die zugegebenermaßen aus sehr vielen Menschen besteht, aber es ist keine politische Anhängerschaft. Warum also unterstützen ihn gewisse politische Interessenvertretungen nicht?


Ich denke, zum Teil ist es deshalb, weil die Anschuldigungen so hässlich waren, dass viele ihn als beschmutzten Boten sahen und das „dämpfte den Enthusiasmus“ wie du sagst. Aber ich frage mich, ob es nicht noch einen weiteren Grund gibt, welcher darin besteht, dass Toleranz gegenüber dem Anderssein, zumindest als politischer Standpunkt, für sich genommen normiert ist, und Michael Jackson weigerte sich, sein Anderssein auf eindeutige Weise auszudrücken. Während wir gern glauben, wir hätten uns von den weißen, männlichen Stereotypen der Vergangenheit entfernt, existieren sie doch noch und sind um Stereotypen der Unterschiedlichkeit ergänzt worden, was genauso einschränkend ist. Von schwarzen Kids wird zum Beispiel erwartet Stolz auf ihre Rasse zu zeigen, indem sie sich mit den anerkannten Genres für ihre demographische Gruppe identifizieren und „es wird nicht erwartet, dass sie Rock oder Country mögen“, wie du vorhin festgestellt hast, Joie. Und „queer“, welches erklärtermaßen eine Feier der Unterschiede sein sollte, ist inzwischen politisch ebenso kodifiziert.


Du drückst dies so gut in deinem Artikel „Anderssein, das über Verstehen hinausgeht“, Susan, indem du schreibst:


Michael Jacksons (Bewusst-)Sein außerhalb der Bühne war beunruhigend, …– rassenbezogen, geschlechterrollenbezogen, körperlich leistungsfähig/nicht leistungsfähig, Kind/Teenager/Erwachsener, erwachsener Mann, der Kinder liebt, Vater/Mutter. Diese Unterschiede waren nicht zu durchschauen, unkontrollierbar und riefen enorme Ängste hervor. Bitte sei schwarz, Michael, oder weiß, homosexuell oder heterosexuell, Vater oder Mutter, deinen Kindern Vater und nicht selbst ein Kind, so wissen wir wenigstens, worauf wir unsere liberale (In-)Toleranz richten sollen. Und versuche doch bitte, nicht alle Regeln gleichzeitig durcheinanderzubringen.


Ich liebe diese Textstelle und ich denke, das trifft genau den Kern dessen, warum er nicht von jenen unterstützt wurde, die traditionell die Entrechteten unterstützen – namentlich die freiheitlich Denkenden.


Susan: Wir wünschen uns verzweifelt Kategorien, damit die Welt für uns einen Sinn ergibt; es gibt einem Sicherheit, wenn man sagen kann, etwas ist dies oder das. Es beunruhigte viele Menschen, dass dies bei Michael nicht möglich war. Und das ist genau das, warum ich denke, queer ist ein erfolgversprechender Weg über ihn zu denken (teilweise weil es der Verwirrung einen Namen gibt – sehr unqueer!). Queer ist ein Prozess, ein ständiges Werden (von etwas anderem); durch seine Definition, wie Musikologin Freya Jarman argumentiert, kann und will es nicht begrenzt werden. Es ist „anti-normal“.


Joie: Ich mag das. „Anti-normal“. Was für eine großartige Art das auszudrücken!


Susan, noch einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, dich hinzusetzen und mit uns zu chatten. Willa und ich schätzen das wirklich und wir hatten so viel Spaß dabei, mit dir zu reden. Wir hoffen, dass du irgendwann noch einmal zu uns kommst!


Susan: Und nochmals Danke, dass ihr mich eingeladen habt, mit euch zu reden! Es war wirklich ein Vergnügen.


The truth must dazzle gradually
or every man be blind
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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Di 4 Dez 2012 - 22:08

Der Mond wandert
The Moon is Walking
29/11/2012


Willa: Weißt du, Joie, wir haben uns jetzt über ein Jahr unterhalten und haben noch immer nicht über Moonwalker, Michael Jacksons abendfüllenden Spielfilm gesprochen, was irgendwie schockierend ist.


Joie: Es ist schockierend, nicht? Und es kam uns nie in den Sinn bis vor kurzem.

Willa: Nun, tatsächlich hatte ich es nun für eine Weile im Hinterkopf, wo es einfach vor sich hin brodelte, aber es fühlte sich irgendwie nie ganz bereit an.


Joie: Ich denke, wir sind mehr oder weniger drum herum getanzt, weil wir nicht sicher waren, über welchen Weg wir es angehen sollten, weißt du?


Willa: Du könntest Recht haben. Da gibt es so vieles zu besprechen, es ist irgendwie überwältigend! Aber diese Woche habe ich gehofft, wir könnten anfangen Moonwalker zu betrachten und ich denke, ein guter Ort, an dem man starten kann, ist seine Zusammensetzung.


Als Moonwalker erstmals veröffentlicht wurde, wurde er grundsätzlich gut aufgenommen, aber er wurde dafür kritisiert, keine zentrale Handlung zu haben, die sich durch den gesamten Film zieht. Die vorrangige Kritik war, dass er eher wie ein Haufen zusammengesetzter Videos wirkte, als wie ein Spielfilm. Und es stimmt, dass Moonwalker wie eine Serie von kurzen Segmenten aufgebaut ist. Mit anderen Worten, er ist mehr ein Gedichtband als ein Roman, aber das bedeutet nicht, dass er keinen zusammenhängenden Aufbau hätte. Zum Beispiel ist Walt Whitmans Leaves of Grasseine Sammlung von Gedichten, aber es hat noch immer eine hochkomplexe Struktur und die hat auch Moonwalker. Er ist jedoch wie Leaves of Grass eher thematisch strukturiert, als sich auf eine zentrale Handlung zu stützen.


Joie: Das ist eine interessante Gegenüberstellung, Willa – Moonwalker mit Leaves of Grass hinsichtlich des Aufbaus zu vergleichen.


Willa: Nun, ich halte es einfach für seltsam, dass Kritiker davon auszugehen scheinen, jeder Spielfilm müsste wie ein Roman aufgebaut sein. Es gibt viele verschiedene Wege Ideen und Gefühle über Film auszudrücken – wie Koyaanisqatsivon Philip Glass. Er hat keine Handlung oder Charaktere oder Dialoge, kommuniziert aber dennoch eine gewaltige Botschaft – und er tut das, indem er eine Struktur verwendet, die den Ideen und Emotionen angemessen ist, die er übermitteln will.


Ein sinnvoller Weg das anzugehen, denke ich, und anzufangen über den Aufbau von Moonwalker auf eine andere Weise nachzudenken – dem nicht eine Handlung „fehlt“, sondern der etwas anderes anstrebt – ist ihn mit The Band Wagon zu vergleichen, einem 1953er Film, den Michael Jackson liebte, mit Fred Astaire in der Hauptrolle und unter der Regie von Vincente Minnelli (Liza Minnellis Vater). The Band Wagon hat so etwas wie eine Handlung, die auf eine faszinierende spiralförmige Weise die Geschichte ihrer eigenen Schöpfung ist, aber die Handlung ist in Wahrheit einfach nur ein Mittel, um die Talente seines Hauptcharakters, Tony Hunter, zu präsentieren. Wie es einer der Drehbuchautoren beschreibt, hat er „gerade so viel Handlung, um ihn eine Menge lustiger und abwechslungsreicher Nummern machen zu lassen“. Vom Aufbau her ist The Band Wagon in erster Linie eine Serie von Kurzfilmen, die thematisch in Zusammenhang stehen, genau wie Moonwalker. Und in der Tat kann Moonwalker als eine künstlerische Antwort auf The Band Wagon interpretiert werden, mit den einzelnen Abschnitten, die sich auf interessante Weise entsprechen.


Joie: Ich weiß, du sprichst eine Menge über The Band Wagon in deinem Buch, Willa, und ich fand das alles sehr faszinierend. Aber ich hab den ganzen Film tatsächlich noch nie gesehen. Ich habe Stückchen davon gesehen, aber ich hab mich nie hingesetzt und den ganzen Film von Anfang bis Ende angeguckt.


Willa
: Oh Joie, du musst ihn sehen! Weißt du, ich hatte ihn auch nicht gesehen, bis ich angefangen habe, an dem Buch zu arbeiten, aber ich hatte wirklich Schwierigkeiten herauszufinden, worum es in Smooth Criminal ging. Es war, als konnte ich all diese widersprüchlichen Emotionen fühlen, die ich nicht erklären und nicht verstehen konnte. Also machte ich mich auf die Suche nach Hinweisen in The Band Wagon, da es eine große Inspiration für Smooth Criminal war und das schickte mich zurück zu Mickey Spillanes I, the Jury. Und wirklich, diese drei zusammen als eine Entwicklung zu betrachten, hat Smooth Criminal für mich auf Art und Weisen geöffnet, wie ich sie nie hätte vorhersehen können. Ich sehe es heute auf eine komplett andere Weise, die für mich zuvor einfach nicht vorhanden war.

Also du musst The Band Wagon einfach sehen, Joie. Es ist wirklich ein Spaß – ich denke, du wirst ihn verschlingen – und ich wette, du wirst viele Verbindungen zu Moonwalker sehen. Da sind so viele lustige kleine Bezüge wie Kostüme und Requisiten und Tanzschritte und die beiden Filme sind auch auf ähnliche Weise strukturiert.

The Band Wagon beginnt auf einer Auktion von einigen von „Tony Hunters persönlichen Gegenständen, wie sie in seinen Hauptrollen verwendet wurden.“ Sein ikonischer Spazierstock, Zylinder und weißen Handschuhe (zwei, nicht einer) stehen zum Verkauf, aber nicht einer bietet. Auf seinem Höhepunkt hatte Hunter einer Reihe von erfolgreichen Broadway-Musicals und Hollywoodfilmen, aber er hatte seit Jahren keinen Hit mehr und die Öffentlichkeit hat das Interesse an ihm verloren. Wir treffen dann Hunter selbst als er Passagiere in einem Zug belauscht, die darüber sprechen wie „er vor 12 oder 15 Jahren gut war, aber die Kolumnisten … sagen er sei fertig.“

Schließlich kommt er in New York an und er ist angenehm überrascht, als eine Schar Reporter sich am Bahnhof versammelt, um ihm Fragen zu stellen. Jedoch lassen sie ihn fallen, sobald ihr wahres Ziel, Ava Gardner, erscheint. Hunter verfällt dann in eine traurige Interpretation von By Myself, während er leise durch den Bahnhof läuft.

Die wiederholte Botschaft dieser Anfangsszenen ist, dass Hunter einst durch seine Berühmtheit gehetzt wurde – durch den Andrang von Fans und Reportern und Fotografen, der den Ruhm begleitet – aber ironischerweise nun durch ihre Abwesenheit gequält wird. Es ist sicherlich ein Zeichen dafür, dass seine Karriere sich in ernsthaftem Abstieg befindet und zum einen weiß er es – und das wissen auch die Fans und Reporter.


Joie: Das ist interessant, Willa. Besonders, wenn man es mit den Anfangsszenen von Moonwalker vergleicht. Der Film beginnt, natürlich, mit einem Konzertmitschnitt von Michael, der Man In The Mirror performt. Und diese Konzertszenen werden durchsetzt mit berühmten und berüchtigten Aufnahmen aus dem Lauf der Geschichte mit vielen Politikern und Menschenrechtlern und hungernden Kindern und dergleichen. Und wir sehen auch eine Menge Aufnahmen von Fans im Publikum, die schreien und in Ohnmacht fallen und durchdrehen, während sie ihm auf der Bühne oben zusehen.

Und dann, als der Song zu einem Abschluss kommt, hören wir plötzlich verschiedene Audioclips von Szenen aus dem Lauf seines Lebens: wie er mit seinen Brüdern als die Jackson 5 in der Ed Sullivan Show vorgestellt wird, wie ein Song im Radio angekündigt wird, dass er Elizabeth Taylor einen Schrein in seinem Zuhause errichtet hätte, wie er ins Krankenhaus gebracht wurde, als sein Haar am Set des Pepsi Werbespots Feuer fing, wie Thriller als das meistverkaufte Album aller Zeiten angeführt wird, als er der erste Künstler wurde, der sechs Nummer Eins-Singles aus einem Album hervorbrachte. Wir hören sogar die Stimme von Präsident Ronald Reagan, der ihn für seinen großartigen Erfolg lobt.


Und wir hören all das, während eine Kamera durch etwas schwenkt, das vermutlich ein Ankleideraum oder ein Schlafzimmer ist und wir sehen glitzernde Kostüme, den paillettenbesetzten Handschuh, alte Familienfotos und solche stehen neben Grammy Awards und MTV Awards und Bildern von ihm mit Diana Ross und Quincy Jones. Sogar ein bezaubernder Schnappschuss von Baby Michael, der auf einer Couch sitzt und die beabsichtigte Botschaft ist klar – dieses Leben der Berühmtheit, des Ruhms und der Musik ist alles, was diese Person jemals gekannt hat. In der Tat ist der Song, den wir direkt als nächstes hören Music and Me, eine schmerzliche Erinnerung daran, dass Michael Jackson und Musik tatsächlich eine lange Zeit zusammen gewesen sind.


Willa: Das ist interessant, Joie. Ich habe zuvor nicht so darüber gedacht. Mir war der Fokus auf seine Berühmtheit bewusst, aber ich habe nicht über die Tatsache nachgedacht, dass sie sich über einen so großen Teil seines Lebens erstreckte, beginnend mit der Kindheit – dass „dieses Leben der Berühmtheit, des Ruhms und der Musik alles ist, was diese Person jemals gekannt hat“, wie du sagtest.


Joie: Es ist interessant, nicht? Es ist fast die genau entgegengesetzte Situation von der, in welcher Tony Hunter sich in diesem Zug wiederfindet. Michaels Karriere, auch wenn sie vor sehr langer Zeit begonnen hatte, ist noch immer in vollem Gange und er wird noch immer gehetzt mit diesem ‚Andrang von Fans und Reportern und Fotografen, der den Ruhm begleitet‘, wie du vorhin gesagt hast.


Willa: Das ist wahr. Also ist er in einer sehr unterschiedlichen Phase seiner Karriere als Tony Hunter und während uns The Band Wagon die Probleme zeigt, denen ein Künstler gegenübertreten muss, wenn seine Karriere im Niedergang begriffen ist, zeigt uns Moonwalker, dass es auch Probleme gibt, wenn er auf seinem Höhepunkt steht. Er untersucht das ausführlicher in den Speed Demon- und Leave Me Alone-Abschnitten, die auf den Anfangsteil folgen. Wir haben über beide im September gesprochen – speziell wie er das komplizierte Thema von Ruhm untersucht und wie er ihm wunderbare Möglichkeiten bot, aber auch eine schwierige Bürde für ihn war.


Und ich interessiere mich sehr für das, was du gerade über die Anfangsmontage von „berühmten und berüchtigten Aufnahmen aus dem Lauf der Geschichte“, wie du es nanntest, gesagt hast. Indem er auf diese Art beginnt, setzt Moonwalker Kunst in einen ganz anderen Kontext als The Band Wagon das tut. Er deutet an, dass es nicht nur um Michael Jackson als Person, Entertainer und kulturelle Ikone geht. Da stehen noch andere Aspekte auf dem Spiel – Probleme von globaler Wichtigkeit, die wirklich etwas im Leben der Menschen ausmachen.


Joie: Das ist sehr richtig, Willa. Und ich denke, vielleicht ist die Botschaft hier, dass Musik einen wirklichen Einfluss auf diese Themen von globaler Wichtigkeit haben kann. Oder vielleicht, dass der Künstler, der die Musik macht – da er derart verbunden ist mit seinem Publikum – die Macht hat, diese globalen Aspekte zu beeinflussen. Indem er den Einfluss der Kunst als Mittel der sozialen Veränderung nutzt.


Willa:Genau, und natürlich wissen wir, dass er ein ganz starkes Empfinden dafür hatte, dass Kunst die Menschen nicht nur zusammenführen, sondern dass sie uns auch veranlasst unsere Wahrnehmung und Meinung zu hinterfragen und dass uns die Dinge auf eine andere Art sehen lässt. In diesem Abschnitt also wirft er einige wirklich philosophische Fragen über die Aufgabe von Kunst auf. Und es gibt auch dazu eine direkte Entsprechung in The Band Wagon – zum Beispiel in der unverkennbaren Nummer That’s Entertainment:




Wie wir deutlich in diesem Clip sehen können ist das hauptsächliche Thema hier „ernsthafte Kunst“ gegenüber „unterhaltender Kunst“, und wie Nina in einem Kommentar vor ein paar Wochen herausgearbeitet hat, gab es spezielle historisch bedingte, kulturelle und sogar politische Gründe für das, was damals solch ein bedeutendes Thema war:

Der Filmwissenschaftler Rick Altman, der ein sehr hilfreiches Buch geschrieben hat („The American Film Musical“), stellt fest, dass eine der gesellschaftlichen Funktionen von Musicals die ist, Wege zu anzubieten, durch die Millionen von Amerikanern, viele von ihnen Immigranten der 30er, 40er und 50er Jahre aus Europa – als das Genre in seiner Blütezeit war - sich ALS Amerikaner wiedererkennen und ihren Sinn für ihre nationale Identität und Gemeinschaft festigen konnten. Also werden, um dies zu erreichen, in der Erzählung eine Anzahl sich gegenüberstehender Begriffe aufgeführt. Im „Show Musical“ (einer größeren Untergattung) ist oft der Gegensatz zwischen „hoher“ und „geringer“ Kultur der Schlüssel zur ganzen Geschichte. Filme wie The Band Wagon zeigen einen Kontrast auf – und einen Wettbewerb – zwischen Formen, die aus der klassisch europäischen Tradition stammen (wie Ballett, „künstlerischem“ Ausdruckstanz, Symphonieorchester, Streichquartett, etc.) gegenüber Dingen wie amerikanischen populären Formen bestehend aus Swing, Jazz, Pop und Showmelodien selbst! Auf diese Art und Weise wird The Band Wagon (und sogar noch mehr Singin’ in the Rain) zu einer Art Werbefilm für Hollywood und für das amerikanische Show Business selbst. Natürlich weiß der „gute alte Amerikaner“ wer am Ende gewinnt …


Wie also Nina festgestellt hat, ist der „Schlüssel zu der ganzen Geschichte“ in The Band Wagon – und zu vielen anderen Musicals dieser Zeit – der Wettbewerb zwischen (amerikanischer) populärer Unterhaltung und (europäischer) ernsthafter Kunst. Natürlich sah sich Michael Jackson dieser Trennung von Unterhaltungskunst und ernsthafter Kunst genauso gegenüber. Ich denke, sein Werk wurde von den Kritikern fehlinterpretiert und schrecklich unterbewertet, weil es „nur“ als Unterhaltung gesehen wurde, und so blieb ihnen versagt, die Kunst in seinem Werk zu erkennen.


Joie: Ich liebe diesen Kommentar von Nina!

Willa: Ist er nicht großartig?


Joie: Es unterstreicht wirklich das Thema von ernsthafter Kunst gegenüber Unterhaltungskunst. Und du hast Recht. Michael Jackson sah sich diesem Thema ständig während seiner Karriere gegenüber und sein Werk wurde oft als „nur“ Unterhaltung kritisiert oder als zu kommerziell, wenn du so willst. Aber in Moonwalker – und nicht nur im Eröffnungsabschnitt, sondern wirklich während des gesamten Films – scheint er sich darauf zu konzentrieren, mit seiner Kunst den Wandel zu bewirken, über den er in Man In The Mirror singt.


Willa: Das tut er wirklich – wir sehen das von den Eröffnungsaufnahmen von Moonwalker bis zu der unvergesslichen Interpretation von The Moon is Walking von Ladysmith Black Mambazo während des Abspanns. Er ist sehr viel mehr daran interessiert, die kulturelle Funktion von Kunst zu untersuchen und wie Kunst für tiefgreifende kulturelle Veränderungen dahingehend genutzt werden kann, wie wir einander wahrnehmen und miteinander umgehen. Wie du so gut gesagt hast, Joie „den Einfluss der Kunst als Mittel der sozialen Veränderung nutzen“. Wir sehen diesen Gedanken sich ständig wiederholend in Moonwalker – zum Beispiel in Badder, das Kinder zum Thema hat, die die Kraft der Kunst einsetzen, um sich gegen Gangs behaupten zu können.


Joie: Das ist ein sehr interessanter Abschnitt in Moonwalker, Willa. Dieser gesamte Badder-Abschnitt. Ich glaube, die meisten Leute mögen diesen Teil wirklich, weil er nicht so ist, wie du erwartest, wenn die Kamera hochfährt von den silberbeschlagenen Boots über das mit Schnallen und Gürteln versehene Kostüm bis hinauf zum Gesicht. Es ist ein kleiner Schock zu sehen, wie dieser süße kleine Junge dich ansieht. Aber der interessante Teil ist für mich, dass sie dann das gesamte Bad Video nachempfinden mit der Besetzung durch diese erstaunlichen, tanzenden Kinder.




Weißt du, ich habe immer gedacht, dass es wirklich süß ist und Spaß macht, es anzusehen. Aber seit ich mit dir rede, weiß ich, dass Michael fast jede künstlerische Sache aus einem speziellen Grund getan hat. Also frage ich mich … was geht denn wirklich vor sich in diesem Abschnitt von Badder? Was ist hier die Botschaft oder die Lektion?

Willa: Nun, das ist jedes Mal eine komplizierte Frage, aber ein Weg, um sich dem zu nähern besteht darin, es mit dem zu vergleichen, was in The Band Wagon vorgeht, denn wieder einmal gibt es da eine direkte Entsprechung. Während der Badder-Abschnitt in Moonwalker tanzende Kinder zeigt, die wie Erwachsene gekleidet sind und die singen und tanzen wie Erwachsene, gibt es in der Triplets Nummer in The Band Wagon erwachsene Schauspieler, die als Babys verkleidet sind und die singen und tanzen wie Babys. Aber wenn wir uns die Lyrics ansehen, erkennen wir, dass sie überhaupt nicht wie Babys sind:

Wir machen alles gleich

Wir sehen gleich aus

Wir sind gleich angezogen
Wir gehen gleich
Wir sprechen gleich
Und außerdem
Wir hassen einander sehr
Wir hassen unser Volk…
Wie ich wünschte, ich hätte ein Gewehr
Ein kleines Gewehr
Das wäre lustig
Um die anderen beiden zu erschießen
Und der einzige zu sein


Es ist ein lustiger Teil, aber mit einem überraschend brutalen Text, und im Grunde ergibt sich der Humor aus der Ironie dieser kleinen, lispelnden Kinder („A wittle gun“ statt little gun), die solch blutige Gedanken gegenüber ihren Geschwistern hegen. Hier ist ein Videoclip:




Also nimmt Triplets eine Situation auf, von der wir normalerweise denken, sie sei sicher und unter Kontrolle – drei Babys in Hochstühlen - , versieht dies mit einer unerwarteten Note von Gewalt und untersucht den komischen Aspekt dieser Sache. Aber natürlich hatte sich zu der Zeit, als Michael Jackson Moonwalker drehte, die Welt verändert. In vielen Wohngegenden war Gewalt durch Gangs an der Tagesordnung, Kinder waren gefangen mitten im Kreuzfeuer, und die Vorstellung von Kindern, die blutige Gedanken haben, war nicht länger lustig. Also nähert er sich dem Thema Kinder und Gewalt auf eine ganz andere sehr viel ernsthaftere Art und Weise an.

Joie: Ich muss sagen, Willa, es erschreckt mich ein wenig, diesen Triplets Clip anzusehen, weil die Worte ihres kleinen Liedchens so grausam sind. Es ist wirklich befremdlich, und ich denke, das kommt von dem, was du gerade sagtest. Die Welt war eine ganz andere damals, als The Band Wagon gedreht wurde und diese Art von Humor wurde nicht auf dieselbe Art gesehen wie heute. Sehr interessant.


Willa: Das ist es, nicht wahr? Es gibt eine ähnliche Beziehung zwischen Girl Hunt Ballet und Smooth Criminal, welches jeweils die vorletzten Nummern in The Band Wagon und in Moonwalker sind. Girl Hunt Ballet endet mit Fred Astaire als Darsteller, der die Frau erschießt und tötet, zu der er gesagt hat, er wolle für sie sorgen und sie beschützen, was ziemlich schockierend ist. Hier ist ein Video Clip:



Aber was wirklich schockierend ist, ist die Tatsache, dass, wenn du wirklich einmal innehältst und darüber nachdenkst, diese Nummer eine Komödie ist – genau wie die mörderischen Kinder der Triplets. Und wieder überarbeitet Michael Jackson das neu, macht es dunkler, ernsthafter und komplizierter, indem er uns auffordert, uns Sorgen zu machen um die ermordete Frau. Er fragt immer wieder und wieder: „Annie, bist du ok?“

Wir könnten einen ganzen Monat damit verbringen, nur über die vielen Parallelen und Gegensätzlichkeiten zwischen Girl Hunt Ballet und Smooth Criminal zu reden, aber Nina zeigte uns vor ein paar Wochen einen Clip, der einige dieser Verbindungen beleuchtet – nicht nur zu Smooth Criminal, sondern auch zu You Rock My World und Dangerous. Und ebenso gibt es einige unterschwellige Andeutungen in Billie Jean.


Joie: Das ist so interessant, Willa. Weißt du, bevor wir mit unseren Unterhaltungen anfingen, habe ich niemals gewusst, dass Michael so viele Inspirationen aus The Band Wagon hat. Im Grunde liebe ich die alten Filme und Musicals, aber ich habe diesen ganzen Ähnlichkeiten einfach keine Aufmerksamkeit geschenkt, bevor du anfingst, mich darauf hinzuweisen. Und nun, da du es getan hast, ist es einfach nur faszinierend!


Willa: Nicht wahr? Es setzt mich immer wieder in Erstaunen, wie er aus so vielen Quellen Inspirationen erhielt – und nicht nur auf oberflächliche Art, sondern auf eine Art und Weise, die dich spüren lässt, einfach wie bewandert er in all diesen verschiedenen Genres war und wie sehr er sich mit ihnen beschäftigte. Nicht lange, nach er gestorben war, sprach Kobe Bryant einige Male darüber, wie Michael Jackson ihn dazu brachte, Klassiker wie Fred Astaire Filme und andere große Hollywood Musicals anzusehen. Hier ist ein Clip von einer Pressekonferenz:




Und wenn du dir wirklich diese Filme ansiehst und sie mit Michael Jacksons Werken vergleichst, dann erkennst du, wie tiefgreifend sie ihn beeinflusst haben. Nina hat dies bereits öfter kommentiert – wie hier (like here), als sie Say, Say, Say mit Singing in the Rainverglichen hat.

Joie: Das ist sehr aufschlussreich. Ich hätte diesen Vergleich wohl niemals vorher gezogen.


Willa: Oh, ich habe viel aus Ninas Kommentaren gelernt. Weißt du, sie ist eine Filmemacherin und Künstlerin (sie hat einige wirklich interessante Michael Jackson Collagen gemacht) und auch Professorin für Filmstudien, und sie scheint einfach eine Fülle von Wissen über Filmemachen und Filmgeschichte in ihren Fingerspitzen zu haben.


Das bringt uns zum jeweiligen Finale. The Band Wagon endet mit einer emotionalen Wiederholung von That’s Entertainment. Also scheint die abschließende Botschaft von The Band Wagon zu sein, dass Tony Hunters Karriere im Niedergang begriffen ist, dass er aber immer noch ein Star ist, immer noch ein talentierter Entertainer, geliebt und respektiert von seinen Kollegen – und das schließt seinen Co-Star, eine klassisch ausgebildete Ballerina der „ernsthaften Kunst“, die sich in ihn verliebt hat, mit ein. Also verstärkt das Finale auf mehreren unterschiedlichen Ebenen die Botschaft, dass Unterhaltung in seiner Bedeutung als populäre Kunst uneingeschränkt über ernsthafte Kunst herrscht.


Joie: Nun, die abschließende Botschaft, die ich von Moonwalker erhalte, ist die, dass populäre Kunst, und vielleicht Musik ganz speziell, universell ist. Sie vermag die Menschen zusammenzubringen – Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, allen Nationalitäten, allen Rassen, allen Altersgruppen und allen wirtschaftlichen Bereichen. Und der finale Song, denke ich, illustriert diese Botschaft sehr gut. Es ist Michaels Interpretation von Come Together von den Beatles, und es ist einfach vollkommen. Ein Rock Song geschrieben vom unvergleichlichen Duo Lennon und McCartney und mit Perfektion gesungen vom größten Entertainer der Welt, der ganz zufällig ein schwarzer Mann war. Kommt zusammen / Come Together, in der Tat.


Willa: Das ist interessant, Joie. Die Überschrift sagt irgendwie alles, oder?


Joie: Weißt du, das tut sie wirklich. Und so ist es auch bei dem Titel That’s Entertainment.


Willa: Das stimmt! Sie fassen beide die zentralen Themen des Films in dem Titel des letzten Songs zusammen. Wie interessant!


Und dann fügt Moonwalker noch eine kleine Dreingabe hinzu, indem uns Ladysmith Black Mambazo während des Nachspanns The Moon is Walking singt. Ich liebe einfach die Stimmung dieses Songs und die Art, wie sie es darbieten, und ich liebe die Art, wie die Hintergrundbilder sich hin- und her verändern zwischen Szenen aus Smooth Criminal und den Sängern von Ladysmith Black Mambazo in zeitgemäßen Kostümen, als wären sie ebenso ein Teil von Smooth Criminal. Und ich liebe den sich wiederholenden Refrain „Komm und sieh‘, der Mond tanzt“ / „Come and see, the moon is dancing“. Für mich fühlt es sich so an, als würden sie es bezeugen.


Weißt du, Michael Jacksons Filmcharakter ist so verbunden mit dem Mond (schließlich heißt der Filmtitel Moonwalker), dass für mich persönlich diese Zeile wie ein Zeugnis des Einflusses von Kunst ist – seiner Kunst. Vielleicht hat er es gar nicht so gemeint – wahrscheinlich mochte er einfach nur den Gleichklang der Worte Moonwalker und The Moon is Walking. Aber das ist das, was mir in den Sinn kommt, wenn ich höre „Beeil dich, mein Bruder / Beeil dich, meine Schwester / Komm und sieh‘, der Mond tanzt“ / „Come along, my brother / Come along, my sister / Come and see, the moon is dancing“. Sie sind Zeugen der Kraft seiner Kunst.


The truth must dazzle gradually
or every man be blind
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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Fr 14 Dez 2012 - 23:26

Auf der Suche nach diesem Staunen in meiner Jugend
Searching for that Wonder in My Youth
12/12/2012

Willa: Also Joie, letztes Jahr in den Weihnachtsferien hatten wir einen besonderen Post über Michael Jacksons enge Verbindung zur Kindheit und ihren Zusammenhang zur Kreativität. Nun gehen wir wieder auf die Weihnachtssaison zu, und ich habe mir gedacht, dass es Spaß machen würde wieder über die Kindheit zu reden.

Joie: Es würde ganz bestimmt Spaß machen wieder über die Kindheit zu reden, Willa. Und du weißt ja, es gibt einen Song / Video, über den / das wir bisher niemals wirklich gesprochen haben. Ich weiß fast nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin irgendwie so aufgeregt!

Willa: Oh, Childhood? Du hast Recht, wir haben einige Male Lyrics daraus zitiert, aber wir haben darüber nicht wirklich in der Tiefe gesprochen. Es ist lustig – das ist ein weiterer Michael Jackson Song, der die Leute sich wirklich unwohl fühlen lässt, und ich bin mir nicht ganz sicher, warum. Er ist nicht wütend wie das You Rock My World Video. Er zwingt uns nicht, uns mit den „dunklen Gedanken in unserem Kopf“ auseinanderzusetzen wie Threatened oder Money. Er hinterfragt nicht unsere schwierigen sozialen Probleme wie The Lost Children oder schmerzhafte Geschichten wie Little Susie. Es ist einfach ein sehr schöner Song mit einem sehr schönen Video, aber er stört manche Leute wirklich. Ich denke, manche Nicht-Fans sind irritiert, weil sie denken, er sei nicht ehrlich, aber ich denke auch, manche Fans sind irritiert, weil er zu ehrlich ist.

Joie: Das ist interessant, Willa, und ich verstehe, worauf du hinaus willst. Es ist wirklich so, dass dieser Song einige Leute sich unbehaglich fühlen lässt. Und er ist nicht wütend oder dunkel, wie du sagst. Aber er ist sozusagen ‚schonungslos’, in ziemlich derselben Art wie in jenen Songs, die du erwähnt hast. Aber auf eine ganz andere, sehr persönliche Art und Weise.

Weißt du, ich war mit Nicht-Fans zusammen, als dieser Song lief und das Gefühl, das ich dabei hatte, ist, dass er sie wirklich dazu bringt, kurz innezuhalten und sie nachdenken lässt. Sie hören seine Worte und sie denken wirklich nach über das, worum er sie bittet:

Bevor du mich verurteilst

Versuch’ wirklich, mich zu lieben

Sieh’ in dein Herz, dann frag’ …

Hast du meine Kindheit gesehen?

Und der Vortrag dieses Songs ist so einfach und tief empfunden, dass ich denke, man kann einfach nicht anders, als davon angesprochen zu sein – wenigstens für ein paar flüchtige Augenblicke – ob du nun ein Fan bist oder nicht.

Willa: Ich denke, das stimmt, Joie, aber ich denke auch, dass es so tief empfunden ist, dass es für einige Zuhörer schon wieder unangenehm ist. Weißt du, als Dr. Susan Fast vor einigen Wochen bei uns war, erwähnte sie das Fehlen von Ironie bei Michael, und Eleanor schrieb daraufhin eine sehr interessante Reaktion:

Ich habe darüber so viel nachgedacht. Michael ist nicht „cool“, er ist zu heiß, er ist aufrichtig, er ist ernsthaft, er empfindet die Worte, die er singt, ganz tief. Die Wirkung seiner Werke ist nicht geistiger Natur, sondern absolut emotional. Wir hören seinen Herzschlag, wir spüren seinen Herzschlag – er macht uns den Rhythmus der Gezeiten in unseren eigenen Körpern bewusst. Er ist der Beste im Ausdrücken und Hervorrufen eindrucksvoller Gefühle – das ist es, was ihn von anderen abhebt – und das ist der Unterschied zwischen einem großartigen Künstler und einem cleveren Künstler. Er erhebt sich nicht über das Thema und kommentiert es, er ist mittendrin, er ist ein Teil davon – er ist Teil von „uns“ in TheyDon’t Care About Us.

Erst wenn man ein wenig Distanz von dem emotionalen Eindruck gewonnen hat, kann man beginnen, die unglaubliche Kunstfertigkeit und das Genie zu würdigen, die in sein Werk eingehen. Künstler, die nur auf der geistigen Ebene arbeiten, lenken die Aufmerksamkeit so oft auf sich selbst – „Oh, was für ein cleverer Junge / Mädchen ich doch bin“ – sie sind kühle Beobachter, außerhalb der Auseinandersetzung und darüber schwebend – aber Michael führt die Aufmerksamkeit auf das Thema selbst – in Earth Song, in They Don’t Care About Us etc.

Er ist nicht zynisch, er möchte die Welt heilen – und trotz allem glaubt er daran, dass die Welt geheilt werden kann. Er glaubt an die Liebe – nicht an Sentimentalität. Er glaubt an eine tiefe Verbindung zwischen den Menschen, und er macht sich dieses Gefühl der Verbundenheit zunutze. Auf der geistigen Ebene agierende Künstler sagen oft „Ich bin kein Teil dieser Szene, und, wenn du meine Werke schätzt, kannst du dir selbst auf die Schulter klopfen, denn das bedeutet, dass du auch irgendwie überlegen bist.“ So etwas ist nicht Michaels Botschaft.

Das ist ein langes Zitat, aber es drückt wunderschön einige wirklich wichtige Gedanken aus, denke ich. Eleanor macht klar, dass Ironie uns eine emotionale Distanz zum Thema verschafft – ein wenig Raum zum Atmen – und Michael Jackson macht das nicht. Er nutzt subtilen Humor in Videos wie Beat It, Thriller, Black or White und Ghosts, um die Stimmung zu erhellen, aber er gibt uns nicht die emotionale Distanz, die die Ironie bietet. Am nächsten kommt er der Ironie noch bei Leave Me Alone, denke ich, aber das ist eher ungewöhnlich für ihn. Er lässt uns die Themen nicht objektiv und leidenschaftslos betrachten, aus einer sicheren Distanz. Und besonders bei Werken wie Childhood, denke ich, hätten sich viele Zuhörer wohler gefühlt, wenn er das getan hätte.

Aber ich finde, Eleanor drückt etwas sehr Wahres und Wichtiges aus, wenn sie sagt „Er ist der Beste im Ausdrücken und Hervorrufen eindrucksvoller Gefühle – das ist es, was ihn von anderen abhebt – und das ist der Unterschied zwischen einem großartigen Künstler und einem cleveren Künstler.“

Joie: Das ist ein sehr interessantes Zitat von Eleanor, Willa, und sie hat Recht. Er ist der Beste im Ausdrücken und Hervorrufen eindrucksvoller Gefühle. Niemand macht das besser; und ich denke, das kommt daher, dass er selbst die Dinge so stark spürt. Sogar unser Freund Joe Vogel schreibt darüber in seinem Buch Earth Song: Inside Michael Jackson’s Magnum Opus:

Die meisten Menschen lesen oder sehen die Nachrichten beiläufig, passiv. Sie werden gefühllos gegenüber den schrecklichen Bildern und Geschichten, die auf dem Bildschirm erscheinen. Solche Geschichten jedoch bewegten Jackson regelmäßig zu Tränen. Er verinnerlichte sie und spürte körperlichen Schmerz dabei. Wenn Leute ihm sagten, er sollte doch einfach sein eigenes Glück genießen, wurde er wütend. Er glaubte vollkommen an John Donnes Philosophie, dass „niemand eine Insel ist“.

„(Die Durchschnittsperson),“ erklärte er, „sieht Probleme ‚da draußen‘, die gelöst werden müssen … Aber ich fühle nicht auf diese Art – die Probleme sind nicht wirklich ‚da draußen‘. Ich spüre sie in mir. Ein weinendes Kind in Äthiopien, eine in einem Ölteppich herzergreifend kämpfende Seemöwe … ein vor Schreck zitternder Teenager-Soldat, der Flugzeuge vorüberfliegen hört: Geschehen diese Dinge nicht auch in mir, wenn ich sie sehe und über sie höre?“

Willa: Was für ein großartiges Zitat, Joie! Und wenn er sagt „die Probleme sind nicht wirklich ‚da draußen‘. Ich spüre sie in mir“, dann weißt du, dass es wahr ist, denn durch seine Kunst teilt er diese Gefühle mit, und wir spüren sie ebenso in uns. Wenn wir den Songs wie Earth Song oder They Don’t Care About Us oder Speechless oder Childhood zuhören, dann fühlen wir den Schmerz und die Wut und die Freude, das Gefühl der Ungerechtigkeit oder das Erlebnis des Staunens, dass er spürt. Das ist das, was mich vollkommen gefangen nahm, als ich zum ersten Mal vor 40 Jahren Ben hörte, und es nimmt mich immer noch gefangen und bewegt mich.

Joie: Ganz genau! Aber mir gefällt, was du gerade über Michael gesagt hast, der nicht zulässt die Dinge leidenschaftslos zu betrachten. Das ist eine sehr wahre Feststellung. Er war nie jemand, der um den heißen Brei herumredet in seinen Werken, stattdessen wählte er die ganz direkte Annäherung. Und du liegst richtig, wenn du sagst, dass besonders bei diesem Song – weil er so sehr persönlich ist – diese Annäherung die Leute sich sehr unbehaglich hat fühlen lassen. Wir erwarten normalerweise nicht von unseren Unterhaltungskünstlern, dass sie direkt vor uns ein neues Feld erschließen, aber das ist genau das, was in Childhood geschieht. Besonders in diesen Lyrics:

Niemand versteht mich

Sie sehen es als solch seltsame Exzentrizität

Weil ich herumalbere

Wie ein Kind

Aber verzeih‘ mir



Die Leute sagen, dass ich nicht okay bin

Weil ich diese einfachen Dinge liebe

Es ist mein Schicksal

Meine Kindheit wiedergutzumachen, die ich niemals kannte

Willa: Wow, das ist eine anschauliche Art, das zu beschreiben, Joie, aber ich denke, du hast Recht – wir erwarten nicht, dass Künstler „direkt vor uns ein neues Feld aufmachen“, wie du so schön gesagt hast, und so fühlt es sich auch an. Es ist, als wäre er in tiefer Trauer wegen „der Kindheit / die er niemals kannte“.

Es fühlt sich auch so an, als würde er versuchen, jenen zu antworten, die ihn dafür kritisieren seine verlorene Kindheit zu „kompensieren“, wie er es ausdrückt, und sie auffordert, Verständnis dafür aufzubringen, wie er fühlt. Und wirklich, was für eine schmerzvolle Situation muss das sein, wenn deine tiefsten Verletzungen in der Presse verbreitet und kritisiert werden.

Aber, weißt du, was mir auffällt, wenn ich das Video ansehe ist, dass die Lyrics des Songs intensiv persönlich sind und das Video nicht. Dies ist ein weiterer Fall, in dem das Video die Gedanken, die in dem Song ausgedrückt werden, erweitert und verkompliziert. Wenn man den Song hört, würde man erwarten, dass das Video Material aus der 2300 Jackson Street und den langen Stunden im Studio bei Motown enthalten würde, und vielleicht Szenen von den Jackson 5 und aus der Ed Sullivan Show. Aber das Video handelt nicht von seiner Kindheit – zumindest nicht direkt – oder der Kindheit einer fiktiven Person. Es ist sehr viel subtiler und komplizierter als das: Es geht um Vorstellungskraft und um die Kindheit als eine Zeit erhöhter Vorstellungskraft.

Joie: Weißt du, ich habe genau dasselbe gedacht. Das Video ist überhaupt nicht das, was man darüber denken würde. Und es ist so, als würde er hier absichtlich in die entgegengesetzte Richtung gehen, anstatt uns kleine Einblicke in seine eigene unvollkommene Kindheit zu zeigen, was das wäre, was wir erwarten würden. Und ich glaube, er hat das wahrscheinlich getan, einfach weil der Song selbst so persönlich ist.

Willa: Oh, das ist interessant, Joie. Ich habe darüber auf diese Art noch gar nicht nachgedacht, und das ergibt sehr viel Sinn. Aber ich denke auch, dass er versucht einen komplexen Gedanken auszudrücken, der sehr wichtig für ihn ist.

In dem Video sehen wir Michael Jackson allein in einem Wald sitzen, während eine Flottille von Segelbooten voll mit Kindern über ihm durch den Himmel segelt. Er kann sie sehen, aber er kann sich ihnen nicht anschließen. Er bleibt auf dem Boden zurück. Ein Junge kommt auf ihn zu und steht neben ihm, und er kann auch die Kinder in ihren Segelbooten sehen. Eines der Kinder in den Booten – ein älterer Junge – streckt seine Hand aus, um ihn einzuladen mitzukommen, und der Junge auf dem Boden schwebt nach oben und klettert an Bord. Aber Michael Jackson bleibt auf dem Boden zurück. Er möchte sich ihnen anschließen – du kannst spüren, wie verzweifelt er sich ihnen anschließen möchte – aber er kann nicht, entweder weil er nicht eingeladen wurde oder weil er aus dieser Phase herausgewachsen ist oder weil er durch die Härten seines Lebens gezeichnet ist. Wir wissen nicht warum.

Er ist an keinem schlechten Ort – er befindet sich in einem üppigen, wunderschönen Wald, und das ist von Bedeutung, denn er verbindet Bäume mit Phantasie. Ich denke da an seinen Baum der Phantasie auf Neverland, von dem er sagt, dass er viele seiner Songs dort geschrieben habe. Er ist also an einem Ort der Phantasie und der Kreativität – erwachsener Kreativität - aber das unterscheidet sich von den Erfahrungen, die die Kinder in den Segelbooten über ihm machen. Er möchte so gern auch in so einem Segelboot sein, aber er kann nicht dahin gelangen. Anders als der Junge, der so mühelos nach oben geschwebt ist, bleibt er an die Erde gebunden.

Joie: Das ist eine wunderschöne Zusammenfassung des Videos, Willa. Und ich denke, du hast Recht. Er möchte ganz offensichtlich verzweifelt zu den Kindern, aber er kann nicht. Und, wie du gesagt hast, können wir das auf viele Arten interpretieren – er war nicht eingeladen, er ist der Phase entwachsen, er war durch die Härten des Lebens gezeichnet. Aber dass er sich ihnen nicht anschließen konnte, muss nicht nur an diesen Faktoren gelegen haben, sondern könnte auch an „uns“ gelegen haben. Oder genauer an „ihnen“. Ich spreche nicht über die Kinder, aber die Leute, die ihn über die Jahre für dieses Kompensieren kritisiert haben. Vielleicht kann er nicht nach oben schweben zu den Kindern in den Segelbooten, weil er durch all die Negativität und Spekulation über die Art auf dem Boden gehalten wird, dadurch, wie er sein Leben lebte und durch seine Verbundenheit zu Kindern und seinen Wunsch und die vielen Anstrengungen, an dem kindlichen Staunen festzuhalten, das so besonders und wichtig für ihn war.

Willa: Wow, Joie, auch darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber du hast Recht – er musste nach den Anschuldigungen sehr viel vorsichtiger in seinem Umgang mit Kindern sein, und er wurde sich seiner auch sehr viel bewusster und vielleicht auch befangener wegen seiner „eigenartigen Exzentrizitäten“, wie er laut den Lyrics, die du zitiert hast, singt: „Die Leute sagen, dass ich nicht okay bin / Weil ich diese einfachen Dinge liebe“. Also wahrscheinlich spielte diese Negativität auch eine Rolle, wie du sagst.

Joie: Und wie du gesagt hast ist es offensichtlich, dass er sich ihnen verzweifelt anschließen möchte, aber er ist traurig und irgendwie untröstlich, dass er dazu nicht fähig ist.

Willa: Es ist seltsam, gerade weil er so unglaublich kreativ war und solch eine lebhafte Vorstellungskraft hatte, sogar als Erwachsener. Wenn die Boote repräsentieren sollen, dass du durch deine Vorstellungskraft davongetragen wirst, dann scheint es offensichtlich zu sein, dass er mit an Bord sein sollte – schließlich segeln sie zum Mond, und er ist der Moonwalker! Aber das ist es nicht, wo er sich selbst positioniert. Er platziert sich auf dem Boden, während er sehnsüchtig nach oben sieht, wie sie vorübersegeln, und ich frage mich, was genau es ist, von dem er denkt, dass es ihm fehlt?

Vielleicht ist es gar nicht nur die Vorstellungskraft der Kinder, sondern die Tatsache, wie vollständig sie in die Welt der Phantasie eintauchen. Ich kann mich erinnern, dass ich mich als Kind komplett in Büchern verloren habe. Ich bin so vollständig von einer Geschichte vereinnahmt worden, dass ich alles um mich herum ausgeblendet habe, und wenn ich wieder „zu mir kam“, musste ich manchmal entdecken, dass der Rest der Klasse schon halbfertig war mit einem Rechtschreibtest oder etwas Ähnlichem, und ich musste mich beeilen, das aufzuholen. Ich war vollkommen abwesend, wenn ich in ein Buch vertieft war – es fühlte sich wirklich an, als wäre ich in einer anderen Welt – und es war immer verwirrend, wieder zu Bewusstsein zu kommen in dieser Welt. Ich landete einfach wieder auf dem harten Boden der Realität, wenn ich mich in einer Welt der Rechtsschreibtests und Mathematikaufgaben wiederfand, wo ich mich doch gerade noch mit den Hauptpersonen des Buches in allen Arten von Abenteuern befunden hatte.

Joie: Das ist so wahr, Willa. Kinder neigen dazu, vollkommen in ihr Spiel einzutauchen. Ich erinnere mich, dass ich in der Pause mit meiner besten Freundin auf dem Spielplatz war. Wir müssen zu der Zeit in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein, glaube ich. Und wir waren so vertieft in unserer selbst erschaffenen Phantasiewelt, dass wir die Klingel nicht gehört hatten. Und plötzlich guckten wir hoch und unsere Klasse war nirgends zu sehen. Sie waren alle schon zwanzig Minuten vorher wieder zurück nach drinnen gegangen!

Willa: Oh nein! So etwas Ähnliches ist mir auch passiert und es war wirklich peinlich, ich weiß also genau, was du meinst, Joie. Aber es ist lustig, das scheint mir nicht mehr allzu häufig zu passieren. Ich stehle mich immer noch manchmal in Tagträumen weg – wie vor einigen Jahren, als ich den Highway hinunter fuhr, und plötzlich „aufwachte“ und bemerkte, dass ich mit meinem Kopf in den Wolken gefahren war und meine Ausfahrt um etwa 10 Meilen hinter mir gelassen hatte. Es passiert also immer noch gelegentlich, aber nicht so oft. Ich liebe Bücher immer noch, aber ich werde nicht mehr so komplett davon eingenommen und ich blende die reale Welt nicht mehr so aus, wie ich es einst getan habe. Sogar während ich ein großartiges Buch lese, bin ich mir bewusst, dass ich meinen Sohn in 20 Minuten vom Schwimmtraining abholen muss oder mit dem Essen anfangen muss oder die Wäsche falten oder was auch immer, und ich werde nicht so vollkommen „weggetragen“ durch meine Phantasie wie es der Fall war, als ich jünger war.

Vielleicht ist es also das, worüber er spricht? Denn er hat sogar als Erwachsener solch eine schöpferische Phantasie und war immer noch so intensiv kreativ – sehr viel kreativer als der Durchschnitt – und das muss er gewusst haben.

Joie: Yep, das sehe ich auch so. Und als Erwachsene haben wir einfach so viel Verantwortung und andere Prioritäten, nicht wahr? Ich meine, als Kind ist unsere einzige Priorität herauszufinden, wie die Welt funktioniert, und wir suchen aktiv nach Wegen dafür, dass dieser Lernprozess Spaß macht. Es ist einfach die Natur eines Kindes. Aber als Erwachsene haben wir diesen Luxus nicht immer, denn so viele andere Dinge belasten uns und beanspruchen unsere Zeit. Vielleicht ist es also das, warum er fest auf dem Boden bleibt, während all die Kinder in ihren Booten über ihm zum Mond schweben. Wie die meisten Erwachsenen hat er einfach nicht mehr die Zeit in seiner Phantasie davon zu schweben.

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Joie, und vielleicht ist das ein weiterer Grund, warum er das Gefühl hatte, dass er keine wirkliche Kindheit hatte – denn er trug sogar als Kind die Verantwortung eines Erwachsenen auf seinen Schultern. Seine Familie wurde finanziell ziemlich abhängig von ihm, als er zehn Jahre alt war. Denk mal darüber nach. Und es gab Leute bei Motown, deren Jobs von ihm abhängig waren. Wenn er es nicht geschafft hätte, das Publikum zu begeistern, dann hätten sie ihre Jobs verloren, und das wusste er. Das ist eine Menge Druck, der auf ein Kind geladen wird.

Außerdem, wenn er beim Spielen gefallen wäre, sich verletzt hätte und nicht hätte tanzen können, dann hätte das weitreichende Konsequenzen gehabt, und auch das wusste er. Er musste also sehr vorsichtig sein, sogar beim Spielen. Und sein Tag war so durchgeplant, dass er nicht wirklich frei zum Spielen war oder „in seiner Phantasie davon zu schweben“, wie du sagtest, sogar damals nicht.

Vielleicht ist also das ein Teil von dem, was er als Erwachsener versucht hat auszugleichen – indem er sich selbst die Erlaubnis gab auf Bäume zu klettern (wie riskant!) und Wasserballonkämpfe zu führen und selbstvergessen spielen zu können, auf eine Art, wie er es als Kind nicht konnte. Und sich selbst die Zeit zu gönnen einfach davon zu schweben und in den Tag zu träumen.

Joie: Und vielleicht ist das die Botschaft dieses Kurzfilms, Willa. Du weißt, wie gerne ich glaube, dass in jedem Michael Jackson Video eine verborgene Botschaft oder Lektion zu finden ist?

Willa: Ja?

Joie: Nun, vielleicht ist in diesem Fall die Lektion, dass wir – die Erwachsenen – versuchen sollten uns zu erinnern, wie es ist ab und zu durch unsere Phantasie weggetragen zu werden. Sich zu erinnern, dass das kindliche Staunen, das immer noch in jedem von uns einzelnen steckt nur auf die Gelegenheit wartet, sich in einem Buch verlieren zu können … wegzuschweben in einem Segelboot zum Mond.

Willa: Oh, ich liebe deine Interpretation wirklich, Joie! Es klingt sehr nach seiner Vision, denke ich, und es erinnert mich an diese wundervolle Schlussaufnahme von den Segelbooten:





Ich liebe dieses Bild – ich finde, es ist so wunderschön – und darin ist so viel zu sehen. Das letzte Boot wird von einem schwarzen Jungen gesteuert, der seine Hand sehr ernst am Ruder hält, und er fesselt meine Aufmerksamkeit aus einigen Gründen. Zum einen, als wir ihn das erste Mal sehen (bei etwa 2 min. im Video) hat er einen sehr verängstigten Ausdruck in seinem Gesicht. Keins der anderen Kinder scheint überhaupt ängstlich zu sein, aber dieser Junge schon. Auch sitzt er allein in seinem Boot, während die meisten der Kinder in Gruppen zu Zweien oder Dreien zusammen sind.

Aber eigentlich ist er nicht allein. Er hat zwei Katzen bei sich, und er streichelt sie zur Beruhigung. Und während das vielleicht einfach als Zufall erscheinen mag – schließlich hat eins der anderen Kinder einen Hund – pflegen Katzen in Michael Jacksons Videos etwas Spezielles zu repräsentieren: Wenn er das Bedürfnis verspürt, zu entfliehen, verschwindet er und es erscheint eine Katze. Als ihm zum Beispiel in Billie Jean ein Reporter zu nahe kommt, verschwindet er und ein Tiger erscheint. Als ihn die Wächter des Königs in Remember the Time umzingelt haben, verwandelt er sich in einen wirbelnden Sandhaufen und wird weggeweht, und dann kommt eine Katze und bleibt da stehen, wo die Verwandlung stattgefunden hat. Als er sich in Black or White durch Rassismus unterdrückt fühlt, verwandelt er sich in einen Schwarzen Panther. Weil das solch ein häufiges Motiv in seinen Videos ist, scheint es signifikant für mich, dass dieser angstvolle Junge zwei Katzen bei sich hat, die ihn begleiten und ihm Trost geben. Ist es vielleicht so, dass, auch wenn Michael Jackson selbst sich nicht mit in das Segelboot setzen kann, es dann sein Totemtier kann?

Joie: Wow! Das ist eine interessante Beobachtung, Willa. Ich habe das niemals zuvor bemerkt, aber ich denke, du bist da einer Sache auf der Spur.

Willa: Es hat etwas zu bedeuten, oder? Vielleicht auch nicht, aber für mich fühlt es sich bedeutsam an. Und dann segeln die Kinder alle zum Mond, was ebenso metaphorisch mit Michael Jackson verbunden ist – in Titeln wie Moonwalk und Moonwalker, ganz offensichtlich, aber auch subtiler in Schlüsselszenen in Moonwalker und genauso in Dancing the Dream. In Dance of Life tröstet ihn der Mond wie eine Mutter, aber er inspiriert ihn auch und ermuntert ihn zum Tanzen, wie eine Muse.

Während wir also Michael Jackson nicht in verkörperter Form in dieser wunderschönen Schlussaufnahme der zum Mond schwebenden Segelboote sehen, hören wir währenddessen doch seine Musik und spüren sein Wesen und seinen Einfluss.

Joie: Du hast Recht, Willa, wir spüren ‚währenddessen sein Wesen’ sehr … in allem, was er tat. Es ist in jedem Song und in jedem Video, in jeder Tanzbewegung und Live Performance. Du kannst es in jedem Gedicht und jeder seiner Überlegungen zwischen den Seiten von Dancing the Dream spüren. Sein Wesen ist spürbar in jedem Projekt, das er der Welt jemals präsentiert hat.

Also, Willa und ich möchten diesen Moment nutzen und euch allen Danke sagen für eure ständige Unterstützung, und wir möchten jedem einzelnen von euch sehr Fröhliche Weihnachten , Merry Christmas, Happy Chanukka, Happy Kwansa und unsere besten Wünsche für ein wundervolles neues Jahr wünschen. Schöne Weihnachtsferien alle miteinander!

Willa: Ich würde gern auch noch um einen Gefallen bitten. Ich hoffe eine zweite Ausgabe von M Poetica mit bibliografischen Anmerkungen und Web Links veröffentlichen zu können, sowie einige Bilder und Informationen, die bei der ersten Veröffentlichung 2011 nicht verfügbar waren. Außerdem möchte ich gern soweit möglich einige Irrtümer und Tippfehler beseitigen, wenn ihr also M Poetica lest und dabei Fehler bemerkt, würde ich mich freuen von euch zu hören. Sendet eure Korrekturen einfach an dancing.with.the.elephant@gmail.com. Vielen Dank!


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Lilly

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mi 23 Jan 2013 - 17:15

Unter den Covers
27/12/2012

Joie: Weißt du Willa, ich habe schon sehr viel über die verschiedenen Cover der Michael Jackson Alben nachgedacht. Ich liebe Albumcover generell, ich denke, sehr oft fängt die künstlerische Darstellung wirklich entweder die Grundhaltung der Band oder die besondere Stimmung, die die Band oder der Künstler mit der Aufnahme zu vermitteln versucht, ein. Zum Beispiel (und ich offenbare hier wirklich gerade mein Alter) waren die Ohio Players ebenso bekannt für ihre provokativen, erotischen Alben wie auch für ihre klassische Funk Music der 70er. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Albumkunst die grundsätzliche Einstellung der Band widerspiegelt.



Und ebenso hat die Rockband Aerosmith über die Jahre viele verschiedene Typen von Albumcover gehabt und jedes einzelne, denke ich, gibt ziemlich gut die jeweilige Stimmung der Band wider, die sie mit der Aufnahme selbst zu vermitteln versucht. Wie das Cover für ihr Album Pump von 1989. Das Bild stellt zwei alte Pickups dar, bei denen der eine auf den anderen aufgefahren ist. Aber wenn du auch nur ganz kurz auf das Bild blickst, ist die beabsichtigte Botschaft sehr eindeutig, nämlich dass der lyrische Inhalt des Albums voll mit Referenzen auf Sex und Drogen ist.



Willa: Das ist lustig! Weißt du, ich hab' vor vielen vielen Jahren einen Unfall mit Blechschaden gesehen, bei dem ein VW Beetle auf einen anderen VW Beetle aufgefahren war, und es war genauso – so zweideutig, dass du fast das Gefühl hattest, du müsstest deine Augen davon abwenden. Es sah aus wie zwei Nilpferde bei der Paarung. Ich fuhr gerade mit einigen Freunden zur High School, und wir sind vor Lachen fast auch jemandem hinten drauf gefahren. Es war zu lustig.

Joie: Das ist wirklich lustig, nicht wahr? Also Aerosmith! Jedenfalls habe ich, wie du weißt, Michaels gesamte Alben in Bilderrahmen, und sie hängen an einer der Wände in meinem Haus. Ich habe sie als Gruppe alle zusammen aufgehängt, also machen sie großen Eindruck, wenn du sie siehst, es ist eigentlich ziemlich cool. Aber wenn ich sie so betrachte, bin ich jedes Mal getroffen davon, wie unterschiedlich sie doch alle sind. Ich denke, er ist einer jener Künstler, die die Coverkunst dazu benutzten eine bestimmte Botschaft passend zum Inhalt des Albums zu vermitteln – fast wie eine Erweiterung der Musik selbst. Du betrachtest die Cover und du kannst dir ziemlich gut vorstellen, was du dann hören wirst.

Willa: Das ist wirklich interessant, Joie. Ich denke, du hast Recht – er nutzte wirklich die Coverkunst, um einen Hinweis zu geben auf das, was innen drin war – aber ich denke, er nutzte die Coverkunst auch, um eine Vorstellung von sich selbst zu vermitteln und wo er als Künstler stand. Beispielsweise trägt er auf den Coverfotos für Off The Wall und Thriller einen Anzug, und natürlich waren das die zwei Alben, mit denen er versuchte sich selbst als Solokünstler zu etablieren. Durch die künstlerische Gestaltung des Covers gibt er uns subtile Hinweise darauf, dass er als Künstler gereift und nun bereit ist, auf eigenen Füßen zu stehen, und einen Anzug zu tragen hilft dabei, dies deutlich zu machen.

Aber wie du sagst, die Kunst auf dem Cover erzählt uns auch etwas darüber, wie wir uns der Musik, die sich darin befindet, annähern sollen. Für mich drückt der Anzug seinen Wunsch aus, dass wir diese Musik ernst nehmen. Generell ist es so, dass wenn wir jemanden auf einem Albumcover sehen, der einen Anzug trägt, es ein Orchesterdirigent ist und kein Rockstar. Also vermittelt er hier eine ganz andere Botschaft, als wenn er Blue Jeans oder einen Glitzeroverall tragen würde.

Joie: Du hast Recht, nichts sagt 'Nimm mich ernst, ich bin erwachsen' besser als ein Anzug und eine Krawatte.

Willa: Ganz genau. Und er möchte auch, dass wir seine Musik ernst nehmen, wie eine Orchesteraufnahme. Gleichzeitig sehen wir im Allgemeinen keinen Dirigenten, der auf dem Boden liegt und uns mit sinnlichen Schlafzimmeraugen ansieht wie es Michael Jackson auf dem Thriller Albumcover tut! Und auf Off The Wall lächelt er, seine Hände sind auf eine lustige, spielerische Art positioniert, und er trägt diese flotte Fliege. Es scheint mir also so, dass hier diese interessante Doppelbotschaft auf beiden Albumcovers ist. Er möchte, dass wir diese Musik ernst nehmen, aber auch damit entspannen und sie genießen und gleichzeitig Spaß damit haben.

Joie: Willa, ich könnte dir nicht mehr zustimmen. Besonders bei dem Off The Wall Cover. Es ist, als würde er sagen „Ja, ich bin nun erwachsen, also ist diese Musik etwas anders als das, was du gewohnt bist von mir zu hören, aber es ist okay, denn du wirst ein wenig Spaß damit haben.“ Die Art, wie er seine Hände hält ist fast so, als würde er uns sagen „Keine Panik! Ich verspreche, ich bin es immer noch.“ Das ist das Gefühl, das ich bekomme, wenn ich dieses Album Cover sehe und ich kann nicht anders als zu lächeln.

Und bei Thriller ist es, als würde er den Anzug tragen, damit wir erkennen, dass es immer noch er ist. Aber dieses Mal trägt er nicht die Fliege, sondern ein sexy, stylishes Hemd zu seinem Anzug, und er liegt auf dem Boden mit diesem ''einladenden' Ausdruck auf seinem Gesicht. Es ist wirklich so, als wollte er uns wissen lassen, dass er es immer noch ist (keine Panik), aber auch dass dieses Album etwas erwachsener ist und thematisch ein wenig dunkler als das vorangegangene.

Willa: Ich verstehe, was du sagen willst, Joie, und ich stimme dir zu, dass er noch ein wenig erwachsener geworden ist, aber ich würde nicht sagen, dass sich das Thriller Cover dunkler für mich anfühlt. Obwohl es definitiv ernsthafter und auch sinnlicher ist. Aber dann klappst du es auf und da ist er mit dem Tigerbaby und lächelt, so dass wir wieder dieses verspielte Gefühl erhalten, sobald wir das Album aufschlagen.

Und weißt du, während das Off The Wall Cover ein vergnügtes Gefühl vermittelt, gibt es interessante Details, die visuelle Komplexität hinzufügen und ihm genauso einige dunklere Untertöne geben wie die ausgelassenen Highlights. Seine Hände sind teils eingeschränkt durch seine Hosentaschen, aber es ist, als würden sich aus dieser Einschränkung befreien wollen auf diese spielerische, enthusiastische Art. Er lehnt sich mit dem Rücken gegen eine Ziegelsteinmauer, aber dadurch dass sein Name und der Albumtitel auf eine amüsante Schreibweise im Graffiti-Stil über die Ziegel gelegt ist, wird wieder suggeriert, dass die Beschränkung auch hier subtil trotzig durchbrochen wird. Und es ist die Ecke eines Posters zu sehen – nicht viel davon, aber gerade genug, um uns einen kleinen Blick auf blauen Himmel und Wolken zu gewähren, die dem Hintergrund aus Ziegelsteinen gegenübergestellt sind. Also gibt es da diese wiederholte Andeutung von Einschränkung und Ausbruch.

Joie: Hmm? Ich habe dabei bisher noch nie an Einschränkung und Ausbruch gedacht, aber ich verstehe, was du meinst. Und ich persönlich habe mich immer gefragt, wie wohl der Rest des Posters aussieht, du nicht auch?

Willa: Das habe ich! Aber das ist einfach ein klassischer Michael Jackson Touch, uns einen kleinen Einblick davon zu geben – ein kleiner Anreißer, damit wir uns fragen, wovon es handelt und etwas über das Cover hinausgehend nachdenken. Für mich deuten die Wolken Phantasie an – eine Flucht in Tagträume – besonders in der Gegenüberstellung zu der Ziegelsteinwand. Es ist ein bisschen von der Art her wie die Szene in Bad, über die wir in diesem Herbst schon verschiedene Male gesprochen haben – du weißt, die große Tanzszene, in der Daryl seinem trostlosen Vorstadtleben entflieht, hinein in die vollkommen farbige Phantasiewelt des Tanzes und der Kunst. Für mich vermittelt beides ein sehr ähnliches Gefühl.

Dies führt uns zum Cover des Bad Albums – und wow, lass uns über Beschränkung sprechen! Er ist einfach bedeckt von Schnallen und Reißverschlüssen und Druckknöpfen, und das was aussieht wie eine Art mittelalterlicher Keuschheitsgürtel hängt von seiner Hüfte herunter, oder vielleicht Miniatur-Handschellen. Was ist das für ein Ding?

Joie: Ich weiß nicht, aber es sieht unbequem aus.

Willa: Das tut es, nicht wahr? Aber seine Jacke ist offen und beide Shirts sind am Hals geöffnet, also gibt es da wieder diese Andeutung von Einengung und Befreiung. Und wir sehen dies ausgedrückt in den beiden Videos, in denen er dieses Kostüm trägt: Bad und Speed Demon. In beiden fühlt er sich in seiner Rolle als Gefangener seiner Lebensumstände – in dem einen durch Armut und Gewalt und in dem anderen durch seinen Ruhm und die besitzergreifenden Medien und Fans – aber beide Charaktere finden einen Weg den Einschränkungen zu entkommen, zumindest in ihrer Vorstellung.

Joie: Huh, ich habe bisher nie auf diese Art daran gedacht, Willa. Das ist sehr interessant. Und du hast Recht, er trägt dieses Outfit in beiden Kurzfilmen.

Weißt du, ich muss dir ein Geständnis machen. Ich habe das Bad Cover nie gemocht. Im Grunde ist es dasjenige, das ich von allen Covers am wenigsten mag. Ich hasse einfach all diese Schnallen und Reißverschlüsse und Gürtel. Er sieht so eingesperrt aus und so verschlossen. So unbequem, und ich möchte ihn einfach aus dem Ganzen befreien.

Willa: Ich wette, das tust du …

Joie: Sehr witzig. Aber du weißt, was ich meine. Ich möchte ihn befreien, damit er atmen kann! Er sieht aus, als würde er sich in diesem Aufzug die ganze Zeit sehr unbehaglich fühlen!

Willa: Ganz offensichtlich hat er sich unbehaglich gefühlt. Ich habe einen Bericht über Spike Lees Dokumentation gelesen, in dem Michael Jackson zitiert wird und in dem er über das Outfit sagt: „Ich wünschte ich könnte mich bewegen. Ich fühle mich so eingeschränkt. Dieses Zeug engt mich so ein.“ (Ganz nebenbei, war die Dokumentation nicht großartig? Ich liebe sie! Allerdings wünschte ich, ABC hätte die gesamte Sache gezeigt. Ich habe die ganze Zeit auf diese Zeile gewartet, habe sie aber nicht gehört.)

Joie: Nun, ich denke, sein Unbehagen zeigt sich auf diesem Cover. Und ich nehme an, dass dieser Look dazu bestimmt war, ihn tough aussehen zu lassen – oder böse / „bad“, wenn du so willst. Aber für mich hat das Bild auf dem Cover den gegenteiligen Effekt. Ich mag diesen krassen, weißen Hintergrund und den Albumtitel in dem grellen Rot der Graffiti-Buchstaben überhaupt nicht.

In meinen Augen war dieses Cover so einfallslos, und ich denke manchmal nach über die verschiedenen Bilder, die Gerüchten zufolge für das Cover von Bad in Betracht gezogen wurden. Wie das Bild, auf dem sein Gesicht mit schwarzer Spitze bedeckt ist. Ich mag dieses Bild sehr, aber ich kann verstehen, warum sie den Gedanken es für das Cover zu verwenden, über den Haufen geworfen haben, wo es doch das Ziel war, ihn tough wirken zu lassen.




Willa: Nun, um ehrlich zu sein, ich ziehe das Foto mit der schwarzen Spitze auch vor, und ich wünschte, sie hätten sich dafür entschieden – und offensichtlich war dies auch seine erste Wahl. Aber ich denke, das Bad Cover ist trotzdem ziemlich interessant, eben gerade weil es impliziert, dass er „böse“ ist, während es gleichzeitig genau den „gegenteiligen Effekt“ hat, wie du sagst. Es ist solch eine interessante Mischung von maskulin und feminin, tough und empfindsam, Macho und hübschem Jungen. Und wie wir vor einigen Wochen besprochen haben, hinterfragt er in dem Bad Kurzfilm wirklich, was es bedeutet ein Mann zu sein. In diesem Sinn also ist es ein großartiges Beispiel dafür, was du vorher gesagt hast über Künstler, die „Cover Kunst für die Übermittlung einer bestimmten Botschaft gemäß dem Inhalt der Aufnahme selbst nutzen – fast wie eine Erweiterung der Musik“.

Joie: Hmm. Gut, wenn man es so sieht, dann nehme ich an, dass es einen Sinn ergibt. Das bringt mich aber nicht dazu, es mehr zu mögen. Also, hast du ein MJ Lieblingsalbum-Cover, Willa?

Willa: Nein, nicht wirklich. Ich liebe Off The Wall und Thriller, zum Teil weil ich so starke Erinnerungen daran habe, wie ich sie immer wieder und wieder gehört habe als Teenager und junge Erwachsene. Da ist also sehr viel Nostalgie dabei. Aber ich liebe auch das Invincible Cover sehr, besonders im Zusammenhang mit dem Dangerous Cover und den anderen Covers und wie sie alle miteinander interagieren. Im Grunde denke ich, dass es dieses Zusammenwirken ist, das ich am meisten mag.

Joie: Vielleicht magst du es befremdlich finden, aber für mich ist mein liebstes MJ Albumcover das von HIStory. Ich bin mir nicht genau sicher warum, denn Michael ist nicht mal auf dem Cover zu sehen – es ist nur eine Statue von ihm. Aber ich denke, es hat etwas mit den Farben der Wolken im Hintergrund zu tun, und ich liebe dieses große MJ Symbol, das kaum sichtbar hinter den Wörtern ist. Und ich mag die Art, wie die Kamera die Statue von unten aufgenommen hat, als würden wir zu ihr aufsehen. Es gibt der Statue eine sehr majestätisch-eindrucksvolle Qualität. Und wieder, es vermittelt einem wirklich ein Gefühl für das, was wir auf der Aufnahme selbst zu hören bekommen.

Willa: Das tut es wirklich. Für mich ist diese Statue solch ein Symbol des Widerstands, mit seinen geballten Fäusten und den eckigen Schultern und dem entschlossenen Ausdruck, und so ist das MJ Symbol hinter der Beschriftung – subtil, wie du sagst, aber schonungslos herausfordernd – und das ist auch eine ziemlich gute Beschreibung des Albums. Denk einfach nur mal an die neuen Songs des Albums: Scream, They Don’t Care About Us, Stranger in Moscow, This Time Around, Earth Song, … Disk Zwei beginnt wirklich mit einem trotzigen, aber auch so schönem Song nach dem anderen. Ich liebe die Entwicklung von Stranger in Moscow über This Time Around zu Earth Song. Ich spiele diese Dreiergruppe sehr oft.

Joie: Ich mag es, wie du das sagst, Willa. Die Statue ist ein Symbol des Widerstands und vielleicht mag ich das Albumcover deswegen so sehr. Es ist so Michael!

Aber ich möchte noch einmal auf etwas zurückkommen, was du vorher gesagt hast. Du sagtest, dass du es magst, wie die Cover miteinander interagieren. Können wir über deine Feststellung sprechen, wie die Cover miteinander wirken?

Willa: Nun, wie du weißt, bin ich der Meinung, dass Michael Jacksons Gesicht sein größtes, bedeutendstes Kunstwerk war. Ich denke, die Art, in der er unsere sich verschiebende Wahrnehmung seines Gesichtes instrumentierte, ließ uns unsere Gedanken über Rasse und Geschlechterrollen, Sexualität und Subjektivität auf einer tiefen, fundamentalen Ebene in Frage stellen. Also ist es faszinierend für mich, die Entwicklung seiner Albumcover zu verfolgen und zu erkennen, wie er auf jedem einzelnen sein Gesicht darstellt. Sie sind wie Schnappschüsse einer sich in der Ausführung befindenden Arbeit.

Wie wir bereits besprochen haben zeigt er uns auf Off The Wall ein neues erwachsenes Gesicht – er ist nicht länger das Kind, das er auf Got To Be There oder sogar auch Forever, Michael war. Dann auf Thriller geht er noch ein bisschen weiter und gibt uns das Gesicht eines Sexsymbols – eines Sexsymbols, das Mädchen aller Hautfarben anspricht, was ziemlich radikal war in den 1980ern.

Und dann scheint Bad einen großen Sprung zu machen, künstlerisch. Er beginnt damit, zu beeinflussen, wie wir sein Gesicht interpretieren – besonders, wie sein Gesicht Merkmale von Rasse, Geschlechterzugehörigkeit und Sexualität zeigt. Sein Gesicht erscheint viel heller auf Bad und femininer, aber gleichzeitig identifiziert er sich selbst als Schwarz und er ist immer noch sehr sexy, wie Millionen Fans bestätigen können. Also spielt er mit diesen Merkmalen auf eine Art, die uns fragen lässt, wie wir sie dazu nutzen können, Identität zu bestimmen.

Und dann scheint Dangerous einen weiteren riesigen Sprung zu machen. Nun scheint er anzudeuten, dass Identität – zumindest seine Identität als Berühmtheit – ein soziales Konstrukt ist. Alles, was wir sehen, sind seine Augen, da ist also die Andeutung einer realen Person irgendwo da drinnen, hinter der Show Business Fassade. Aber wenn wir hinter diese Fassade blicken ins Zentrum der Abbildung auf dem Albumcover, ist das, was wir sehen eine graue, dampfende Fabrik mit Rohren und Öfen. Die Schlussfolgerung ist, dass da eine Industrie am Werk ist, die seine öffentliche Identität konstruiert und aufrecht erhält, und wir können nur einen kleinen Blick auf die reale Person, die hinter all dem versteckt ist, erhaschen.

Joie: Ich mag es, wie du das sagst, Willa. ‚ Eine Industrie am Werk ist, die seine öffentliche Identität konstruiert und aufrecht erhält‘. Ich stimme dir komplett zu. Und ich glaube auch, dass wir einen gesamten Post verbringen und einzig und allein über das Dangerous Albumcover reden könnten; da geht so viel vor sich. Ich liebe es, einfach da zu sitzen und es mir manchmal anzusehen. Es ist eines dieser Bilder, bei dem du fast sicher sein kannst, jedes Mal wieder etwas Neues zu entdecken.

Willa: Das ist es wirklich. Ungefähr so, wie als ich P.T. Barnums Autobiografie vor ein paar Jahren gelesen habe, und mich plötzlich das Porträt von P.T. Barnum mit Tom Thumb, der auf dessen Kopf steht, vom Dangerous Cover aus ansprang. Ich habe dem vorher niemals große Aufmerksamkeit geschenkt, aber plötzlich schien das sehr vielsagend. Du weißt, viele Leute sehen P.T. Barnum als den größten Showman in der Geschichte Amerikas, und gemäß Randy Taraborrellis Biografie bewunderte Michael das wirklich sehr – er ging damals 1984 sogar so weit, Frank DiLeo und John Branca eine Kopie von Barnums Buch zu geben und sagte zu ihnen:

„Dies wird meine Bibel sein und ich möchte, dass es auch eure ist. Ich will, dass meine gesamte Karriere die größte Show auf Erden wird.“

Wir sehen sehr viel von dieser Zurschaustellung ausgestellt auf dem Dangerous Album – es ist auf diese Art dem Video von Leave Me Alone sehr ähnlich.

Joie: Das stimmt, so ist es. Und ich liebe das Zitat, das du gebracht hast. Michaels Faszination von P.T. Barnum ist wirklich auf dem Dangerous Albumcover ausgestellt.

Willa: Ja, das ist es wirklich. Aber gleichzeitig, genau in der Mitte des Dangerous Covers zieht er den Vorhang zur Seite und zeigt uns die Fabrik bei der Arbeit, wie sie diese Illusion des Showgeschäfts erzeugt, und das auf eine Art, wie ich glaube, auf die es P.T. Barnum niemals gemacht hätte. Und diese Zerstörung der Illusion ist etwas, was wir ständig in Michael Jacksons Werken sehen, wie am Schluss des Beat It Videos, als die Kamera zurückfährt und uns zeigt, dass die Gangmitglieder auf einer Bühne getanzt haben, und nicht wirklich auf der Straße kämpften. Also zerstört er die Illusion am Ende und zeigt, dass das Drama, dessen Zeuge wir gerade waren, nur eine künstlerische Darstellung war. Er macht etwas Ähnliches in Black or White, wo er regelmäßig die Illusion der Realität unterbricht, indem er uns die Bühnenrequisiten und das Beleuchtungsequipment zeigt oder wenn der Regisseur ins Bild kommt. Oder bei Liberian Girl, wo er am Schluss hinter der Kamera sitzend erscheint und uns zeigt, dass es alles eine große Illusion war – aber in dem Sinn, dass die Unterbrechung der Illusion einfach nur wie eine weitere Illusion wirkt. Er war nicht wirklich der Kameramann für Liberian Girl (obwohl er sicherlich zu einem großen Ausmaß kontrolliert hat, was wir sahen) und die Aufnahme hinter der Kamera von ihm war ebenso eine Darstellung wie der Rest des Videos.

Ich bekomme dasselbe Gefühl des Loopingdrehens „dies ist eine Illusion; nein, dies ist die Illusion; nein wirklich, dies ist die Illusion“, wenn ich das Dangerous Cover ansehe, besonders dieser Blick hinter die Kulissen der Fabrik in der Mitte des Covers. Und was ich besonders interessant finde, ist, dass sich der Titel „Dangerous“, über dem Eingangstor, durch das man in diesen grauen, mechanisierten Ort gelangt, wölbt. Also ist es so, als wollte er uns erzählen, dass das Betreten dieses Ortes das ist, was „gefährlich“ ist, und wir können das auf unterschiedliche Arten interpretieren: dass es gefährlich ist Teil der Hollywoodmaschinerie zu werden, dass es gefährlich ist zu versuchen, hinter die Illusion zu blicken, dass es gefährlich ist, diesen Ort auf der Suche nach unvermittelter Realität überwinden zu wollen, weil wir niemals dorthin gelangen können.

Joie: Das ist wirklich faszinierend, Willa. Ehrlich, ich verliere mich in dem Cover, wann immer ich davor sitze und es wirklich ansehe, weil da so viel passiert. Mir geht es ähnlich bei dem Cover von Blood on the Dance Floor. Da gibt es einfach so viel zu sehen! Ich liebe den schachbrettartigen Tanzboden, auf dem er steht, und die Art, wie sich die blutrote Farbe seines Anzugs vom Rest des Covers abhebt. Und die Skyline der Stadt im Hintergrund fasziniert mich, weil die Wolken dahinter irgendwie das spiegeln, was die Skyline macht.

Willa: Wow, das ist wirklich interessant, Joie! Ich habe das bisher gar nicht bemerkt, aber du hast Recht – die Wolken, besonders an der Seite, wiederholen die Gebäudekonturen und bilden so etwas wie eine Phantasie-Stadtlandschaft bestehend aus Wolken. Und das knüpft daran an, was wir gerade über das Dangerous Cover gesagt haben. Ich kann erkennen, warum du auf die beiden auf ähnliche Weise reagierst, denn sie sind sich wirklich auf gewisse Weise ähnlich – so wie sie beide mit dem Gedanken spielen, was real ist und was nicht. Hast du zum Beispiel bemerkt, dass der schachbrettartige Tanzboden irgendwie durchsichtig ist, wie Wasser? Du kannst durch ihn hindurch sehen zu den Wolkenkratzern und den Straßen darunter. Was also ist real in dieser Szenerie? Der Tanzboden? Die Stadtlandschaft darunter? Die Wolkenlandschaft darüber? Alles davon? Nichts davon?

Für mich vermittelt dieses Albumcover eine Art Alice im Wunderland-Feeling, vielleicht durch die Art, wie es Phantasie und Realität vermischt, aber es ruft auch den Gedanken an Unterdrückung und Ausbruch hervor, über den wir vorher schon gesprochen haben. Er hat Armbänder an beiden Handgelenken, die wie Ketten aussehen, aber sie können ihn nicht zurückhalten – seine Hände sind zu Fäusten geballt, und er tanzt über der Skyline der Stadt. Er ist auch riesig, wie die Statue in HIStory – viel größer als die Wolkenkratzer, über denen er tanzt. Und dann sind da diese unglaublichen Wolken. Wir sehen nicht einfach kleine Wolkenbänder wie auf dem Off The Wall Cover. Hier dominieren die Wolken die Szenerie, und sie bilden die Umrisse der Gebäude, wie du erwähnt hast, Joie, also handelt es sich hier nicht einfach um natürliche Wolken. Sie sind eine Mischung aus Natur und Phantasie. Eine Stadt aus Wolken formiert sich über der Stadt darunter. Ich bin gerade so fasziniert davon.

Joie: Weißt du, ich habe einige verschiedene Leute gehört, die zu diesem Cover eine Geschichte über die Illuminati gesponnen haben – auf dieselbe Art, wie sie es über das Dangerous Cover machen.

Willa: Wirklich? Was sagen sie? Weißt du, ich habe noch nie etwas über die Illuminati gehört, bis du mir davon erzählt hast.

Joie: Nun, gemäß der Theorien gibt es hier alle möglichen Illuminati-Symbole – genauso wie Hinweise zu 9/11 – versteckt in dem schlichten Bild auf diesem Cover. Beispielsweise steht der schwarz-weiß-karierte Tanzboden stellvertretend für die Böden, die in den geheimen Unterkünften der Freimaurer benutzt wurden, die angeblich hinter den Illuminati stehen. Die blutrote Farbe seines Anzugs soll für das tatsächliche Blut stehen, also ist das ganze Bild von ihm in dem roten Anzug auf dem karierten Boden eine Art Code für das rituelle Blutopfer der Freimaurer.

Du hast auch die Transparenz des Bodens erwähnt. Nun, das soll symbolisch für die Redewendung „wie oben, so auch unten“ stehen. Es ist offenbar ein Glaubensgrundsatz der Illuminati und auch des Satanskultes. Aber unterhalb des transparenten Bodens, auf der rechten Seite, kannst du das Bild der Pyramide erkennen, das wirklich bekannt ist als Symbol der Illuminati.

Nun zur 9/11 Verbindung. Und du musst bedenken, dass dieses Album einige Jahre, bevor 9/11 passierte, veröffentlicht wurde, aber die Theorie ist, dass die Illuminati dem Rest von uns zeigen wollen, was passieren wird, lange bevor etwas wirklich geschieht. Wenn du dir also die Position seiner Arme ansiehst, dann zeigt, wenn das Cover die Oberfläche einer Uhr darstellt, sein linker Arm auf die Position der 9, während sein rechter Arm auf die 11 zeigt. Außerdem soll die Skyline angeblich New York darstellen, aber die Twin Towers sind nicht da. Und die Wolken, die du und ich so lieben und die die Skyline spiegeln? Nun, eingestreut zwischen die Gebäude haben sie die Konturen von menschlichen Körpern, wenn du genau hinsiehst. Einige dieser großen Gebäude sehen im Grunde mehr wie Körper aus, und sie sollen stellvertretend für die Seelen stehen, die gehen müssen, wenn die Gebäude einstürzen.

Da gibt es noch sehr viel mehr, aber dies sind einige der offensichtlicheren Hinweise. Es ist alles äußerst interessant, wenn du beginnst es zu untersuchen, aber man kann sehr schnell besessen davon werden und es kann sogar furchteinflößend sein, wenn du es zulässt, das zu glauben. Ich sage nicht, dass ich das tue, aber ich kann es auch nicht widerlegen. Aber ich kann nur zustimmen, dass das Cover von Blood on the Dance Floor wahrhaft faszinierend ist und dass das Betrachten und Studieren einen gefangen nimmt.

Willa: Wow Joie, das ist wild! Aber ich bin verwirrt – sie sagen aber nicht, dass Michael Jackson in den Angriff auf das World Trade Center auf irgendeine Weise involviert war, nicht wahr? Ich meine, das ist doch verrückt. Oder meinen sie, dass jemand ohne sein Wissen die Symbole auf sein Albumcover geschmuggelt hat? Ich bin vollkommen verwirrt.

Joie: Nein, sie sagen nicht, dass er beteiligt war. Ich schätze, ich hätte damit beginnen müssen die Illuminati zu erklären. Ganz vereinfacht ausgedrückt sind sie angeblich eine geheime Gesellschaft, deren hauptsächliches Ziel eine neue Weltordnung ist, und sie rekrutieren verschiedene Mitglieder der Popkultur, um ihnen bei ihrer Aufgabe zu helfen. Wenn du den Theorien glaubst, wirken die Illuminati grundsätzlich in Hollywood und haben eine enorme Präsenz in der Musikindustrie, und es gibt verschiedene Illuminati- / Freimaurer- / geheime Symbole, zu deren Einbeziehung in Dinge wie Videos und Albumcover JEDER Künstler verpflichtet ist, ob sie wollen oder nicht, denn die Illuminati haben deren Schicksal in der Hand. Der einzige Grund, dass jemand berühmt werden kann ist der, dass die Illuminati es ihm „erlauben“.

Die Theorie, die Michael Jackson betrifft, ist die, dass er sich weigerte, von ihnen rekrutiert zu werden und sich in den späteren Jahren seines Lebens sogar gegen sie aussprach, in verschiedenen Songs und Interviews und folglich als Ergebnis dessen von ihnen ermordet wurde. Tupac Shakur wurde angeblich aus genau demselben Grund durch die Illuminati ermordet.

Es ist wirklich interessant, das zu untersuchen, Willa. Mach einfach mal eine Schnellsuche bei Google oder noch besser, geh auf YouTube und gib ‚Illuminati Music Industry‘ oder sogar ‚Michael Jackson Tupac Illuminati‘ ein und sieh nach, was dann erscheint.

Willa: Hmmm, das klingt nach The da Vinci Code. Ich werde nachsehen, wenn du meinst, Joie, aber ich muss sagen, dass ich extrem skeptisch bin – besonders wenn sie vermuten, dass die Entscheider in Hollywood mit al Quaeda unter einer Decke stecken. Das ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Es könnte kaum zwei Gruppen mit weiter auseinandergehenden Weltsichten geben. Ich kann nicht glauben, dass sie in allzu vielem einer Meinung sein sollen, und noch weniger, dass sie zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Vision einer neuen Welt hervorzubringen. Das ergibt keinen Sinn für mich.

Und weißt du, Zufälle passieren ständig. Wie letztes Jahr, als wir in Las Vegas waren, um Immortal zu sehen und im Luxor abstiegen, das wie eine Pyramide aussieht und einen Laserstrahl auf dem Dach hat, der den Wüstenhimmel „illuminiert“. Aber das heißt nicht, dass wir einer geheimen Gruppe der Illuminati angehören. Es war nur ein Zufall.

Joie: Nun, ich denke, du hast nicht ganz verstanden, wie es gemeint ist, Willa. Niemand sagt, dass die Entscheider in Hollywood mit al Quaeda gemeinsame Sache machen. Im Grunde ist die ganze Geschichte um al Quaeda einfach die – wenn du den Theorien der Illuminati glaubst – was „sie“ dich glauben lassen wollen, weil die Bedrohung des Terrorismus von außen die Aufmerksamkeit von dem, was wirklich vor sich geht, weglenkt. Aber du hast Recht, in gewisser Weise klingt es sehr nach The da Vinci Code.

Willa: Hmmm. Okay, ich muss wohl einfach mal eine Recherche dazu machen, denn ich weiß absolut gar nichts darüber, aber ich muss sagen, ich bin skeptisch – extrem skeptisch. Also, was denkst du über das Invincible Albumcover? Ich mag es sehr. Was denkst du?

Joie: Nun, lange Zeit mochte ich das Invincible Cover überhaupt nicht, obwohl es wahrscheinlich mein liebstes MJ Album ist. Aber dann, als ich erst einmal M Poetica gelesen hatte, begann ich, dieses Cover in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Willa: Weißt du, ich habe mit dem Schreiben von M Poetica nicht lange nach seinem Tod angefangen, und ich war einfach in einem Zustand der Trauer, wie so viele von uns. Und ich war wirklich überwältigt von diesem Gedanken, dass obwohl er gerade erst gestorben war, er tatsächlich schon seit langer Zeit verschwunden war. Das Bild von ihm war überall, wo du hinsahst, aber er selbst – das heißt die wirkliche Person, der reale Michael Jackson, der Künstler hinter der öffentlichen Person – war aus dem Blickfeld verschwunden und das schon seit langer Zeit – weißt du, so wie wir gerade über das Dangerous Cover gesprochen haben. Es ist wie in dieser Zeile in dem Rapteil von Unbreakable, in dem er über „Akt des Verschwindens … Copperfield Material“ (disappearing acts … Copperfield material) spricht. Und es schien mir, dass wir diesen Gedanken künstlerisch auf dem Cover dargestellt sehen können. Auf der Vorderseite ist sein Gesicht vollständig ausgeblichen und sogar seine Gesichtszüge sind verschwunden. Nur sein rechtes Auge und die Augenbraue sind eingefärbt. Dann auf der Rückseite ist alles, was wir sehen dieses rechte Auge und die Augenbraue, aber nun sind sie blass und gepixelt und verschwinden auch. Es ist also so, als würden wir ihn direkt vor unseren Augen beim Verschwinden beobachten.

Aber dann habe ich einen Post auf MJJ-777 gelesen, der mich noch einmal über das Invincible Cover nachdenken ließ und ich habe andere Wege erwogen, es zu interpretieren. Gemäß dem MJJ-777 Post wollte er sein Gesicht auf dem Cover gern goldfarben haben wie bei dem Kind auf diesem Porträt von Albert Watson:



Joie: Das ist so interessant, Willa. Ich habe diesen Post bisher noch nie gelesen.

Willa: Hatte ich auch nicht, aber ich bin so fasziniert davon, und ich liebe das Albert Watson Foto. Es ist so wunderschön, und das Gesicht des Kindes ganz in Gold sieht wie ein Kunstwerk aus – wie die King Tut Maske oder der Sarkophag, den Michael Jackson in der Bashir Dokumentation so mochte. Und es lässt mich wieder einmal über sein Gesicht als ein Kunstwerk nachdenken. Ich habe meine vorangegangene Interpretation nicht aufgegeben – ich sehe es auf beide Arten. Im Grunde denke ich, sie passen ziemlich gut zusammen. Wie öffentliche Darstellungen seines Gesichts und seines Images mehr und mehr zu einem Kunstwerk werden, und er selbst verschwand.

Diese Interpretation des Invincible Covers als Darstellung seines Gesichts als Kunstwerk wird verstärkt durch die Tatsache, dass fünf Versionen des Covers veröffentlicht wurden – vier mit einer unterschiedlichen Hintergrundfarbe, ebenso wie das Weiße – und das erinnert an die vier Andy Warhol Porträts von Michael Jackson, jedes mit einer anderen Hintergrundfarbe. Also auf diese Art erzeugt das Invincible Cover die Vorstellung der Warhol Porträts, in denen sein Gesicht, sein Image außer Frage zu einem Kunstwerk geworden ist durch einen der einflussreichsten Künstler des letzten Jahrhunderts.

Joie: Das ist wahr, Willa, sie beschwören den Gedanken an Warhol herauf. Und weißt du, es gibt einige wenige Invincible CD’s, die im Umlauf sind, auf denen das Cover ein Bild mit allen vier Hintergrundfarben enthält, so sieht es wirklich wie ein Warhol Porträt aus. Wenn du sie auftreiben kannst, dann für ein nettes Sümmchen.

Willa: Wirklich? Das wusste ich nicht. Weißt du, eines der Warhol Porträts von Michael Jackson – das mit dem gelben Hintergrund – hängt in der National Portrait Gallery in Washington, D.C. Wenn du die Gelegenheit hast, solltest du es dir ansehen. Es ist wirklich cool, es höchstpersönlich anzusehen.

Joie: Nun, dies klingt jetzt wahrscheinlich lustig, aber ich kann nicht glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben, über alle Albumcover in einem einzigen Post zu reden. Ich meine … da gibt es so viele faszinierende Dinge, die man bei jedem einzelnen besprechen kann und ich bin erstaunt, dass wir es hinbekommen haben ohne es in zwei Posts aufzuteilen, wir könnten mit einigen wirklich ewig weitermachen. Ich bin irgendwie stolz auf unsere Beschränkung, du nicht auch?

Willa: Das ist lustig, Joie! Besonders weil wir gerade über Beschränkung und Befreiung gesprochen haben … Aber du hast Recht – jedes dieser Albumcover könnte einen eigenen Blogpost füllen. Also, nun da wir am Ende damit sind uns zu zügeln, sollten wir uns vielleicht mit einer kleinen Flucht aus der Wirklichkeit verwöhnen und uns die Wolken anschauen. Was denkst du?

Joie: Oh! Diese da sieht aus wie ein Hase (bunny)!


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Mi 23 Jan 2013 - 17:19

Wir beide – das ist für immer
We Are Forever
09/01/2013

Joie: Also Willa, ich habe kürzlich sehr viel nachgedacht über all die Michael Jackson Songs, die immer noch ‚im Tresor’ liegen, um es mal so auszudrücken. Weißt du, all jene immer noch unveröffentlichten Melodien, die wir vielleicht, aber vielleicht auch nie hören werden oder diejenigen, die über die Jahre durchgesickert (geleakt worden) sind und ziemlich ausgereift klingen, aber trotzdem nie auf einem wirklichen Album veröffentlicht wurden (ich denke hierbei speziell an Slave to the Rhythm und Blue Gangsta, aber es gibt noch andere). Und ich frage mich, ob wir es jemals erleben werden, dass diese Songs zukünftig auf einem posthumen Album erscheinen werden.

Willa: Ich weiß es nicht. Ich hoffe es natürlich, obwohl ich verstehen kann, dass der Estate ein wenig vorsichtig ist nach dem Michael Album und all der Kontroversen, die es ausgelöst hat. Es ist ein kompliziertes Thema, wie wir bereits im letzten Frühjahr mit klugen und wohlmeinenden Leuten besprochen haben, die allerdings leidenschaftlich unterschiedliche Sichtweisen vertraten. Und wirklich, es gibt berechtigte Argumente, die mich hierzu unterschiedliche Meinungen annehmen lassen.

Joie: Ich weiß, mich auch. Beide Seiten haben wirklich wunderbare, berechtigte Argumente, und man kann leicht die jeweiligen Vorzüge beider Seiten erkennen. Und während ich über das alles nachdachte, habe ich mir das Material, das seit Michaels Tod vor dreieinhalb Jahren veröffentlicht wurde, einmal genauer angesehen. Besonders habe ich das das Michael Album betrachtet und weißt du, ich kann dem Estate keine Schuld daran geben, an diesem Punkt verwirrt oder vorsichtig zu sein. Die Reaktionen der Fans auf dieses Album waren so in der Mitte gespalten und so heftig. Auf der einen Seite gab es die Fans, die wirklich dieses Album wollten und so gespannt darauf waren, neues, unveröffentlichtes Material irgendeiner Form zu hören. Aber dann auf der anderen Seite gab es die große Gruppe von Fans, die ganz vehement dagegen war, dass irgendetwas von Michaels Werken von anderen Produzenten berührt oder „fertiggestellt“ würde und einfach wollte, dass das Material veröffentlicht wird, ‚wie es ist‘.

Willa: Und dann gibt es Fans wie mich, die hin- und hergerissen sind und beiden Seiten zustimmen. Ich denke, es ist wichtig, dass es anderen Künstlern erlaubt ist seine Werke neu zu interpretieren – sehr wichtig – aber ich möchte auch wissen, was seine Vision war und wie seine „unfertigen“ Werke klingen.

Joie: Es ist so ähnlich wie, sie sind verdammt, wenn sie es tun und verdammt, wenn sie es nicht tun.

Willa: Aber warum können wir nicht beides haben – neues Material, das veröffentlicht wird „wie es ist“, neben geschliffeneren Versionen, die von anderen vervollständigt wurden?

Joie: Ich weiß es nicht; warum können wir nicht beides haben? Das klingt wie ein wunderbarer Kompromiss für mich und es gibt den Fans – allen Fans, von beiden Seiten dieses Themas – genau das, was sie wollen. Aber wir kommen hier gerade etwas vom Weg ab.

Worüber ich wirklich sprechen möchte, ist das Michael Album. Oder vielmehr ein spezieller Song von diesem Album – Best of Joy. Also, wie du weißt, Willa, dies ist nicht nur mein liebster der neuen Songs, die wir seit Michaels Tod gehört haben, sondern er wurde auch sehr schnell zu einem meiner liebsten Songs überhaupt. Ich liebe ihn einfach.

Willa: Ich weiß – im Grunde habe ich ihn im Geiste schon umbenannt in Best of Joie, einfach weil du ihn so sehr liebst …

Joie: Er ist aus so vielen Gründen so besonders für mich. Einer davon ist die Tatsache, dass es der letzte Song war, an dem Michael jemals im Studio gearbeitet hat, bevor er starb. Das zu wissen, finde ich einfach so berührend und irgendwie so beeindruckend, denn für mich klingen die Lyrics dieses Songs fast so, als würde er sich verabschieden:

Ich bin deine Freude
Deine größte Freude
Ich bin das Mondlicht
Du bist die Quelle
Unsere Liebe ist eine heilige Sache
Du weißt ich werde dich immer lieben
Ich werde immer da sein

Ich bin dein Freund
Durch dick und dünn
Wir brauchen einander
Wir werden uns niemals trennen
Unsere Liebe kommt vom Herzen
Wir sagen niemals, ich brauche dich nicht
Wir beide – das ist für immer

Den ganzen Song hindurch ist es, als ob er uns daran erinnert, wie groß seine Liebe für uns ist und wie viel wir ihm bedeuten, und dann, mit der Wiederholung des Refrains von „Ich werde immer da sein, wir beide, das ist für immer“, ist es, als würde er uns versichern, dass egal, was passiert, seine Liebe für uns niemals sterben wird. Es ist wie eine Zeile dieses alten Gedichtes von Dylan Thomas:

Wenn auch die Liebenden sich verlieren, die Liebe wird es nicht
Und der Tod soll nicht die Herrschaft darüber haben

Though lovers be lost, love shall not
And death shall have no dominion

Willa: Oh, ich mag diese Verbindung zu Dylan Thomas, Joie! Und wir sehen, dass dieser Gedanke von „der Tod soll nicht die Herrschaft haben“ noch in weiteren Songs und Filmen von Michael Jackson auftaucht – zum Beispiel in Heaven Can Wait, in dem er singt „Wenn die Engel zu mir kommen, werde ich Nein zu ihnen sagen“.

Joie: Oh, daran habe ich bisher gar nicht gedacht, Willa, aber du hast Recht. Ich vermute, dass es ein Thema ist, das er auch vorher schon genutzt hatte. Aber aus irgendeinem Grund, für mich wenigstens, scheint Best of Joy dieses Thema wirklich zu betonen. Wie in Heaven Can Wait erzählt er uns eine Geschichte von zwei Liebenden, bei denen der Mann abwägt, was er tun würde, wenn der Tod jemals versuchen würde, sie zu trennen. Aber in Best of Joy klingt seine Erzählung irgendwie persönlicher. Es ist eine Botschaft, die er versucht, ganz dringend mitzuteilen, bevor es zu spät ist.

Ich bin dein Freund
Durch dick und dünn
Wir brauchen einander…
Unsere Liebe kommt vom Herzen…
Wir beide – das ist für immer

Es ist, als würde er uns drängen „Vergesst nicht! Vergesst nicht, wie sehr ich euch liebe, vergesst nicht, wie viel wir einander bedeutet haben. Erinnert euch immer daran!“ Oder vielleicht deute ich da auch zuviel hinein, weil ich getrauert habe, als die Welt diesen Song zum ersten Mal gehört hat. Zugegebenermaßen habe ich eine sehr emotionale Verbindung zu diesem Song. Ich muss ihm dennoch zuhören, auch wenn ich in Tränen aufgelöst bin.

Willa: Er ist sehr eindrucksvoll, und es ist interessant für mich, dass du ihn nicht nur als einen Love Song siehst, sondern auch als einen Song an sein Publikum. Ich habe nicht auf diese Art darüber gedacht.

Joie: Wirklich? Siehst du, das ist ein weiterer Grund, warum er für mich herausragt. Weil ich wirklich überhaupt niemals von ihm als Love Song in einem traditionellen Sinn gedacht habe. Nicht auf eine „romantische“ Art, meine ich.

Willa: Oh, da stimme ich dir zu. Ich meine, ich kann diesen Song als romantische Geschichte von einem Liebenden zu einem anderen sehen, aber es hat mich darüber hinaus viel mehr als eine Romanze getroffen. Wie wir schon zuvor besprochen haben, verschob Michael Jackson oft den Blickwinkel in seinen Songs, also frage ich immer gerne: Wer ist das „Du“ in diesem Song – wer ist genau angesprochen? Und wer ist das „Ich“ in diesem Song? Wer spricht da gerade? Manchmal scheint es Michael Jackson selbst zu sein, aber manchmal ist es auch eine Rolle oder eine andere Figur oder jemand ganz anderer als Michael Jackson selbst. Wir sprachen im vergangenen Herbst darüber in dem Post über Money. Wir erkennen regelmäßig vielfältige Perspektiven in seinen Werken, in denen er den Blickwinkel einer anderen Figur einnimmt und mit ihrer Stimme spricht.

Ich sehe das auch so in Best of Joy, aber mit einer überraschenden Wendung. Für mich ist das Michael Jackson in diesem Song, aber er ist nicht das „Ich“, er ist das „Du“. Mit anderen Worten, dies ist kein Song von ihm, sondern an ihn – dies ist ein Song der Bestätigung und Zuwendung an ihn. Und die Stimme, die es singt, ist die Musik selbst. Musik war sein „Freund / durch dick und dünn“. Musik war für ihn da, als jeder andere ihn im Stich ließ, und Musik belebte ihn, als „nichts anderes ihn aufheitern“ konnte. Musik war seine „größte Freude“ (his Best of Joy).

Ich bin der eine, der sagte, dass du frei bist
Als das Leben so schwierig schien
Und nichts dich aufmuntern könnte
Ich werde immer da sein
War nicht ich es, der dich getragen hat
Als alle Wände eingestürzt sind?
Als die Dinge dich verletzt haben?
Ich werde immer da sein (Ich werde immer da sein)
Wir beide – das ist für immer

Musik bleibt ewig, Musik war immer da für ihn, und Musik ist das, was „ihn getragen hat“, als „alle Wände eingestürzt sind“.

Besonders diese eine Zeile ist interessant, denn sie erinnert an die Schlacht von Jericho. Du weißt wahrscheinlich viel mehr als ich darüber, Joie, aber die Geschichte über Jericho handelt von einer „Schlacht“, die ohne irgendeinen Kampf gewonnen wurde. Stattdessen war es Musik, die „die Mauern zum Einstürzen brachte“ – mit Ausnahme einer Wohnung. Dieser Teil der Wand, die eine Wohnung blieb verschont. Also gewann die Musik die Schlacht von Jericho ohne dass in dieser Schlacht gekämpft wurde, und Musik schützte die Familie in dieser einen Wohnung, „als alle Wände einstürzten“.

Ich bin nicht ganz sicher warum, aber ich habe Best of Joy immer als einen Song von der Musik an ihn betrachtet, einen Song der Bestätigung, dass Musik immer für ihn da sein wird. Ich denke, vielleicht ist es auch deswegen, weil er mich an Music and Me erinnert, jenen wunderschönen Song, den er als 15-jähriger Junge gesungen hat. Es ist ein weiterer Song, in dem er über eine immerwährende Freundschaft singt, aber diese Freundschaft besteht nicht zu einer anderen Person. Sie besteht mit der Musik:

Wir sind so eng verbunden, wie es nur zwei Freunde sein können
Es hat auch anderes gegeben
Aber niemals zwei Liebende
Wie Musik, Musik und mich

Joie: Oh, mein Gott, Willa … Ich liebe diese Interpretation! Und es ist amüsant für mich, dass du es darauf bezogen hast, dass Michael das „Du“ in diesem Song ist, denn ich habe das auch oft so empfunden. Und seit wir beide Freunde geworden sind und ich M Poetica gelesen habe, habe ich gelernt, dass es immer mehrere Wege gibt einen Song zu interpretieren. Bei jedem Song ist es so, dass solange die Interpretation durch die Lyrics gestützt werden kann, diese ihre Gültigkeit hat. Also, dieser Song beinhaltet für mich viele Interpretationsmöglichkeiten, und während ich ihn vorrangig als einen Song von Michael an sein Publikum sehe, erkenne ich ihn auch als einen Song an ihn selbst, wie du erwähnt hast. Nur habe ich noch nie daran gedacht, dass Musik hier das „Ich“ sein kann, bis du es gerade gesagt hast, und es ergibt einen vollkommenen Sinn für mich. Aber meiner Meinung nach war das „Ich“ in diesem Song immer Gott.

Wie wir alle wissen, war Michael ein sehr spiritueller, sehr religiöser Mensch, und er hatte eine lange und enge Beziehung zu Gott. Und wenn ich über den Song auf diese Art nachdenke, ergibt es ebenfalls einen großen Sinn für mich. Genau dieselben Zeilen, auf die du vorhin hingewiesen hast, haben genau so große Bedeutung, wenn du den Song in diesem Zusammenhang siehst:

Ich bin der eine, der sagte, dass du frei bist
Als das Leben so schwierig schien
Und nichts dich aufmuntern könnte
Ich werde immer da sein
War nicht ich es, der dich getragen hat
Als alle Wände eingestürzt sind?
Als die Dinge dich verletzt haben?
Ich werde immer da sein (Ich werde immer da sein)
Wir beide – das ist für immer

Und weißt du, ich glaube wirklich, dass diese Interpretation das ist, was in mir so stark nachhallt und dass es einen großen Anteil daran hat, dass ich immer in Tränen ausgelöst bin, wenn ich es höre. Ja, dieser Song fühlt sich für mich wie ein Abschied an. Als wenn Michael sagen würde, dass er nun gehen muss und mich daran erinnert, dass er mich immer lieben wird. Aber es lässt mich auch an Gott denken und über meine Beziehung zu Ihm und wie gut Er immer zu mir gewesen ist. Es ist ein sehr emotionaler Song für mich aus beiden genannten Gründen.

Willa: Wow, Joie, das ist eine wirklich eindrucksvolle Interpretation, und es klärt die Dinge wirklich auf, nicht wahr? Michael Jackson war eine sehr spirituelle Person, wie du sagst, also scheint die Interpretation seiner Weltsicht und dem, wer er war, sehr nahe zu kommen. Wenn wir aber einmal beide Interpretationsmöglichkeiten nebeneinander betrachten – dass das „Ich“ sowohl Gott als auch Musik sein könnte – erinnert mich das an etwas anderes, über das wir bereits mehrere Male gesprochen haben: dass es für ihn eine tiefe Verbundenheit zwischen seinem spirituellen Leben und seinem kreativen Leben zu geben scheint. Er sah seine Talente und seine Kreativität als heilige Gaben, für die er dankbar war und denen er sich auch verpflichtet fühlte. Es ist so, als würde er ein geheiligtes Vertrauen fühlen, diese Gaben, die ihm gegeben wurden, so gut er konnte zu nutzen.

Er sprach auch regelmäßig darüber, dass er nicht wirklich selbst seine Songs schrieb – dass es nicht das war, wonach sich sein kreativer Prozess für ihn anfühlte. Stattdessen waren seine Songs wie Geschenke für ihn, die ihm von oben in den Schoß fielen, und seine Rolle als Songschreiber war, für sie der Empfangende zu sein. Gennie sandte uns gerade erst vergangene Woche sogar ein Email über diesen Gedanken: Es war ein Link zu einem TED Gespräch von Elizabeth Gilbert, der Autorin von Eat, Pray, Love, in dem sie den kreativen Prozess diskutiert. Gilberts Kernaussage besteht darin, dass die Art, wie wir den Begriff der Kreativität in der modernen Welt als dem Werk eines einzelnen Genies verstehen, psychisch verletzend für Künstler sein kann. Also untersuchte sie, wie andere Kulturen Kreativität gesehen haben, und sie ist der Meinung, dass die Griechen und Römer gesündere Modelle dafür hatten. Sie sagt:

„Die alten Griechen und die alten Römer – die Menschen glaubten damals nicht, dass Kreativität von den Menschen selbst kam. Die Menschen glaubten, dass Kreativität dieser göttliche, sie begleitende Geist war, der zu ihnen aus einer entfernten und unbekannten Quelle aus entfernten und unbekannten Gründen kam.“

Dies scheint sehr nah an Michael Jacksons Vorstellung zu sein, dass seine Kreativität etwas war, das durch ihn hindurch floss, und dass seine Rolle als Künstler nicht so sehr darin bestand, Werke zu erschaffen, wie darin, diesen Fluss anzunehmen und ihm zu erlauben, sich durch ihn auszudrücken. Hier ist der Link, den Gennie uns geschickt hat:



Joie: Ich liebe einfach diesen Vortrag von Ms. Gilbert, ich denke, es ist sehr inspirierend. Etwas, was meiner Meinung nach jeder Künstler oder Schriftsteller hören und worüber er nach nachdenken sollte, und ‚Danke‘ an Gennie für das Zusenden.

Aber ich stimme auch dir vollkommen zu, Willa. Dies scheint äußerst nah an dem dran zu sein, was wir über Michael Jacksons kreativen Prozess wissen und wie er ihn empfand. Wie viele Male haben wir ihn sagen hören, dass er das Gefühl hätte, er dürfe nicht wirklich die Anerkennung für seine Songs annehmen, weil er einfach das Gefäß war, durch das sie kamen?

Willa: Genau, und offensichtlich ist dies ein Empfinden, das von weiteren bedeutenden modernen Künstlern, wie John Lennon, geteilt wird. In Earth Song: Inside Michael Jacksons Magnum Opus sagt Joe Vogel, dass Michael Jackson ein Zitat von John Lennon aufgehängt hatte, das er wie eine Erinnerung an sich selbst sehen konnte, während er am Earth Song arbeitete:
„Wenn die wirkliche Musik zu mir kommt“, war da zu lesen, „die sphärischen Klänge, die Musik, die den Verstand übertrifft – das hat nichts mit mir zu tun, denn ich bin nur der Kanal. Die einzige Freude für mich ist, dass sie mir gegeben wurde und dass ich sie wie ein Medium umsetzen kann. … Für diese Momente lebe ich.“

Das klingt den Gedanken von Elizabeth Gilbert über Kreativität als einem „göttlichen, sie begleitenden Geist, der zu den Menschen aus einer entfernten und unbekannten Quelle kam“ sehr ähnlich, und es erinnert mich auch an Dancing the Dream. Im Grunde denke ich, ist diese Vorstellung eines der zentralen Themen von Dancing the Dream. Michael Jackson schreibt in der Einleitung:

Bewusstsein drückt sich durch Gestaltung aus. Diese Welt, in der wir leben, ist der Tanz des Schöpfers. Tänzer kommen und gehen mit einem Augenzwinkern, aber der Tanz lebt weiter. Bei vielen Gelegenheiten, wenn ich tanze, spüre ich, wie mich etwas Heiliges berührt. In diesen Momenten fühle ich, wie sich meine Seele aufschwingt, um eins zu werden mit allem, was existiert. Ich werde zu den Sternen und zum Mond. Ich werde der Liebende und der Geliebte. Ich werde zum Sieger und zum Besiegten. Ich werde der Gebieter und der Diener. Ich werde der Sänger und das Lied. Ich werde zum Wissenden und zum Gewussten. Ich tanze weiter und dann ist es der ewige Tanz der Schöpfung. Der Schöpfer und das Erschaffene verschmelzen zu einer einzigen Ganzheit der Freude.

Ich erkenne, wie dieser Gedanke ebenso während Best of Joy ausgedrückt wird wie in den einleitenden Zeilen, die du zuvor zitiert hast:

Ich bin deine Freude
Deine größte Freude
Ich bin das Mondlicht
Du bist die Quelle
Unsere Liebe ist eine heilige Sache
Du weißt ich werde dich immer lieben
Ich werde immer da sein

Wenn die Kreativität durch ihn fließt, wird er zu „den Sternen und zum Mond … dem Liebenden und dem Geliebten … dem Sänger und dem Lied“, denn er schließt sich „dem ewigen Tanz der Schöpfung“ an und „verschmilzt zu einer Ganzheit der Freude“ – „seiner „größten Freude“ (his Best of Joy).

Joie: Oh, das ist eine schöne Interpretation, Willa. Ich hätte niemals vorher diese Verbindung zwischen Best of Joy und dem Tanz hergestellt. Sehr interessant. Und weißt du, ich bin wirklich irgendwie gespannt darauf, was unsere Leser über Best of Joy denken und darauf, einige ihrer Interpretationen zu hören. Es ist meiner Meinung nach ein sehr besonderer kleiner Song.

Willa: Das ist er. Für mich sind die Lyrics wie Poesie.

Ich möchte auch jeden wissen lassen, dass die zweite Ausgabe von M Poetica nun erhältlich ist, und ihr könnt sie bis Montag (10.-14. Januar) kostenfreiherunterladen. Amazon gab mir die Möglichkeit, es für fünf Tage kostenfrei zu überlassen und ich wollte diesen Vorteil nutzen. Ich weiß, dass viele Leser bereits die erste Ausgabe haben, und es scheint nicht fair, dass sie es noch einmal kaufen sollen.

Ich denke auch, dass viele Fans irgendwie misstrauisch gegenüber Büchern geworden sind, die behaupten, Michael Jackson positiv darzustellen, einfach weil sich herausgestellt hat, dass so viele dieser Bücher nicht gerade positiv waren. Offen gesagt, nachdem ich die Bücher von Boteach und Halperin gelesen habe, kann ich das verstehen. Also wollte ich jenen Fans die Gelegenheit geben, es zu lesen und für sich selbst zu entscheiden.


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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Do 14 März 2013 - 22:09

Im Regen wandernd
Wandering in the Rain
23/01/2013

Willa: Also Joie, wann immer ich mit jemandem über Michael Jacksons Videos rede, weiß ich, dass sie mir schließlich die gefürchtete Frage stellen werden – welches ist dein liebstes? Und das ist so schwer für mich zu beantworten. Es ist so, als würdest du eine Großmutter fragen, welches Enkelkind ihr am liebsten ist. Wie jede Großmutter dir erzählen wird, liebt sie sie alle gleich! Und wenn du dich manchen nicht so verbunden fühlst wie anderen, so ist es vielleicht deswegen, weil du sie einfach nicht alle gleich gut kennst.

You Rock My World zum Beispiel gab mir lange Zeit ein unbehagliches Gefühl – es war ein schwieriges Kind für mich, mit dem ich warm werden musste. Aber nachdem wir einige Male darüber gesprochen haben – im November und Dezember 2011 – erkannte ich, dass darin so viele faszinierende Dinge zu finden sind, die ich zuvor nie gesehen hatte, und ich verstand es immer besser, und nun liebe ich es wirklich und genieße es, es mir anzusehen.

All dies drückt auf Umwegen aus, dass ich kein Michael Jackson Lieblingsvideo habe – ich liebe sie wirklich alle – aber ich muss zugeben, dass Stranger in Moscow einen ganz besonderen Platz dabei einnimmt. Zum einen ist es so wunderschön: das Konzept, die Bilder, seine erstaunliche Stimme. Ich liebe alles daran.

Joie: Ich liebe dieses Video auch. Für mich ist es visuell einfach überwältigend. Ich mag es einfach, dazusitzen und darin wirklich die Spezialeffekte zu betrachten; ich sitze immer wie hypnotisiert da, wenn es läuft. Es ist sehr hypnotisierend auf gewisse Art. Weißt du, meine Cousine sagte einmal zu mir: ‚Sieh dir dieses Video nicht an, es ist so deprimierend!‘ Und ich verstehe, was sie damit sagen will, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass sie das gesagt hat, denn für mich ist dieses Video wunderschön. Ein wahrer Augenschmaus.

Willa: Das ist es wirklich, obwohl ich auch nachvollziehen kann, was deine Cousine gesagt hat. Es scheint mir, als würde er versuchen, seinen emotionalen Zustand zu jener Zeit zu vermitteln, in den Monaten sofort nach den Anschuldigungen 1993, und das war eine schreckliche Zeit für ihn. Wie er uns in den Lyrics erzählt, „fühlte er sich, als würde er wahnsinnig werden“ (feeling insane), so als würde er einen „Weltuntergang des Verstandes“ (Armageddon of the brain) erleben. Es scheint mir, als würde er uns auffordern, uns vorzustellen, was er durchmachen musste, um zu verstehen, wie diese Situation für ihn ist – um mit den Anderen zu empfinden, wie er es so oft in seinen Werken macht. Also wiederholt der Refrain in erster Linie ständig die Zeile „Wie fühlt es sich an“ (How does it feel):

Wie fühlt es sich an?
(Wie fühlt es sich an?)
Wie fühlt es sich an?
Wie fühlt es sich an?
Wie fühlt es sich an?
Wie fühlt es sich an?
(Wie fühlt es sich jetzt an?)
Wie fühlt es sich an?
Wie fühlt es sich an?
Wenn du einsam bist und innerlich kalt
Wie ein Fremder in Moskau?

Es scheint ziemlich klar zu sein, dass er uns dazu bringen will, uns in diese Lage zu versetzen – wie in die von jemandem, der fälschlicherweise eines schrecklichen Verbrechens angeklagt und dafür in der ganzen Welt verurteilt wird, ohne daraus entkommen zu können. Wie fühlt sich das an? Wie würde es sein, sich in einer solchen Situation zu befinden? Frank Cascio spricht darüber in seinem Buch My Friend Michael: An Ordinary Friendship with an Extraordinary Man und er zitiert ihn so:

„Ich glaube nicht, dass du es wirklich begreifen kannst … ich habe die ganze Welt gegen mich, die denkt, dass ich ein Kindesbelästiger bin. Du weißt nicht, wie es sich anfühlt, falsch angeklagt zu sein und ‚Wacko Jacko‘ genannt zu werden. Tagein tagaus muss ich auf diese Bühne gehen und auftreten, muss so tun, als sei alles perfekt. Ich gebe alles, was ich habe, ich gebe die Performance, die jeder sehen will. In der Zwischenzeit sind mein Charakter und mein Ruf ständigen Angriffen ausgesetzt. Wenn ich von der Bühne herunterkomme, sehen die Leute mich an, als wäre ich ein Krimineller.“

Ich denke nicht, dass wir überhaupt anfangen können uns vorzustellen, wie das für ihn war, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ohne Unterlass. Wir können versuchen es zu verstehen, aber ich denke nicht, dass wir es jemals wirklich können. Aber in Stranger in Moscow versucht er, uns einen kleinen Einblick in das zu geben, was diese Erfahrung für ihn bedeutet hat.

Und das ist bedeutsam auf einer ganz persönlichen Ebene – einfach wie ein Mensch versucht einen anderen Menschen zu verstehen – aber es ist auch wichtig auf einer kulturellen Ebene, denn im Laufe seiner Karriere wurde er zur menschlichen Verkörperung des Abweichenden, des Andersseins. In gewisser Weise also stellt dieses Video genau dieselbe Frage, die Ben 40 Jahre zuvor gestellt hat: Haben wir die emotionale Fähigkeit mit jemandem zu empfinden, der ausgeschlossen ist, verlacht wird und gefürchtet ist, weil er als anders gekennzeichnet ist? Können wir diese Situation vom Standpunkt des Außenseiters sehen? Und „wie fühlt sich das an“, wenn wir das tun?

Joie: Das ist eine sehr fesselnde Frage, Willa. Können wir uns selbst in die Schuhe eines anderen stellen und uns ihre Welt aus seiner Perspektive betrachten? Wir können es sicherlich versuchen, wenn wir unser Herz und unsere Gedanken an der richtigen Stelle haben, aber weißt du, es ist nicht immer eine leichte Sache für manche Menschen, dies zu tun. Es war fast so, als hätte Michael verstanden, dass dies eine schwierige Aufgabe für die meisten Menschen war und so versuchte er immer wieder, uns durch verschiedene Songs zu zeigen, was diese Erfahrung für ihn bedeutete. Im Grunde haben wir beide dies im Herbst 2011 bereits in der Tiefe diskutiert, als wir über Is It Scary gesprochen haben. Und ich sagte am Schluss dieses Posts, dass ich das Gefühl hätte, er sei einer der tapfersten Menschen jemals gewesen, dass er den Mut hatte, seinen Kopf in dieser Situation Tag für Tag hochzuhalten und dabei immer noch fähig zu sein, die schönste, tiefgründigste Kunst zu erschaffen und sie der Welt zu präsentieren, die sich gegen ihn gewendet hatte. Es ist einfach unglaublich für mich.

Willa: Oh, ich kann dir nur aus ganzem Herzen zustimmen. Es braucht enormen Mut und großes Selbstvertrauen – und ebenso Selbsterkenntnis. Er wusste, wer er war, und er besaß die innere Stärke an sich selbst zu glauben, sogar nachdem sich die Welt gegen ihn gewendet hatte. Aber es musste trotzdem unglaublich schmerzhaft für ihn gewesen sein, und ich denke, er untersucht dies in den Eröffnungsszenen in Stranger in Moscow.

Joie: Weißt du Willa, ich denke genauso. Dieser Kurzfilm versetzt einen wirklich in eine gewisse Stimmung, direkt in den Eröffnungsszenen. Aber der Song selbst gibt auch eine gewisse Stimmung vor, und ich glaube, dies ist eins der seltenen Videos, in denen die Bilder auf der Leinwand den Song perfekt porträtieren. Wie Dirty Diana.

Willa: Das ist ein interessanter Punkt, Joie. Einige seiner Videos gehen wirklich in eine ganz andere Richtung – ich denke nicht, dass irgendjemand das Leave Me Alone Video hätte voraussagen können nur durch das Anhören des Songs. Aber manche sind viel näher dran, und bei Stranger in Moscow gibt es wirklich einige direkte Korrelationen zwischen dem, was im Song gesagt wird und dem, was auf der Leinwand passiert. Zum Beispiel singt er „ein Betteljunge rief meinen Namen“ und plötzlich verändert sich die Szenerie hin zu einigen Straßenkindern, die Baseball spielen. Dann hören wir im nächsten Zwischenspiel einen Jungen, der „Michael!“ ruft und sehen einige Kinder vorbeilaufen. Also gibt das Video auf vielerlei Weise die Lyrics des Songs wieder.

Aber ich denke, dieses Video verdeutlicht den Song auf wichtige Art und Weise. Zum Beispiel nannten einige Kritiker diesen Song „paranoid“, weil er den Kreml und Stalin erwähnt und sagt, der „KGB verfolgte mich“. Aber wie das Video klarstellt, spricht er auf metaphorische Weise. Er fühlt sich wie ein „Fremder in Moskau“, aber das Video spielt ganz eindeutig in den Vereinigten Staaten: die Autos, der Coffeeshop, die Straßenschilder, die Telefonzelle sind alle amerikanisch, und als der Passant einen Quarter zu dem obdachlosen Mann auf der Straße schnippt, ist es ein amerikanischer Quarter. Also befindet er sich in den Vereinigten Staaten, seinem Geburtsland, aber es ist ihm so fremd geworden, dass er sich emotional so fühlt, als würde er in einem fremden Land leben. Das ist es, was es für mich bedeutet, wenn er sagt „Ich lebe einsam, Baby / Wie ein Fremder in Moskau“. Es erinnert mich an diese Zeile in They Don’t Care About Us, in der er sagt „Ich kann nicht glauben, dass dies das Land ist, aus dem ich komme“. Sein Heimatland ist ihm so fremd und nicht wiedererkennbar geworden, es fühlt sich nicht länger wie sein Zuhause an.

Und es ist sehr wichtig zu realisieren, dass er nicht die einzige Person in diesem Video ist, die „einsam lebt“. Wir sehen auch andere Menschen im Schmerz, die irgendwie aus dem Lebensfluss ausgeschlossen sind. Dies wird visuell dadurch dargestellt, dass einige der leidenden Menschen hinter Glas gezeigt werden – wie die traurige Frau in dem Coffeeshop, die man durch eine Glasscheibe sieht und den einsamen Mann in seinem Apartment, den man durch sein Apartmentfenster sehen kann. Es ist daher symbolisch gesehen wesentlich, als das Glas zerbricht, und es ist wesentlich, dass es spielende Kinder sind, die es zerbrechen lassen.

In meinen Augen ist das Vorhandensein der Kinder ein subtiles Mittel in diesem Video, aber eines von entscheidender Bedeutsamkeit, zum Teil weil sie eine Wende herbeiführen in dem, was passiert. Im Grunde sehe ich Straßenkinder, die Baseball spielen und als Höhepunkt des Films das Fenster zerbrechen. Weißt du, es gibt da dieses allgemeine Missverständnis, dass der Höhepunkt eines Filmes oder einer Geschichte auch der aufregendste Teil sein müsste, aber technisch ist es nicht das, was das Wort „Höhepunkt“ bedeutet, wenn du Literatur oder Filme analysierst. Stattdessen bezeichnet der Höhepunkt den Wendepunkt, den Moment, der den Ausgang der Geschichte bestimmt. Manchmal ist es aufregend, aber oft ist es das nicht – oft ist es ein ruhiger Augenblick, in dem der Held oder die Heldin eine schicksalhafte Entscheidung treffen, die bestimmt, welchen Weg er oder sie einschlagen wird und wie die Geschichte schließlich endet. Zum Beispiel ist der Höhepunkt von Star Wars nicht die große Kampfszene am Schluss, als Luke Skywalker den Death Star zerstört. Es ist die viel frühere traurige Szene, als er entdeckt, dass seine Tante und sein Onkel getötet wurden und er sich entschließt mit Ben zu gehen und die dunkle Seite zu bekämpfen. Das ist der Wendepunkt von Star Wars. Und für mich ist der Wendepunkt oder der Höhepunkt von Stranger in Moscow, als die Straßenkinder das Glas zerbrechen.

Joie: Das ist sehr interessant, Willa. Und ich mag, was du gesagt hast über den Höhepunkt einer Geschichte oder eines Films, dass es oft ein stiller Moment ist, in dem eine Entscheidung getroffen wird. Aber ich möchte darüber sprechen, was du über die Menschen im Schmerz in diesem Video gesagt hast. Du sagtest, sie sind alle irgendwie vom Fluss des Lebens ausgeschlossen, und das ist wirklich wahr. Aber ich glaube, all diese Aufnahmen von ihnen, die man durch die Glasscheiben oder Fenster sieht, sind auch dazu bestimmt, ein Gefühl der Isolation und Verzweiflung hervorzurufen. Das ist wirklich das Gefühl, das Michael Jackson in diesem Song zu erfassen versucht, denke ich.

Wie fühlt es sich an?
(Wie fühlt es sich jetzt an?)
Wie fühlt es sich an?
Wie fühlt es sich an?
Wenn du einsam bist und innerlich kalt

Jeder dieser Menschen – der einsame Mann in seinem Apartment, die traurige Frau im Coffeeshop, sogar der obdachlose Mann, der auf der Straße liegt und der Teenagerjunge, der die anderen Kinder beim Ballspiel beobachtet – sie sind alle sehr isoliert und in einem Zustand der Verzweiflung. Und jedes Mal, wenn ich dieses Video ansehe, möchte ich noch mehr von dieser Geschichte wissen, weißt du? Warum spielt der Teenagerjunge nicht Ball mit den anderen Kindern? Was hat die Frau im Coffeeshop so mitgenommen? Warum ist dieser Mann in seinem Apartment ganz allein eingesperrt, und wie ist die Geschichte des obdachlosen Mannes? Wir wissen, warum Michael sich wie ein Fremder in Moskau fühlt, aber was ist mit den anderen?

Willa: Das ist ein wirklich guter Punkt, Joie, und ich denke, unsere Unfähigkeit wirklich zu wissen was sie durchmachen, wie sie sich fühlen und warum sie auf diese Art reagieren, verstärkt das Gefühl der Isolation. Wir wissen nicht, was sie gerade erleben, wir kennen nicht ihren Schmerz und diese Unfähigkeit das Leiden der anderen wirklich zu verstehen, ist ein bedeutendes Element dieses Videos, denke ich. Sie „leben auch einsam“, genau wie er, und diese Isolation verstärkt den Schmerz noch. Also kommen wir wieder einmal zurück zu der zentralen Frage: „Wie fühlt es sich an?“

Joie: Und das ist solch ein wichtiger Punkt, Willa. Sie „leben einsam“, genau wie er. Und das lässt uns auf gewisse Weise über uns selbst nachdenken. Bis wir uns nicht aktiv selbst nach anderen ausstrecken und unsere Last teilen, leben wir alle genauso einsam wie jene Menschen in diesem Kurzfilm. Und dieses Gefühl der Isolation verstärkt den Schmerz und das emotionale Leiden. Und sogar wenn wir manchmal von Menschen umgeben sind, die sich um uns sorgen, ist es doch noch möglich, das Gefühl zu haben, als würde man „einsam leben“.

Willa: Das stimmt, Joie, und es ist auch eine bedeutende Feststellung. Und manchmal, wenn wir verletzt sind, dann isolieren wir uns selbst. Es ist, als würden wir Zeit für uns allein benötigen, um uns zu erholen und unser Gleichgewicht zurückzuerlangen, aber uns selbst auf diese Art zurückzuziehen, kann genauso auch Probleme hervorrufen.

Joie: Weißt du, Willa, der Schluss dieses Videos verwirrt mich irgendwie. Das hat es bisher nicht getan, aber nun, da du und ich darüber reden, beginne ich darüber nachzudenken, wie ich es nie zuvor getan habe. Am Schluss sehen all diese einsamen, gepeinigten Menschen, den Regen herunterkommen, und sie gehen hinaus und begrüßen ihn. Sie lassen ihre Gefühle von Isolation für einen kurzen Moment los und stehen unter dem fließenden Wasser und lassen sich vom Regen abspülen. Nichts ist geklärt. Aber trotzdem, jeder von ihnen scheint durch dieses Vorgehen in gewisser Weise beruhigt zu werden.

Das ist nicht genau das, was ich als Ende davon erwartet hätte. Man könnte doch bei dem Thema dieses Filmes denken, dass wir am Ende all diese isolierten Menschen sehen würden, wie sie zueinander finden und zusammenkommen. Oder sich vielleicht Familie und Freunden anschließen, so dass sie nicht länger so isoliert sind. Aber das ist nicht das, was hier passiert. Was schließt du daraus?

Willa: Das ist solch eine schwere Frage. Dies ist ein wirklich uneindeutiges Video – eines seiner unklarsten überhaupt, denke ich. (Das mag ein weiterer Grund dafür sein, warum ich es so sehr mag!) Also ist es möglich, das Ende auf viele verschiedene Arten zu interpretieren, aber er bietet uns einige wichtige Hinweise an. Bevor zum Beispiel diese leidenden Menschen in den Regen hinausgehen, sehen und hören wir Kinder, die im Regen herumrennen. Der Mann in seinem Apartment hört ihre aufgeregten Rufe, sieht nach unten durch sein Fenster, verlässt schließlich sein Apartment und steht im Regen. Die Art, wie diese Sequenz strukturiert ist, deutet an, dass es die Kinder sind, die ihn dazu inspirieren.

Wir sehen ebenso, wie Michael Jackson durch die Kinder inspiriert wird. Er sucht gerade unter einem Dach Unterschlupf, als die Kinder an ihm vorbeilaufen, durch die Pfützen rennen, und dann tritt er hinaus in den Regen. Dies ist eine wirklich lange Sequenz, die Szenen der Kinder, die ständig durch den Regen rennen unterbrochen von den Szenen, in denen Michael Jackson sie beobachtet, wie sie vorbeilaufen und denen der anderen traurigen Erwachsenen ebenfalls. Es gibt eine Aufnahme der Kinder aus der Entfernung, dann von Michael Jackson, wie er sie beobachtet und dabei singt „How does it feel? Wie fühlt es sich an?“, dann einen langen Abschnitt der Kinder von Nahem, eine schnelle Einblendung von Michael Jackson, der wieder singt „Wie fühlt es sich an?“, ein weiterer Abschnitt der Kinder von Nahem in Zeitlupe, dann der Mann in seinem Apartment, der seine Hand über das Glas des Fensters gleiten lässt, während wir hören „Wie fühlt es sich an?“, der obdachlose Mann, der seine Hand zum Regen ausstreckt, Michael Jackson im Hintergrund, während die Kinder vor ihm vorbeirennen, der obdachlose Mann regendurchtränkt mit erhobenem Gesicht, Michael Jackson und die Kinder sind alle zusammen auf der Bildfläche zu sehen, eine Rückansicht der Kinder, wie sie durch den Regen spritzen, der Geschäftsmann im Regen, eine Rückansicht von Michael Jackson, der in den Regen tritt, der obdachlose Mann, der Geschäftsmann, Michael Jackson, so geht es reihum …

Ich liebe diese Sequenz und die Art, in der diese Bilder miteinander verwoben werden. Es ist sehr geschickt gemacht und es verstärkt wieder die Vorstellung, dass Kinder ein subtiler, aber äußerst wichtiger Bestandteil dieser Geschichte sind. Und Joie, dies wirst du mögen – in der letzten Aufnahme der Kinder halten sie sich an den Händen.

Aber dies wirft eine weitere komplizierte Frage auf: Was repräsentiert der Regen?

Joie: Nun, das ist wirklich eine interessante Frage, Willa! Was stellt der Regen dar? Weißt du, da gibt es im Grunde viele, viele mögliche Antworten auf diese Frage. Regen stellt eine Quelle des Lebens dar; er ist äußerst wichtig für das Leben. Er nährt Menschen, Tiere und Pflanzen. Ohne ihn könnten wir nicht überleben. Und in Regionen, in denen es nicht viel Niederschlag gibt, gilt er als Symbol von Leben und Neugeburt.

Regen kann auch für Segnungen stehen, die vom Himmel herabfließen, aber ebenso auch für Flüche. Im Grunde baute Noah, gemäß der Bibel, die Arche aus einem bestimmten Grund, richtig? Und es hatte niemals vorher auf der Erde geregnet, also kein Wunder, dass alle Menschen dachten, Noah sei vollkommen verrückt. Wasser, das vom Himmel fällt?

Yeah, genau! Aber ich denke, in der modernen heutigen Welt symbolisiert Regen oft Tränen und Traurigkeit und Depression. Aber er ist auch, sehr oft, symbolisch zu sehen für eine emotionale Reinigung oder Heilung. Und manchmal impliziert er auch einen Hauch von Romantik! Also sind die Möglichkeiten wahrlich endlos, Willa.

Willa: Wow, das ist eine wunderbare Aufzählung, Joie! Und du hast Recht, der Regen kann viele verschiedene Dinge bedeuten. Eigentlich denke ich, dass sich die Bedeutung des Regens im Verlauf des Videos verändert, was wahrscheinlich der Hauptgrund dafür ist, dass dieses Video so eindrucksvoll für mich ist. Am Anfang scheint der Regen „Tränen und Traurigkeit und Depression“ zu repräsentieren, wie du erwähnt hast, Joie. So wie er in der Eröffnungsstrophe singt:

Ich wanderte im Regen
Maske des Lebens, ich verliere den Verstand
Rasant und plötzlich in Ungnade gefallen
Die sonnigen Tage scheinen weit weg
Der Schatten des Kremls verkleinert mich
Stalins Grab lässt mich nicht sein
Immer weiter und weiter geht es
Ich wünschte, der Regen würde mich einfach in Ruhe lassen

Er scheint also eindeutig den Sonnenschein mit Glück gleichzusetzen („Die sonnigen Tage scheinen weit weg“) und den Regen mit der emotionalen Qual, durch die er gehen muss („Immer weiter und weiter geht es / Ich wünschte, der Regen würde mich einfach in Ruhe lassen“).

Aber dann sieht er die Kinder durch den Regen laufen, und er beginnt, anders darüber zu denken. Diese Kinder inspirieren ihn dazu aus seinem Unterstand herauszutreten und aufzuhören den Regen zu meiden, und er taucht im Grunde darin ein – er erlebt den Regen vollständig. Er streckt seine Arme aus, wirft seinen Kopf nach hinten und steht da mit offenem Mund, um ihn zu trinken. Diese Schlussszene, in der er sein Gesicht nach oben dreht und seinen Mund öffnet, um Regentropfen einzufangen, erinnert mich immer an jemanden, dem die Kommunion erteilt wird. Aber der Regen fließt auch an seinem gesamten Körper entlang, wie bei einer Taufe, und so scheint er dies auch zu erfahren. Es fühlt sich also für mich so an, dass der Regen für ihn zu etwas physisch und spirituell Nährendem geworden ist, „zu einer emotionalen Reinigung und Heilung“, wie du es so wunderschön gesagt hast, Joie.

Joie: Ich stimme dir zu, Willa. Ich denke, die Bedeutung des Regens verändert sich im Verlauf des Kurzfilms und wir sehen das nicht nur an Michael Jacksons Verhalten, sondern auch am Verhalten der anderen. Die Frau in dem Coffeeshop, der alte Mann in seinem Apartment, der Teenager, der den anderen Kindern beim Ballspielen zusieht. Selbst der obdachlose Mann auf der Straße. Sie alle entscheiden sich dafür, unter dem Guss des Regens zu stehen und diese emotionale Reinigung und Heilung über sich ergehen zu lassen.

Willa: Das ist wahr, die Bedeutung des Regens hat sich für sie alle verändert – sie alle scheinen eine spirituelle Erneuerung durch den Regen zu erlangen – und das ist ein entscheidend wichtiger Punkt. Ich bin so froh, dass du das angesprochen hast, Joie. Sie alle erfahren etwas und profitieren von dieser Verschiebung in der Bedeutung des Regens und das ist emotional so bewegend für mich und thematisch so faszinierend.

Weißt du, Regen ist nichts als Wassertropfen vom Himmel. Er „bedeutet“ nichts, eigentlich, aber wir Menschen haben ihn mit gewaltiger Bedeutung ausgestattet und das haben wir seit Jahrhunderten. So wie die Farbe unserer Haut, für sich selbst gesehen, nichts bedeutet oder die Form unserer Augen oder ein Fluss zwischen zwei Regionen, die als getrennte Länder ausgewiesen werden, oder ein mehrfarbiger Stoff, der an einer Fahnenstange weht, oder ein schwarzes Stück Stoff, das auf dem Kopf getragen wird, oder die Länge unserer Haare oder der Stil unserer Kleidung oder der Akzent unserer Sprache oder tausend andere Merkmale. Aber wir haben diesen beliebigen Zeichen Bedeutung auferlegt und lassen sie Bedeutungen transportieren – Bedeutungen eingeschlossen, die sehr schmerzhaft für uns sein können.

Was wichtig ist, wir haben die Macht diese Bedeutungen zu verändern – und Michael Jackson wusste wie man es macht. Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig das ist. Ich denke, dass Michael Jackson seine gesamte Karriere hindurch sehr fokussiert darauf war, die konnotative Bedeutung, oft negative Bedeutung, die von bestimmten Merkmalen transportiert wird, in Frage zu stellen und zu verändern – ganz so wie er die Bedeutung des Regens in diesem Video verändert.

In der Tat stellt Stranger in Moscow für mich im Mikrokosmos das zentrale Projekt seiner ganzen Karriere dar: Zu verändern, wie wir beliebige körperliche Zeichen interpretieren und emotional darauf reagieren, ganz so wie er verändert, wie die leidenden Menschen in Stranger in Moscow den Regen interpretieren und wie sie emotional auf ihn reagieren – von etwas Negativem, das sie außerdem isoliert und bedrückt, zu etwas Positivem, das sie nährt und belebt. Also für mich ist Stranger in Moscow zu einer Metapher für sein Lebenswerk geworden. Das ist es, was Michael Jacksons Werk für mich bedeutet und das ist der Grund, warum es für mich so wichtig und so mächtig ist.

Tatsächlich gehe ich hier noch einen Schritt weiter. Dies ist nicht nur eine Metapher dafür, wie ich Michael Jacksons Kunst sehe, sondern wie ich Kunst mittlerweile generell sehe. Kunst hat die Macht, entscheidend zu verändern, wie wir unsere Welt wahrnehmen, erfahren und verstehen - zum Beispiel die Bedeutung des Regens zu verändern oder die Bedeutung unserer Hautfarbe oder unseres Geschlechts oder unserer Nationalität oder des Akzents unserer Stimmen oder einer Menge anderer Zeichen – und ich sehe dies jetzt als den höchsten Zweck von Kunst. Und Joie, zu dieser Vorstellung gelangte ich durch Michael Jackson. Er hat meine Vorstellungen revolutioniert, nicht nur über Kunst, sondern auch darüber, wie wir als Individuen unsere Welt erfahren. Diese Ideen werden für mich alle durch Stranger in Moscow repräsentiert und dadurch, wie er die Bedeutung des Regens verändert.

Joie: Das ist eine sehr interessante Idee, Willa. Sie gibt uns sicher eine Menge zum Nachdenken. Aber was auch immer die Bedeutung des Regens oder die Bedeutsamkeit all dieser Merkmale sein mag, die du gerade erwähnt hast... Stranger in Moscow ist einer von Michael Jacksons tiefgründigsten Kurzfilmen. Ich denke, wir können uns beide in diesem Punkt einig sein.


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john2

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BeitragThema: Re: Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)   Fr 2 Aug 2013 - 17:47

Zitat :
Joie: Ich bin Michael Jackson Fan buchstäblich solange ich denken kann. Michael war eine Konstante in meinem Leben seit meinen ersten Erinnerungen im Alter von drei Jahren. Er war einfach immer da. Und ich kann mich erinnern, absolut fasziniert vom Klang seiner Stimme gewesen zu sein. Ich hab’ sehr lebendige Erinnerungen daran, auf dem Fußboden in unserem Haus vor sehr großen Lautsprechern zu sitzen, als ich sieben oder acht Jahre alt war, ein Album Cover in der Hand, während ich konzentriert zuhörte, wie er zu mir sang. Jeden Tag habe ich Stunden dort allein verbracht – nur ich und die Stereoanlage und meine Alben – die Lautstärke so hoch wie es ging, bis mein Vater rufen würde, ich solle sie leiser drehen, bevor die Lautsprecher platzten. Da war einfach irgendetwas in dieser Stimme, das mich gefangen nahm, und ich bin mein ganzes Leben fasziniert geblieben.



ist das schöööööööööööööööööööööööööön:LOVE u all: 
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Dancing With The Elephant (Deutsche Übersetzung)
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